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Die Amerikanische Revolution (1763-1783)

Was war die Amerikanische Revolution? Eine Erhebung gegen einen tyrannischen König? Schüttelte da ein Volk, das volljährig geworden war, antiquierte Zwänge ab? Oder machte sich ein Volk, das von einem andern unterdrückt worden war, als nationales Gebilde selbständig? Wurde eine Aristokratie von den niederen Klassen vom Sockel gezerrt? Oder hatten einfach Demagogen Unruhe gestiftet und Unfug angerichtet? Keine dieser Erklärungen wird den Dingen gerecht. Für viele Europäer bleibt die Amerikanische Revolution ein Rätsel, wie es 1781 für die Leser des Abbé Raynal ein Rätsel war. »Von allen wirksamen Ursachen«, schrieb der Geistliche, der ein Freigeist war, »die so viele Revolutionen auf dem Erdball hervorgebracht haben, war im Norden Amerikas nicht eine gegeben. Dort hatte man sich weder gegen die Religion noch gegen die Gesetze vergangen. Dort war Märtyrer- oder Bürgerblut nicht von Schafotten hinuntergerieselt. Den guten Sitten war kein Schimpf angetan worden. Weder Gewohnheiten noch Bräuche noch überhaupt Dinge, die den Völkern teuer sind, waren der Lächerlichkeit preisgegeben worden. Keine Willkürherrschaft hatte Einwohner dem Schoß ihrer Familie oder ihren Freunden entrissen, um sie durch die Schrecken von Gefängnisverliesen zu zerren. Die öffentliche Ordnung war nicht umgestürzt worden. Die Grundsätze des Verwaltens hatten sich nicht geändert; und die Regeln des Regierens waren immer dieselben geblieben. Das Ganze lief lediglich auf die Frage hinaus, ob das Mutterland das Recht habe oder nicht habe, den Kolonien direkt oder indirekt eine bescheidene Abgabe aufzuerlegen.« Der Abbé hatte recht. Die Amerikanische Revolution hatte von einem Streit um das Recht des Mutterlandes, die Kolonien mit Zöllen zu belasten, ihren Ausgang genommen. Nachdem das Schießen 1775 angefangen hatte, wäre immer noch eine Lösung zu finden gewesen, wenn sich das englische Parlament nur bequemt hätte, in Zukunft auf jeden Versuch zu verzichten, den Kolonisten direkte oder indirekte, lästige oder belanglose Abgaben aufzubürden. Aber die Amerikanische Revolution - das hat sie mit anderen Revolutionen gemein - hat nicht ebenso geendet, wie sie begonnen hatte. Der Streit um die Besteuerung legte Unterschiede zwischen Amerikanern und Engländern bloß, die man vorher weder hier noch dort so recht verspürt hatte. Und als Amerikaner diese Unterschiede entdeckten, wurden sie sich dessen bewusst, dass sie untereinander etwas einte, was vordem unbeachtet geblieben war: das Bekenntnis zu bestimmten Grundsätzen, etwas also, was sie zu einem Volk für sich machte, etwas, was sich viele Jahre hindurch, lange bevor der Streit begonnen hatte, langsam, unbemerkt herauskristallisierte und nun plötzlich, da sie zusammen den englischen Kugeln gegenüberstanden, von ungeheurer Bedeutung zu sein schien. Die Amerikanische Revolution war nichts anderes, als dass diese Grundsätze, diese Gemeinsamkeit, diese nationale Identität hervortraten und ausreiften. Nachdem der Streit um die Besteuerung ausgebrochen war, ging der Reifeprozess in einem erstaunlichen Tempo vor sich. Die amerikanischen Kolonien, die an der Revolution teilnahmen, waren seit langer Zeit englischer Kolonialbesitz. Zwei Kolonien - New York und Delaware - hatten einst zu den holländischen Neu-Niederlanden gehört, waren aber seit mehr als einem Jahrhundert in englischen Händen. Alle anderen - Massachusetts, New Hampshire, Rhode Island, Connecticut, New Jersey, Pennsylvania, Maryland, Virginia, North Carolina, South Carolina und Georgia - hatten Engländer gegründet und besiedelt. Und obgleich sich viele Deutsche und Irland-Schotten zu den ursprünglichen Siedlern gesellt hatten, obgleich eine halbe Million Afrikaner als Sklaven ins Land gebracht worden waren, überwogen die Engländer nach wie vor, an Zahl wie an Einfluss. Die einzigen englischen Kolonien im kontinentalen Nordamerika, die sich der Revolution nicht anschlossen, waren die zwei, die England erst kurz vorher - 1763 - erworben hatte: Kanada und Florida; hier hatten englische Ideen und englischer Einfluss kaum Wurzeln geschlagen. Die amerikanische Zivilisation also, wenn man von so etwas um die Mitte des 18. Jahrhunderts sprechen darf, war vornehmlich eine englische Zivilisation. Die Schaffung einer amerikanischen Nation brauchte nicht auf die Verschmelzung ethnischer und kultureller Elemente von großer Verschiedenartigkeit zu warten; es ging viel eher darum, dass sich eine Gruppe von Engländern von einer anderen absonderte. Dieser Prozess hatte begonnen, bevor der erste Siedler amerikanischen Boden betrat: die Differenzierung vollzog sich innerhalb des englischen Volkes. Neues Land für Puritaner
Die ersten amerikanischen Kolonien wurden gegründet, als England schwere politische und religiöse Kämpfe durchmachte, in denen sich eine der kämpfenden Parteien von fanatisch aggressivem Reformeifer leiten ließ. Die Reformatoren, denen die Gegner den Spitznamen Puritaner anhängten, kämpften um die Beseitigung der kirchlichen Hierarchie mit ihren Bischöfen, Erzbischöfen und Kirchengerichten. Außerdem verlangten sie vom Parlament, dass es die Machtvollkommenheit des Königs, namentlich in Steuerfragen, entscheidend einenge. Nicht sofort stellten sie die Institution der Monarchie in Frage; aber von Anfang an war ein Anflug von Republikanertum vorhanden. Jakob I. hatte es erraten, als er mit einer Wortkargheit, die ihm sonst nicht lag, die Formel prägte: »Kein Bischof, kein König.« Jakob I. wollte mit Reformatoren nichts zu tun haben. Karl I., sein Sohn, verachtete sie und scharte eine Kirchenpartei um sich, die seine Herrschaftsansprüche gegen das Parlament durchzusetzen suchte. Die geistlichen Günstlinge des Königs, die William Laud, Erzbischof von Canterbury, führte, bauten das hierarchische Gebäude aus und brachten die Kirche von England zu Lehrmeinungen zurück, die sie abgestreift hatte, als sie sich vom Katholizismus Roms trennte. In der Zeit, da König und Bischöfe Triumphe feierten, wanderten viele Puritaner nach Amerika aus. Dass sie Neuengland gründeten und besiedelten, ist hinlänglich bekannt; weniger bekannt ist, dass sie sich damals schon und auch später in nicht geringer Zahl ebenso in anderen Kolonien niederließen. In New York lebten hauptsächlich holländische Kalvinisten und Puritaner aus Neuengland. (Die Puritaner waren auch Kalvinisten.) Linkspuritaner, die man Quäker nannte, gründeten und besiedelten Pennsylvania und stellten das Hauptkontingent der Einwanderer im südlichen Teil von New Jersey. Den nördlichen Teil von New Jersey bevölkerten aus Neuengland dorthin verpflanzte Puritaner. In Maryland, das ein katholischer Adliger gegründet hatte, waren Puritaner von Anfang an zahlenmäßig stärker als Katholiken. Obgleich in den südlichen Kolonien Angehörige der Anglikanischen Kirche überwogen, gehörten zu den Besiedlern der beiden Carolina-Kolonien zahlreiche Puritaner aus England und Neuengland und Hugenotten aus Frankreich; und Georgia war dafür bekannt, dass es die verschiedensten Gruppen anzog, die sich gegen die Kirche von England auf lehnten, und in enger Verbindung mit Neuengland stand. Nicht viele Puritaner zogen nach Virginia, aber auch dort machte sich der Einfluss des Puritanertums bemerkbar, denn die ersten Kirchengemeinden Virginias waren entstanden, als die Kirche von England noch von einer gemäßigten, den Puritanern freundlichen Gruppe beherrscht wurde; zu der Zeit, da Erzbischof Laud England in den Anglo-Katholizismus hineintrieb, hielt sich Virginia an ein gemäßigtes Anglikanertum, das stark nach »niederer Kirche« aussah. Da die Puritaner so zahlreich, so weit verbreitet und so glaubenseifrig waren, war das religiöse Leben in den amerikanischen Kolonien vorwiegend puritanisch, das heißt calvinistisch gefärbt. Was die politische Grundeinstellung zu den Kämpfen des 17. Jahrhunderts anging, neigten die Puritaner in Amerika ebenso wie in England eher zur Partei des Parlaments als zu der des Königs, wenn sie nicht gar eindeutige Republikaner waren. Am Ende gewannen die Puritaner in England die Oberhand und bekräftigten den Aphorismus Jakobs I., indem sie zuerst Erzbischof Laud köpften und einige Jahre danach auch Karl I. Mehr noch: sie schafften Könige, Bischöfe und Lords schlechterdings ab. Die meisten Kolonisten in Amerika klatschten Beifall, und wenn die Puritaner in England weiterregiert hätten oder auch nur ein wesentlicher Faktor im Leben Englands geblieben wären, wäre die Absonderung der Amerikaner von den Engländern möglicherweise langsamer vor sich gegangen. Aber die Puritaner hatten versucht, England zu schnell und zu gründlich zu revolutionieren. Dadurch hatten sie sich nach und nach unbeliebt gemacht; nach Cromwells Tod entglitt ihnen die Macht. Karl II. kam 1660 nach England zurück, und wer versucht hatte, den englischen Staat republikanisch und die englischen Kirchen kongregationalistisch, presbyterianisch oder quäkerisch zu machen, geriet ein für allemal auf die Schattenseite des Lebens. Diese Missliebigen durften keinen eigenen Gottesdienst abhalten; ihre Geistlichen durften Städte und ihr Hinterland im Umkreis von fünf Meilen nicht betreten; an Universitäten wurden Puritaner und ihresgleichen nicht mehr geduldet, und öffentliche Ämter durften sie nicht bekleiden, es wäre denn, sie fügten sich dem Geist und Ritus der Kirche von England. Engländer, die dachten, fühlten und glaubten wie die Mehrheit der Amerikaner, waren mithin vom Hauptstrom des nationalen Daseins Englands abgeschnitten. Sie waren in der Heimat Fremde geworden. Das trieb wieder Tausende von ihnen in die Neue Welt. Nachdem man den Puritanern, die man jetzt Nonkonformisten nannte, Macht und Einfluss genommen hatte, wurde England fröhlicher, aber auch frivoler, aristokratischer, lasterhafter; immer weniger konnten sich hier amerikanische Besucher heimisch fühlen. Als Richtung eigener Art waren die Nonkonformisten in England nicht verschwunden; sie dachten, schrieben und sprachen noch. Aber England schenkte ihnen keine Beachtung mehr; nach 1660 hatten sie nie mehr Einfluss auf die Regierung. Die Scheidung zwischen Engländern und Amerikanern, die auf diese Weise angefangen hatte, verstärkte sich infolge der räumlichen Entfernung. Die Engländer daheim blieben unter der Herrschaft einer starken Zentralregierung; für die Amerikaner löste sich die souveräne Macht dieser Regierung in dreitausend Meilen Ozean auf. Schon die Übermittlung von Nachrichten bereitete Schwierigkeiten. Briefe und Mitteilungen jeder Art wanderten so langsam über den Atlantischen Ozean, dass Weisungen aus England zu dem Zeitpunkt, da sie am Bestimmungsort ankamen (sofern sie überhaupt ankamen), nichts mehr besagten oder zum mindesten nichts Eiliges mehr bewirken konnten. Die Kolonisten hatten kaum Interesse daran, solche Weisungen entgegenzunehmen, und den Engländern war allmählich die Lust vergangen, sie zu erteilen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Den Kolonisten blieb es weitgehend überlassen, sich nach eigenem Gusto zu entwickeln; Störungen gab es nur insofern, ab der Verwaltungsapparat, den der König zur Beaufsichtigung der Kolonisten eingesetzt hatte, reichlich stotternd funktionierte. Was die Kolonisten erstrebten und erreichten, war in vieler Hinsicht genau das, was die englischen Puritaner vergebens hatten England geben wollen. Die Puritaner, die England verlassen hatten, konnten in der Freiheit der Neuen Welt die religiösen und staatlichen Einrichtungen genau so aufbauen, wie sie nach ihren Vorstellungen aufgebaut werden sollten; die Anstrengungen des Mutterlandes, das Puritanertum auch in Amerika auszulöschen, machte die Entfernung zunichte. Im Laufe der Jahre mochte der puritanische Glaubenseifer an Schärfe verloren haben; die sozialen, kirchlichen und politischen Institutionen, die das Puritanertum geschaffen hatte, blieben und gediehen. Denn gerade sie erwiesen sich als besonders brauchbar für Kolonisten, die von der zentralen Regierungsspitze weit entfernt waren; in allen Kolonien, auch dort, wo der puritanische Einfluss schwach war, entwickelten die Amerikaner mit der Zeit fast dieselbe Einstellung gegenüber Kirche, Staat und Privateigentum, die die Puritaner mitgebracht hatten. Zu den wichtigsten von den Puritanern mitgebrachten Ideen gehörte der Grundsatz, dass die Kirche an der weltlichen Regierung keinen Anteil haben dürfe. Sie hatten ihre Erfahrungen gemacht. Vor dem Bürgerkrieg und nach der Restauration stand den Bischöfen in England eine eigene Gerichtsbarkeit zu: die bischöflichen Gerichte urteilten in Zivilsachen; sie durften exkommunizieren, den Verurteilten also wesentliche bürgerliche und politische Rechte aberkennen. Im Parlament nahmen Bischöfe an der gesamten Gesetzgebungsarbeit teil. Auf der lokalen Ebene war die Pfarrei oft ein Hilfsorgan der Staatsgewalt. Kirche und Staat waren in England unzertrennlich miteinander verflochten. Amerikaner hielten Kirche und Staat viel mehr auseinander. Sie waren fromm, sie waren oft Eiferer; aber von Anfang an hatte ihnen daran gelegen, zwischen Religion und Kirche zu unterscheiden; sie wurden störrisch, wenn es darum ging, den Geistlichen zu erlauben, sich mit anderen Geschäften als mit dem der Seelenrettung zu befassen. Im 17. Jahrhundert übte die Geistlichkeit in Neuengland größeren Einfluss aus als je sonst im kolonialen Amerika, aber nicht ein einziger Geistlicher bekleidete ein öffentliches Amt. In Massachusetts verbot ein Gesetz die Schmälerung politischer Rechte oder gesellschaftlichen Einflusses durch Kirchenbann oder sonstige Kirchenstrafen. Sogar innerhalb der Kirche beschränkten die Neuengländer die Befugnisse ihrer Geistlichkeit. Die Kirchen Neuenglands gehörten zur kongregationalistischen Richtung; das bedeutete: alle wesentlichen Dinge wurden von den Gemeindemitgliedern entschieden; sie wählten ihre Pastoren selbst und konnten sie auch entlassen. Die Quäker in Pennsylvania verzichteten überhaupt auf jede Geistlichkeit. Andere Kolonien, die den Grundsatz der Beschränkung kirchlicher Autorität weniger artikuliert aussprachen, praktizierten ihn dennoch. Im anglikanischen Virginia schwächten die mit Laien besetzten Kirchenvorstände die geistliche Autorität dadurch, dass sie auf die Priesterweihe verzichteten; sie errichteten damit ein System der lokalen Laienherrschaft, das in der Praxis der kongregationalistischen Verfassung der Kirchen Neuenglands überaus ähnlich war. Solche puritanischen Praktiken brachte der Anglikanischen Kirche in Virginia die leidige Entfernung bei: Priesterweihe war ohne die riskante und kostspielige Reise nach England nicht möglich. Zwar hätte das Hindernis durch die Ernennung eines Bischofs für Amerika überwunden werden können, aber auch das scheiterte an der Entfernung. Und mittlerweile ließen sich die meisten amerikanischen Anglikaner von der puritanischen Vorliebe für eine Kirche ohne Bischöfe anstecken. Da sie aber keinen Bischof hatte, der sie hätte leiten und steuern können, blieb die Kirche von England in allen amerikanischen Kolonien ohne wesentlichen politischen Einfluss. Da Kirche und Geistlichkeit jeder Macht und jeden Einflusses auf das politische Geschehen beraubt waren, machte Religionsfreiheit in Amerika schnellere Fortschritte als in Europa. Im Anfang hatten die meisten Kolonien eine Kirche aus Steuereinnahmen finanziert; in Massachusetts und Connecticut war im 17. Jahrhundert überhaupt nur die eine staatlich finanzierte Kirche zugelassen. Aber ohne Mitspracherecht im Staat fiel es keiner konfessionellen Richtung leicht, Ausschließlichkeitsrechte zu behaupten; in Rhode Island und Pennsylvania waren von Anfang an mehrere Kirchen gleichberechtigt. Mit dem Wachstum der Kolonien wuchs auch die Vielfalt der Konfessionen, teils als Folge der Einwanderung von Presbyterianern, Lutheranern, Mährischen Brüdern (später Herrnhuter Brüderunität) und anderen, teils dadurch, dass sich von den alten Konfessionen neue absplitterten. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts boten die Kolonien ein buntes Mosaik von Religionen, auch dort, wo staatliche Finanzierung einer bestimmten Konfession zugute kam. Allmählich lernten die Amerikaner, in der Vielfalt der Glaubensbekenntnisse eine Tugend zu sehen. »Unsere große Sicherheit«, schrieb der Geistliche Ezra Stiles 1767, »beruht auf der Vielzahl der Sekten und auf der staatlich verbürgten Freiheit, die sie zum Zusammenleben brauchen. Die Folge ist, dass die innerhalb eines bestimmten Bekenntnisses Benachteiligten entweder zu einem anderen Bekenntnis übertreten oder sich zu neuen Sekten und spontan entstehenden Verbindungen entwickeln. Das allein wird uns die Weisheit lehren, einander nicht zu verfolgen.« In England konnten solche Ansichten nicht durchdringen: dort hatten zwar Menschen, die nicht zur offiziellen Hochkirche gehörten, schließlich das Recht erhalten, ihren Glauben in ihrer eigenen Weise zu bekennen, aber das trug ihnen nach wie vor Nachteile und gesellschaftliche Ächtung ein. Freiheit, Arbeit und Sklaverei
Ebenso wie in der Kirche hatten die amerikanischen Puritaner auch in Staat und Gesellschaft die Chance, Ideen zu verwirklichen, für die es im Mutterland nach 1660 keinen Raum gab. Und wiederum brachte die große Entfernung von England auch unter den nichtpuritanischen Kolonisten ähnliche Ideen hervor. Freilich hatten die Amerikaner vor 1776 der Monarchie nicht, wie es die englischen Puritaner getan hatten, eine klare Absage erteilt. Aber was sollte sie auch dazu veranlasst haben? Kein König hatte je den Boden der Kolonien betreten, und obgleich die Regierung in London königliche Gouverneure in die Kolonien entsandte, um die Kolonisten beaufsichtigen zu lassen, besorgten die Kolonisten den größten Teil der Regierungsgeschäfte selbst. Sie gaben vor, das englische Regierungssystem zu bewundern; aber das Parlament in London hatte mit dem republikanischen Ideal viel weniger zu tun als die Einrichtungen, die sie, ohne dem englischen Vorbild zu folgen, für ihre eigenen Zwecke schufen. In jeder Kolonie lag das Machtzentrum in der Siedlervertretung der Assembly, die - wie das Home of Commons in England - die untere Kammer des Gesetzgebungskörpers bildete und das alleinige Recht hatte, Steuergesetze zu erlassen. (Das Oberhaus - außer in Pennsylvania mit seinem Einkammersystem - war der in der Regel vom König berufene Rat des Gouverneurs.) Aber während das englische Haus der Gemeinen im 18. Jahrhundert nur von einem kleinen Bruchteil der erwachsenen männlichen Bevölkerung Großbritanniens gewählt wurde, war in den meisten Kolonien die große Mehrheit der erwachsenen Männer wahlberechtigt. Die kolonialen Vertretungskörperschaften waren nicht nur repräsentativer als das englische Unterhaus, sondern auch in höherem Maße den Wählern direkt verantwortlich. Als geistige Nachkommen der Puritaner in England eine Reform des Haus der Gemeinen verlangten, wurde ihnen von den Verteidigern dieser archaischen Institution entgegengehalten, dass ihre Mitglieder, obgleich von einer auf die Wahlkreise höchst ungleich verteilten Minderheit gewählt, potentiell das ganze Land repräsentierten. Ein Parlamentarier sollte, so wurde gesagt, nicht den Wünschen seiner Direktwähler gehorchen, sondern im Interesse der Allgemeinheit handeln. Das Argument, so fadenscheinig es war, stellte die Parlamentsmitglieder zufrieden: eine Reform des Unterhauses fand nicht statt. Der amerikanische Kolonist hatte vom Repräsentativsystem eine ganz andere Vorstellung. Für ihn war der Repräsentant jemand, den er in die gesetzgebende Versammlung seiner Kolonie entsandte, um die Regierung über seine Nöte und Bedürfnisse zu informieren und sie wissen zu lassen, welche Steuern und in welchem Umfang er am ehesten ertragen könnte. Ein Mitglied der kolonialen Assembly war der Direktbeauftragte der Menschen, die ihn wählten. In diesem Sinne war der Staat für die Amerikaner nicht das Organ monarchischer Autorität, sondern nur ein passendes Mittel, den Bedürfnissen der Regierten Rechnung zu tragen. Der Staat war dazu da, bestimmte .Aufgaben zu erledigen; also musste er denen verantwortlich sein, die ihm seine Aufgaben zuwiesen, die seine Arbeitgeber waren. Diese prosaische Haltung gegenüber dem Staat ergab sich nicht bloß aus der großen Entfernung zu Königen und Höflingen und brachte nicht lediglich ein latent in der puritanischen Tradition beschlossenes Republikanertum zum Ausdruck. Sie gehörte unmittelbar zu der eigentümlich amerikanischen Hochachtung vor der Arbeit. Ganz deutlich schwang das bei Benjamin Franklin mit, als er Amerika für Europäer beschrieb und jedem abriet, nach Amerika zu gehen, der nichts anderes vorzuweisen hätte als adlige Abkunft. Amerikaner, meinte Franklin, wollten von einem Fremden nicht wissen, was er sei, sondern was er schaffen könne. Dass die Amerikaner dem Tun, dem Schaffen, der effektiven Mühe so große Bedeutung beimaßen, hatte seinen Ursprung nicht zuletzt in der puritanischen Weisheit, dass der Teufel für müßige Hände Arbeit finde. Die Idee war für Christen nicht gerade neuartig, aber bei Puritanern stand sie offenbar mehr im Vordergrund als bei anderen, wahrscheinlich weil sie so intensiv an Vorbestimmung glaubten. Der große Soziologe Max Weber hat schon vor vielen Jahren auseinandergesetzt, wieso die Prädestinationslehre bei denen, die an sie glaubten, ganz andere Haltungen hervorbrachte, als die zu erwarten gewesen wären. Die Puritaner sagten sich eben nicht, dass es doch wohl besser sei, zu essen, zu trinken und Spaß zu haben, weil man ja an seiner Bestimmung nichts ändern könne, sondern sie verbrachten ihr Leben mit unentwegten Versuchen, herauszubekommen, was denn ihre Bestimmung sei: Himmel oder Hölle. Moralischer Lebenswandel war zwar keine Garantie dafür, dass man in den Himmel kommen werde, konnte aber doch als Hinweis genommen werden, dass Gott den Moralischen gesegnet, also auch seine Aufnahme in die Gefilde der Seligen vorbestimmt habe. Wer ein gutes Leben führte, hatte Grund zur Hoffnung. Ein gutes Leben aber war für den Puritaner tätiges Leben, Mühsal, Plage, in welche Arbeit oder »Berufung« auch immer Gott einen hineingestellt haben mochte. Aber ob nun der Puritaner arbeitete, um an seiner Heilshoffnung festhalten zu können, oder weil es ihm Freude machte, gottgefällig zu leben: in jedem Fall arbeitete er unaufhörlich und schaute entsetzt auf jeden, der es nicht tat. Den mächtigen religiösen Arbeitsantrieb verstärkten die Anforderungen des amerikanischen Milieus. Auf dem nordamerikanischen Kontinent fehlten die vielen Eingeborenen, die man hätte zur Arbeit befehlen können, wie es die Spanier in Süd- und Mittelamerika taten. Die einheimische Bevölkerung des Gebietes, das heute die Vereinigten Staaten ausmacht, dürfte weniger als eine Million betragen haben, und die wenigen die Atlantik-Küste bevölkernden Indianer zeigten keine Neigung, für die englischen Eindringlinge zu fronden. Der Kontinent war reich an Land und Naturschätzen, aber wertvoll wurde beides erst, wenn man Arbeitskräfte beschaffen konnte, um dem Boden seine Reichtümer zu entreißen. Die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft überschritt daher alles, was man in Europa je kennengelernt hatte. So groß war die Nachfrage, dass sie die infame Lösung nach sich zog, afrikanische Neger zur ewigen Fron in die Neue Welt zu bringen. Aber über der Sklavenwirtschaft erhob sich ein anderes Gebilde: die wachsende Arbeitskraftnachfrage verschaffte dem gewöhnlichen Arbeitsmann eine starke Marktposition. Er erhielt dadurch eine persönliche Würde, die er vorher nie gekannt hatte. Wer für einen Arbeitgeber arbeitete, konnte einen hohen Lohn verlangen. Warum sollte man aber für einen anderen arbeiten, wenn man nach freiem Land nur die Hand auszustrecken brauchte? Der durchschnittliche Amerikaner saß auf eigenem Land, das er bearbeitete; in der Regel brauchte er keinem Grundherrn etwas von seinem Arbeitsertrag abzugeben. Er konnte es sich erlauben, geistig sein eigener Herr zu sein. Menschen, deren Lebensunterhalt von anderen abhing, konnten das nicht. Dieselben Kräfte, die Wert und Würde der Arbeit erhöhten, verringerten unvermeidlich Gewicht und Würde von Abkunft und Reichtum. Das Geld des reichen Mannes konnte weniger fremde Arbeitskraft kaufen als in Europa, und noble Abstammung bedeutete nicht so sehr viel in einer Wildnis, in der nur eigene Anstrengung einen vor dem Hungertod bewahrte. Adlige hatten kaum einen Grund, nach Amerika zu kommen; sie kamen nicht. Das amerikanische Milieu trug von selbst dazu bei, soziale Unterschiede einzuebnen; auch in dieser Beziehung brachte es ähnliche Wirkungen hervor wie das Puritanertum. Obgleich die Puritaner durchaus konventionellen Vorstellungen über die gesellschaftliche Klassenscheidung anhingen, verwischte ihr innerer Drang zur Arbeit die sozialen Unterschiede. Der Puritaner, der durch schwere Arbeit zu Reichtum kam, zu größerem Reichtum sogar, als er gebrauchen konnte, arbeitete deswegen nicht weniger. Da er sich nach wie vor von der Heilsaussicht überzeugen musste, schuftete er weiter wie zuvor. Seinen Reichtum verbrauchte er nicht in prahlerischem Aufwand. Genügsamkeit war ebensosehr eine Tugend wie Fleiß. Der reiche Puritaner unterschied sich in seinem Aussehen kaum von seinem ärmeren Nachbarn. Beide arbeiteten schwer und lebten einfach, und beide waren stolz darauf. Auch der puritanische Hang zum Lernen und zur Gelehrsamkeit hatte seine nivellierende Wirkung. Die Puritaner - wie im Grunde alle Protestanten - glaubten, dass sich die religiöse Wahrheit dem Menschen, der die Heilige Schrift nicht selbst lese, nicht erschließen könne. Sie wollten lesen; sie wollten ihre Kinder lesen lassen; sie füllten das Land mit so vielen Schulen, dass in der Tat die große Mehrheit der Amerikaner im 18. Jahrhundert lesen gelernt hatte; die meisten lasen auch wirklich. So verwischte sich ein weiterer traditioneller Unterschied zwischen den oberen und den unteren Klassen. Mehr noch: was die Amerikaner lasen, war keineswegs die Bibel allein. Am Ausgang der kolonialen Zeit hatte fast jede Kolonie ihre eigene Zeitung; oft wurden darin Auseinandersetzungen über lokale politische Streitfragen abgedruckt. Die amerikanischen Wähler waren nicht nur zahlreich, sondern auch gut unterrichtet. Keine Gleichheitsphilosophie begleitete den Ausgleich der sozialen Unterschiede im kolonialen Amerika. Die Kolonisten blieben bei der herkömmlichen Ansicht, dass Gott die Gesellschaft in Reiche und Arme, Hohe und Niedrige eingeteilt habe. Aber die Worte hatten in Amerika einen anderen Sinn als in Europa: der Niedrige war in der Tat niedrig, wo der Sklave gemeint war; in allen anderen Sphären war der Niedrige nicht ganz so niedrig wie in Europa - und der Hohe nicht ganz so hoch. Die Milieueinflüsse, die den Wert der Arbeit erhöhten und den Sinn sozialer Unterschiede veränderten, brachten auch eine neue Einstellung zum Eigentum hervor. Europäische Philosophen hatten, wenn sie das Wesen des Eigentums erörterten, seinen Ursprung in der Verfügung des Menschen über seinen eigenen Körper und über die mit dem Körper verrichtete Arbeit gesehen. In einem Traktat, der sowohl in England als auch in den Kolonien weite Anerkennung fand, hatte sich John Locke einen Naturzustand ausgemalt, in dem der Grund und Boden Gemeineigentum gewesen sein musste. Privateigentum war nach seiner Meinung erst emporgekommen, als sich der Mensch ein abgezirkeltes Stück Land als Arbeitsbereich zugelegt und sich die Früchte seiner Arbeit anzueignen begonnen hatte. Regierungen, fügte Locke hinzu, seien dazu da, dies Eigentum zu schützen. Für die Menschen in England war Lockes Erklärung der Anfänge des Eigentums eine rein theoretische Angelegenheit. Niemand, der in England lebte, hatte einen solchen Prozess der Herausbildung des Eigentums mitgemacht. Jedes Stück englischen Bodens hatte seine Geschichte, die weit in unbeschriebene Zeiten zurückreichte, und niemand konnte erforschen, wann und wie das Eigentum an diesem Stück Land entstanden war. Der Eigentümer arbeitete selten, und der Arbeiter hatte selten Eigentum. Die Amerikaner dagegen fanden in Lockes Erklärung die Beschreibung ihrer eigenen Erfahrung. Gewiss kam es vor, dass ein Kolonist den formalen Eigentumstitel von seiner Kolonialregierung erhalten hatte; aber vertraut war ihm vor allem der andere Vorgang: der Wildnis Land zu entreißen und es durch Arbeit in sein eigenes zu verwandeln. Arbeit war daher für den amerikanischen Kolonisten - anders als für den Europäer - ein notwendiger, elementarer Inhalt des Eigentums. Wo Eigentum lediglich ein Stück Brachland bedeutete, auf das ein Indianerstamm oder ein Grundstücksspekulant Anspruch erhob, war es nicht wahrscheinlich, dass der amerikanische Pionier einen solchen Rechtstitel allzu ernst nahm. Oft genug hatten Amerikaner den Indianern ihre Ländereien genommen, nicht selten mit der Begründung, die Indianer hätten in das Land, auf dem sie nur jagten, keine Arbeit hineingesteckt, die allein einen Besitzanspruch begründen könne. Als Thomas Jefferson 1787 das viele unbeackerte Land sah, das der französische Adel für sich als Jagdgehege reservierte, kam er auf ähnliche Weise zu dem Schluss, dass die Eigentumstitel der Adligen vor dem natürlichen Recht der arbeitslosen Armen nicht bestehen könnten, sofern die Armen den Wunsch anmelden sollten, das Land unter den Pflug zu nehmen. Eigentum, in das keine Arbeit einging, konnte nicht sinnvollerweise Eigentum genannt werden. Umgekehrt, wo Arbeit sichtbar und offenkundig Urgrund des Besitzes war, galt Eigentum als heilig. Die meisten Amerikaner besaßen solches Eigentum. Dass die meisten von ihnen bei den Wahlen von Vertretungskörperschaften wahlberechtigt waren, beruhte keineswegs darauf, dass das Wahlrecht in Amerika an geringere Besitzanforderungen geknüpft gewesen wäre als in England. Wahlberechtigt war in allen Kolonien nur der Bürger, der ein beachtliches Grundstück sein eigen nannte. Das war bei den meisten Amerikanern der Fall, und deswegen verlangten sie von ihren Regierungen, dass solches Eigentum geschützt werde. Sie taten ihre Arbeit, der Staat sollte die seinige tun. Und da die Hauptaufgabe des Staates war, das Eigentum seiner Bürger zu schützen, durfte er von diesem Eigentum nicht mehr als unbedingt nötig wegsteuern. Genausowenig wie die Kirche dazu da war, ganze Garnituren von kirchlichen Würdenträgern zu finanzieren, war der Staat dazu da, Müßiggänger adliger Abkunft mit Sinekuren und Pensionen zu versehen. Die kolonialen Regierungen waren Muster an Sparsamkeit: es kostete sehr wenig, sie in Gang zu halten; die Kolonisten beurteilten sie, wie sie Menschen beurteilten, indem sie nicht fragten, was sie seien, sondern was sie schaffen könnten. Wie ein Mensch, der seine Arbeit nicht tat, als verderbt galt, so galt auch eine Regierung ab verderbt, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllte. Oberflächlich besehen, sprachen die Kolonisten über Staat und Regierung nicht viel anders ab die Engländer. Die einen wie die anderen betonten die Pflicht des Staates, das Eigentum zu schützen; die einen wie die anderen priesen die Schriften John Lockes; die einen wie die anderen betrachteten die Britischen Inseln ab die Geburtsstätte der Freiheit. England war für die Kolonisten »daheim«, auch wenn sie es nie gesehen hatten; stolz rühmten sie die Schlachten, die Engländer in den Jahrhunderten zuvor für Freiheit, Eigentum und repräsentatives Regierungssystem geschlagen hatten. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass die Worte, die sie im Chor mit den Engländern sprachen, nicht dasselbe bedeuteten, dass sie in Wirklichkeit über so entscheidende Dinge wie Staat, Eigentum oder Gesellschaftsklassen ganz anders dachten ab die Menschen »daheim«. Die Vorstellung, dass sie ihre Bindung an England aufgeben könnten, um sich zu einer besonderen Nation zusammenzufinden, wäre ihnen 1760 nur komisch vorgekommen. Etwas aber lag in der Luft, was gute Beobachter hätten bemerken können: wenn Amerikaner England besuchten, schrieben sie nach Hause über Luxus, Verschwendungssucht und Verderbnis, und urplötzlich hatten sie nicht mehr das Gefühl, sie seien in England »daheim«. » Wenn ich zurückkomme«, schrieb einer, »werde ich Euch eine Menge zu erzählen haben über die Höflichkeit, ich könnte auch sagen: Verlogenheit und Verderbtheit der Menschen hier.« »Sie alle miteinander«, schrieb ein anderer, »sind Schurken. Ich bedaure nicht, dass ich hierhergekommen bin, denn das wird mich lehren, auf meiner kleinen Farm in Amerika zufrieden zu sein.« Es war ein böses Zeichen, dass Amerikaner, die England besucht hatten, sich selbst und ihre Landsleute ab genügsam und fleißig, das Mutterland dagegen ab verschwenderisch und verderbt empfanden. Dass sich hier eine Kluft aufgetan hatte, brachten der großen Mehrheit der Amerikaner die Dinge zum Bewusstsein, die sich zwischen 1764 und 1776 ereigneten. Man brauchte nicht mehr über den Ozean zu reisen, um das zu erkennen. Finanzstreit mit dem Mutterland
Die ominösen Ereignisse begannen mit dem harmlosen Wunsch Englands, bei der Bezahlung der Rechnungen für den Siebenjährigen Krieg einige Hilfe von den Kolonien zu bekommen. Viele Engländer waren der Meinung, dieser Krieg, in dem Kanada den Franzosen und Florida den Spaniern genommen worden waren, sei eigentlich im Interesse der Kolonien geführt worden. War es dann nicht recht und billig, die Kolonien zu bitten, zum Ausgleich eines Staatshaushalts beizutragen, den der Krieg zu einem erschreckenden Umfang aufgebläht hatte? Zum allermindesten, meinte man in England, sollten die Kolonien die Truppen bezahlen helfen, die das Mutterland zur Bewachung der neuen Eroberungen in Amerika belassen hatte. In diesem Sinne beschloss das Parlament 1764 das meistens »Zuckerakte« genannte Gesetz, das die Zollsätze auf verschiedene Einfuhrartikel der Kolonien abänderte und schärfere Erhebungsmethoden für die Eintreibung der Zölle einführte. Die wichtigste Änderung war die Herabsetzung des Einfuhrzolls auf Melasse von sechs auf drei Pence je Gallone: das betraf vor allem die bedeutende Melasseeinfuhr der amerikanischen Kolonien. Der frühere Zoll war so prohibitiv hoch, dass die amerikanischen Importeure ihm mit Bestechung und Schmuggel systematisch aus dem Wege gingen. Nun war ihnen der Schmuggel viel schwieriger und riskanter gemacht worden, und England rechnete damit, dass sie lieber den neuen niedrigeren Zoll entrichten würden, statt sich auf gefährliche Abenteuer einzulassen. Im nächsten Jahr ließ Schatzkanzler George Grenville, der Vater der Zuckerakte, eine weitere Maßnahme - er hatte sie warnend vorher schon angekündigt - folgen: die »Stempelakte«. Eine in Gebührenmarken zu entrichtende Stempelgebühr, nicht in allen Fällen ganz niedrig, traf Rechtsurkunden aller Art und dazu Zeitungen, Kalender und Bücher, ja faktisch fast alle Papiererzeugnisse überhaupt. Die Reaktion der Kolonien auf diese Maßnahmen war so heftig und so allgemein, dass sie sogar die Kolonisten selbst überraschte. Früher hatten sie dem Mutterland ohne weiteres das Recht zugestanden, ihren Handel im Einklang mit den englischen Bedürfnissen zu regulieren: mit Einfuhrzöllen, um bestimmte Wirtschaftszweige abzuschrecken, und mit Begünstigungen, um andere zu fördern. War die Zuckerakte nicht eine regulierende Maßnahme von genau derselben Art? Nun sagte aber die Präambel zur Zuckerakte, das Ziel der neuen Regelung sei die Beschaffung von Einkünften für den englischen Staat. Das war eine Neuerung, die Entrüstung hervorrief. Mehrere Kolonien protestierten dagegen, dass sich ein Parlament, in das sie keine Vertreter entsandten, das Recht herausnahm, Steuern zu verhängen. Der doppelte Zweck des Gesetzes irritierte die Amerikaner. Sie hatten ihre Einwände kaum artikuliert vortragen können, als auch schon der zweite Schlag fiel, die Stempelakte: eine eindeutige Besteuerungsmaßnahme, die nicht einmal vorgab, der Regulierung des kolonialen Außenhandels zu dienen. Die Wirkung war elektrisierend. Am 30. Mai 1765, kurz nachdem die ersten Nachrichten über die Stempelakte in Virginia eingetroffen waren, brachte der junge Anwalt Patrick Henry in der Vertretungskörperschaft der Kolonie Virginia (Home of Burgesses) mehrere Resolutionen durch, die dem Parlament in London das Recht bestritten, das Eigentum der Kolonisten ohne ihre Zustimmung mit Steuern zu belasten. Vertretungskörperschaften anderer Kolonien fassten ähnliche Entschließungen; auf Anregung von Massachusetts entsandten neun Kolonien ihre Vertreter zu einem Kongress nach New York, der wiederum in weiteren Resolutionen bekundete, dass das Recht, die Kolonisten zu besteuern, nur den von ihnen selbst gewählten Vertretungskörperschaften zustehe und niemandem sonst. Während ihre Vertretungskörperschaften noch damit beschäftigt waren, Resolutionen zu beschließen, griffen die Kolonisten aber auch schon zur direkten Aktion, um ihr Eigentum vor englischen Steuern zu bewahren. Von einer erregten Menge wurden die Häuser von Bürgern überfallen, die im Verdacht standen, für die Befolgung der Stempelakte einzutreten. Grüppchen, die sich »Söhne der Freiheit« nannten, suchten die mit dem Vertrieb der Gebührenmarken Beauftragten auf und zwangen sie zum Rücktritt. Kaufleute kamen überein, bis zum Widerruf des Gesetzes keine Waren mehr aus England einzuführen. Als das Gesetz am 1. November 1765 in Kraft treten sollte, wagte in den Kolonien niemand mehr, es zu vollstrecken. Die Gerichte schlossen ihre Türen. Schiffe, die ohne Papiere mit Gebührenmarken nicht auslaufen konnten, lagen vor Anker. Mit diesem passiven Widerstand nicht zufrieden, setzten die »Söhne der Freiheit« mit weniger sanften Methoden binnen wenigen Wochen überall durch, dass Zollbeamte und Gerichte ihre Geschäfte ohne Gebührenmarken verrichteten. Das war Widerstand gegen die Staatsgewalt in weitem Umkreis und konnte leicht zur Folge haben, dass alle Machtmittel des englischen Staates zur Unterdrückung der werdenden Rebellion eingesetzt werden würden. In dieser Situation kündigten die Aufsässigen an, sie würden eher zu den Waffen greifen als sich unterwerfen. Natürlich war das leichter gesagt als getan. Man kann aber mit Sicherheit unterstellen, dass ein entschiedener Versuch, die Stempelakte wirklich anzuwenden, in allen amerikanischen Kolonien, die sich später an der Revolution beteiligten, wilden Widerstand ausgelöst hätte. An den Vorgängen, die die Amerikaner so plötzlich an den Rand der Rebellion brachten, war zweierlei bemerkenswert. Einerseits hatten nur wenige Mitglieder des Londoner Parlaments die Vorstellung, dass sie mit der Besteuerung der Kolonien gegen anerkannte Grundsätze verstießen: die Stempelakte war gegen eine ganz schwache Opposition angenommen worden, und auch die Redner, die das Gesetz angegriffen hatten, bezweifelten nicht das Recht des Parlaments, Beschlüsse dieser Art zu fassen. Anderseits hatten sich aber die Amerikaner in der Überzeugung, dass mit der Besteuerung der Kolonien lebenswichtige Grundsätze verletzt würden, erstaunlich einmütig und entschlossen gezeigt. Die Amerikaner waren keineswegs der Meinung, dass sie sich für etwas Ungewöhnliches oder Neuartiges einsetzten. Sie hielten es für ein natürliches, in allen freien Staaten und gerade in der Verfassung Englands anerkanntes Menschenrecht, dass Eigentum ohne ausdrückliche Zustimmung der gewählten Vertreter der Eigentümer nicht weggesteuert werden dürfe. In Wirklichkeit war das nichts anderes, als was Locke gelehrt hatte, und auch die Engländer hatten wiederholt ihr Einverständnis mit dem von Locke verkündeten Grundsatz bekundet. Indes waren die Engländer so sehr daran gewöhnt, die Mitglieder des Hauses der Gemeinen als Vertreter aller britischen Untertanen zu betrachten, dass ihnen die amerikanische Auslegung eines akzeptierten Grundsatzes als böse und gefährliche Neuerung erschien. Dass die Kolonisten an den Wahlen zum Unterhaus nicht teilnahmen, besagte nichts: auch die meisten Engländer nahmen an ihnen nicht teil. Aber sie alle, Engländer und Bewohner der Kolonien, galten eben als »potentiell« vertreten. Dass die Amerikaner das plötzlich nicht gelten ließen, kam den Engländern unbegreiflich und - darum - revolutionär vor. Den Amerikanern musste aber eben die Theorie von der »potentiellen« Vertretung der Staatsbürger geradezu lächerlich Vorkommen. In Amerika galt der »Repräsentant«, der »Volksvertreter«, als der direkte Beauftragte der Menschen, die ihn wählten; es lag auf der Hand, dass die Mitglieder des Unterhauses als Beauftragte der Menschen in England handelten: gelang es ihnen, die Kolonien zu besteuern, so musste sich das, was sie selbst und ihre Wähler an Steuern zu zahlen hatten, genau um den Betrag vermindern, den die Kolonien aufbrachten. Die in der Stempelakte vorgesehenen Gebühren waren nicht an sich bedrückend; gaben aber die Kolonisten erst einmal zu, dass das Parlament das Recht habe, sie zu besteuern, so begaben sie sich jeder Möglichkeit, die Steuerbeträge zu begrenzen, und dann konnte das Haus der Gemeinen in London alle Finanzierungslasten der Regierung des Mutterlandes auf ihre Schultern abwälzen. Die Kolonisten wären dann zu Sklaven geworden, und ihr Eigentum wäre dem zerstörerischen Zugriff eines Staates ausgesetzt, auf den sie keinen Einfluss hatten und keinen erlangen konnten. Zu den Kosten der Verteidigung des Britischen Weltreiches wollten sie, wenn man sie dazu aufforderte, gern beitragen, aber sie waren nie und nimmer bereit, den Grundsatz gelten zu lassen, dass ihnen ohne ihre Zustimmung Steuern und Abgaben auferlegt werden dürften. Was allen Amerikanern von Neuengland bis Georgia selbstverständlich war, machte auf das Parlament in London keinen Eindruck; Eindruck dagegen machte die Tatsache, dass die Amerikaner die englische Ausfuhr nach den Kolonien abdrosselten. Englische Kaufleute, die ihre Kunden in den Kolonien verloren, überschütteten das Haus der Gemeinen mit Petitionen. Unter ihrem Druck setzte das Parlament die Stempelakte ein Jahr nach ihrer Verabschiedung außer Kraft. Die Kolonisten freuten sich nicht nur über ihren Erfolg, sondern vor allem auch über die höchst bemerkenswerte Einmütigkeit, die sie empfunden und nach außen demonstriert hatten. Seit der Gründung der Kolonien hatten sie miteinander fast ständig über Grenzen, Indianerkriege und politische Fragen gestritten. Die Übereinstimmung war ermutigend und brachte die Amerikaner auf neue Gedanken. »Die Kolonien«, schrieb Joseph Warren in Massachusetts, »waren bis jetzt immer verschiedenen Sinnes und aufeinander närrisch eifersüchtig; sie sind jetzt ... geeint ..., und sie werden das Gewicht, das ihnen diese enge Vereinigung verleiht, nicht so bald vergessen.« In den Jahren, die folgten, vergaßen sie in der Tat nicht die Durchschlagskraft der Einigkeit, wie sie auch nicht vergaßen, dass ihr Boykott englischer Waren die Stempelakte hatte begraben helfen. Sie waren stolz auf die Enthaltsamkeit, Genügsamkeit und Arbeitsmühe der Menschen von einem Ende des Kontinents zum andern, die den Boykott wirksam gemacht hatten. Sie hatten das ihnen angetane Unrecht fast begrüßt, weil es die Tugenden förderte, auf die sie so großen Wert legten. Richard Henry Lee aus Virginia, der später die Verkündung der Unabhängigkeit beantragen sollte, hatte, als er zum erstenmal von der Zuckerakte hörte, zunächst vermutet, das Gesetz sei dazu bestimmt, Amerika in Armut und Abhängigkeit von England zu halten. Aber: »Armut und Unterdrückung«, schrieb er an einen englischen Freund, »unter denen, deren Gemüter mit Ideen der britischen Freiheit angefüllt sind, können tugendhaften Fleiß mit vielen hochherzigen und mannhaften Gefühlen hervorbringen.« So war es denn auch. Hausfrauen hatten sich an die Spindeln und Webstühle gesetzt, und handgesponnene Kleidung war zum Abzeichen der Tugend geworden. Wenn Amerikaner ihrer Einigkeit im Kampf gegen die Stempelakte gedachten, galten ihre stolzen Überlegungen nicht nur der Übereinstimmung in grundsätzlichen Verfassungsfragen, sondern vor allem auch dem »tugendhaften Fleiß«, der bescheidenen Lebensführung und der Opferbereitschaft, mit denen sie auf die angedrohte Armut und Unterdrückung geantwortet hatten. Das Londoner Parlament gab ihnen bald noch mehr Gelegenheit, diese Tugenden zu betätigen. Etwas über ein Jahr nach der Aufhebung der Stempelakte, 1767, brachte der neue Schatzkanzler Charles Townshend eine neue Vorlage zur Besteuerung der Amerikaner ein: diesmal sollten in den Kolonien (natürlich zugunsten des Mutterlandes, nicht der Kolonialverwaltung) Zölle auf die Einfuhr von Blei, Farben, Papier, Glas und Tee aus England gelegt werden. Townshend, der die Tragweite der amerikanischen Einwände gegen englische Finanzgesetze falsch einschätzte, versicherte dem Haus der Gemeinen, diese Form der Besteuerung werde für die Amerikaner akzeptabel sein. Das Haus, das den früheren amerikanischen Widerstand immer noch nicht begriffen hatte, erhob die Vorlage zum Gesetz. Gleichzeitig schuf es eine neue Behörde, das Amt der Zollbevollmächtigten in Boston, mit der Aufgabe, die Erhebung sämtlicher Zölle in Amerika zu organisieren und zu leiten. Auf Townshends Zölle reagierten die Amerikaner nicht anders als auf Grenvilles Gebühren. Die Vertretungskörperschaften der Kolonien sandten Entschließungen und Petitionen nach England, in denen sie ihre verfassungsrechtlichen Einwände gegen eine Besteuerung durch das Parlament wiederholten; die Kaufleute, von den »Söhnen der Freiheit« unter Druck gesetzt, schlossen von neuem Vereinbarungen über die Nichteinfuhr englischer Erzeugnisse ab; überall erinnerten die Amerikaner einander daran, dass Genügsamkeit, Selbstverleugnung und Fleiß ihnen und ihren Vorfahren die Kraft verliehen hatten, aus der Wildnis wertvollen Besitz zu machen und dann, als man ihnen diesen Besitz nehmen wollte, diesen üblen, tückischen Anschlag abzuwehren: jetzt müssten sie aus ihren ererbten Tugenden die Kraft schöpfen, den zweiten Anschlag unschädlich zu machen Samuel Adams, ein Bostoner Politiker, der sich für die Tugendlehre der strengen Einfachheit nach dem Vorbild seiner puritanischen Vorfahren begeisterte, sah in den neuen englischen Zöllen eine Bedrohung der »klaren und offensichtlichen Regel der Billigkeit, wonach der fleißige Mensch ein Anrecht auf die Früchte seines Fleißes hat«. Samuel AdamsSamuel Adams - Gemälde von John Singleton Copley, 1770/72. Boston/Massachusetts, USA. Museum of Fine Arts Die Früchte des Fleißes wurden, so schien es Adams, nicht nur durch die neuen Zölle, sondern vor allem auch durch das neugeschaffene Amt der Zollbevollmächtigten bedroht. Wie alle anderen Amerikaner betrachtete er diese neuen Beamten als überflüssig und nutzlos; er war sicher, dass sie einen ganzen Schwarm von Pensionsbeziehern in die Welt setzen und sich als »schrecklich für die Freiheiten des Volkes« erweisen würden. Dass die Regierungen der Kolonien keine überflüssigen Beamten durchschleppten, machte sie so sparsam im Betrieb; darum konnten auch die kolonialen Steuern im Verhältnis zu denen in England so niedrig gehalten werden. Wenn Amerikaner nach England reisten, machte ihnen gerade der Schwarm der Pensionsbezieher Angst, die da an den Fleischtöpfen des Staates durchgefüttert wurden. Eine neue Zollbehörde, die noch mehr Beamte einstellen würde: das war für die Amerikaner der verhängnisvolle Versuch, auch bei ihnen das britische System der politischen Patronage einzuführen. Und die neuen Zölle schienen zu besagen, dass die Amerikaner für diese unerwünschten und uneingeladenen Botschafter der Verderbnis würden aufkommen müssen. Die Zeitungen sahen in den Zollbevollmächtigten nicht ehrliche, mit einer peinlichen Aufgabe betraute Staatsbedienstete, sondern Schmarotzer, die nach Amerika nur kämen, um sich auf Kosten der fleißigen und arbeitsamen Amerikaner zu mästen. Zu allem Überfluss bestätigte das Verhalten der neuen Zollinspektoren die Vorstellung der Amerikaner von der Korruptheit aller englischen Beamten. Den Zollbevollmächtigten stand ein bestimmter Prozentsatz vom Wert aller beschlagnahmten unverzollten Ware zu, und sie nutzten Unklarheiten im Gesetzestext aus, um ihre eigenen Taschen zu füllen: einwandfreie Warensendungen wurden ebenso rücksichtslos beschlagnahmt wie unverzollte Schmuggelware. Um sich vor gewaltsamen Vergeltungsakten zu schützen, mit denen sie bei ihrer Art der Amtsführung rechnen mussten, führten die Zollbevollmächtigten in London Klage darüber, dass man sie in Boston hindere, die Zölle zu kassieren; ohne militärische Rückendeckung könne die Zollverwaltung einpacken. Und die englische Regierung war töricht genug, den Wunsch der Zöllner zu erfüllen und Truppen zu schicken. Zwei Jahre lang bramarbasierten die Soldaten des Königs in den Straßen Bostons, ohne auf die offene Feindseligkeit der Einwohner zu achten; und im März 1770 feuerte eine Wachmannschaft vor dem Zollhaus in die Menge, aus der sie mit Schneebällen und Ziegelsteinen beworfen worden war. Fünf Amerikaner kamen ums Leben. Auf dem ganzen Kontinent gingen ob des »Massakers von Boston« die Wogen der Entrüstung hoch. Die Soldaten wurden nun auf Verlangen der Bostoner Bevölkerung auf eine Insel im Bostoner Hafen verlegt. Dann kam weitere Entspannung mit der Nachricht, das Parlament habe die Townshend-Zölle aufgehoben und nur den Teezoll beibehalten. Die Konsumabstinenz der Amerikaner und die Boykottabmachungen hatten den Absatz englischer Waren bis auf den Nullpunkt reduziert, und schließlich hatte das Unterhaus den Klagen und Protesten der Kaufleute und Fabrikanten Rechnung tragen müssen. Wieder beglückwünschten sich die Amerikaner zum Triumph der Tugend. Viele wollten am Boykott festhalten, bis auch der Teezoll gefallen sei. Doch die New Yorker Kaufleute brachten wieder Importe ins Land. Natürlich wurden die Kaufleute unpatriotischer Gesinnung bezichtigt; sie waren ohnehin seit jeher die Zielscheibe patriotischen Misstrauens, weil sie keine produktive Arbeit leisteten und auch noch andere verführten, in Luxus zu schwelgen. Allerdings fanden die meisten Amerikaner, dass man der versöhnlichen Geste des Parlaments nicht mit Starrsinn begegnen sollte; sie wollten auch wieder englische Ware kaufen. In allen Kolonien wurde der allgemeine Boykott aufgegeben; weiterhin boykottiert wurde englischer Tee, von nun an zum Inbegriff sündigen Luxus erklärt. (Die lasterhaften Eigenschaften fielen in dem Augenblick von den Teeblättern ab, da sie aus Holland eingeschmuggelt wurden.) Bis zu einem gewissen Grad kehrte gutes Einvernehmen zwischen dem Mutterland und den Kolonien wieder ein, nachdem die Townshend-Zölle 1770 gefallen waren. Lord North, der die Aufhebung beantragt hatte, wurde Premierminister des Königs. Unter seiner Führung entwickelte sich das Verhältnis zu den Kolonien in den folgenden drei Jahren fast ohne Reibungen. Aber nicht wenige Amerikaner - unter ihren Wortführern war Samuel Adams am meisten gefürchtet - hatte mittlerweile die Überzeugung gewonnen, dass Korruption und Sittenverfall in England die amerikanische Freiheit grundsätzlich bedrohten. Adams gründete 1772 in Boston und anderen Städten von Massachusetts Korrespondenzkomitees zur gegenseitigen Unterrichtung über gefährliche englische Schritte. Von Massachusetts griffen die Korrespondenzkomitees auf die übrigen Kolonien Neuenglands über, und 1773 waren sie zu einem umfassenden Verbindungsnetz über die Grenzen der einzelnen Kolonien hinweg geworden. Wieder zeigten die Engländer 1773, wie wenig sie die Menschen verstanden, mit denen sie es in Amerika zu tun hatten. Um diese Zeit war die englische East India Company in finanzielle Schwierigkeiten geraten; sie hätten sich beheben lassen, wenn die Gesellschaft von ihrer großen Teeproduktion mehr hätte absetzen können. Dass die Amerikaner gern Tee tranken, war bekannt; aber um den Townshend-Zoll nicht entrichten zu müssen, verzichteten sie aufs Teetrinken oder tranken geschmuggelten holländischen Tee. Was konnte man für den Teeabsatz tun? Die East India Company durfte ihren Tee direkt nur an Großhändler in England abgeben und musste ihren Umsatz hoch versteuern. In der Teeakte von 1773 befreite nun das Parlament den zur Ausfuhr bestimmten Tee von der englischen Steuer und ermächtigte die East India Company, ihren Tee in Amerika durch eigene Vertreter - unter Umgehung des englischen Großhandels - abzusetzen. Der Teeimport unterlag zwar in den Kolonien nach wie vor dem Townshend-Zoll, aber mit dem Wegfall der englischen Steuer und der Ausschaltung der Zwischenhandelsprofite ließ sich englischer Tee nunmehr sehr viel billiger anbieten, sogar unter dem Preis der holländischen Schmuggelware. Die East India Company hatte also Aussicht auf einen neuen Absatzmarkt und Abwendung des drohenden Bankrotts, die Amerikaner konnten billigen Tee trinken, und England konnte erwarten, durch das Aufkommen aus dem Teezoll für den Ausfall an Teesteuereinnahmen entschädigt zu werden. In dem einleuchtenden Plan steckten zwei Fehler. Erstens: der für Amerika bestimmte Tee sollte zu besonders niedrigen Preisen an eigene Vertreter der East India Company geliefert werden, und wer eine solche Vertretung nicht übertragen bekam, sah darin ein Monopol. Zweitens: der Plan ging von der Annahme aus, dass sich amerikanische Verbraucher mit dem Townshend-Zoll abfinden würden, wenn sie dafür billigen Tee bekämen, und im Chor donnerten jetzt Kaufleute und radikale Politiker wie Samuel Adams, das englische Parlament wolle die Amerikaner mit Bestechungen dazu bringen, eine von ihnen nicht beschlossene Besteuerung zu dulden. Als Schiffe mit Teeladungen eintrafen, taten sich entschlossene Bürger zusammen und brachten den Tee in Lagerhäuser, in denen sich kein Vertreter der East India Company an den Tee heranwagte, oder sie sandten die Schiffe mit voller Fracht zurück. In Boston ordnete aber der englische Gouverneur an, dass nur Schiffe, die ihre Ladung gelöscht hatten, den Hafen verlassen dürften. Kurzerhand luden die Bostoner Bürger den Tee selbst aus und warfen ihn ins Meer. Diese Boston Tea Party begrüßten die Amerikaner mit einem Beifallssturm: endlich hatten sich die Kolonien aufgerafft, ihr geheiligtes Recht zu verteidigen; endlich mussten die Engländer einsehen, dass man ein tugendhaftes und strebsames Volk nicht mit einer Tasse Tee bestechen konnte! Aber die Engländer sahen etwas ganz anderes: Menschen, die ständig die Heiligkeit des Eigentums im Munde führten, hatten sich rauchlos an fremdem Eigentum vergangen, schlimmer noch: sie hatten wertvolles Eigentum vernichtet. Das Parlament beschloss 1774, ein Exempel zu statuieren. Mehrere Gesetze wurden erlassen: bis zur Zahlung einer Entschädigung für den vernichteten Tee blieb der Bostoner Hafen geschlossen, und die Verfassung der Kolonie Massachusetts wurde so abgeändert, dass die Beauftragten der königlichen Gewalt größere Machtbefugnisse erhielten. Das spornte die Kolonisten zu heftigerem Widerstand an; sie glaubten sicher zu sein, dass gemeinsame Not wieder die besten Eigenschaften im amerikanischen Volk hervorkehren werde. Samuel Adams hatte nur Worte des Hohns für die Vorstellung, dass die Schließung des Hafens die Bürger Bostons zur Räson bringen könne. »Die schändlichen Lakaien der Macht«, schrieb er, »malen Not und Elend an die Wand; aber vergebens glauben sie uns einschüchtern zu können; uns schwebt als Leitbild die Tugend unserer Ahnen vor: ihnen waren Schnecken und Muscheln genug. Ich meinerseits bin Umgang mit Armut gewöhnt; und für einen so unerfreulichen Gefährten sie die Wohlhabenden und in Luxus Lebenden, die mit ihr nie vertraut geworden sind, auch halten mögen: ich will mit ihr bis ans Ende meiner Tage in Freuden leben, wenn ich nur damit zur Erlösung meines Landes beitragen kann.« Die Kolonien machen sich selbständig
Boston brauchte nicht lange zu dulden. Die anderen Kolonien nahmen die Belehrung, die ihnen mit den »unerträglichen Gesetzen« erteilt werden sollte, anders auf, als das Ministerium in London es sich gedacht hatte: sie begriffen, dass ihnen, wenn sie Bostons Beispiel befolgten, dasselbe blühte; nur schlossen sie daraus, dass Hilfe für Boston der einzige Ausweg sei. Sofort traten die Korrespondenzkomitees in Aktion; von allen Seiten strömten Waren aller Art nach Massachusetts; Vertreter aller Kolonien wurden zum September 1774 zu einem Kongress nach Philadelphia zusammengerufen: dort sollte die Notlage besprochen und Abhilfe beschlossen werden. Die sechsundfünfzig Abgeordneten, die in Philadelphia zusammenkamen, waren sich nicht von vornherein über das zweckmäßigste Vorgehen einig. Vertreter der »mittleren« Kolonien - New York, Pennsylvania, New Jersey - waren für Mäßigung. Ihr Sprecher Joseph Galloway aus Pennsylvania schlug vor, das Mutterland um einen Umbau der Weltreichsorganisation zu ersuchen: für Amerika sollte als Mittelstufe zwischen dem Parlament in London und den Assemblies der Kolonien eine gewählte Gesamtvertretung geschaffen werden. Diesen Vorschlag brachten gemeinsam die Vertreter des Südens und Neuenglands zu Fall. Am Ende einigte sich der Kongress auf eine Erklärung und eine Reihe von Entschließungen: darin wurden die Rechte präzisiert, die die Kolonisten als Engländer und als Menschen glaubten auf Grund der Gesetze der Natur, der englischen Verfassung und der Satzungen der Kolonien beanspruchen zu dürfen. Der Kongress zählte alle Entscheidungen des Parlaments auf, die diese Rechte verletzt oder eingeschränkt hätten und die aufgehoben werden müssten, wenn wieder Eintracht herrschen sollte. Der Kongress wollte Eintracht und Freundschaft und erkannte auch dankbar den Schutz an, den England der amerikanischen Schifffahrt gewährte; in diesem Sinne war er damit einverstanden, dass das Parlament auch weiterhin den amerikanischen Außenhandel regulierte. Das war allerdings auch die einzige Form der Unterordnung unter das Mutterland, die er noch akzeptierte. Nicht nur die Steuergesetze sollte das Parlament rückgängig machen. Zwar war die Steuergesetzgebung der Kern des Streits zwischen England und seinen Kolonien zwischen 1763 und 1774, aber auch auf anderen Gebieten führten die Kolonisten bewegte Klage darüber, dass ihren Freiheiten Abbruch getan werde: die Zuständigkeit der Geschworenengerichte war eingeschränkt worden, und in einigen Kolonien hatte der königliche Gouverneur die gewählten Vertretungskörperschaften aufgelöst, so dass die gesamte Macht dem vom König ernannten Rat zufiel. Die sich häufenden Übergriffe ließen die Amerikaner immer mehr vermuten, dass die maßgebenden Personen der englischen Regierung ein Komplott ausgeheckt hätten, Schritt für Schritt alle Freiheiten der Kolonien zunichte zu machen. Allmählich waren die Kolonisten auf den Verdacht gekommen, dass das bei ihnen - zum erstenmal seit der Gründung der Kolonien - stationierte Heer nicht, wie behauptet wurde, zu ihrem Schutz da sei, sondern dazu, sie zu versklaven. Noch nie, meinten sie, habe den Kolonien seit ihrer Gründung so wenig Gefahr von außen gedroht. (Frankreich war geschlagen, fast erledigt.) Wozu also das Heer? Mit nicht geringem Entsetzen vernahmen die Amerikaner, dass England in den Frankreich abgenommenen Bezirken ein Regierungssystem errichtet hatte, das keine Volksvertretung kannte, dass dort das französische Zivil-recht galt und die römisch-katholische Kirche zugelassen worden war. Dass England in ihrer nächsten Nachbarschaft ein so despotisches Regierungssystem eingeführt hatte, nahmen sie als Hinweis darauf, was ihnen selbst bevorstand. Um die Zeit, da der Kongress in Philadelphia zusammentrat, waren die Kolonisten von der Schlechtigkeit der Londoner Regierung so sehr überzeugt, dass sie ihr auch Anschläge auf die Freiheiten des Volkes von England unterstellten. »Der gegenwärtige unselige Stand unserer Angelegenheiten«, stellte der Kongress fest, »ist verursacht durch ein um das Jahr 1763 von einem englischen Ministerium beschlossenes ruinöses System der Kolonialverwaltung, das offenbar darauf berechnet ist, diese Kolonien und mit ihnen das Britische Empire zu versklaven.« So hieß es in der Präambel des Gemeinschaftsvertrages, in dem die Abgeordneten übereinkamen, allen Handel mit Großbritannien abzubrechen und »Genügsamkeit, Sparsamkeit und Fleiß zu fördern; und die Landwirtschaft, die Künste und die Gewerbe unseres Landes, sonderlich das Wollgewerbe, zu begünstigen«. Der Kongress setzte hinzu: »Wir werden jede Art von Verschwendung und Ausschweifung missbilligen und bekämpfen.« Aus der offenbaren Freude der Kolonisten an Enthaltsamkeit und Selbsteinschränkung und aus der Beharrlichkeit, mit der sie den Lastern Englands ihre eigenen Tugenden entgegenhielten, ließe sich schlussfolgern, sie seien ein unsympathisches bigottes Pharisäervolk gewesen, und dafür hielten sie in der Tat manche Engländer, die sie besuchten. In Wirklichkeit machten sich die Kolonisten über ihre eigene Unvollkommenheit nichts vor. Von ihrer protestantischen Erziehung her war für sie die Anfälligkeit des Menschen für die Sünde ein Axiom; und obgleich sie glaubten, sie seien mit Genügsamkeit und Fleiß ausgiebiger versehen als ihre englischen Brüder, waren sie sich, wofür es genug Beweise gibt, ihrer eigenen moralischen Gebrechlichkeit vollauf bewusst. Darauf beruhte zum Beispiel eins der Argumente, mit denen in den Kongressberatungen der Vorschlag Joseph Galloways bekämpft wurde. Gegen den Plan einer parlamentarischen Mittelstufe zwischen Parlament und Assemblies machte Patrick Henry geltend, er werde »unsere Wähler von einem verderbten Haus der Gemeinen befreien, sie aber in die Arme einer amerikanischen Legislative treiben, und eine solche Legislative kann ohne weiteres von dieser Nation bestochen werden, die da vor aller Welt zugibt, dass Bestechung ein Bestandteil ihres Regierungssystems ist«. Volkstugenden, auch amerikanische, waren zerbrechlich wie Porzellan und mussten gegen englische Verrottung immunisiert werden. Wiewohl sich die Beziehungen zwischen dem Mutterland und den Kolonien in der Zwischenzeit verschlechtert hatten, hofften die Delegierten, dass ihre Vereinbarungen über Nichteinfuhr und Nichtverbrauch englischer Waren und Unterbindung der Ausfuhr nach England getreulich befolgt werden und doch noch dieselben Resultate würden erbringen können wie die früheren Boykottmaßnahmen. Sie taten, was sie konnten, um die Befolgung des Abkommens zu sichern. Dann beschlossen sie, im Mai des folgenden Jahres einen neuen Kongress abzuhalten, und gingen auseinander. Die Regierung in London bestärkten die Verhandlungen des Kontinentalkongresses in der Meinung, das Mutterland müsse der Unbotmäßigkeit der Kolonien mit Härte entgegentreten und dürfe nicht wieder, wie es das mit der Aufhebung der Stempelakte offenbar getan hatte, klein beigeben. Da das Parlament das Schlimmste befürchtete, untersagte es allen Export von Waffen und Munition in die Kolonien und verhängte über Neuengland das Verbot, mit anderen Ländern als Großbritannien und den britischen Kolonien im Karibischen Meer Handel zu treiben. Im letzten Augenblick sollte freilich noch einmal Verständigung angestrebt werden: das Parlament erbot sich, über Kolonien, die gewillt wären, eigene Steuern auszuschreiben, »um ihren Anteil zur gemeinsamen Verteidigung beizusteuern«, keine Steuermaßnahmen von London aus zu verhängen. Auf eine solche Lösung hatten sich die Kolonien im Streit um die Stempelakte vor vielen Jahren festgelegt. Das Parlament hatte allerdings lieber neue Steuergesetze erlassen, statt entsprechende Quoten festzusetzen, und auch seine letzte Offerte sagte nicht, welche Beiträge es von den einzelnen Kolonien erwartete. Unter solchen Umständen wollten die Amerikaner im Beschluss des Parlaments nichts als den Versuch sehen, in die geschlossene Front des amerikanischen Widerstands eine Bresche zu schlagen. Im Mai 1775 trat der Kontinentalkongress von neuem zusammen. Mit der Abfassung des Entwurfs einer gemeinsamen Absage an das Londoner Parlament betraute er Thomas Jefferson, einen jungen Abgeordneten von Virginia. Die vom Kongress genehmigte Entschließung zeigte, dass die Amerikaner den richtigen Wortführer gefunden hatten. Ihre Vorstellungen von Staat und Regierung, von denen sie nach und nach erkannten, dass sie von den Engländern nicht geteilt wurden, wusste Jefferson in präzise Worte zu fassen. »Wir denken«, hieß es in der Antwort des Kongresses an Lord North, »dass das britische Parlament nicht das Recht hat, sich in unsere Vorkehrungen für die Finanzierung der Zivilregierung oder der Rechtspflege einzumischen. Die Vorkehrungen, die wir getroffen haben, sind Vorkehrungen, die uns gefallen, und unseren eigenen Verhältnissen angepasst; sie tun den wesentlichen Zwecken des Regierens und der Gerechtigkeit Genüge, und anderen Zwecken sollte überhaupt nicht Genüge getan werden. Wir meinen nicht, dass unserem Volk bedrückende Steuern zur Beschaffung von Sinekuren für die Müßigen oder Lasterhaften aufgebürdet werden sollten.« Aus dem forschen Ton der Absage sprach eine neue Zuversicht: die Amerikaner hatten das Gefühl, dass sie in den Kämpfen der voraufgehenden Monate eine Bewährungsprobe bestanden hatten. Die Londoner Regierung hatte den Vollzug der »unerträglichen Gesetze« dem General Thomas Gage, Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Amerika, übertragen und ihn zu diesem Zweck zum Gouverneur von Massachusetts ernannt, und die englischen Truppen waren, dreitausend Mann stark, nach Boston zurückgekehrt. Gage erkannte sofort, dass die bescheidene Truppe nicht genügte. Die fast dreihunderttausend Bewohner der Kolonie Massachusetts verheimlichten nicht ihre feindliche Haltung gegenüber seiner Regierung, und die übrigen Kolonien mit noch zwei Millionen Einwohnern gingen mit Massachusetts durch dick und dünn. Aber Gage wurden die von ihm angeforderten Truppenverstärkungen von London nicht bewilligt; er sollte es vorerst mit dem, was er hatte, auf eine Kraftprobe ankommen lassen. Eine Gelegenheit boten die von den Kolonisten bei ihren Kampfvorbereitungen angelegten Waffenlager. In der Nacht vom 18. April 1775 beorderte Gage eine Abteilung von 700 Mann nach Concord, um einige dieser Waffenlager auszuheben. Er hatte den geplanten Marsch nicht geheimhalten können. Kirchenglocken verbreiteten den Alarm von Stadt zu Stadt, und am nächsten Morgen stand, ab die englischen Truppen heranrückten, eine Abteilung der amerikanischen Miliz auf dem Gemeindeanger von Lexington. Ohne auf Befehle zu warten, eröffneten die Soldaten das Feuer, trafen acht Milizmänner tödlich und setzten ihren Marsch nach Concord fort. Von den Waffenvorräten, denen sie auf der Spur waren, fanden sie nur wenige; dafür stießen sie auf sehr viel mehr Milizmänner, die nicht zögerten, sie anzugreifen. Die Soldaten wurden zum Rückzug gezwungen. Auf der Strecke, die die Engländer auf dem Rückmarsch einschlagen mussten, war überall mehr Miliz herangerückt; auf beiden Seiten der Straße lagen Milizmänner hinter Hecken und Felsblöcken auf der Lauer. Für die Soldaten war es ein Spießrutenlaufen im Kreuzfeuer der bäuerlichen Scharfschützen und am Ende ungeordnete Flucht. Ab sie marode und ramponiert in Boston anlangten, hatten sie ihr Selbstbewusstsein und 273 Mann verloren: tot, verwundet oder vermisst. Die siegreichen Milizmänner schlugen ihr Lager vor Boston auf, und Tausende von Milizmännern aus ganz Neuengland stießen zu ihnen. Faktisch war die Stadt belagert. General Gage mochte künftighin vielleicht noch Gouverneur von Boston sein; Gouverneur von Massachusetts war er nicht mehr. Reguläre britische Truppen in die Flucht geschlagen zu haben, war für die Kolonisten ein aufrüttelndes Erlebnis. Zwei Monate später bekamen sie noch mehr Auftrieb. Am 16. Juni besetzten sie nachts die Anhöhe Bunker Hill in Charlestown jenseits der Bostoner Südbucht, in die der Charles River mündet. Am nächsten Morgen erblickten die Engländer am anderen Ufer hoch über dem Wasser neuaufgeworfene Befestigungen, die sie in heftige Unruhe versetzten. Sie nahmen den Fehdehandschuh auf. Mit Fähren wurden 2000 Soldaten über die Bucht nach Charlestown gebracht. Aus dem Frontalangriff der Engländer wurde die Schlacht von Bunker Hill. Die Anhöhe wurde erobert, aber die amerikanischen Flinten hatten einen gewaltigen Preis gefordert: 228 Tote und 826 verwundete Engländer. Die Verluste der Amerikaner waren wesentlich geringer: 138 Tote, 276 Verwundete, 36 Vermisste. Zwei Wochen und wenige Tage nach der Schlacht von Bunker Hill traf im Hauptquartier der amerikanischen Kräfte vor Boston ein dreiundvierzigjähriger Tabakpflanzer aus Virginia namens George Washington ein. Der Kongress hatte ihn beauftragt, die vor Boston lagernden Milizmänner zu reorganisieren und zum Dienst in der neuen »Kontinentalarmee« anzuwerben. Washington hatte in Kämpfen gegen die Franzosen im Siebenjährigen Krieg militärische Erfahrungen gesammelt; seine Kollegen im Kontinentalkongress, in dem er verschiedene Ausschüsse leitete, beeindruckte er mit seinem sicheren Urteil, seiner standhaften Treue zur Sache der Kolonien und seiner militärischen Haltung. Ihm war eine eigenartige und schwierige Aufgabe zugefallen: er musste eine einheitliche, geschlossene Kampftruppe aus Menschen schmieden, die ihre minimalen Kriegskenntnisse in der Miliz der einzelnen Kolonien erworben hatten, wo sie ihre eigenen Offiziere wählten, Disziplin nicht kannten und zum Dienst nur antraten, wenn direkte und unmittelbare Gefahr drohte. Mit dieser Truppe sollte Washington gegen die Armee und die Marine des mächtigsten Landes der Welt Krieg führen, und nicht zu leugnen war, dass sich sowohl er selbst als auch seine Soldaten dem Feindesland doch noch in Untertanentreue verbunden fühlten. Washington ist es nie gelungen, die nötige Zahl von Menschen für seine Armee zusammenzubekommen, und die Soldaten, die er hatte, blieben nie sehr lange dabei. Amerikaner waren zwar in äußerster Not bereit, dem Ruf zu den Waffen zu folgen und sich zu schlagen, aber in keiner Weise konnten sie sich für das Soldatendasein erwärmen. War keine Schlacht im Anzug, so wollten sie zu Hause sein, ihren Acker bebauen, sich um Frau und Kinder kümmern. Gerade die Tugenden, auf die sie so stolz waren, hielten sie davon ab, in eine reguläre Armee einzutreten. Sowohl für die Gesundheit als auch für die Moral war das Leben im Armeelager notorisch gefahrenreich: jeder wusste, dass Berufssoldaten dem Müßiggang, dem Schwören und Fluchen frönten, und schlimmere Dinge wollte man gar nicht erst nennen. Gegen die Engländer zu kämpfen, war eine akzeptable Sache; es war aber ganz und gar nicht akzeptabel, sich ansteckenden Krankheiten und üblen Lastern auszusetzen, während die eigene Familie Not litt, weil sie den Ernährer verloren hatte. Irgendwie brachte es Washington fertig, 1oooo Mann dafür zu gewinnen, sich mit ihm auf die Gefahren des Soldatendaseins einzulassen; aber die ersten Wagnisse seiner neuen Armee waren wenig erfolgreich. Er hatte gehofft, Kanada auf seiten der Amerikaner in den Krieg zu ziehen, und zu diesem Zweck eine von General Richard Montgomery befehligte Expeditionstruppe nach Kanada beordert. Aber die Kanadier wollten den Emissär der Rebellion nicht freudig empfangen. Montgomery hatte zwar am 13. November 1775 Montreal genommen, aber Pocken, Hunger und Kälte ließen seine Truppen im Winter so zusammenschrumpfen, dass Quebec nicht zu bezwingen war; bei dem Versuch, es zu erobern, kam Montgomery ums Leben. Seine restlichen Truppen gaben im Frühjahr auch Montreal auf und zogen nach dem Süden ab. Kanada blieb der Revolution fern. In Boston war unterdes die Kontinentalarmee größer und disziplinierter geworden, und Washington schickte sich an, den Feind zu stellen. Aber als er am 17. März Dorchester Heights südlich von Boston besetzte, bestiegen die Engländer ihre Schiffe und segelten nach Halifax in Neuschottland. Dass mit dem Abzug der Truppen der Krieg zu Ende sei, glaubte niemand, und inzwischen wurden - ein Jahr kämpfte man schon! - Viele Amerikaner ungeduldig: wenigstens in bezug auf die Unabhängigkeit der Kolonien sollte ein konkreter Schritt gemacht werden. Bis dahin hatten die »mittleren« Kolonien solche Schritte verhindert: sie konnten sich nicht entschließen, ihren Kolonialstatus aufzugeben, und hofften, dass vielleicht ein Kabinettswechsel in London Verständigung bringen werde. Bis Mitte 1776 war die Hoffnung auf Verständigung, ja auch sogar der Wunsch danach, wesentlich geringer geworden. Wenn man sich hier und da noch dem König als treuer Untertan verpflichtet oder dem englischen Volk brüderlich verbunden fühlte, so hatte neuerdings des jungen Engländers Thomas Paine überzeugende Streitschrift Common Sense solche Haltungen erschüttert. Paine, der erst kürzlich eingewandert war, sagte den Amerikanern, dass sich ihre Blutopfer kaum lohnten, wenn sie nur der Aufhebung von Steuergesetzen galten. »Das Ziel«, schrieb er, »für das man streitet, sollte immer im richtigen Verhältnis zum Aufwand stehen... Teuer, sehr teuer bezahlen wir die Aufhebung der Gesetze, wenn das alles ist, wofür wir kämpfen.« Gesunder Menschenverstand wehre sich dagegen, dass die Amerikaner einem König die Treue wahrten, der es billige, dass ihr Blut vergossen werde; gesunder Menschenverstand verbiete es überhaupt, dass sich Menschen Königen unterordneten, denn Könige seien immer eine Quelle des Elends gewesen. Einst sei das englische Regierungssystem dank dem republikanischen Element des Hauses der Gemeinen besser als andere gewesen, aber nun sei auch dies Element dem verderblichen Einfluss des Königs erlegen. Paine fragte: »Warum kränkelt die Verfassung Englands?« Und antwortete sogleich: »Weil die Monarchie die Republik vergiftet und die Krone das Haus der Gemeinen mit Beschlag belegt hat.« In allen Kolonien fanden diese Ansichten lebhafte Zustimmung. Im März 1776 glaubte Eibridge Gerry, Kongressabgeordneter von Massachusetts, mit Sicherheit sagen zu können, dass nur noch die Unabhängigkeit die Wünsche Neuenglands befriedigen könne, »weil nicht nur die Regierung, sondern auch das Volk Großbritanniens verderbt und bar jeder öffentlichen Tugend ist«. Im Mai empfahl der Kongress den Kolonien, alle Spuren der königlichen Autorität innerhalb ihrer Grenzen auszulöschen und an die Zustimmung des Volkes gebundene Regierungen zu errichten. In vielen Kolonien war das bereits geschehen; die übrigen gingen jetzt daran. Und am 2. Juli beschloss der Kongress, »dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und von Rechts wegen bleiben müssen«. Zwei Tage später kam es zu der berühmten Unabhängigkeitserklärung, die diesen Beschluss erklärte und begründete. Die Erklärung hatte ein Ausschuss ausgearbeitet, in dem sich Thomas Jefferson als das eigentlich federführende Mitglied betätigte. Der Kongress begnügte sich nicht damit, die Tyrannei Englands anzuklagen und die Unabhängigkeit der Kolonien zu proklamieren. In den Formulierungen Jeffersons definierte er das Wesen der Amerikanischen Revolution, wie sie die Amerikaner 1776 begriffen. Die Unabhängigkeitserklärung verkündete die Grundsätze, die sich die Amerikaner seit mehr als einem Jahrhundert immer deutlicher bewusst zu machen gesucht hatten. Jetzt endlich traten diese Grundsätze als nationales Glaubensbekenntnis hervor. Das Kernstück dieses Kredos war knapp und prägnant: »Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen als Gleiche geschaffen werden, dass ihnen von ihrem Schöpfer bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen sind und dass zu diesen Rechten das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte unter den Menschen Regierungen errichtet werden, die ihre berechtigten Befugnisse aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass jedesmal wenn sich eine Regierungsform im Hinblick auf diesen ihren Zweck als zerstörerisch zu erweisen beginnt, es das Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und ein neues Regierungssystem zu errichten, indem es die Regierungsfundamente auf den Prinzipien aufbaut und die Regierungsbefugnisse in den Formen organisiert, die ihm als die zur Verwirklichung seiner Sicherheit und seines Glückes bestgeeigneten erscheinen.« Am inhaltsschwersten war die Verkündung, dass alle Menschen als Gleiche geschaffen werden. In erster Linie sollte damit 1776 gesagt sein, dass die Amerikaner den Engländern gleich geschaffen worden seien und darum auf dieselben Rechte wie Engländer Anspruch hätten. Zugleich aber sagten diese Worte noch sehr viel mehr: sie statteten die allgemeine Gleichheit der sozialen Lage, die unter den Amerikanern seit jeher bestanden hatte, mit göttlicher Sanktion als Teil des Schöpfungsplanes aus und brachten mithin zum Ausdruck, dass dort, wo diese Gleichheit nicht vollkommen sein sollte, verbessernde Umgestaltung erfolgen müsse. Im Grunde legte die Unabhängigkeitserklärung mancherlei nahe, was sie nicht konkret sagte; aber solange die Amerikaner in einen Krieg verstrickt waren, hatten sie wenig Zeit, den unumgänglichen Folgerungen aus der Unabhängigkeitserklärung nachzugehen oder geeignete verfassungsmäßige Formen für die Verwirklichung ihrer Grundsätze zu suchen. Der Kongress nahm sich einfach die Befugnisse, die er brauchte, um Krieg zu führen, und die begabtesten und tüchtigsten Amerikaner machten sich mit aller Energie an die Aufgabe, den Krieg zu gewinnen. Größere und weiterreichende Probleme wurden auf spätere Zeiten vertagt. Krieg und Frieden
Erfolgreiche Kriegführung war eine langwierige und deprimierende Aufgabe. Als die Amerikaner ihre Unabhängigkeit proklamierten, hatten sie bereits gegen die Engländer bei Concord und Bunker Hill eine erstaunliche Kraft aufgeboten und sie gezwungen, Boston zu räumen. Aber die britische Kriegsmaschine setzte sich erst langsam in Bewegung. Das Parlament hatte eine Armee von 55000 Mann genehmigt, und als es mit der Anwerbung dieser Armee in England zu lange dauerte, stellte die Regierung 30000 deutsche Söldner ein, darunter 17000 aus Hessen-Kassel. Washington war es nie gelungen, so starke Kräfte für die Kontinentalarmee zu gewinnen; er musste sich häufig auf die Miliz verlassen, die sich in Kriegsoperationen größeren Stils als wenig tüchtig erwies. Schlimmer noch war, dass die englische Flotte der englischen Landarmee jederzeit unter die Arme greifen konnte; die Amerikaner aber hatten nur ganz wenige Kriegsschiffe vom Stapel lassen können. Im August 1776 zog General Howe von Kanada nach New York. Die englische Kriegsmacht wurde in all ihrer Größe vorgeführt: 400 Transportschiffe und 30 Kriegsschiffe mit insgesamt 32000 Soldaten und 10000 Seeleuten. (Die ständige Bevölkerung New Yorks um diese Zeit betrug 25000.) Diese Kräfte fügten Washington in der Schlacht von Long Island eine schwere Niederlage zu; was von der Kontinentalarmee danach noch übrig war, entkam im November über New Jersey in südwestlicher Richtung. Am 7. Dezember überquerte Washington den Delaware. Dann erst machte er halt, um weitere Schritte zu planen. Im eisigen Sturm der Weihnachtsnacht führte er seine Truppe über den Fluss zurück und zog neun Meilen weiter. In Trenton konnte er den Feind im Schlaf überfallen. Er verlor nur 4 Mann und nahm 900 hessische Söldner der Engländer gefangen. Einen weiteren vernichtenden Schlag führte er wenige Tage später gegen die Engländer bei Princeton; sie wichen zurück und bezogen Winterquartier in New Brunswick. Die großartige Wendung des Kriegsgeschicks hob die Stimmung der Amerikaner beträchtlich. Die Kontinentalarmee zog weiter nordwärts und überwinterte in Morristown, keine fünfundzwanzig Meilen von den Engländern entfernt. Seinen nächsten Vorstoß unternahm General Howe gegen Philadelphia, die Hauptstadt der Rebellen. Im Juli 1777 brachte er auf dem Seeweg 15000 Mann aus New York bis an die nördliche Spitze der Chesapeake-Bucht. (Das war ein Umweg, aber auf den kürzeren Strecken wären Kämpfe nicht zu vermeiden gewesen.) Dann traten die englischen Soldaten den Landmarsch nach Philadelphia an. Unterwegs griffen sie sich, was ihnen in die Quere kam: Lebensmittel, Hausrat, Frauen. Am Brandywine Creek versuchte Washington, ihnen den Weg zu versperren. Aber er hatte viel zuwenig Soldaten, und wie auf Long Island gewann Howe die offene Schlacht. Am 26. September besetzte er Philadelphia. Als ihn Washington eine Woche später bei Germantown stellte, wo die meisten englischen Truppen stationiert waren, siegte Howe von neuem. Dann ging’s wieder ins Winterquartier. Für die Kolonisten war das alles sehr entmutigend, aber bei Lichte besehen hatte Howe nicht viel ausgerichtet. Er hatte zwar wiederholt amerikanische Generale geschlagen und New York und Philadelphia, Amerikas größte Städte, genommen, aber keine amerikanische Armee einfangen können, und nur ein geringer Teil des Landes war in seiner Hand. Inzwischen zog im Norden Unwetter herauf. General John Burgoyne, ein eitler, geistreichender Hohlkopf, hatte vom Oberkommando in England die Weisung bekommen, eine Expedition in südlicher Richtung von Kanada über den Champlain-See nach New York zu unternehmen. Er machte sich im Juni von Fort St. John’s aus auf den Weg: mit 4000 Engländern, 3000 Deutschen, 1400 Indianern und einer unterhaltsamen Geliebten, die ihm die Zeit vertrieb. Und zunächst ging alles sehr glatt. Aber am 16. August überfiel John Stark mit der New Hampshire-Miliz eine englische Marschgruppe bei Bennington, wobei 200 Engländer umkamen und 700 gefangen genommen wurden. Fast mit jedem Schritt tappte Burgoyne in eine neue Falle hinein. Seine Indianer, die bald merkten, was los war, machten sich aus dem Staube. In immer größerer Zahl traten Burgoyne amerikanische Truppen unter Horatio Gates und Benedict Arnold entgegen, und bei jedem Zusammenstoß verlor er mehrere Hundert Mann. Am 17. Oktober 1777 ergab er sich schließlich bei Saratoga. Saratoga war eine geschichtliche Wende. Freilich waren die amerikanischen Armeen damit noch nicht aus der Gefahrenzone heraus: militärisch hätte Burgoynes Expedition, auch wenn sie erfolgreich gewesen wäre, wenig bedeutet, und seine Kapitulation verringerte nur unerheblich die britische Truppen- und Materialüberlegenheit. Die Folgen von Saratoga zeigten sich weniger in New York und Philadelphia als in London und Paris. In London begriff allmählich ein etwas behäbiges Parlament, dass England den Krieg verlieren könnte. Das Kabinett beschloss, es sei besser, Frieden zu schließen, und beauftragte eine Delegation unter Führung von Lord Carlisle, den Amerikanern so gut wie alles anzubieten, was sie vordem gefordert hatten: Verzicht auf Besteuerung durch das Parlament von London, Aufhebung der »unerträglichen Gesetze« und Suspendierung aller sonstigen gesetzlichen Bestimmungen, die die Amerikaner seit 1763 beanstandet hatten. Zwei Jahre früher hätten solche Konzessionen die Kolonien wahrscheinlich noch im Empire halten können. Jetzt aber verschaffte ihnen Englands sichtbar dringliches Bedürfnis, sie zurückzuholen, genau die Waffe, die sie noch brauchten, um ihrer Unabhängigkeit Bestand und Dauer zu verleihen: Anerkennung durch Frankreich und französische Hilfe. Von Anfang an hatten die Amerikaner gehofft, von Englands traditionellem Feind Hilfe zu bekommen. Am 29. November 1775 hatte der Kongress einen Geheimausschuss berufen, der sich um die Unterstützung des Auslands bemühen sollte. Ludwig XVI., über den Aufstand der Kolonien Englands entzückt, schickte einen Beobachter, Achard de Bonvouloir, nach Amerika, der den Geheimausschuss mit Ratschlägen versah. Im Sinne seiner Anregungen beschloss der Ausschuss, mit Frankreich Verhandlungen in die Wege zu leiten. Als Unterhändler wählte er Silas Deane, einen schlauen und nicht unkultivierten Yankee. Als Deane am 7. Juli 1776 in Paris eintraf, hatte der französische Außenminister Graf de Vergennes den König bereits überredet, der amerikanischen Rebellion mit Munition und Kriegsmaterial im Werte von einer Million Livres zu helfen. Mehr noch: Spanien hatte es übernommen, denselben Betrag beizusteuern. Die Lieferungen sollten über eine fingierte Handelsgesellschaft erfolgen, der Pierre de Beaumarchais, Verfasser des »Barbier von Sevilla«, Vorstand. Deane brauchte nur zuzugreifen; unklar blieb allerdings, ob es sich um milde Gaben oder um rückzahlbare Kredite handelte. Als Deane in Paris verhandelte, war die Nachricht über die Unabhängigkeitserklärung noch nicht da; im günstigsten Fall konnten die Amerikaner nur um geheimen Beistand bitten. Sie hofften, dass Frankreich nach der Bekanntgabe der Unabhängigkeitserklärung ihre Unabhängigkeit anerkennen und ihnen offenen Beistand anbieten werde. Um Deane bei weitergehenden Forderungen den Rücken zu stärken, entsandte der Kongress zwei weitere Bevollmächtigte nach Paris: Arthur Lee, bis dahin als geheimer Beobachter in London tätig, und Benjamin Franklin, der im Dezember 1776 aus Philadelphia eintraf. Die drei Abgesandten waren gemeinsam ermächtigt, Freundschafts- und Handelsverträge abzuschließen. Um diese Zeit war Amerika für die Franzosen ein von edlen Wilden und fast ebenso edlen Ackerbauern bevölkertes Arkadien, ein mit der Weisheit der Natur begnadetes Paradies. Franklin passte sich den Erwartungen der Schwärmer an: er setzte eine Pelzmütze auf, spielte die Rolle des naturnahen Weisen mit dem nötigen Raffinement und ließ sich von den entzückten Parisern auf den Händen tragen. Aber Vergennes und sein königlicher Chef blieben zurückhaltend. Sie belieferten die Kolonisten und ließen amerikanische Kaperschiffe gelegentlich französische Häfen anlaufen. Sie wollten indes nicht in einen offenen Krieg mit England hineingezogen werden, sofern nicht auch Spanien mitmachte; für Spanien aber war schon ungetarnte Unterstützung der Amerikaner riskant, weil sie die spanischen Kolonien hätte animieren können, das nordamerikanische Beispiel nachzumachen. Als man in Paris am 3. Dezember 1777 von der Schlacht von Saratoga erfuhr, folgerte Vergennes mit Recht, dass der amerikanische Sieg in England Versöhnungsbereitschaft stärken könne; eine Verständigung zwischen den aufständischen Kolonien und dem Mutterland war aber genau das, was er am wenigsten wollte. Die Ängste Vergennes' wusste Franklin mit Geschick auszuschlachten. Obgleich sich Spanien aus seiner Zurückhaltung nach wie vor nicht herauslocken ließ, gab Vergennes nach: er ließ die amerikanischen Unterhändler wissen, dass Frankreich zum Abschluss eines Handels- und Freundschaftsabkommens und eines Bündnisvertrages mit den Amerikanern bereit sei. Am 6. Februar 1778 wurde der Bündnisvertrag unterzeichnet. Seine Bestimmungen hätten für die Vereinigten Staaten gar nicht günstiger ausfallen können. Die vertragschließenden Parteien bekundeten ihre Absicht, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten zu wahren. Für den Fall eines Krieges zwischen Frankreich und England - den die Unterzeichnung des Vertrages unausweichlich machte - verpflichteten sie sich, nur im gegenseitigen Einvernehmen Frieden zu schließen. Frankreich erklärte für alle Zukunft, keinen Anspruch auf englisches Gebiet auf dem nordamerikanischen Kontinent zu erheben; alle englischen Besitzungen, die den Engländern im Krieg entwunden werden könnten, sollten an die Vereinigten Staaten fallen. Dies große Entgegenkommen verdankten die Amerikaner weniger ihrem diplomatischen Geschick als der Tatsache, dass Frankreich grimmig entschlossen war, England um jeden Preis zu schwächen, und jedes Interesse an weiteren Kolonisierungsversuchen in der Neuen Welt verloren hatte. Schon vor dem Vertrag hatten die Amerikaner von der französischen Hilfe weitgehend Gebrauch machen müssen. Der Sieg von Saratoga wäre ohne französische Lieferungen nicht möglich gewesen. Und der finanzielle Beistand Frankreichs festigte den amerikanischen Kredit zu einer Zeit, da der Kongress, dem nicht das Recht zustand, Steuern zu erheben, den Krieg auf die Weise finanzieren musste, dass er die einzelnen Kolonien anbettelte oder Papiergeld drucken ließ. Nicht allen Amerikanern war es recht, dass Frankreich um Hilfe angegangen wurde. Im Sommer 1777, als das Kriegsglück den Kolonien abhold war, vertrat Samuel Adams mit Nachdruck die Meinung, dass es für die Vereinigten Staaten trotz allem das Beste wäre, die Unabhängigkeit aus eigener Kraft zu erkämpfen. »Wir werden erfolgreich sein, wenn wir tugendhaft sind«, stellte er mit großer Zuversicht fest. Sein intelligenterer und begabterer Vetter John Adams war derselben Meinung. John Adams hatte dem Kongress von Anfang an angehört, sich mit Energie für die Unabhängigkeit der Kolonien eingesetzt, den Bau einer eigenen Kriegsflotte gefordert. Um der Kongressarbeit willen hatte er seine Anwaltspraxis und seine Landwirtschaft monate- und jahrelang im Stich gelassen. Er geißelte die »feige Geisteshaltung unserer Landsleute, die sie mit so viel sehnsüchtigen Erwartungen nach einem französischen Krieg lechzen lässt... Sollen wir Frankreich für unsere Freiheit zu Dank verpflichtet sein?« Ähnlich äußerte sich Henry Laurens aus South Carolina: »Wenn wir nicht genug Tugend aufbringen können, um uns selbst zu retten, wird der leichte Zugang zu Frankreichs Schatzamt nur unseren Ruin beschleunigen.« Dennoch waren diese Gegner der Auslandsverpflichtungen nicht sonderlich betrübt, als das Bündnis mit Frankreich zustande kam. Sie gaben ihre Einwände gegen die Hilfe des Auslands nicht auf und meinten weiterhin, dass man sich nicht auf sie verlassen dürfe. Aber sie wussten auch, dass Amerika es sich kaum leisten konnte, auf diese Hilfe zu verzichten. So hofften sie denn auf eine baldige Beendigung des Krieges, mit der die Notwendigkeit fortfallen würde, den Beistand anderer Mächte in Anspruch zu nehmen. Das Bündnis mit Frankreich beschleunigte jedoch nicht das Tempo der Kriegführung und brachte auch keinen unmittelbaren militärischen Erfolg. Faktisch trat Frankreich erst im Juni 1778 in den Krieg ein. Sir Henry Clinton, der Howe als Oberbefehlshaber ablöste, war gerade dabei, Philadelphia aufzugeben und nach New York zu ziehen, wo er einen größeren Feldzug nach dem Süden vorbereiten sollte. Solange es über New Jersey nach New York ging, hielt Washington mit Clinton Schritt, ohne ein Gefecht erzwingen zu können. Nur am 28. Juni gab es einen Zusammenstoß vor dem Gerichtsgebäude von Monmouth, wo General Charles Lee den amerikanischen Angriff gefährlich verpatzte. Clinton gelangte ohne Verluste bis nach New York; hier konnte er auf den Schutz der englischen Marine rechnen. Washington hatte nicht genug Truppen, um ihn aus New York zu vertreiben. Vom Bündnis mit Frankreich erhoffte Washington vor allem Flottenunterstützung: die gewaltige Überlegenheit zur See, die es den Engländern ermöglichte, jedes beliebige Küstengebiet zu beherrschen, sollte gebrochen werden. Trotz allen Bemühungen John Adams' konnte der Kongress kein Geld für eine Flotte aufbringen; es reichte nur für ein paar Kriegsschiffe. Mit einem dieser Schiffe hatte John Paul Jones den Krieg bis an die Britischen Inseln herangetragen, englische Küstenstädte überfallen und englische Schiffe gekapert. Aber so gefährlich war Jones nicht, dass er die englische Flotte hätte aus Amerika fortlocken können. Washington, der sein Lager vor New York aufgeschlagen hatte, wartete vergebens auf die französische Flotte: die englischen Schiffe ließen sich weder verleiten, die Gegner in fremde Gewässer zu verfolgen, noch mussten sie sich in amerikanischen Gewässern zum Kampf stellen. Als der französische Vizeadmiral Graf d’Estaing mit 17 Schiffen und 4000 Mann im Sommer 1778 vor New York anlangte, stiegen die Hoffnungen. Aber ein Sturm zerstreute die Flotte, bevor sie in Aktion getreten war, und im November segelte d’Estaing nach Westindien. Er blieb dort bis zum Herbst 1779; dann segelte er nach Frankreich zurück. Unbehelligt behauptete die englische Flotte ihre Überlegenheit an den Küsten Nordamerikas; ihre Überfälle fügten den Küstenstädten schweren Schaden zu. Während Washington auf die Rückkehr der französischen Flotte wartete, entsandte Clinton, der mehr als genug Mannschaften hatte, ein Expeditionskorps nach Georgia. Am 29. Dezember 1778 fiel Savannah. Was in den nächsten zweieinhalb Jahren folgte, waren Gefechte ohne Entscheidung, meistens weit weg vom strategischen Zentrum New York. Im Westen führten die Amerikaner unter George Rogers Clark erfolgreiche Operationen gegen die Engländer und ihre indianischen Verbündeten durch. (Die Amerikaner unternahmen keinerlei Versuche, die Indianer als Verbündete zu gewinnen.) In New York hielten starke Truppen, die Clinton hinterlassen hatte, die englische Stellung. Clinton selbst segelte mit einer Expeditionstruppe nach South Carolina; am 12. Mai 1780 nahm er Charleston. Dann betraute er Lord Cornwallis seinen tüchtigsten Feldoffizier, mit den Operationen im Süden und kehrte nach New York zurück. Cornwallis stieß weiter ins Innere des Landes vor; am 10. August schlug er die Amerikaner bei Camden (South Carolina). Um den amerikanischen Widerstand im Süden zu stärken, entsandte Washington seinerseits seinen besten Offizier, Nathanael Greene, nach South Carolina. Greene lockte Cornwallis in manchen Hinterhalt und knabberte seine Truppen bald hier, bald dort an (vor allem bei Hannah’s Cowpens am Broad River am 17. Januar 1781 und vor dem Gerichtsgebäude von Guilford am 15. März). Im April 1781 kehrten die beiden Generale einander den Rücken zu: Greene wandte sich nach dem Süden, um weitere englische Vorposten in South Carolina und Georgia hinwegzuräumen, während Cornwallis unter Missachtung der Befehle Clintons auszog, Virginia zu erobern. Bis zum Juni hatte Greene die Engländer in Georgia bis nach Savannah und in South Carolina bis nach Charleston zurückgedrängt; Cornwallis stieß durch Virginia vor und setzte sich in Yorktown fest. Yorktown lag an der Küste, der einzigen sicheren Stätte für eine englische Armee in Amerika; aber sicher blieb die Küste nur, solange die englische Flotte die See beherrschte. Ohne Flottenunterstützung konnte Cornwallis von seinen eigenen Truppen in Charles ton und von Clintons Truppen im Norden abgeschnitten werden. In New York schaute Clinton immer noch unbeweglich auf Washingtons wartende Armee, und Washington wartete weiter auf die französische Flotte. Die Franzosen schickten im Juli 1780 eine Landarmee von 5000 Mann unter dem Grafen de Rochambeau nach Newport (Rhode Island) los, das die Engländer vom November 1776 bis zum Oktober 1779 besetzt gehalten hatten. Die Ankunft der französischen Truppen war für die Bevölkerung ein freudiges Ereignis, aber die Freude wurde gedämpft, als die elf Kriegsschiffe (unter dem Befehl des Grafen Barras) von einer stärkeren englischen Flotte im Hafen eingeschlossen wurden. Im Mai 1781 wurde Washingtons Geduld endlich belohnt: mit 20 Kriegsschiffen war Admiral De Grasse von Frankreich nach dem Karibischen Meer aufgebrochen; ein Teil seiner Kräfte werde, so hieß es, den Landfeldzug in Amerika unterstützen. Nach Beratungen mit Rochambeau beschloss Washington, in New York den entscheidenden Vorstoß zu wagen. Aber am 14. August kam eine neue Nachricht: De Grasse sei mit seiner ganzen Flotte nach der Chesapeake-Bucht unterwegs, werde jedoch nur kurze Zeit bleiben können. Sofort gab Washington den New Yorker Plan auf und eilte nach dem Süden, um Cornwallis noch einmal aufs Korn zu nehmen. Unterdes war Barras mit seiner Flotte aus Newport entschlüpft, und auch er wandte sich - die Schiffe mit Belagerungsgeschützen beladen - nach dem Süden. Auf die Nachricht von dieser Konzentration der feindlichen Kräfte nahmen die englischen Geschwader Kurs auf Chesapeake, mussten aber feststellen, dass Barras und De Grasse mehr Schiffe und mehr Geschütze hatten als sie: die französische Seemacht gab mm endlich doch den Ausschlag. Während die englische Flotte nach New York zurücksegelte, machte sich Washington mit 5700 Kontinentalsoldaten, 3100 Milizmännern und 7000 Franzosen an die Eroberung von Yorktown. Am 19. Oktober, als ihm bereits ein Entsatzkorps aus New York zu Hilfe eilte, gab Cornwallis auf. Unter den Klängen des Marsches »Die Welt ist auf den Kopf gestellt« zogen 7000 Engländer aus Yorktown aus und legten die Waffen nieder. Yorktown war ebenso ein französischer wie ein amerikanischer Sieg. Und da der Krieg ebenfalls ein französischer Krieg war, konnte er in Yorktown nicht zu Ende sein. Frankreich war zum Friedensschluss bereit, aber Spanien gegenüber gebunden. Vergennes hatte, nachdem es am 6. Februar 1778 zum Bündnis mit den Vereinigten Staaten gekommen war, weiterhin versucht, Spanien in den Krieg hineinzuziehen; erst als er versprach, den Krieg fortzusetzen, bis es den Spaniern gelungen sei, den Engländern Gibraltar zu entreißen, ließ sich Spanien zum Mitmachen bewegen. Nun hatten sich aber die Vereinigten Staaten verpflichtet, nicht ohne Zustimmung Frankreichs Frieden zu schließen; auch sie waren also gehalten, auf den Fall Gibraltars zu warten. Anderseits weigerte sich Spanien, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anzuerkennen; auch nachdem es am 21. Juni 1779 in den Krieg eingetreten war, tolerierte es nur widerwillig die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien. Und nachdem es den Engländern das schwächlich verteidigte West-Florida, eine ehedem spanische Besitzung, abgenommen hatte, erschöpfte sich seine Mitwirkung am Krieg in der Blockade Gibraltars. Obschon Georg III. den Krieg weiterführen wollte, waren die meisten Engländer nach der Niederlage von Yorktown bereit, den Kampf um die Kolonien aufzugeben. Am 20. März 1782 wurde Lord North zum Rücktritt gezwungen; der König musste ein friedensfreundliches Kabinett berufen, das sogleich Beauftragte zur Fühlungnahme mit amerikanischen Emissären nach Frankreich entsandte. König Georg III.König Georg III. von England - Gemälde von Benjamin West, 1779. Windsor, Royal Collection Der Kongress hatte, als er im August 1779 optimistischer weise John Adams als bevollmächtigten Gesandten nach Frankreich abordnete, zum erstenmal die amerikanischen Kriegsziele formuliert. Adams hatte die strikte Weisung, keinerlei Friedensverhandlungen mit Großbritannien zu führen, solange es die Vereinigten Staaten nicht als souveränen, freien und unabhängigen Staat anerkannte. War die Anerkennung erst einmal erreicht, so hatte er den Auftrag, auf bestimmten Grenzen für den neuen Staat zu bestehen: dem Mississippi im Westen dem 31. Breitengrad und den Flüssen Flint und St. Mary im Süden und ungefähr der schon bestehenden Grenze im Norden. Im Juni 1781 überredete der französische Botschafter Chevalier de la Luzerne den Kongress, die Friedensbedingungen zu revidieren. An die Stelle des Einzelunterhändlers John Adams trat eine fünfköpfige Delegation: Adams, John Jay (Gesandter in Spanien), Franklin (Gesandter in Frankreich), Henry Laurens (als Gesandter für die Niederlande bestimmt, aber unterwegs von den Engländern festgenommen und im Londoner Tower gefangen gehalten) und Thomas Jefferson (der nicht reisen konnte und aus der Delegation ausschied) . Die der Abordnung mitgegebenen Instruktionen waren nicht sonderlich energisch: sie sollte weiterhin vor allen Friedensgesprächen die Anerkennung der amerikanischen Unabhängigkeit durch England verlangen, aber es stand ihr frei, jede Regelung »je nach den Umständen, je nach der Situation des kriegführenden Staates und je nach der Haltung der vermittelnden Mächte« zu akzeptieren. Schlimmer noch: die Kommission durfte ohne Wissen und Einverständnis Frankreichs nichts unternehmen und hatte sich nach der Meinung und den Ratschlägen der Franzosen zu richten. Damit waren die amerikanischen Unterhändler faktisch den Befehlen Vergennes' unterstellt, was keinem von ihnen behagte. Nun erhielten sie auch noch die geheime Nachricht, dass Vergennes die amerikanische Forderung nach vorheriger Anerkennung der Unabhängigkeit nicht unterstützen werde; sein Sekretär Rayneval habe, so hieß es, den Engländern insgeheim nahegelegt, eine weit östlich vom Mississippi verlaufende Grenze zu verlangen, wobei das den Amerikanern vorenthaltene Gebiet zwischen Spanien und England aufgeteilt werden sollte. Die amerikanische Delegation zog es unter diesen Umständen vor, lieber mit den Engländern separat zu verhandeln, als an einer Friedenskonferenz unter französischer Vormundschaft teilzunehmen. Sie missachtete bewusst ihre Instruktionen und knüpfte, ohne auf der vorherigen Anerkennung der Unabhängigkeit zu bestehen, Gespräche mit den englischen Vertretern an; Vergennes wurde mit Absicht nicht informiert. Trotzdem konnten die amerikanischen Unterhändler nicht alles aushandeln, was sie gern ausgehandelt hätten. Franklin hatte auf Kanada als vierzehnten amerikanischen Staat gebaut und außerdem gehofft, für den amerikanischen Handel Empire-Präferenzen zugestanden zu bekommen. Er erhielt weder das eine noch das andere. Immerhin hatten die amerikanischen Unterhändler das Interesse Englands an einer Auflösung des amerikanisch-französischen Bündnisses für sich nutzbar machen können: sie erreichten sowohl die Anerkennung der Unabhängigkeit als auch die ursprünglich in den Instruktionen für Adams vorgesehenen Grenzen. Vergennes wurde erst unterrichtet, als der diplomatische Triumph bereits vollendete Tatsache war: am 30. November 1782 wurde der vorläufige englisch-amerikanische Vertrag unterzeichnet. Genaugenommen verstieß das Abkommen nicht gegen das amerikanisch-französische Bündnis, denn der endgültige Vertrag mit England sollte erst nach Abschluss eines Vertrages zwischen England und Frankreich in Kraft treten. Der geschickte Streich der amerikanischen Unterhändler gab Vergennes dazu noch die Möglichkeit, Spanien unter Druck zu setzen: am Ende ließ Spanien den Kampf um Gibraltar fallen und begnügte sich mit Ost- und West-Florida und Menorca. Die endgültigen Verträge wurden am 3. September 1783 in Paris unterschrieben. Und am 25. November verließen die letzten englischen Truppen New York. Republikanische Tugenden und Laster
Der Krieg war gewonnen, der Friedensvertrag unterzeichnet und die englische Armee abgezogen. Nun prüften die Amerikaner, was sie vollbracht hatten, und fanden es gut. Obgleich sie sich von Frankreich hatten helfen lassen müssen, um den Sieg davonzutragen, waren sie durch den Krieg zu Gedanken und Taten gebracht worden, die sie sich gern zugetraut hätten, von denen sie aber nicht wirklich geglaubt hatten, dass sie sie zuwege bringen könnten. Sie hatten es also doch geschafft! Dazu schrieb David Ramsay, ein Arzt aus South Carolina: »Als der Krieg anfing, waren die Amerikaner eine Masse von Landwirten, Kaufleuten, Handwerkern und Fischern; aber die Erfordernisse des Landes verliehen den tätigen Fähigkeiten der Einwohner einen Auftrieb und bewogen sie dazu, in einer Richtung, die weit über das hinausging, was sie gewöhnt waren, zu denken, zu sprechen und zu handeln... Es schien, als ob der Krieg Talente nicht nur benötige, sondern auch schaffe. Menschen, deren Gemüt sich an der Liebe zur Freiheit entzündete und deren Fähigkeiten durch tägliche Übung vervollkommnet und durch den lobenswerten Ehrgeiz, ihrem notleidenden Land zu dienen, geschärft wurden, sprachen, schrieben und handelten mit einer Energie, die alle auf ihre früheren Leistungen vernünftigerweise abgestellten Erwartungen bei weitem übertraf.« Wer hätte auch in der Tat vermutet, dass zweieinhalb Millionen Kolonisten, die von den Segnungen der europäischen Zivilisation abgeschnitten waren, einen Diplomaten von dem Geschick eines Benjamin Franklin, einen Militärstrategen wie Washington oder Staatsmänner wie Thomas Jefferson und John Adams hervorbringen würden? Gewiss kann man Franklin, dem man schon vor dem Krieg Genialität zugebilligt hatte, als einmaliges Genie hinwegerklären, das überall erstehen könnte; die anderen aber hätten ohne die Revolution niemals die Herausforderung verspürt, deren Bewältigung sie erst zu echter Größe hat aufsteigen lassen. Die Herausforderung endete nicht mit dem Krieg. Die Amerikaner hatten die Unabhängigkeit gewonnen, aber hatten sie auch das Zeug, sie zu erhalten? Sie hatten ihre Freiheiten von der englischen Tyrannei erlöst, aber konnten sie es auch verhindern, dass sich Tyrannei in ihrem eigenen Staat entwickelte? Sie glaubten an ihre Chancen - mit einem republikanischen Regierungssystem. Zu Beginn des Krieges, als die Autorität der königlichen Behörden zusammenbrach, hatten die einzelnen Kolonien außergesetzlich ihre Konvente gewählt, die das Geschäft des Regierens besorgten und republikanische Verfassungen für die neuen Staatsgebilde ausarbeiteten. Thomas Jefferson hielt diese neuen Staatsgebilde für die besten, die die Welt je gesehen hatte. In jedem von ihnen war die gesetzgebende Gewalt einer regelmäßig, in den meisten Fällen jährlich vom Volke gewählten Legislative (die außer in Pennsylvania aus zwei Kammern bestand) übertragen. Der in den meisten Fällen von der Legislative gewählten Exekutive standen im Allgemeinen nur geringe Machtbefugnisse zu, zweifellos weil für die Kolonisten Exekutivgewalt ungefähr dasselbe bedeutete wie Monarchie. Die meisten Verfassungen enthielten Erklärungen der Staatsbürgerrechte, in denen die der Einwirkung des Staates prinzipiell entzogenen Bereiche der persönlichen Freiheit - wie Rede- und Pressefreiheit und das Recht auf Aburteilung durch Geschworene - konkret festgelegt waren. Von vornherein war beabsichtigt, dass die Regierungen in diesen Staatsgebilden schwach sein sollten, denn in einer Republik muss nicht die Regierung, sondern das Volk stark sein, so stark - im Gegensatz zu den geknechteten Völkern Europas -, dass es den Staat vor jeder Art Tyrannei, Verderbtheit und Verschwendung zu bewahren vermag. In der Geschichte der Welt waren republikanische Regierungssysteme nur selten vorgekommen; beim Studium der Historiker und Chronisten fanden die Amerikaner, dass solche Regierungssysteme nur Menschen geglückt waren, die so beschaffen waren, wie sie selbst es zu sein vermeinten: einfach, sparsam, fleißig und nicht durch strenge Klassenunterschiede belastet. Die Römer hatten sich der republikanischen Regierungsform erfreut, solange sie sich diese Charaktermerkmale bewahrten, und hatten sie verloren, nachdem Verschwendung sie übermannt hatte und mit ihr Aristokratie und Korruption eingezogen waren. Die Holländer und die Schweizer hatten sich ein republikanisches Regierungssystem gegeben, als sie das Joch der Tyrannen abwarfen; sie waren damit der Knechtschaft entronnen, die alle Unterschiede verwischte und nur die Genügsamen und Fleißigen überleben ließ. Aber in den Niederlanden hatte der Fleiß, ohne den man unter dem spanischen Joch nicht überleben konnte, in Freiheit Wohlstand und damit Verschwendung und Verderbnis hervorgebracht. Auch in den Niederlanden waren Tugend und republikanische Regierungsform zusammen verfallen. Als sich die Amerikaner ihre eigenen Aussichten beschauten, freuten sie sich ihrer Wahlverwandtschaft mit den alten Römern und den tapferen Holländern; sie hielten sich aber den Untergang dieser früheren Republiken und dessen Ursachen vor Augen und trieben einander dazu an, die Tugenden zu pflegen, in denen allein sie das Unterpfand ihrer Freiheiten zu sehen glaubten; diese Tugenden begann man jetzt die republikanischen zu nennen. Zum Abschluss seiner Chronik der Revolution ermahnte der Mediziner Ramsay seine amerikanischen Leser: »Übt Fleiß, Genügsamkeit, Enthaltsamkeit, Maßhalten und das ganze wunderschöne Aufgebot Republikaner Tugenden... Habt Ehrfurcht vor dem Pflug, der Hacke und allen Gerätschaften der Landwirtschaft. Ehret die Menschen, die mit ihren eigenen Händen ihre Familien erhalten und ihre Kinder so erziehen, dass sie schwere Arbeit gewöhnt und ihre Heimat zu verteidigen imstande sind. Rechnet die Notwendigkeit der Arbeit nicht zum Fluch des Lebens, sondern zu seinen Segnungen.« Mit republikanischen Tugenden und republikanischen Staatsgebilden hofften die vereinigten amerikanischen Staaten, die Freiheiten, die sie hochschätzten und als natürliches Recht aller Menschen ansahen, zu erhalten und ihren Anwendungsbereich auszudehnen. Gelang es ihnen, die Freiheit in der Neuen Welt blühen und gedeihen zu lassen, so konnten sie vielleicht selbst zum Vorbild und Antrieb für die Völker Europas werden und ihnen den Mut eingeben, Monarchie und Aristokratie abzuwerfen. Darin lag die Hoffnung der Amerikaner, der ganzen Menschheit dazu zu verhelfen, die verlorenen Rechte wiederzuerwerben, mit denen sie die Natur und der Gott der Natur ursprünglich ausgestattet hatten. Natürlich hatte die Beseitigung der alten kolonialen Regierungen keinen vollständigen Bruch mit der Vergangenheit bedeutet. Die neuen Staatsgebilde behielten in der Regel die Gebietsgrenzen der alten, und sie versuchten nicht, die geltenden Gesetze durch ein ganz neues System von Gesetzen zu verdrängen. Aber während des Krieges und unmittelbar danach revidierten sie ihre Gesetze, um sie mit den republikanischen Gleichheitsgrundsätzen in Einklang zu bringen. In allen Staaten wurden das Erstgeburtsrecht und der Fideikommiss, wonach testamentarisch nicht geteiltes Vermögen dem ältesten Sohn allein zufiel, abgeschafft; stattdessen sollte das Vermögen des Verstorbenen seinen Kindern zu gleichen Teilen zugute kommen. Mancherorts wurde das Wahlrecht ausgeweitet; mancherorts gab es Verbesserungen in der Verteilung der Parlamentssitze auf die Bevölkerung. Die meisten Staaten verhalfen der Freiheit und Gleichheit in der Religionsübung zu uneingeschränktem Ausdruck, indem sie allen Kirchen die staatliche Finanzierung versagten. Ein Ansturm setzte ein auf die Sklaverei, die unrepublikanischste aller republikanischen Einrichtungen. Sklaverei beraubte nicht nur die Versklavten der Früchte ihres Fleißes, sondern machte es auch noch anderen Menschen möglich, ohne Fleiß zu leben. Unseligerweise aber waren die Sklaven zugleich auch eine Form des Eigentums, und nicht jeder war zum opferreichen Verzicht auf solches Eigentum bereit. Die meisten Staaten verboten jede weitere Einfuhr von Sklaven, und die nördlichen Staaten schufen auch Vorkehrungen für die graduelle oder sofortige Abschaffung der Sklaverei. Im Süden gab freiwillige Freilassung Tausenden von Sklaven die Freiheit. Aber unendlich viel mehr Menschen blieben Sklaven und erinnerten die Amerikaner daran, dass ihre Tugend weit hinter dem zurückblieb, was die Natur und der Gott der Natur von Republikanern verlangten. Das Fortbestehen der Sklaverei war allerdings nur eines der Gebrechen, die sich die Amerikaner vorzuwerfen hatten und die vielen von ihnen hinsichtlich der möglichen Lebensdauer der neuen Nation Zweifel einflößten. Niemand konnte die Habgier vergessen, die sich während des Krieges Seite an Seite mit patriotischer Selbstaufopferung breitgemacht hatte. Die plötzliche Schaffung einer Kontinentalarmee, die verpflegt und gekleidet werden musste und die ständig von einem Ort zum andern zog, hatte denen, die das Allernotwendigste lieferten, ungeheure Gewinnmöglichkeiten eröffnet. Dadurch aber, dass so viele Menschen produktiver Arbeit entzogen waren, verringerte sich das verfügbare Warenangebot und wuchs die Nachfrage. In dieser Situation konnte der Kaufmann von Klugheit reden, der alles aufkaufte, was in Reichweite war: Lebensmittel, Bekleidungsgegenstände und was nicht alles. Und der konnte von überdurchschnittlicher Klugheit reden, der sich auf solche Gegenstände des täglichen Bedarfs, lange bevor sie den Markt erreichten, das Vorkaufsrecht gesichert hatte. Solche Voraussicht braucht nichts anderes zu sein als gesunde kaufmännische Verfahrensweise, und sie kann sogar dem Lande zum Vorteil gereichen. Aber natürlich gab sie dem Kaufmann, der sie in Kriegszeiten übte, die Gelegenheit, exorbitante Preise zu diktieren. Mit Bitterkeit erinnerten sich die Amerikaner daran, auf wie skrupellose Weise gewinnsüchtige Händler alle Warenvorräte zusammengekauft und skandalöse Profite eingeheimst hatten, während ihre Nachbarn Not litten und die Kontinentalarmee in Lumpen und Fetzen gekleidet ihre Schlachten schlug. Sogar in der Armee und im Kongress hatten sich Habgier und Korruption eingenistet. Wegen gefälschter Abrechnung waren 1778 sowohl der Generalkommissar der Intendantur als auch sein Stellvertreter aus dem Dienst entlassen und verhaftet worden; manche Ärzte wurden beschuldigt, an der Lieferung von Arzneimitteln für Kriegslazarette über Gebühr verdient zu haben. Die skandalöseste und erschreckendste Korruption hatte sich freilich dort eingestellt, wo die Versorgungsprobleme zentral geregelt wurden: unter den Regierungsbeauftragten, denen es zuerst oblag, Hilfe aus Frankreich zu erlangen und in die richtigen Kanäle zu leiten. Silas Deane, der erste amerikanische Regierungsagent, war in der Absicht nach Frankreich gekommen, nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für sich Nützliches zu tun. Er hatte die entsprechenden geschäftlichen Vereinbarungen mit dem Kaufmann Robert Morris aus Philadelphia getroffen, der als Kongressmitglied dem mit der Überwachung und Lenkung der Auslandsmission Deanes betrauten Kongressausschuss angehörte. Auch Morris hatte keinen Grund gesehen, warum er im Dienst für das Vaterland sein privates Vermögen vernachlässigen sollte. Kaum war Deane in Frankreich eingetroffen, als Morris ihm schrieb, dass die Versorgung des (von der altgewohnten englischen Ware abgeschnittenen) amerikanischen Marktes mit französischen Erzeugnissen »Ihre größte Mühewaltung und Aufmerksamkeit verdient, soweit Ihnen der Sinn danach steht, Geld zu verdienen, denn es hat noch nie, seit ich mit der Welt vertraut bin, eine so günstige Gelegenheit gegeben, zu großem Vermögen zu kommen«. Für Morris und Deane war es nichts Ungehöriges, ein öffentliches Amt zu privater Bereicherung zu benutzen. Beide brachten private Mittel und öffentliche Gelder in Handels- und Schmuggelgeschäften durcheinander, und keiner Untersuchungsbehörde ist es je gelungen herauszubekommen, was wem gehörte. Morris betrieb das Geschäft so geschickt, dass er, als der Krieg zu Ende war, an der Spitze des Finanzwesens des Kongresses stand und ein beträchtliches neuerworbenes Vermögen sein eigen nannte. Deane jedoch, der freilich nie der Unterschlagung überführt werden konnte, geriet in so argen Verdacht, dass der Kongress es ablehnte, seine Rechnungen zu begleichen. (Allerdings hatte Deane auch keinerlei Belege vorgelegt.) Mit der Korruption an hoher Stelle kam auch eine Auflockerung der Genügsamkeit und Selbstversagung, die den frühen Widerstand gegen die Engländer ausgezeichnet hatte. Als französische Importware verfügbar wurde, fanden Menschen auf diese oder jene Weise genug Geld oder Kredit, um sich Putz und Schmuck und sonstige Luxuswaren zu gönnen; die strengen Sitten der Kriegszeit versanken in Tanzabenden und Feuerwerksveranstaltungen. Missbilligend schüttelten glühende Patrioten ihr Haupt; sehnsüchtig gedächten sie des kargen Lebens, das wenige Jahre zuvor geherrscht hatte. Als die Bostoner Miliz 1778 ein Bankett veranstaltete, prophezeite Samuel Adams, so sittenlose Menschen würden einem Feind nie wieder gefährlich werden. »Sind wir«, fragte er, »an einem solchen Höhepunkt der Leichtfertigkeit und Ausschweifung angelangt, dass der Gedanke des Festefeierns jeden Funken öffentlicher Tugenden zum Erlöschen bringen muss...? Werden wir nie wieder diese Nüchternheit der Sitten, diese Mäßigkeit, Genügsamkeit, Seelenstärke und all die anderen Mannestugenden sehen, die einst der Ruhm und die Stärke meiner so sehr geliebten Heimatstadt waren?« Einst hatte Adams gehofft, Boston als das Sparta Amerikas gedeihen zu sehen. Die Hoffnung war begraben. Schon während des Krieges hatten Patrioten in allen Kolonien über den Verfall der amerikanischen Tugend in ähnlichem Sinne lamentiert und sich über die verhängnisvollen Folgen, die der amerikanischen Nation daraus erwachsen müssten, den Kopf zerbrochen. Jetzt entdeckten sie aber auch noch andere Beweise dafür, dass sich die Nation nicht der besten Gesundheit erfreute: je älter die Vereinigung der amerikanischen Staaten wurde, umso uneiniger schien sie zu sein. Zu Beginn der Kämpfe, als sich die Amerikaner zuerst im Kontinentalkongress zusammengefunden hatten, setzten sie die Empfehlungen dieser gemeinsamen Vertretung mit großer Entschlossenheit in die Praxis um. Obgleich sich eine nicht unbedeutende Minderheit von Königstreuen von Anfang an der Revolution widersetzte, wurde sie an Zahl und Begeisterung von den Patrioten ausgestochen, die über Volkskomitees und Volkskonvente die Beschlüsse des Kongresses zu verwirklichen trachteten. Diese Konvente hatten geschriebene Verfassungen beschlossen und in allen Kolonien die Staatsmacht übernommen; aber sie erwarteten immer noch, dass der Kongress ihnen die richtige Führung gebe, und der Kongress seinerseits bekundete sein Selbstvertrauen als Organ des allgemeinen Willens, indem er eine Armee organisierte, Papiergeld ausgab, um sie zu finanzieren, und schließlich die Unabhängigkeit des Landes proklamierte. Indes hatte der Kongress keine formale Vollmacht, all diese Dinge (oder überhaupt irgendetwas) zu tun, denn er bestand nur insoweit, als die einzelnen Kolonien, zu Staaten geworden, seine Beschlüsse einmütig guthießen. Der Legislative eines jeden Staates stand es frei, die Empfehlungen des Kontinentalkongresses zu befolgen oder nicht zu befolgen. Natürlich waren alle der Meinung, dass die neue Nation eine zentrale Regierung mit bestimmten Befugnissen haben müsse; schon vor der Unabhängigkeitserklärung hatten Kongressausschüsse angefangen, Entwürfe einer Verfassung vorzubereiten. Aber jedesmal wenn die Frage der Zentralregierung auf der Tagesordnung stand, zeigten sich schwere Differenzen: über die anteilige Aufbringung der Ausgaben, über die Verteilung der Kongress sitze auf die einzelnen Staaten und über die Landansprüche im Westen, die von einigen Staaten geltend gemacht wurden. Erst Ende 1777 konnte sich der Kongress auf die erste Verfassungsurkunde, die »Artikel der Konföderation«, einigen, und erst im Februar 1781 hatte auch der letzte der dreizehn Staaten den Artikeln seine Zustimmung gegeben. Die alten Staaten der USADie 13 alten Staaten der USA Die Schwierigkeiten, die sich' den Amerikanern bei der Schaffung einer Zentralregierung aufdrängten, rührten zum Teil daher, dass ihnen die nötigen Erfahrungen fehlten: unter englischer Herrschaft waren zentrale Machtbefugnisse nur von London aus wahrgenommen worden, und kein Kolonist war daran je beteiligt worden. Die Amerikaner waren aber auch dadurch behindert, dass sie sich über das Wesen ihrer Vereinigung und darüber, wie sich darin republikanische Gesinnung geltend machen sollte, nicht klarwerden konnten. Diese Verwirrung hatte bereits in der Unabhängigkeitserklärung ihre Spuren hinterlassen. Die Präambel zur Unabhängigkeitserklärung ging von der Voraussetzung aus - von der ihre Verfasser zweifellos überzeugt waren -, dass die Amerikaner ein einig Volk seien und dass sie sich mit der Lösung der Bande, die sie an Großbritannien geknüpft hatten, als ein geeintes Volk zur Geltung brächten. Aber die Schuhabsätze der Erklärung führten in das neue Staatsgebilde von neuem die Idee eines auf einer Vielzahl von Staaten beruhenden Vertragsverhältnisses ein. Da hieß es, »dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und von Rechts wegen bleiben müssen;... und dass sie als freie und unabhängige Staaten das uneingeschränkte Recht haben, Krieg zu führen, Frieden zu schließen, Bündnisse einzugehen, Handel zu treiben und alle anderen Hoheitsakte und sonstigen Handlungen vorzunehmen, die unabhängige Staaten Rechtens vornehmen dürfen«. Dass den einzelnen Staaten in dieser pluralistischen Ausdrucksweise ein besonderes Gewicht beigemessen wurde, besagte indes nicht, dass die Amerikaner in ihrer Entschlossenheit, ein geeintes Volk zu sein, wankelmütig gewesen seien. Vielmehr spiegelte sich darin wider, wie sehr sie der republikanischen Staatsidee verhaftet blieben, die in der amerikanischen Vorstellung an die Existenz der einzelstaatlichen Regierungen gebunden war. Anderthalb Jahrhunderte lang hatten die Amerikaner als Bewohner der englischen Kolonien die Idee reifen lassen, dass ihre einzelstaatlichen Vertretungskörperschaften die großen Garanten der Freiheiten der Völker seien. Die kolonialen Vertretungskörperschaften waren die Wiege des amerikanischen Republikanismus, und zu seinem Sinnbild waren die Legislativen der neuen Staaten geworden. In der Tat waren die Amerikaner zutiefst überzeugt, dass republikanische Gesinnung nur durch Vermittlung ihrer einzelstaatlichen Regierungssysteme betätigt werden könne, denn im 18. Jahrhundert herrschte allgemein die Vorstellung, dass sich große Staatsgebiete nicht republikanisch regieren ließen. In einer Republik von großer Ausdehnung sei die zentrale Legislative von ihren Wählern notwendigerweise so weit entfernt, dass sie über kurz oder lang der Kontrolle der Wähler entgleiten und damit auf hören müsse, republikanisch zu sein. Volksvertreter, die von ihren Wählern zu weit entfernt seien, als dass sie von ihnen ständig überwacht werden könnten, müssten korrupt werden, ihre Macht missbrauchen und sehr bald, statt Diener des Volkes zu sein, zu Herren über das Volk werden. Dieser Gefahr hofften die Amerikaner ihre Vereinigten Staaten dadurch entrücken zu können, dass sie ihre Nation zu einem Staatenbund von dreizehn kleinen Republiken machten, von denen jede eine eigene Volksvertretung erhielt. Die Artikel der Konföderation waren der Konstruktionsentwurf für einen solchen Bund der in ihren Beziehungen zu anderen Staaten vereinten, aber in ihren inneren Angelegenheiten getrennten Staaten. In dieser ersten Verfassungsurkunde war ein Konföderationskongress nach dem Muster des bereits vorhandenen Kontinentalkongresses vorgesehen. Jeder Staat sollte unabhängig von seiner Größe nur eine Stimme haben; diese Stimmen sollten die von der Staatslegislative gewählten Abgeordneten abgeben; zu den gemeinsamen Ausgaben sollte jeder Staat durch Selbstveranlagung nach Maßgabe des Wertes seines Landbesitzes beisteuern; keinem Staat durften seine Ländereien im Westen zugunsten der Vereinigten Staaten fortgenommen werden; und jeder Staat behielt seine »Souveränität, Freiheit und Unabhängigkeit und alle Befugnisse, Zuständigkeiten und Rechte«, sofern sie nicht ausdrücklich auf den Kongress übertragen waren. Im Rahmen dieser übertragenen Befugnisse durfte der Kongress über Krieg oder Frieden entscheiden, Armee- und Marineoffiziere ernennen, den Staaten Mannschafts- und Geldauflagen machen, Botschafter beglaubigen und empfangen, Verträge und Bündnisse eingehen, eine Postorganisation aufbauen, Münzen prägen, für Rechnung der Vereinigten Staaten Geld borgen oder Papiergeld ausgeben, Maße und Gewichte festsetzen, die Angelegenheiten der Indianer regeln und Streitigkeiten zwischen den einzelnen konföderierten Staaten schlichten. Sichtbar fehlte in dieser umfassenden Liste von Befugnissen jegliche Bestimmung, die dem Kongress die grundlegende staatliche Zwangsbefugnis eingeräumt hätte, Gesetze zu erlassen und Steuern zu erheben. Dieser Mangel schien den meisten Amerikanern kein Mangel, sondern eine bestens angemessene Lösung zu sein: all ihre Konflikte mit England waren daraus hervorgegangen, dass die englische Regierung ihre Besteuerungs- und Gesetzgebungsbefugnisse missbraucht hatte; aus bereits dargelegten Gründen hatten die Amerikaner auch zu einer amerikanischen Zentralregierung nicht so viel Vertrauen, dass sie sie mit einer solchen Machtvollkommenheit hätten ausstatten wollen. So besessen waren sie bei ihrer Arbeit an der Verfassung von dem Verlangen nach einer schwachen Zentralregierung, die ihre Freiheiten nicht würde antasten können, dass ihnen der Kern der Sache entging: sie waren dabei, ein so machtloses Staatsgebilde zu schassen, dass es unmöglich die Aufgaben erfüllen konnte, die sie ihm zuwiesen. In dem Gebilde, das die Artikel der Konföderation konstruiert hatten, war der Kongress ohnmächtig, den Übeln zu steuern oder mit Strafen entgegenzutreten, die den Erfolg des Krieges und mithin auch die Existenz der Nation gefährdeten. Der Kongress erließ keine Gesetze gegen Warenhortung; er konnte nur den einzelnen Staaten empfehlen, solche Gesetze zu erlassen. Schlimmer noch: der Kongress erhob keine Steuern, sondern konnte nur Schatzscheine ausgeben und die einzelnen Staaten ersuchen, Steuern zu erheben, damit diese Schatzscheine eingelöst werden könnten. Als die Staaten es nicht taten, hatte er keine Möglichkeit, sie dazu zu zwingen. Die Folge war, dass der Wert der Kongress- oder »kontinentalen« Schatzscheine stetig sank. Anfänglich waren Patrioten geneigt, den Kursverlust der amerikanischen Schatzscheine auf englische Fälschungen oder auf die Habgier der Königstreuen zurückzuführen, die sich weigerten, die kontinentalen Schatzscheine zum Nennwert abzunehmen. Bald jedoch zeigte sich, dass kein Mensch den Kredit des Kongresses für voll nahm. Eine mögliche Lösung wäre eine Preiskontrolle gewesen, aber auch da konnte der Kongress nur beschließen, den Einzelstaaten entsprechende Gesetze zu empfehlen, und wo solche Gesetze versucht wurden, schlugen sie fehl. Im Endeffekt musste der Kongress den Krieg weitgehend mit Auslandsanleihen finanzieren. Für viele Amerikaner war es eine peinliche Feststellung, dass die Unabhängigkeit nicht nur der Hilfe französischer Waffen, sondern auch der Hilfe französischen Geldes bedurft hatte. Unter solchen Umständen war der erfolgreiche Abschluss des Krieges schwerlich ein Triumph der amerikanischen Tugenden. In mancher Hinsicht schien das nationale Eigendasein Amerikas 1783 weniger gesichert zu sein als in den hoffnungsvollen Stunden des 4. Juli 1776. Staatenbund ohne Macht
Noch viel deutlicher zeigten die ersten Friedensjahre, dass dem Kongress größere Befugnisse zugestanden werden mussten, sofern die Amerikaner wirklich entschlossen waren, ein geeintes Volk zu bleiben und sich ihre Unabhängigkeit mitsamt ihren republikanischen Tugenden zu erhalten. Zuallererst machte sich die Notwendigkeit zentralisierter Regelung in wirtschaftlichen Dingen geltend. Mit großen Erwartungen hatte das Land der Freiheit des Handels entgegengesehen, die mit der Beseitigung der englischen Handelslenkung möglich werden musste. So hatten die Tabakpflanzer von Virginia auf höhere Preise für ihre Erzeugnisse gehofft, sobald sie ihre Ware nicht mehr ausschließlich auf dem englischen Markt abzusetzen brauchten. Aber 1783 mussten sie feststellen, dass ihnen nur wenige andere Märkte zugänglich waren und dass nur wenige Kaufleute im Ausland eine Ware übernehmen wollten, mit deren Vertrieb sie keine Erfahrungen hatten. Zu guter Letzt landete der Virginia-Tabak größtenteils doch in London. Dasselbe spielte sich mit dem Reis aus South Carolina ab. Als Angehörigen des Britischen Weltreiches hatte den Amerikanern das Recht zugestanden, ihren Reis nicht nur nach England, sondern auch in die Mittelmeerländer zu verfrachten, wo die englische Flotte ihre Schiffe schützte. Jetzt war das anders: amerikanische Schiffe im Mittelmeer wurden von nordafrikanischen Seeräubern gekapert, die dem Handel aller christlichen Länder, sofern sie keine Verträge mit ihren Fürsten hatten, auflauerten. Der Wert eines Vertrages wurde in Gold berechnet, und die Fürsten der Berberei waren nicht geneigt, Papiergeld aus Amerika als Ersatz anzunehmen. Da Europäer außerhalb der Mittelmeerzone keinen großen Appetit auf amerikanischen Reis hatten, ging der Reis also wieder nur nach England. Während aber die Engländer noch bereit waren, Tabak und Reis aus Amerika für ihren eigenen Bedarf abzunehmen, sperrten sie amerikanische Schiffe aus all ihren Häfen im Karibischen Meer aus, so dass in Britisch-Westindien Fische, Mehl, Vieh, Holz und sonstige Rohstoffe aus Amerika nicht mehr verkauft werden konnten. Hätten die Amerikaner den Riemen enger geschnallt und in geduldiger Selbstbescheidung auf neue Absatzmärkte für ihre Produkte gewartet, so wäre die gefährliche Situation, die nun entstand, vielleicht vermieden werden. Aber nach dem Friedensschluss hatte sich eine Flut englischer gewerblicher Erzeugnisse, die mit langfristigen Krediten angeboten wurden, über die Vereinigten Staaten ergossen, und die Amerikaner kauften viel mehr, als sie bezahlen konnten. Da ihnen die karibischen Märkte verschlossen waren, hatten die nördlichen Staaten keine Gelegenheit mehr, die Einfuhr aus England mit dem Erlös aus der Ausfuhr ihrer eigenen Produkte zu begleichen; sogar die südlichen Pflanzer kauften mehr, als ihnen ihre Reis- und Tabakexporte einbringen konnten. Als Gläubiger erlangte England wieder die Kontrolle über die amerikanische Wirtschaft. Wollten die Amerikaner dieser Zwangslage entgehen, so konnten sie nur eins tun: nicht mehr in englischen Importen schwelgen. Anders ausgedrückt: sie hätten sich mit ihrer eigenen Produktion bescheiden müssen, wie sie es in den Tagen des Boykotts englischer Waren getan hatten. Aber von der kargen Lebensführung der sechziger und siebziger Jahre wollte man in den achtziger Jahren nichts mehr wissen. Man entrüstete sich zwar gern über Luxus, Verschwendung und Ausschweifung, aber es blieb bei der Entrüstung. Als Botschafter in Frankreich bemühte sich Jefferson, den amerikanischen Handel nach Frankreich zu lenken, um die englische Umklammerung auf diese Weise zu lockern; seine Bemühungen scheiterten an den großzügigen englischen Kreditangeboten und der amerikanischen Verschwendungssucht. Auch nachdem es ihm gelungen war, den französischen Markt für amerikanischen Tabak zu erschließen, gingen die Profite der Pflanzer und Kaufleute doch nach England, weil noch mehr englische Industrieware eingeführt wurde. Die Verschwendungssucht, folgerte Jefferson, sei »ein tödlicheres Übel, als es die Tory-Haltung während des Krieges war... Sollte ein Missionar auftauchen, der Genügsamkeit zur Grundlage seines Religionssystems erhöbe, und mit der Predigt durchs Land ziehen, dass hierin der einzige Weg zum Heil liege, ich würde mich seiner Schule anschließen«. An Genügsamkeitspredigten fehlte es nicht. Aber wie sollte man die Amerikaner dazu bringen, sich nach den Predigten zu richten? Jefferson wie allen anderen staatstreuen Amerikanern war klar, das sich das neue Staatsgebilde, wenn es von ökonomischer Knechtschaft frei sein wollte, nicht allein auf die Tugendhaftigkeit seiner Staatsbürger verlassen konnte. Hier musste der Staat eingreifen. Die Einfuhr aus England konnte unterbunden werden, wenn man sie durch Gesetz verbot oder wenigstens mit Zöllen belastete. Wirksam konnten solche Maßnahmen allerdings nur sein, wenn alle Staaten der amerikanischen Konföderation sie einheitlich befolgten. Anderseits war nicht zu erwarten, dass das aus freien Stücken geschehen werde; schlösse sich aber auch nur ein einziger Staat von der Regelung aus, so würden die unerwünschten Importe einfach über diesen einen Staat geschmuggelt werden. Ein Gesetz, das die Einfuhr aus England verböte oder mit prohibitiven Zöllen belegte, hätte der amerikanischen Tugend den Rücken steifen können; aber der Kongress der Konföderation hatte keine Gesetzgebungsbefugnisse. Luxus und Verschwendung lieferten die Amerikaner also auch weiterhin dem Diktat ihrer englischen Gläubiger aus. Gleichzeitig mit dieser englischen Gefahr machte das neue amerikanische Staatsgebilde Gefahren auf dem eigenen Kontinent durch: im Westen. Im Gegensatz zu England hatte Spanien die amerikanischen Ansprüche südlich des Ohio nie anerkannt; England aber hatte seine Pelzhandelsposten und Grenzforts auf amerikanischem Gebiet in der Gegend der Sankt-Lorenz-Seen nie geräumt. Weder England noch Spanien wollte sich festlegen; beide spekulierten auf die Auflösung des amerikanischen Staatenbundes, die alle europäischen Regierungen seit der Verkündung der amerikanischen Unabhängigkeit sozusagen täglich erwarteten. Da schon die amerikanischen Kolonien als streitsüchtig und unverträglich bekannt waren, konnte man mit gutem Grund annehmen, sie würden in ihr traditionelles Verhalten zurückverfallen und in dem dann im vermeidlichen Chaos zur wehrlosen Beute jeder fremden Macht werden, die noch Interesse an Kolonien hätte. Ebenso wie England und Spanien waren die Vereinigten Staaten trotz allem inneren Hader darauf versessen, den Westen des Kontinents in die Hand zu bekommen: sie brauchten ihn für ihr fruchtbares Volk. Die amerikanische Bevölkerung verdoppelte sich alle fünfundzwanzig Jahre. Schon zu der Zeit, als die Revolution begann, waren den Amerikanern die Küstenebenen am Atlantischen Ozean zu eng geworden; über die Engpässe der Appalachen ergossen sie sich in die großen Täler des Ohio-Mississippi-Beckens. Seit Frieden eingezogen war und keine Gefahren mehr von Indianern unter englischer Führung drohten, wanderten Pioniere in immer größerer Anzahl gen Westen. Thomas Jefferson hatte ausgerechnet, dass die Amerikaner im allgemeinen in neue Gebiete zu ziehen begannen, sobald sie auf besiedeltem Land eine Bevölkerungsdichte von zehn Einwohnern je Quadratmeile erreicht hatten; es konnte nicht mehr als vierzig Jahre dauern, bis das ganze von England abgetretene Gebiet diese Bevölkerungsdichte erreicht hätte. Dann bliebe ihnen kein Ausweg, als das Land westlich des Mississippi in Besitz zu nehmen. Wie andere weitsichtige Amerikaner begrüßte Jefferson den Drang nach Westen, weil er die Besiedlung des ganzen nordamerikanischen Kontinents und vielleicht auch noch des südamerikanischen durch diese verwegenen und zähen Pioniere voraussah, die, wo immer sie hinzogen, das mitnahmen, was für das amerikanische Kredo wesentlich war: dass, wie es eine Gruppe von Pionieren in Kentucky 1784 ausdrückte, »der Reichtum und die Kraft eines freien Landes nicht in dem Eigentum bestehen, mit dem einige wenige Individuen ausgestattet sind, sondern dass das Eigentum in um so höherem Maße Fleiß, Bevölkerung und Genügsamkeit, ja sogar Gesittung fördert, je allgemeiner es sich verteilt«. Wenn sie nach dem Westen zogen, hatten sie hauptsächlich vor, Eigentum zu schaffen, indem sie es, wie es Amerikaner seit 1607 immer wieder getan hatten, der Wildnis entrissen. Ihre wachsende Zahl und ihre Treue zu republikanischen Tugenden und Grundsätzen begründeten die Hoffnung, dass sich diese Tugenden und Grundsätze behaupten und zu maximaler Wirksamkeit entfalten könnten - und mit ihnen das Staatsgebilde, das sie in sich begriff. Diese Hoffnung wäre allerdings wenig begründet gewesen, wenn zwischen den nach dem Westen vorstoßenden Pionieren und ihren Brüdern im Osten eine dauerhafte Entfremdung eingetreten wäre. Das war eine echte Gefahr, denn das freie Land im Westen war unter Amerikanern seit jeher die ergiebigste Quelle von Zwistigkeiten, die Osten und Westen, die einzelnen Kolonien und in neuerer Zeit die einzelnen Staaten entzweiten. Sieben Staaten - Massachusetts, Connecticut, New York, Virginia, North Carolina, South Carolina und Georgia - beanspruchten das Land jenseits der Appalachen auf Grund der königlichen Stiftungsurkunden, mit denen sie einst ins Leben getreten waren. Diese Stiftungsurkunden, die ohne Kenntnis der wirklichen geographischen Lage abgefasst worden waren, widersprachen einander, und die gegensätzlichen Ansprüche wurden jetzt durch den Wettstreit von Kapitalistengruppen verschärft, die sich mit privaten Eigentumstiteln große Gebietsstreifen zu sichern suchten, um daraus besiedeltes Land zu machen und aus dem Grundstücksverkauf bei steigenden Bodenpreisen Profite zu ziehen. Solche privaten Gesellschaften bemühten sich, Landkonzessionen von den einzelnen Staaten und vom Kongress zu erhalten, und versuchten daneben, den Indianern unmittelbar Ländereien abzukaufen. Daraus erwuchsen vielseitige und weitverzweigte Fehden. Auch unter diesem Aspekt schien es wünschenswert, dass der Kongress die Dinge in die Hand nehme; Thomas Jefferson und mehrere andere Patrioten aus Virginia suchten das zu ermöglichen, indem sie den Staat Virginia überredeten, seine umfangreichen Ansprüche auf nördlich des Ohio gelegenes Land an die Vereinigten Staaten abzutreten. Die Zession war an die Bedingung geknüpft, dass die Ansprüche aller bestehenden Grundstücksgesellschaften annulliert würden; das neue Gebiet sollte, sobald besiedelt, in einzelne Staaten mit republikanischer Regierungsform eingeteilt werden, und jeder dieser Staaten sollte im amerikanischen Staatenbund gleichberechtigt mit den bereits vorhandenen Gliedstaaten Aufnahme finden. Andere Staaten, die ebenfalls Rechtsansprüche auf westliches Land hatten, folgten dem Beispiel von Virginia; die Bestimmungen der ersten Zessionsvereinbarung gingen 1787 in eine vom Kongress beschlossene allgemeine Regelung ein. Den Pionieren im Westen wurde damit politische Gleichberechtigung garantiert, und der Kongress erhielt eine eigene Einnahmequelle: aus dem Verkauf von Land an Privatpersonen und Privatgesellschaften (nach Vermessung der zedierten Gebiete). Die Zukunft des Westens war nicht der einzige konfliktträchtige Komplex. Gleichzeitig drohte der Konföderation der Verlust des gesamten Territoriums südlich des Ohio. Das die heutigen Staaten Kentucky und Tennessee umfassende Gebiet hatte mit seinem besonders fruchtbaren Boden große Scharen von Siedlern angezogen, die damit rechneten, ihre Agrarerzeugnisse auf dem Wasserweg - Ohio-Mississippi - nach New Orleans zum Verkauf bringen zu können. Aber New Orleans war anerkanntes spanisches Staatsgebiet; spanischer Besitz waren auch die beiden Ufer des Mississippi auf einer Strecke von dreihundert Meilen (von New Orleans nordwärts). Von diesem Sprungbrett aus glaubte Spanien den größten Teil des amerikanischen Südwestens erringen zu können. Amerikanischen Bürgern untersagte Spanien 1784 die Schifffahrt auf dem Mississippi. Sollten die Siedler in Kentucky und Tennessee nicht erkennen, wieviel vorteilhafter es für sie wäre, Spanier zu werden? Spanien spielte ein gefährliches Spiel. Mit amerikanischen Pionieren war nicht zu spaßen: sie waren gewöhnt, sich anzueignen, was sie brauchten, und es lag ihnen nicht, auf Regierungen, die ihnen in die Quere kamen, Rücksicht zu nehmen. Anderseits erwarteten sie natürlich von den Amerikanern im Osten energischen Beistand im Kampf um die Schifffahrtsrechte auf dem Mississippi, und wenn dieser Beistand ausblieb, konnte ihre Liebe zur amerikanischen Union leicht erkalten. Der unermüdliche Fleiß, auf den die Pioniere so stolz waren, konnte sie in die Arme Spaniens treiben, wenn sie als Amerikaner keine Aussicht hatten, die Früchte ihres Fleißes an den Käufer heranzubringen. Und Spanien war schlau genug, die Entfremdung zwischen den Siedlern und der Union zu fördern, indem es einflussreichen Siedlern im umstrittenen Gebiet geheime Staatspensionen bewilligte. Außerdem entsandte die spanische Regierung einen diplomatischen Beauftragten, Don Diego de Gardoqui, nach Amerika mit dem Auftrag, beim Kongress eine förmliche Anerkennung der spanischen Hoheitsrechte auf dem Mississippi zu erwirken. Der Kongress lehnte Verhandlungen nicht ab: John Jay, sein Sekretär für auswärtige Angelegenheiten, sollte für Amerikaner das Recht aushandeln, den Mississippi auch im spanischen Hoheitsbereich zu befahren. Indes war der New Yorker Jay von der Wichtigkeit der amerikanischen Forderung nicht überzeugt und fand in der Geschichte der internationalen Beziehungen keinen geeigneten Präzedenzfall. Er war daher, als Gardoqui ein großzügig anmutendes Angebot machte, nicht geneigt, die amerikanischen Ansprüche weiterzuverfolgen. Gardoquis Vorschlag war ein geschickter Schachzug. Er war bereit, die amerikanischen Gebietsrechte bis zur alten Grenze des englischen West-Florida im Süden und bis zum Mississippi im Westen anzuerkennen und amerikanischen Kaufleuten einige Handelsrechte in Spanien einzuräumen. Dafür sollten die Vereinigten Staaten für die Dauer von fünfundzwanzig Jahren auf jede Schifffahrt auf dem Mississippi verzichten. Den amerikanischen Nordstaatlern mit ihren ausgedehnten Handelsinteressen schien das Angebot verlockend. Jay war für Annahme; die Mehrheit des Kongresses stimmte ihm zu. Aber für die Ratifizierung eines Vertrages war die Zustimmung von neun Staaten erforderlich, und die fünf Südstaaten lehnten das Gardoqui-Projekt kategorisch ab. Jetzt erst wurde sichtbar, wie schlau Gardoqui seinen Vorstoß angelegt hatte; obgleich der Vertrag nicht zustande gekommen war, hatte Spanien den taktischen Vorteil: die Bindungen des Südwestens an den amerikanischen Staatenbund waren dadurch nicht gerade gestärkt worden, dass sich die Nordstaaten bereit gezeigt hatten, den Mississippi aufzugeben. Um 1786 war den klügsten Amerikanern und bestimmt den meisten von denen, die je im Kongress gesessen hatten, klargeworden, dass der Kongress nicht das geeignete politische Instrument zur Förderung oder Verteidigung nationaler Interessen war. Er konnte nichts dazu tun, die wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes von England zu beseitigen, und er war nicht imstande, dem Ausland Respekt vor Amerikas Gebietsgrenzen abzunötigen. Schlimmer noch: er hatte nicht die Macht, die einzelnen Staaten zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber der Union und dem Volk anzuhalten. Die Regierungen der einzelnen Staaten verdienten aber offensichtlich nicht das große Vertrauen, das das amerikanische Volk in sie gesetzt hatte. Immer häufiger entzogen sie sich der Pflicht, dem Kongress finanzielle Mittel oder auch nur Abgeordnete zur Verfügung zu stellen; oft kam der Kongress mit seiner Arbeit nicht voran, weil Beschlussfähigkeit nicht zu erzielen war. Die Einzelstaaten versagten sogar bei der entscheidenden Staatsfunktion, auf die es den Amerikanern ankam: dem Schutz des Eigentums. Dass sie die Steuerhoheit hatten, hinderte viele Einzelstaaten nicht daran, eine Unmenge von Papiergeld auszugeben, ohne für Steuereinkünfte zur Einlösung der Noten zu sorgen. Die damit unvermeidliche Inflation brachte Gläubiger um ihr Eigentum, denn sie waren gesetzlich verpflichtet, für gutes Geld, das sie ausgeliehen hatten, entwertetes in Zahlung zu nehmen. Einige Staaten - wie Massachusetts - lehnten diese Art ungedeckter Währung ab, weil sie in ihr den Ruin von Handel und Gewerbe und eine Quelle des moralischen Verfalls sahen. Aber 1786 erhob sich die Bevölkerung im westlichen Massachusetts: die von Daniel Shays geführten Rebellen verlangten die Ausgabe von Papiergeld und erzwangen die Schließung der Kreisgerichte, so dass Gläubiger bei der Eintreibung von Schulden der Rechtshilfe des Staates beraubt waren. Der Aufstand wurde zwar von der Miliz rasch unterdrückt, aber die bloße Tatsache, dass eine solche Rebellion ausbrechen konnte, wirkte alarmierend. Auch in anderen Staaten gab es Notstandsgebiete und aufsässige Schuldner; weit und breit herrschte das Gefühl vor, dass das Land anarchischen Zuständen entgegengehe. Sollten etwa überall Gericht und Gesetzgeber durch Aufstände terrorisiert werden? Und was geschähe, wenn die Staatsmilizen der Aufstände nicht Herr werden könnten? Musste das alles nicht in Chaos enden und die Freiheiten und die Unabhängigkeit Amerikas zertrümmern? Die Verfassung: machtvolle Union
Der Schock des Shays-Aufstands weckte die Einsicht, dass die Zentralregierung ein neues Gefüge brauche, um die seit der Gründung der Konföderation sichtbaren Schwächen des Staatsaufbaus zu überwinden. Schon 1779, wenn nicht gar früher, war die Forderung nach einem Sonderkonvent erhoben worden, der die Regierung des Staatenbundes mit Herrschaftsmitteln versehen sollte; und da die Nation, die keine wirkliche Regierungsgewalt besaß, in den achtziger Jahren ernsthaft ins Wanken geriet, wurde der Umbau des Staates immer häufiger erörtert. Widerspruch kam stets von all denen, die in einer mächtigen zentralen Legislative angesichts der großen Ausdehnung des amerikanischen Staatsgebiets den Beginn der Unfreiheit, der tyrannischen Staatsallmacht und der Korruption, also in der Tendenz eine Preisgabe republikanischer Grundsätze sahen. Den Anlass zur Einberufung eines Konvents der Staaten gab die wachsende Unzufriedenheit mit den englischen Handelsrestriktionen. Die Vertreter der Einzelstaaten wurden 1786 nach Annapolis (Maryland) geladen, um die Ausweitung der Kongressbefugnisse wenigstens in bezug auf die Regelung des Außenhandels zu erörtern. Aber schon die ersten Delegierten, die sich in Annapolis zusammenfanden, mussten feststellen, dass auch die Handelsprobleme isoliert nicht zu lösen seien. Der ursprüngliche Tagungsplan wurde aufgegeben, und die Delegierten schlugen dem Kongress und den Einzelstaaten vor, für 1787 nach Philadelphia einen Konvent mit der viel weitergehenden Aufgabe einzuberufen, »die Verfassung der Bundesregierung mit den Anforderungen der Union« in Einklang zu bringen. Manche Amerikaner meinten, die richtige Zeit sei bereits verpasst. Arthur Lee aus Virginia hielt es für erwiesen, »dass uns die öffentliche Tugend und das private Maßhalten fehlen, die für die Errichtung ... freier Republiken erforderlich sind«. Andere, die fast, aber nicht ganz so pessimistisch waren, sahen im Konvent von Philadelphia die letzte Chance, das Staatsgebilde vor Auflösung oder Tyrannenherrschaft zu bewahren. Der Arzt Ramsay, der dabei war, das Werden der amerikanischen Nation aufzuzeichnen, schrieb an Jefferson aus South Carolina im April 1787: »Unser aller Augen sind jetzt auf den Kontinental-Konvent gerichtet, der in Philadelphia im Mai zusammentreten soll. Wenn sie dort nicht eine wirksame Bundesregierung zustande bringen, wird, fürchte ich, das Ende der Affäre ein amerikanischer Monarch sein - oder gar drei oder mehr getrennte Staatenbünde.« Die fünfundfünfzig Abgeordneten, die in Philadelphia vom 25. Mai bis zum 17. September 1787 tagten, um die Verfassung der zentralen Staatsgewalt zu revidieren, konnten auf eine Fülle von Erfahrungen und Traditionen zurückgreifen: das Erbe der bis zur Magna Charta und noch weiter zurückreichenden politischen und verfassungsrechtlichen Ideen Englands; die Erfahrungen von fünf Kolonistengenerationen aus den Vertretungskörperschaften der Kolonien, den Bürgerschaftsversammlungen der Städte, den Kreisgerichten; die tiefschürfenden Debatten über Staat und Macht, die der Unabhängigkeitserklärung voraufgegangen waren; die Verfassungsberatung in den Einzelstaaten; schließlich die praktische Handhabung der Geschäfte der Staatsregierungen und einer rudimentären gesamtstaatlichen Regierung. In keiner Periode der amerikanischen Geschichte hätte eine Gruppe von Verfassungsvätern mit tieferem, kritischerem und skeptischerem Einblick in die Überlieferungen des politischen Denkens oder mit größerer praktischer Erfahrung im Aufbau und Umbau von Staatsinstitutionen zusammengebracht werden können. Was die Verfassungsgeber wollten, war eine Zentralregierung, die Hüter und Sinnbild des aus der Revolution geborenen Gefühls der nationalen Identität wäre; eine Regierung, die drinnen und draußen Achtung geböte. Das konnte, meinten sie, nur erreicht werden, wenn die Zentralregierung mehr Macht erhielte, als dem Kongress zugestanden worden war. Die Zentralregierung musste die Möglichkeit bekommen, Steuern zu erheben, um sich aus eigenem finanzieren zu können und nicht durch Mangel an Mitteln zur Ohnmacht verurteilt zu sein. Sie musste die Befugnis erhalten, den Außenhandel zu regulieren, um mit fremden Staaten mit Erfolg verhandeln zu können. Sie musste die Gewähr bieten, dass dem Privateigentum größerer Schutz zuteil würde, als ihn die bestehende gesamtstaatliche Regierungsgewalt und die Einzelstaaten gewährleisteten. Und sie musste über ausreichende Herrschaftsmittel verfügen, um den Vollzug ihrer Gesetze und Verfügungen sicherstellen zu können. Über diese Ziele waren sich die Abgeordneten einig. Aber sie waren sich auch dessen bewusst, dass der Verwirklichung dieser Ziele zwei wesentliche Hindernisse im Weg standen: die Angst vor der Allmacht einer unkontrollierten Staatsgewalt und das gegenseitige Misstrauen der Einzelstaaten. Einmal befürchtete das amerikanische Volk nach wie vor, dass eine Zentralregierung, die mit genug Macht für die Erledigung ihrer Aufgaben ausgestattet wäre, sehr bald mehr Macht als nötig an sich reißen, dass eine Elitegruppe von reichen und klugen Leuten sich ihrer bemächtigen, die große Macht der Zentralregierung zu ihrem Vorteil und zum Nachteil der Masse der einfachen Menschen benutzen und damit die republikanischen Ideale zunichte machen könnte. Das amerikanische Volk war nicht bereit, eine aktionsfähige Zentralregierung zu akzeptieren, wenn es nicht zugleich die Sicherheit hatte, dass es diese Zentralregierung werde unter Kontrolle halten können. Zum andern wirkte der gewünschten Zentralisierung der Wettstreit unter den Einzelstaaten entgegen. Jeder von ihnen befürchtete, dass eine starke Zentralregierung die anderen auf unfaire Weise bevorzugen oder begünstigen könnte. Zum Beispiel könnte sie Steuern erheben, die dem einen Staat zum Vorteil und dem andern zum Nachteil ausschlügen. Und weiter: wie sollte in einem aus Einzelstaaten zusammengesetzten Zentralgebilde der Rechtsund Machtanteil der einzelnen Glieder gewahrt werden? Die Artikel der Konföderation hatten allen Staaten unabhängig von ihrer Größe je eine Stimme im Kongress zugestanden, und ebenso wurde auch im verfassunggebenden Konvent abgestimmt. Eine solche Regelung begünstigte über Gebühr die Einwohner kleiner Staaten: 68000 Einwohner von Rhode Island hatten denselben Einfluss auf die Entscheidungen des Bundes wie 747000 Einwohner von Virginia. Die größeren Staaten konnten sich nicht mit einer Zentralregierung abfinden, in deren Rahmen ihr Einfluss nicht wenigstens ungefähr im Verhältnis zu ihrer Größe stände. Dagegen glaubten die kleineren Staaten, dass nur absolute Vertretungsgleichheit die größeren daran hindern könne, ihre besonderen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen. Als der Kongress zusammentrat, unterbreitete ihm Edmund Randolph aus Virginia einen von seinem Kollegen James Madison ausgearbeiteten Plan, der den Befürchtungen sowohl des Volkes als auch der einzelnen Staaten Rechnung zu tragen suchte. Der sechsunddreißigjährige Madison, der scharfsinnigste politische Denker seiner Zeit, hatte sich klargemacht, dass das, was den kleineren Staaten als wichtiges Problem erschien, zum Teil nur ein Scheinproblem war: die Interessen der Einwohner eines kleinen Staates unterschieden sich nicht notwendigerweise von denen eines großen Staates. Es gab schwerwiegende, wenn auch nicht unversöhnliche Unterschiede in den Wirtschaftsinteressen der südlichen Staaten und der Staaten Neuenglands, aber kaum nennenswerte Unterschiede zwischen den Interessen der Menschen etwa im großen Pennsylvania und im kleinen Delaware. Madison schlug daher vor, dass die Grundlage der Zentralregierung das Volk sein sollte, nicht die Regierungen der Einzelstaaten; in diesem Sinne sollte die Vertretung der Wähler in den Körperschaften der Zentralregierung der regionalen Verteilung der Bevölkerung entsprechen. Damit sich das Staatsgebilde keine größere Macht als die ihm zugestandene aneigne, schlug Madison vor, es in einzelne Machtbereiche zu zerlegen, die einander die Waagschale halten und als Gegengewichte gegeneinander wirken würden; als solche separaten Machtbereiche schwebten ihm eine aus zwei Kammern bestehende Legislative, eine unabhängige Exekutive und eine unabhängige richterliche Gewalt vor. Jeder dieser Gewalten wären besondere Funktionen zugewiesen, und jede von ihnen würde darauf achten, dass die anderen die ihnen gezogenen Grenzen nicht durchbrächen. Auf diese Weise hätte auch der entfernteste Wähler Amerikas seine Wächter innerhalb des Staatsgebildes, die darauf aufpassen würden, dass die einzelnen Regierungsbereiche kein Eigendasein auf Kosten der anderen und zu Lasten des Wählers entwickelten. Schon in ihren einzelstaatlichen Verfassungen hatten die Amerikaner dem Prinzip der Trennung der Gewalten Geltung verschafft, aber ihre Debatten über die Probleme einer Nationalregierung gingen seit eh und je darum, dass dem vorhandenen Kongress, der nur aus einer Kammer bestand, größere Machtvollkommenheit zugestanden werden sollte. Mit Madisons Vorschlag, die Trennung der Gewalten in die Zentralregierung selbst zu verlegen, wurden die größten Ängste im Hinblick auf eine unkontrollierbare zentrale Staatsspitze beschwichtigt. Pierce Butler, Abgeordneter von South Carolina, erklärte, er habe sich bis dahin gegen größere Vollmachten für den Kongress gewehrt, weil da »die gesamte Macht in einer Körperschaft« konzentriert gewesen sei; die vorgeschlagene Verteilung der Befugnisse auf verschiedene Körperschaften habe die Situation gründlich verändert und werde ihn veranlassen, in der Gewährung von Befugnissen an zentrale Organe »sehr weit zu gehen«. Ohne die Grundkonstruktion des Madison-Planes anzutasten, verbrachten die Verfassungsgeber zwei Wochen mit Korrekturen und der Ausarbeitung der Einzelheiten. Unter anderem beschlossen sie, dass die Mitglieder des unteren Hauses der Legislative vom Volke gewählt und die Mitglieder der oberen Kammer von den gesetzgebenden Körperschaften der einzelnen Staaten berufen werden sollten. Sie einigten sich darauf, dass die Verteilung der Sitze in beiden Kammern der Verteilung der Bevölkerung entsprechen sollte. Plötzlich brachte am 15. Juni William Paterson aus New Jersey einen neuen Plan ein, der für die Beibehaltung des bestehenden Kongresses mit nur einer Kammer, aber mit erweiterten Vollmachten, eintrat und allen Staaten wiederum gleich starke Vertretungen geben wollte. Paterson und seine Anhänger waren bereit, dem Kongress Steuerhoheit, Außenhandelsregulierung und Exekutivbefugnisse zuzugestehen, bestanden aber darauf, dass die Zentralregierung das bleiben sollte, was sie war: eine Vertretung der Staaten, nicht des Volkes, eine Vertretung, deren Mitglieder von den Staatsregierungen entsandt, nicht vom Volke gewählt werden würden. Patersons Plan wurde verworfen. Aber ihm hatten die Abordnungen der kleineren Staaten zugestimmt. Jetzt drohten sie sogar, den Konvent zu verlassen, wenn nicht gleiche Vertretung aller Staaten wenigstens in einer Kammer der zentralen gesetzgebenden Körperschaft beschlossen würde. Um sie zu versöhnen, vereinbarten die übrigen Mitglieder des Konvents am 16. Juli gleiche Vertretung aller Staaten in der oberen Kammer. Aber dies Zugeständnis knüpften sie an mehrere Bedingungen: die Vertretung der einzelnen Staaten in der unteren Kammer und die Aufbringung der Lasten direkter Steuern würden der regionalen Bevölkerungsverteilung entsprechen, wobei je fünf Sklaven als gleichwertig mit je drei freien Bürgern gelten sollten; nur die untere Kammer sollte das Recht haben, Gesetze über die Aufbringung oder Verausgabung von Geldmitteln einzubringen; die Zählung der Bevölkerung als Berechnungsgrundlage für die proportionale Zuteilung der Kongresssitze und die Verteilung der Steuerlast sollte alle zehn Jahre vorgenommen werden. Die beiden zuletzt genannten Bestimmungen waren vorher nicht erörtert worden; die anderen waren vom Konvent bereits beschlossen worden, bevor der Paterson-Plan in die Debatte geworfen wurde. Nachdem dieser »große Kompromiss« (ein Zugeständnis an die Angstvorstellungen der kleineren Staaten) zustande gekommen war, bestand keine ernste Gefahr mehr, dass es den Abgeordneten nicht gelingen werde, das Gefüge der Zentralregierung zu festigen. Über das, was zu tun war, waren sie sich schon zu Beginn der Beratungen im wesentlichen einig gewesen; jetzt war es ihnen - wenigstens zu einem erheblichen Teil - auch noch geglückt, die Eifersüchteleien der einzelnen Staaten zu überwinden und die Angst vor der Tyrannenherrschaft zu zerstreuen. Sie stritten sich noch über viele Dinge: den höchsten Exekutivbeamten (ob einen oder mehrere, ob vom Volk, vom Kongress oder von den Staatsvertretungen gewählt und wie oft gewählt), die Sklaverei, die Zölle, die Vertretungsanteile, die Amtsdauer und ähnliches mehr. Das waren aber nur noch Einzelheiten. In den Grundzügen war die neue Verfassung nach dreieinhalb Monaten Beratungen fertig. Die Verfassung sah eine Zentralregierung vor, die das Recht hatte, Steuern zu erheben, Verträge mit fremden Mächten abzuschließen, Armee und Marine aufzustellen, Geld zu prägen und zu borgen, den Handel der Staaten untereinander und mit fremden Staaten zu regulieren und alle zur Vollstreckung ihrer Beschlüsse nötigen Gesetze zu erlassen. Die Verfassung der Vereinigten Staaten und alle auf der Grundlage dieser Verfassung beschlossenen Verträge und Gesetze sollten das übergreifende Recht des Landes bilden, vor den Gesetzen der Einzelstaaten den Vorrang haben und für alle einzelstaatlichen Gerichte bindend sein. Darüber hinaus erhielt die zentrale Staatsgewalt ihre eigene Exekutive und ihre eigenen Gerichte; sie konnte selbst für die Erfüllung der Verträge und den Vollzug der Verfassung und der Gesetze sorgen und Streitigkeiten zwischen Einzelstaaten schlichten. Als letztes Aushilfsmittel blieb ihr der Appell an die Miliz. Die zentrale Gesetzgebungskörperschaft, der Kongress, sollte aus einer oberen Kammer, dem Senat, und einer unteren Kammer, dem Repräsentantenhaus, bestehen. Jedem Staat waren zwei Senatoren zugestanden, von der Vertretungskörperschaft des Staates für sechs Jahre zu berufen. Im alle zwei Jahre neu zu wählenden Repräsentantenhaus sollte je ein Repräsentant auf dreißigtausend Einwohner entfallen; wahlberechtigt waren alle, die nach einzelstaatlichen Bestimmungen an den Wahlen zum »zahlenmäßig stärksten Zweig der Staatslegislative« teilnehmen durften. Der Hauptexekutivbeamte der Union, als Präsident bezeichnet, war alle vier Jahre von einem Wahlmännerkollegium zu wählen. Jeder Staat sollte so viele Wahlmänner bestellen, wie er Senatoren und Repräsentanten im Kongress hatte; die Art der Bestellung der Wahlmänner war einzelstaatlicher Regelung überlassen. Nach der Absicht der Verfassungsgeber sollten die Wahlmänner frei sein, den bestgeeigneten Kandidaten nach eigenem Ermessen auszuwählen. Der Kandidat, auf den die zweithöchste Stimmenzahl entfiel, sollte Vizepräsident sein und den Vorsitz im Senat führen. Die Verfassung umstellte sowohl die Zentralregierung als auch die Regierungen der Einzelstaaten mit einer Anzahl konkreter Verbote. Um des Schutzes des Privateigentums willen untersagte sie den Regierungen der Einzelstaaten, Gesetze zu erlassen, die vertragliche Verpflichtungen beeinträchtigen könnten, Münzen zu prägen, Papiergeld auszugeben oder als legale Währung für die Einlösung von Schulden ein anderes Zahlungsmittel als Gold oder Silber zu bestimmen. Um die Staaten daran zu hindern, in den Zuständigkeitsbereich der Zentralregierung einzugreifen, untersagte ihnen die Verfassung, Verträge abzuschließen, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle festzusetzen oder Krieg zu führen, es sei denn im Falle einer feindlichen Invasion. Umgekehrt wurden die Einzelstaaten durch Bestimmungen geschützt, die es der Zentralregierung verwehrten, direkte Steuern anders als im Verhältnis zur Bevölkerungszahl zu erheben, die Ausfuhr zu besteuern (Schutz der Tabak- und Reisexporteure im Süden!) und die Einwanderung »oder Einfuhr solcher Personen, die einer der gegenwärtig bestehenden Staaten zuzulassen für angemessen halten sollte«, vor dem Jahr 1808 zu beschränken (Freiheit des Sklavenhandels für dreißig Jahre!). Dem Schutz der republikanischen Regierungsform und der Staatsbürgerrechte galten die Vorschriften, die sowohl den Einzelstaaten als auch der Bundesregierung verboten, Adelstitel zu verleihen, individuelle Strafen durch gesetzgeberische Akte zu verhängen oder Gesetze mit rückwirkender Kraft zu erlassen. Die Zentralregierung durfte weder die Zulassung zu öffentlichen Ämtern von der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem religiösen Glaubensbekenntnis abhängig machen noch den Habeaskorpus-Schutz der Person aufheben, »es sei denn, dass es die öffentliche Sicherheit in Fällen von Rebellion oder Invasion erfordern sollte«. Außer durch diese Verbotsbestimmungen waren die Rechte des Individuums - Redefreiheit, Freiheit der Religionsübung, Anspruch auf Aburteilung durch ein Geschworenengericht - in der Verfassung nicht ausdrücklich garantiert. In den letzten Tagen der Konventberatungen schlugen zwei Abgeordnete vor, das Versäumte nachzuholen. Ihre Kollegen verwarfen diesen Vorschlag als unnötig mit der Begründung, dass die Verfassung die Befugnisse der Bundesregierung festlege und sie auf bestimmte, genau bezeichnete Tatbestände beschränke und dass Verkündungen der Staatsbürgerrechte in den Verfassungen der Einzelstaaten enthalten seien. Für den Fall jedoch, dass die Erfahrung den einen oder anderen dieser Entschlüsse als unklug oder unzweckmäßig erweisen sollte, sah der Konvent eine Korrekturmöglichkeit vor: die Verfassung durfte ergänzt werden, wenn in beiden Häusern des Kongresses eine Zweidrittelmehrheit eine solche Ergänzung verlangte und drei Viertel aller gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten ihr zustimmten. Den von ihm erarbeiteten Text übersandte der Konvent dem Kongress zur Weitergabe an die Einzelstaaten. Und löste sich nach getaner Arbeit am 17. September 1787 auf. Die in Philadelphia entworfene Verfassung war der triumphale schöpferische Abschluss der revolutionären Periode. Sie zeigte, wieviel ihre Verfasser seit 1776 gelernt hatten. Nach dem Krieg hatte die ursprüngliche Protesthaltung der Amerikaner gegen Monarchie und Aristokratie dazu geführt, dass sie Staatsregierungen mit schwacher Exekutivgewalt und praktisch einflussloser oberer Kammer ins Leben riefen; die neue Verfassung schlug eine mit großer Macht ausgestattete Exekutive und einen Senat vor, dessen Machtstellung der Machtstellung des Repräsentantenhauses gleichkam. Die Artikel der Konföderation hatten eine Zentralregierung geschaffen, die von den Regierungen der Einzelstaaten beherrscht wurde und zum einzelnen Staatsbürger in keiner direkten Beziehung stand; die neue Verfassung schlug eine von den Einzelstaaten unabhängige Zentralgewalt mit einem direkt vom Volk der Vereinigten Staaten gewählten Repräsentantenhaus und in Angelegenheiten der Staatsbürger direkt entscheidenden Bundesgerichten vor. Die Artikel der Konföderation hatten die Zentralregierung in die Hände eines Kongresses gelegt, der nur aus einer Kammer bestand, und sie mit nur geringer Macht ausgestattet; die neue Verfassung zerlegte die zentrale Staatsgewalt, um Missbräuchen entgegenzutreten, in einzelne Bereiche und gab ihr wirkliche Macht. Das Ideal und die Wirklichkeit
Den Mitgliedern des Konvents von Philadelphia war lediglich die Vollmacht erteilt worden, die Artikel der Konföderation einer Revision zu unterziehen. In Wirklichkeit hatten sie den Plan einer völlig neuen Staatsgewalt entworfen; sie sollte den Debattierklub ablösen, zu dem der Kongress geworden war. Da sie wussten, dass ihr weitreichender Plan auf Widerstand stoßen musste und da sie ihn nicht am Starrsinn einiger weniger Staaten scheitern lassen wollten, schlossen die Mitglieder des Konvents ihre Tätigkeit mit einer verwegenen Ratifizierungsidee ab: sobald neun Staaten die neue Verfassung gutgeheißen hatten, sollte sie im Zuständigkeitsbereich dieser neun Staaten sofort in Kraft treten. (Eine Abänderung der Artikel der Konföderation war nur bei Einstimmigkeit aller Gliedstaaten möglich.) Dazu kam noch eine zutiefst revolutionäre Methode: die gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten, in denen machtgierige Staatspolitiker und einflussreiche Pressionsgruppen die Verfassung hätten torpedieren können, sollten ganz übergangen werden. In jedem Staat sollte das Volk einen Sonderkonvent wählen, der über die neue Verfassung zu befinden hätte. Die Staatsregierungen sollten zwar diese Ratifizierungskonvente einberufen, sonst aber bei der Annahme oder Ablehnung der Verfassung nicht mitzureden haben. Das neue Staatsgebilde wäre somit, falls nach dem vorgeschlagenen Modus gutgeheißen, direkt vom Volk mit allen Vollmachten versehen worden; seine Machtvollkommenheit wäre nur vom Volk hergeleitet. Dafür, dass die Verfassung Interesse und Aufmerksamkeit Anden werde, sprachen das Prestige ihrer Verfasser, zu denen George Washington und Benjamin Franklin gehörten, und ihre sachliche Qualität. Damit war ihre Annahme aber noch in keiner Weise gesichert. Mehrere Mitglieder des Konvents hatten es abgelehnt, den endgültigen Wortlaut des Verfassungsdokuments zu unterzeichnen, und als der Text den Kongress erreichte, stieß er bei manchen Kongressmitgliedern auf heftige Abneigung. Warum sollte der Kongress, fragte Richard Henry Lee, seine eigene Auflösung gutheißen? Warum sollte es neun Staaten freigestellt werden, aus der Konföderation auszuscheiden und ein neues, gefährlich machtvolles Staatsgebilde ins Leben zu rufen? Lee stellte den Antrag, vor der Weiterleitung des Verfassungsentwurfs an die Einzelstaaten wenigstens eine Erklärung der Staatsbürgerrechte in die Verfassung einzufügen; das sollte ein Gegengewicht gegen die Übermacht der zentralen Staatsgewalt sein. Lees Antrag wurde abgelehnt. Er nannte die Mehrheit, die gegen ihn stimmte, »eine Koalition von Monarchisten, Militärs, Aristokraten und Drohnen, deren Lärm, Unverfrorenheit und Übereifer alles Vorstellungsvermögen übersteigen«. Als die Verfassung schließlich dem amerikanischen Volk vorgelegt wurde, reagierten viele genauso, wie es Lee getan hatte. Dennoch entschlossen sich die gesetzgebenden Versammlungen aller dreizehn Staaten, wenn auch zum Teil nur widerwillig, die vom Volk zu wählenden Ratifizierungskonvente einzuberufen. Was die Gegner der Verfassung bewegte, war weniger der Wunsch, die überlegene Stellung der Staatsregierungen zu verewigen, als die alte Angst, dass sich eine starke Zentralregierung der Kontrolle durch das Volk entziehen und in ein Unterdrückungssystem ausarten könnte. Das in die Verfassung eingebaute System der Gewichte und Gegengewichte erschien ihnen nicht als ausreichende Sicherung gegen Tyrannei. Das Repräsentantenhaus hielten sie für zu klein, als dass es so viele Menschen adäquat repräsentieren könnte. Und dass in die Verfassung keine Erklärung der Staatsbürgerrechte eingefügt worden war, nahmen sie als ominösen Hinweis auf die Richtung, die das übermäßig zentralisierte Staatsgebilde einschlagen werde. In Zeitungsartikeln versuchte Madison, wie er es schon bei den Beratungen des Konvents versucht hatte, das Volk von der Grundlosigkeit der vertrauten Vorstellung zu überzeugen, dass eine gebietsmäßig große Republik unvermeidlich zur Tyrannei führen müsse. In einer großen Republik, schrieb er, werde es so viele verschiedene Gruppen mit so mannigfaltigen und gegensätzlichen Interessen geben, dass es ihnen unmöglich gelingen könne, ihre Differenzen zu überbrücken, ihre Unterschiede auszugleichen und sich zu einer tyrannischen Mehrheit zusammenzutun; die Gefahr einer tyrannischen Koalition sei in einer kleinen Republik viel größer, denn da gebe es weniger widerstreitende und auseinanderstrebende Interessen, während es einzelnen mächtigen Gruppen viel leichter falle, miteinander in Verbindung zu bleiben. Im Allgemeinen waren die Befürworter der Verfassung aggressiver als ihre Gegner, und ihre Taktik war ihrer Sache nicht immer würdig. Weil sie Gefahr im Verzuge sahen, betrieben sie ihre Agitation offensiv und ausfallend. Es schien ihnen, dass die werdende Nation in tödlicher Gefahr schwebe; werde die Verfassung nicht angenommen, so könne die Union auseinanderbrechen. In den meisten kleineren Staaten setzten sie sich ziemlich leicht durch. Doch wussten die »Föderalisten«, wie sich die Anhänger der Verfassung jetzt nannten, dass es in erster Linie darauf ankomme, die vier größten Staaten zu gewinnen: Massachusetts, Pennsylvania, New York und Virginia. Wenn einer dieser vier Staaten abseits bliebe, wäre der Erfolg des neuen Staatsgebildes in Frage gestellt. Zum Glück stimmten alle vier Staaten zu, wenn auch nur mit knapper Mehrheit. Als letzter größerer Staat stimmte New York am 26. Juli 1789 für die Verfassung. Somit hatten elf Staaten die Verfassung ratifiziert. Ohne auf New York oder gar auf North Carolina (das am 21. November 1789 ratifizierte) und auf Rhode Island (das erst am 29. Mai 1790 zustimmte) zu warten, hatte der Kongress der Konföderation schon vorher beschlossen, aus dem Leben zu scheiden: er setzte die ersten Wahlen auf der Grundlage der neuen Verfassung auf den Januar 1789 fest. Endlich sollten die Vereinigten Staaten ein Regierungssystem bekommen, das den amerikanischen Grundsatz der verantwortlichen repräsentativen Regierung im gesamtnationalen Maßstab verwirklichte. Alle Welt hatte gesagt, dass ein republikanisches Regierungssystem für ein Land vom Umfang der Vereinigten Staaten unmöglich sei, dass sich bei solcher Ausdehnung des Staatsgebiets nur ein republikanischer Staatenbund oder ein mächtiger monarchischer oder aristokratischer Staat halten könne. Aber nun hatte das Volk eine neuartige Republik erfunden, eine Föderation, die mehr sein wollte als bloß ein Staatenbund, eine Regierung, die dem Volk verantwortlich bliebe, auch wenn sich Gebiet und Bevölkerung verzehnfachten, eine Union, in der das Volk nicht als lose Verbindung von Staatsbürgern rivalisierender Staaten seine Einheit fände, sondern als eine Nation von Gleichen. Als die Mitglieder der neuen gesetzgebenden Körperschaften in New York zusammentraten, glaubten die Föderalisten nicht so recht an ihren Erfolg. Die Verfassungsgegner, dachten sie, würden sofort die Einberufung eines neuen Konvents verlangen, um der Verfassung mit Zusatzartikeln das Rückgrat zu brechen. Aber mit Washington als Staatsoberhaupt - er war einstimmig zum Präsidenten gewählt worden - barg die neue Staatsgewalt in sich selbst das ureigenste Symbol des nationalen Werdens Amerikas und der republikanischen Tugend. Washington versah sein Amt mit dem ganzen Gewicht seines großen Ansehens. Madison, der im Repräsentantenhaus Virginia vertrat, ließ in rascher Folge mehrere Vorlagen annehmen, die für Washington die ersten Hauptabteilungen der Exekutivgewalt einrichteten: Schatzamt, Staatsdepartement und Kriegsdepartement. Washingtons Wahl fiel auf Alexander Hamilton fürs Schatzamt und auf Jefferson fürs Staatsdepartement, eine Kombination von Staatskanzlei und Außenministerium. Mit diesen Ernennungen waren der neuen Staatsspitze die glanzvollsten Talente des Landes (wenn man von Madison absieht) gesichert. Den Kritikern der Verfassung nahm Madison den Wind aus den Segeln: er schlug zehn Zusatzartikel (amendments) vor, die der Verfassung die vermisste Erklärung der Staatsbürgerrechte anfügten. Diese Bill of Rights wurde durch die verfassungsmäßig vorgeschriebene Zahl von Staaten im Dezember 1791 ratifiziert. Sie garantierte Glaubensfreiheit, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Petitionsrecht; sie verbürgte das Recht der Staatsbürger, Waffen zu tragen, den Anspruch auf Aburteilung durch Geschworenengerichte und die verfahrensmäßigen Voraussetzungen der Rechtssicherheit; sie untersagte unspezifizierte Haft- und Haussuchungsbefehle, übermäßige Kautionsforderungen, grausame und ungewöhnliche Strafen und die Zwangseinquartierung von Soldaten in Privatwohnungen. Mit diesen Zusatzartikeln zur Verfassung und mit der Schaffung starker Abteilungen der Staatsexekutive unter Washingtons Führung konnte die neue Staatsgewalt für sich in Anspruch nehmen, all die Ziele zu verwirklichen, die die Amerikaner erstrebt hatten, seit sie sich zum erstenmal ihrer Identität als Nation bewusst geworden waren. Selbstverständlich konnte auch das beste Regierungssystem in einer den republikanischen Tugenden abträglichen Richtung verunstaltet werden. Eine Zeitlang sah es denn auch tatsächlich so aus, als stoße Hamiltons Finanzprogramm die neue Regierung auf diese abschüssige Bahn. Hamilton überredete den Kongress, nicht nur die Schulden der Union zum Nennwert zu tilgen, sondern auch die Schulden der Einzelstaaten zu übernehmen. Diese Maßnahme war von großem Vorteil für das nationale Staatsgebilde, denn sie gab allen Gläubigern mächtige Gründe, die Zentralregierung zu unterstützen, und sie verschaffte dem Staat zum erstenmal eine feste finanzielle Grundlage. Aber sie begünstigte zugleich in viel zu hohem Maße die Spekulanten und reichen Kaufleute, die große Beträge an Staatspapieren zu einem Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes aufgekauft hatten, als sich das Land in finanziellen Nöten wand. Und Amerikaner fühlten sich nie sehr wohl dabei, wenn staatliche Maßnahmen einer solchen Schicht zustatten kamen, Menschen also, von denen man schwerlich sagen konnte, dass sie die republikanischen Tugenden verkörperten, Menschen, die nach amerikanischen Vorstellungen unproduktiv und verschwenderisch waren und dazu noch andere gewerbsmäßig zur Verschwendung verleiteten, Menschen, deren nicht durch Arbeit erworbener Reichtum dem ihren Landsleuten so teuren Grundsatz der Gleichheit Hohn sprach. Dass Hamilton die Kaufleute und Spekulanten zu bevorzugen schien, hatte zur Folge, dass er die Unterstützung der Masse der einfachen Menschen verlor. In ihrem Protest scharten sie sich um Jefferson und Madison, ja auch um Hamiltons Rivalen John Adams. Und Adams wurde 1797 Washingtons Nachfolger in der Präsidentschaft. Aber auch Adams erschien dem Massenbewusstsein bald als zu intim mit Kaufleuten und Aristokraten verbunden. Als sich das 18. Jahrhundert seinem Ende näherte, wurde Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Inzwischen war der tiefere Sinn dieser historischen Urkunde etwas klarer zutage getreten. Sie hatte die Schaffung einer Nation angezeigt, eines geeinten Volkes, das mittlerweile an die Stelle der britischen Monarchie und Aristokratie ein einheitliches republikanisches Regierungssystem gesetzt hatte, und dies Regierungssystem sollte gleiches Recht und gleiche Chancen für alle fördern und einem jeden die Früchte seines Fleißes sichern. So bot sich das Ideal des amerikanischen nationalen Werdens dar, das in der Unabhängigkeitserklärung skizziert und in der Verfassung und ihren zehn Zusatzartikeln niedergelegt worden war. Amerikanische RevolutionLebensdaten der amerikanischen Revolution Natürlich war es möglich, dass die Praxis von diesem Ideal abwich; sie wich sogar häufig von ihm ab, denn die Tugend blieb in Amerika nicht minder zerbrechlich als anderswo. Amerikaner konnten Genügsamkeit predigen und Spekulanten Vorschub leisten, Freiheit künden und Menschen weiter in den Fesseln der Sklaverei halten, Fleiß lobpreisen und Arbeitslosigkeit dulden, Menschenrechte proklamieren und vor internationaler Verantwortung zurückschrecken. Aber solange die Verfassung Bestand hatte, solange die Regierung eine Regierung durch das Volk blieb, konnten ein Jefferson oder ein Jackson, ein Lincoln oder ein Roosevelt das Volk wieder um sein erklärtes Ideal sammeln und seine Energien gegen die Praktiken mobilisieren, die dies Ideal verleugneten. Das war in ihrem tiefsten Sinn die Amerikanische Revolution. Das ist sie und bleibt sie.   Die zusammenfassung der Amerikanischen Rovolution
Die Amerikanische Revolution war eine Rebellion und gleichzeitig die Geburt einer neuen Nation. In dieser Revolution verlor England seine Kolonien an der nordamerikanischen Atlantikküste, deren Unabhängigkeit legte den Grundstein für die Vereinigten Staaten von Amerika. Über das Schicksal dieses einen Landes hinaus hatte die Revolution eine allgemeine Bedeutung: Sie bildete den ersten Kampf einer Nation in der Neuzeit für die Rechte des Individuums und für eine demokratische Regierungsform. Die britischen Kolonien
Der Vertrag von Paris (1763), der einen 70jährigen Kolonialkrieg zwischen England und Frankreich beendete, brachte den Briten einen vollständigen Sieg in Nordamerika. Diese Machtverschiebung verursachte eine grundlegende Änderung der Lage sowohl in England als auch in den 13 Kolonien. Großbritannien wendete riesige Summen für die Sicherung der neuen Gebiete auf, im Mutterland setzte sich die Ansicht durch, die wirtschaftspolitische Behandlung der Kolonien müsste überprüft werden, um ihren ökonomischen Nutzen für das Mutterland zu verbessern und den Beitrag der Kolonien zu ihrer eigenen Verteidigung zu erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde 1764 ein Zuckerzoll eingeführt, im folgenden Jahr eine Stempelsteuer (eine Art Umsatzsteuer auf bestimmte Waren). Gleichzeitig wurden die Seegerichte beauftragt, Verstöße gegen die Zollgesetze streng zu ahnden. Die Kolonisten reagierten mit Demonstrationen und Tumulten. Sie beriefen eine Versammlung nach New York, auf der sie ihre Haupteinwände formulierten: Erstens seien die Zollgesetze vom britischen Parlament erlassen worden, in dem die Kolonien nicht vertreten waren, zweitens sollten die Kolonisten wie alle anderen britischen Untertanen auch der Geschworenengerichtsbarkeit unterstellt werden und nicht einer Sondergerichtsbarkeit. Das Stempelgesetz musste 1766 tatsächlich aufgehoben werden, im gleichen Jahr bekräftigte aber das Parlament in Westminster ausdrücklich seine Befugnis, alle Arten von Gesetzen auch für die Kolonien erlassen zu können. 1767 machte das Parlament von dieser sich selbst zuerkannten Befugnis Gebrauch und verabschiedete Gesetze zur Besteuerung von Glas, Blei, Papier und Tee. Die Folge waren allgemeine Unruhen in den Kolonien, die 1770 mit dem »Boston-Massaker« ihren Höhepunkt erreichten. Die meisten Zoll- und Steuergesetze wurden daraufhin rückgängig gemacht. Aber 1773 wurde ein Teegesetz erlassen, das der (englischen) Ostindienkompanie vorteilhafte Handelsbedingungen einräumte. Die Kolonisten protestierten erneut recht drastisch: Bei der »Boston Tea Party« kippten sie eine Ladung Tee in den Hafen. Als Folge wurde die Bostoner Verwaltung unmittelbar der britischen Kontrolle unterstellt. Der Erste Kontinental Kongress
Daraufhin traten Vertreter der Kolonien (mit Ausnahme Georgias) im Jahr 1774 zum Ersten Kontinentalkongreß in Philadelphia zusammen. In einer Eingabe an die englische Regierung wurde beharrlich betont, dass ohne Vertretung im Parlament keine Besteuerung rechtens sei. Man beschloss, die 13 Kolonien zu einer Art Zollunion zusammenzuschließen, die den Binnenhandel selbständig regeln sollte. Der britische Premierminister Lord North (1732-92) betrachtete dieses Vorhaben als Aufruhr. Beide Seiten bereiteten sich auf einen Krieg vor. Zum ersten Treffen kam es am 19. April 1775, als die Bürgerwehr von Massachusetts in Lexington und Concord auf britische Truppen feuerte. Ein Versuch der Milizen, die Briten am Ausbau ihrer Verteidigung bei Boston zu hindern, führte am 17. Juni zum Gefecht von Bunker Hill. Der Zweite Kontinentalkongreß beschloss die Aufstellung einer Armee unter dem Oberbefehl von George Washington (1732-99). Nach dem Zusammenbruch der Kolonialverwaltung übernahm der Kongress nach und nach die Regierung. Am 4. Juli 1776 verabschiedete der Kontinentalkongreß die Unabhängigkeitserklärung, damit war der Bruch mit England offiziell vollzogen. Dieser Akt war wichtig für die Entwicklung des amerikanischen Nationalgefühls, er änderte aber kaum etwas an der unsicheren Lage der ehemaligen Kolonien, deren Küsten, Häfen und Handel von der britischen Flotte blockiert wurden und deren kleine, nur schlecht ausgebildete Streitmacht britischen Berufssoldaten gegenüberstand. Sieg der Kolonisten
Der Sieg der Amerikaner über die britischen Truppen in Saratoga war für Frankreich das Signal, auf die Seite der Kolonien zu treten. Frankreich entsandte zur Unterstützung der Amerikaner eine Flotte und erklärte 1778 England den Krieg. Nach wechselnden Erfolgen wurde der englische General Charles Cornwallis (1738-1805) mit seiner Armee bei Yorktown eingeschlossen und musste sich am 19. Oktober 1781 ergeben. Dieser Sieg entschied den Krieg. In Paris begannen Friedensverhandlungen, die amerikanische Delegation wurde von Benjamin Franklin (1706-90) und John Adams (1735-1826) geführt. Im Frieden von Versailles (1783) erkannte England die amerikanische Unabhängigkeit an. Nun musste aus einem losen Staatenbund ein Bundesstaat geschaffen werden. Die endgültige Verfassung, 1787 vom Kongress in Philadelphia verabschiedet, trat 1789 in Kraft. 1791 erschienen die ersten zehn Zusatzartikel der Verfassung zur Wahrung der Rechte der einzelnen (Bill of Rights). George Washington wurde 1789 der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

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