Ursprünge der Romantik

Die Reaktion auf die Aufklärung trat im frühen 18. Jahrhundert zunächst vereinzelt auf, in der vorromantischen Zeit zwischen 1770 und 98 lässt sich dann eine vornehmlich literarisch bestimmte antiaufklärerische Geistesströmung erkennen. Das Zeitalter der Aufklärung hatte Bedeutung und Wert des Individuums hervorgehoben und die philosophische Grundlage gelegt für einen Individualismus, den die Romantiker zum Subjektivismus ausweiteten. Die Romantik verwarf den Rationalismus als steril und erklärte das Gefühl zur Quelle aller Wahrheit. Diese europäische Geistesbewegung war vor allem in Deutschland und in England wirksam. Der Einfluss der keltischen Mythologie
Ein Thema beherrscht das literarische Interesse in England in der Zeit um 1750: die skandinavische und keltische Mythologie. Thomas Percy (1729-1811) übersetzte im Jahr 1763 Runendichtungen aus dem Isländischen, Thomas Gray (1716-71) suchte in skandinavischen Quellen nach Inspiration, sein wohl berühmtestes Werk, die »Elegie« (1750), wirkte nachhaltig auf die europäische Literatur. Der größte Erfolg war James Macpherson (1736-96) beschieden: Seine angeblich aus dem Gälischen übersetzten »Werke des Ossi an«, eine Art Heldengesänge, die er selbst verfasst hatte (wie aber erst seit 1895 erwiesen ist), riefen ungeheuren Beifall hervor. Obwohl sich der Einfluss der Romantik schnell auf Musik und Malerei ausdehnte, lagen ihre Ursprünge und ersten Ausdrucksformen vorwiegend auf literarischem Gebiet im Deutschen wie im Englischen. Im Jahr 1765 veröffentlichte Thomas Percy eine Sammlung alter englischer und schottischer Balladen, die die Literatur der Zeit stark beeinflusste. Großes Aufsehen erregte der junge Dichter Thomas Chatterton (1752-70): Er gab seine im Stil des 15. Jahrhunderts geschriebenen Gedichte als die eines Poeten namens Rowley aus, der im 15. Jahrhundert gelebt haben soll, nach Bekanntwerden der Fälschung beging Chatterton Selbstmord. Geschichte und Natur
Während Chatterton an seinem »frommen Betrug« arbeitete, gewann die Beschäftigung mit der Vergangenheit erheblich an Interesse, das Verständnis für das historisch Gewordene ist geradezu eine Voraussetzung der Romantik. Der Wissensdurst der Romantiker beschränkte sich durchaus nicht auf traditionelle Bereiche. Eine neue Landschaftsverbundenheit entstand, die Menschen reisten in unbekannte Gebirge oder auf ferne Inseln auf der Suche nach Ursprünglichkeit. Solche Suche wäre zu Beginn des Jahrhunderts, der Zeit des vernunftbetonten Klassizismus, undenkbar gewesen. Die befruchtende Wirkung der Naturerlebnisse tritt in der »Geschichte von Rasselas, Prinzen von Abessinien« von Samuel Johnson (1709-84) zutage, wo phantastische Landschaften beschrieben werden. 1771 veröffentlichte Henry Mackenzie (1745-1831) seinen Roman »Der Mann von Gefühl«, der den Einfluss von Jean-Jacques Rousseau (1712-78) bezeugt. Rousseau hatte ja den Einfluss von Wissenschaft und Kunst auf den Menschen für negativ erachtet und die Rückkehr zum einfachen Leben in Naturverbundenheit gefordert. Seine Ideen beeinflussten u. a. auch Johann Gottfried von Herder (1744-1803), der Natur und Geschichte in einem Zusammenhang und im Fortschritt zu immer größerer Harmonie sah. Rousseaus »Die neue Heloise« (1761) errang großen Erfolg, ebenso wie »Emile« (1762), ein Roman, der die herkömmliche Erziehungsphilosophie revolutionierte. Rousseau vertrat darin die Ansicht, dass die Kinder unter dem moralischen Einfluss der Naturgesetze aufwachsen sollten, jenseits von allem lebensfernen Unterricht, mit dem Ziel ihrer naturgemäßen Entfaltung – eine Ansicht also, deren Echo noch in heutigen Erziehungstheorien spürbar ist. Rousseaus schonungslos offener Geist übte einen tiefgehenden Einfluss auf die deutsche und englische Literatur aus. Seine antirationalistische Einstellung trug entscheidend zur Überwindung der Aufklärung bei. Sturm und Drang
Deutschland kann als Heimatland der Romantik betrachtet werden. Unter den deutschen Dichtern und Kritikern des 18. Jahrhunderts hat Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) herausragende Bedeutung. Er verwarf die strengen Formen der klassischen französischen Dichtung, rühmte Shakespeare als Vorbild und entwickelte die Grundlagen des Dramas der Klassik in Deutschland. Shakespeare, von Christoph Martin Wieland (1733-1813) erstmals ins Deutsche übertragen, beeinflusste die als Sturm und Drang bezeichnete literarische Periode in ungeahnter Weise. Die damals jungen Dichter – unter ihnen Goethe und Schiller – sprachen allein dem Gefühl schöpferische Kraft zu. Rousseaus Ideen erfuhren durch Herder eine kritische Weiterentwicklung, er gilt als der eigentliche Wegbereiter der deutschen Romantik. Herder übte großen Einfluss auf Goethe aus. Dessen Streben hin zur Natur – auch Shakespeare war ihm ein Naturereignis – und seine Vorwegnahme des Fäustchen Allgefühls fand ihren Ausdruck in den wohl bedeutendsten Gedichten des Sturm und Drangs. Goethe wie auch Schiller sollten das »genialische« Unmaß ihres frühen Dichtertums dann bald hinter sich lassen und allem Romantischen als einer »Gefahr« eher misstrauisch gegenübertreten. Aber gerade bei Goethe kann die Verschmelzung rationaler und romantischer Elemente als Grundzug des dichterischen Schaffens gelten in diesem Sinne war er auch eine eminente Gestalt der Romantik selbst.

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Info 23.11.2017 19:32
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