König Lothars Kämpfe im Reich

Als Lothar III. zur Regierung kam, war er 50 Jahre alt und eine echte ›Persönlichkeit‹. Als Herzog und Besitzer großer Eigengüter in Ostsachsen und im Harz verfügte er über eine respektable Machtbasis, stand aber vor der großen Schwierigkeit, das salische Königsgut wieder an die Krone zu bringen, seit dem Tode Heinrichs V. befanden sich ja diese Güter im Besitz der Staufer und darüber hinaus war das Königsgut mit dem Reichsgut stark verflochten. Ein Krieg mit Herzog Friedrich von Schwaben war somit programmiert, die Kampfhandlungen begannen 1126. Für Lothar III. ließen sich die Dinge zunächst schlecht an: In Böhmen stritten nämlich zwei Anwärter um die Macht und einer wandte sich um Hilfe an Lothar, der dieser Bitte auch Folge leistete, jedoch gleich bei Kulm eine peinliche Niederlage durch den neuen Böhmenherzog Sobeslav I. bezog, der sich geweigert hatte, wie seine Vorgänger die deutsche Lehnshoheit anzuerkennen. Das ganze Jahr 1126 ging nun mit den böhmischen Angelegenheiten dahin und hielt Lothar davon ab, die geplante Reichsheerfahrt gegen den Stauferherzog Friedrich von Schwaben durchzuführen, der ja unter der Reichsacht stand. Am Ende kam es dann doch zu einer Einigung zwischen Lothar und Sobeslav. Diese geschenkte Zeit wussten die Anhänger der Staufer zu nutzen, indem sie quer durch Süddeutschland eine starke Stellung mit vielen befestigten Plätzen aufbauten. 1127 scheiterte Lothar an der Belagerung des staufischen Nürnberg, ja er musste auch noch erleben, dass das staufische Lager Konrad, Friedrichs jüngeren Bruder, zum Gegenkönig erhob, der sich sofort nach Italien aufmachte, um den dortigen Reichsbesitz, besonders die wichtige Markgrafschaft Toscana, in Besitz zu nehmen. Obwohl vom kirchlichen Bannfluch getroffen, gelang es dem staufischen Usurpator Konrad trotzdem, sich vom Erzbischof von Mailand in Monza zum König von Italien krönen zu lassen. Die mathildischen Güter konnte er trotzdem nicht erwerben. In Deutschland fand die staufische Partei, besonders in den Städten am Rhein, treue Anhänger. 1129/30 aber wendete sich das Blatt: Im Mai 1127 hatte der Weife Heinrich der Stolze, Herzog von Baiern, wie 1125 vereinbart, die Erbtochter Lothars geheiratet und somit die Anwartschaft auf Lothars Privatbesitz und das Herzogtum Sachsen erworben, damit war der nach den Staufern mächtigste Reichsfürst unwiderruflich auf Lothars Seite gezogen. Das wichtige Haus Zähringen im deutschen Südwesten wurde durch Belehnung mit dem vakanten Burgund für die königliche Sache gewonnen. Hand in Hand mit diesen politischen Gegenmaßnahmen liefen mit tatkräftiger Unterstützung durch die Welfen die militärischen Operationen König Lothars III. gegen die Staufer jetzt erheblich besser. Um Weihnachten 1129 ergab sich nach langem Kampf Speyer und ein knappes Jahr später auch Nürnberg den königlichen Waffen. Streitigkeiten an der Nordgrenze Sachsens wurden 1130 in für den König vorteilhafter Weise beigelegt. Der staufische Thronanspruch war damit de facto erledigt. Lothar III., ein Pfaffenknecht?
Nach Abwehr des staufischen Machtanspruches blieb Lothar wenig Zeit, sich auszuruhen, denn 1130 starb Papst Honorius II. und noch am gleichen Tage spaltete sich das Kardinalskollegium. Eine Minderheit wählte den Kardinal Gregor von St. Angelo als Innozenz II. zum Papst, während sich die Mehrheit für Petrus Pierleone als Anaklet II. entschied. Hinter dieser Doppelwahl steckten u. a. alte Rivalitäten zwischen zwei führenden römischen Patrizierfamilien: den Pierleoni (jüdische Finanzhelfer der Reformpäpste) und den Frangipani (ursprünglich Reformpapstanhänger, die im 12. Jahrhundert auf die kaiserliche Seite wechselten). In Rom brachen bürgerkriegsähnliche Tumulte aus, der Minderheitenkandidat floh nach Frankreich, da Anaklet II. sich in Rom behaupten konnte. Beide Päpste bannten sich gegenseitig und warben in ganz Europa um Unterstützung, besonders freilich bei König Lothar. In Frankreich hatte König Ludwig VI. eine nationale Synode einberufen, die entscheiden sollte, wer der rechtmäßige Papst sei, die Versammlung beschloss, dies dem Urteil des Abtes Bernhard von Clairvaux zu überlassen, der damals die unbestreitbar angesehenste Autorität der europäischen Christenheit war, sodass man die Jahre zwischen 1115 und 1153 auch als das Zeitalter Bernhards von Clairvaux bezeichnet hat. Dieser Abkömmling eines französischen Rittergeschlechts, dem u. a. der in der Tradition Clunys neugegründete Zisterzienserorden seine europäische Bedeutung verdankt, war mehr als ein Ordensgründer mit hoher religiöser Autorität: die Stimme dieses zerbrechlich wirkenden Mönchs, den König Konrad III. auf seinen Armen durch den Dom getragen haben soll, damit Bernhard nicht von der Menge erdrückt werde, wurde auch in allen Zentren Europas gehört – und auch befolgt! In der Frage des Schismas von 1130 entschied z. B. Bernhards Spruch für Innozenz II., Frankreich, England und zuletzt auch Deutschland schlössen sich diesem Votum an, 1131 begleitete Bernhard Innozenz II. nach Lüttich, wo er mit König Lothar zusammentraf. Dabei tat Lothar, welcher aus ehrlichem Herzen Frieden mit der Kirche und deren Einheit wünschte, etwas ganz Unerhörtes: Er erwies dem Papst den Stratordienst, d. h. er führte das Pferd des Papstes am Zügel, hielt ihm den Steigbügel (Marschalldienst) und wehrte mit einem Stab das andrängende Volk ab. Handelte also fast wie ein Lehnsmann des Papstes, auch versprach er, bei seinem Romzug Innozenz II. als einzigen römischen Pontifex wieder einzusetzen. Allerdings – Lothar handelte hier nicht nur als treuer Christ, sondern auch als erfahrener Politiker, der sehr wohl erkannt hatte, dass der Verfassungswandel, den das Wormser Konkordat nach sich zog, für das deutsche Königtum eine Verkleinerung seiner Einflusssphären bedeutete. Und so verlangte er von Innozenz, der ja im Moment auf Lothar angewiesen war, das königliche Recht auf die Bischofsinvestitur zurück, es bedurfte schon der Beredsamkeit eines Bernhard von Clairvaux, dem König diese äußerst brisante Forderung, welche die Neuauflage des Investiturstreites hätte bedeuten können, wieder auszureden – allerdings keineswegs für immer! In Italien war die Lage für Papst Innozenz II. und Lothar nicht günstig, da nämlich der Gegenpapst Anaklet II. zwar in weiten Teilen Nord- und Mittelitaliens Unterstützung, aber beim deutschen König keine Bestätigung gefunden hatte, warf er sich dem Normannenstaat Apuliens und Siziliens unter Roger II. in die Arme. Für seine Hilfe erlangte Roger beträchtliche Gebietsvergrößerungen auf dem italienischen Festland und ein päpstliches Dekret erhob das Normannenreich zum Königreich und den frischgekürten König Roger formell zum päpstlichen Lehnsmann. Der Normannenstaat rückte durch seine schnelle Expansion von Süden her der Stadt Rom gefährlich nahe: im Mittelmeerraum war mit diesem sizilisch-süditalienischen Königreich ein bedeutender Machtfaktor entstanden, mit dem die Päpste allerdings auch Koalitionen eingehen konnten. So etwa war die Lage, als Lothar 1132 in Italien erschien, nachdem er vorher seinen Schwiegersohn Herzog Heinrich dem Stolzen von Baiern die Regentschaft anvertraut hatte. Innozenz II. und Lothar überwinterten in den lombardischen Städten und kamen im Frühling 1133 nach Rom. Dort zeigte es sich schnell, dass Lothar zu wenig Truppen mitgebracht hatte, um Rom völlig von den Anhängern Anaklets II. zu ›säubern‹, so blieb die Peterskirche in Anaklets Hand, und Lothar und seine Frau Richenza mussten in der Lateranbasilika gekrönt werden. Die politischen Verhandlungen, welche wie stets üblich den Krönungsvorbereitungen parallel liefen, zeigten Lothar als selbstbewussten Realpolitiker, der beharrlich seine Ziele verfolgte: Die Markgrafschaft Toscana blieb kaiserlich und wurde an Heinrich den Stolzen, Lothars Schwiegersohn, verliehen. Die Welfen gewannen so zu Baiern und ihrem alten italienischen Hausbesitz der Este noch erheblich an Macht dazu, nach Lothars Tod würden sie die mächtigsten Fürsten des Reiches sein. In der so schwierigen Frage des Investiturstreits – von Lothar wieder konsequent auf die Tagesordnung gesetzt – erreichte der König gewisse Detailverbesserungen zu seinen Gunsten. In ein Abenteuer gegen Roger II. ließ Lothar sich nicht ein, obwohl gerade dies Papst Innozenz II. sehr gern gesehen hätte. Unmittelbar nach der Kaiserkrönung verließ Lothar vielmehr Italien und kehrte nach Deutschland zurück! Missionierung und Besiedlung, Kern der Ostpolitik
Nach Lothars Auseinandersetzung mit den Staufern und seinem Italienaufenthalt erforderten wirre und unübersichtliche Verhältnisse an der Nordostgrenze sein Eingreifen, von seiner Herzogszeit in Sachsen waren dem Kaiser die dortigen Gegebenheiten bestens vertraut. Bereits 1114 war er von Sachsen her weit nach Mecklenburg vorgedrungen und hatte eine Grundlage für Missionierung und Siedlung in diesen Gebieten geschaffen. Die Jahre 1134/35 bringen dann für die weitere Entwicklung dieses Raumes wichtige Entscheidungen: Nach Interventionen des deutschen Königs kamen die Thronstreitigkeiten in Dänemark zu einem Ende, der dänische König Erich Emune wurde Lehnsmann des Kaisers. Albrecht der Bär aus dem Hause Askanien erhielt als Markgraf die Nordmark, von wo aus er den deutschen Einfluss bis nach Brandenburg ausdehnte und später im wendischen Havelland einige slawische Fürsten beerbte. Seit 1150 nannte er sich Markgraf von Brandenburg, woraus später ein Kurfürstentum werden sollte. Seit 1136 befanden sich die Marken Meißen und Lausitz als Lehen im Besitz des Hauses Wettin. Auch dieses Geschlecht sollte bald in den Reichsfürstenstand aufsteigen und als Kurfürsten und später Könige von Sachsen bis 1918 eine Rolle in der deutschen Geschichte spielen. Beide Dynastien, die Askanier und die Wettiner, von Lothar ins erste Glied der Fürstenschaft erhoben, haben sehr großen Anteil daran, dass das Gebiet zwischen Elbe und Oder christianisiert und der deutschen Besiedlung geöffnet wurde. Mit Recht ist sich heute die Forschung allgemein einig, dass Kaiser Lothar III. seine größten und bleibenden Leistungen hier an der Nordostgrenze des Reiches vollbracht hat.

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Info 18.11.2017 13:09
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