Lothar III., Mittelpunkt europäischer Politik?

Die Jahre 1134/35 waren die besten in Lothars Regierung, der Hoftag von Merseburg 1135 wahrscheinlich der Gipfelpunkt überhaupt: Polen erkannte erneut die Oberhoheit des Reiches an und Lothar sieht sich als Mittelpunkt der europäischen Politik. Gesandtschaften des byzantinischen Kaisers und der Republik Venedig fanden sich ein, um mit dem Kaiser ein gemeinsames Konzept für Süditalien und den Adriaraum zu besprechen. Alle drei Mächte hatten dort gemeinsame Interessen: Venedig und Byzanz sahen ihren Mittelmeerhandel durch den unteritalienischen Normannenstaat bedroht, während dem Kaiser langfristig daran gelegen sein musste, dieses aufstrebende Königreich als machtpolitischen Rückhalt des Papstes in Italien kurzzuhalten. Gewisse Grundlinien der weltpolitischen Entwicklung der Stauferzeit werden hier in Umrissen sichtbar. Auch im Reich hatten sich die Dinge für Lothar günstig entwickelt, da die Staufer 1134 der militärischen Macht der Welfen und Lothars hatten weichen müssen. In Fulda machte Friedrich von Schwaben als Zeichen der Unterwerfung den Fußfall vor dem Kaiser, sein Bruder Konrad verzichtete nun auch offiziell auf den usurpierten Königstitel. Allerdings durften die Staufer das strittige salische Hausgut behalten – der zehnjährige Bürgerkrieg war vorbei, der welfisch-staufische Gegensatz freilich nicht beigelegt, sondern nur vertagt! Kampf gegen Roger II. und Ende des Schismas
Während Lothar III. in den Jahren nach seiner Kaiserkrönung in Deutschland die Verhältnisse dauerhaft zu seinen Gunsten stabilisierte, hatten die Dinge in Italien für Papst Innozenz II. wieder eine böse Wendung genommen. König Roger II., der Protektor des Gegenpapstes Anaklet II., bedrängte Innozenz II. derartig, dass dieser wieder aus Rom fliehen musste, besonders auf Betreiben Bernhards von Clairvaux entschloss sich Lothar zu einem neuen Italien-Feldzug, wofür diesmal die militärischen Möglichkeiten erheblich erfolg versprechender waren, da nun die weifischen Kontingente dem Kaiser voll zur Verfügung standen. Bevor nun der eigentliche Feldzug begann, erging auf einem Reichstag in Roncaglia (in der Nähe von Piacenza/Po) ein kaiserliches Gesetz, das zeigt, wie stark das Lehnswesen sich verändert hatte und welche Missbräuche damit getrieben wurden. Die Kernsätze des Gesetzes lauteten: »Durch viele Klagen haben wir erfahren, dass Ritter ihre Lehen verkaufen bzw. zerteilen und dann, nachdem ihre Möglichkeiten erschöpft sind, ihren Lehnsherren die geschuldeten Dienste entziehen, wodurch wiederum die Macht des Reiches empfindlich geschädigt wird, weil unsere Kronvasallen uns dann für unsere Feldzüge keine Leute mehr zuführen können wir befehlen deshalb für alle Zeit, dass niemand sein Lehen aufteilt, weitergibt oder sich sonst irgendeinen Handel ausdenkt, der gegen den Sinn dieses Gesetzes verstößt«. Die kleinen Lehnsträger trieben also mit ›geliehenem‹ Land einen regelrechten Handel, wogegen der Kaiser noch vorgehen konnte, ob er damals noch gegen die großen Kronvasallen ein Gesetz wegen Lehnsmissbrauch hätte erlassen und allgemein durchsetzen können, ist zweifelhaft! Nach diesem Reichstag begann der Italien-Feldzug diesmal mit einer klaren strategischen Planung, derzufolge zwei Heeressäulen getrennt, aber mit einem gemeinsamen Ziel nach Süden vorrücken sollten. Die eine unter dem Baiernherzog marschierte durch die Toscana nach Rom und von dort zur wichtigen Festung Benevent, welche erobert wurde. Von See her deckte eine genuesisch-pisanische Flottenoperation den Marsch -nicht ganz uneigennützig freilich, denn beide Seestädte hatten es auch oder vor allem auf Amalfi abgesehen, das denn auch tatsächlich als lästige Handelskonkurrentin in Süditalien ausgeschaltet wurde. Die andere Heeresabteilung führte der Kaiser selbst entlang der adriatischen Küste nach Apulien. Beide Abteilungen trafen sich dann vor der Schlüsselfestung Bari, das dem kombinierten Angriff auch zum Opfer fiel, nachdem auch noch Melfi und Salerno gefallen waren, streckte Roger erste Friedensfühler aus. Lothar und Innozenz II. nahmen das Angebot an, doch traten bei der Umsetzung der Friedensbedingungen sofort die Interessengegensätze zwischen Kaiser und Papst zutage! Sie wurden notdürftig, man würde heute sagen, mit einem »Formelkompromiss« überbrückt. Innozenz bedurfte nämlich nach wie vor der kaiserlichen Unterstützung, da Roger keineswegs ausgeschaltet war, während es Lothar III. mit Macht nach Hause drängte: Er selbst war krank und sein Ritterheer hatte das Kriegführen im sonnendurchglühten Unteritalien völlig satt und stand am Rande einer Meuterei. Noch auf dem Heimweg erlag Lothar III. in Tirol am 4. Dezember 1137 seiner Krankheit, im Bewusstsein des nahenden Todes übergab er dem Welfen Heinrich dem Stolzen, seinem Schwiegersohn, die Reichsinsignien und das Herzogtum Sachsen. An Macht und Besitz überragte dank dieses Erbes der Weife seine fürstlichen Kollegen um Längen: er war Herzog von Baiern und Sachsen, Markgraf der Toscana und Eigentümer eines riesigen Privatbesitzes in Oberitalien, Sachsen und Schwaben. Das Urteil des 19. Jahrhunderts, Lothar III. sei als König und Kaiser eine biedere Marionette von Fürsten und Kirche, eben ein »Pfaffenkönig«, gewesen, ist nicht haltbar. Er kam als Kandidat der fürstlichen Opposition mithilfe der Reformkirche auf den Thron, trieb dann aber als König eine selbstständige Politik, verfocht die Interessen der Krone fest und konsequent, musste dies allerdings unter Bedingungen tun, welche völlig anders und zwar erheblich ungünstiger waren als unter Konrad II. oder gar Heinrich III.. Seine Grabinschrift zeichnet diesen Mann zutreffend: »Lothar durch Gnade Gottes römischer Kaiser regierte 12 Jahre, 3 Monate und 12 Tage. Er starb als ein Mann von außerordentlicher Treue, Wahrhaftigkeit und Beständigkeit, ein Friedensstifter und tapferer Ritter auf der Rückkehr von Apulien«.