Die Chinesische Revolution (1840 bis 1960)

Unter dem Begriff »Chinesische Revolution« soll hier nicht ein einzelnes Ereignis hervorragender revolutionärer Bedeutung verstanden werden, sondern der gesamte Zeitabschnitt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der durch die Auflösung des traditionellen chinesischen Staates mit einer vorindustriellen landwirtschaftlichen Gesellschaftsstruktur und durch die Ansätze zur Entwicklung eines modernen Staatswesens mit einer industrialisierten Wirtschaft und Gesellschaft gekennzeichnet ist. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war China als politische und kulturelle Einheit im wesentlichen auf sich selbst gestellt gewesen. An Einflüssen und Einwirkungen von außen hat es zwar im Laufe der Geschichte nicht gefehlt; sie haben die politische und soziale Ordnung modifizieren, aber niemals in ihren Grundlagen ernstlich in Frage stellen können. Bis an die Schwelle des 17. Jahrhunderts war China auf fast allen Gebieten, insbesondere in der politischen Organisation und in der materiellen Kultur, dem Westen überlegen gewesen. Dann begann aber das Abendland einen immer größer werdenden Vorsprung in Wissenschaft und Technik zu erlangen, der in der Industrialisierung und in der Ausbreitung westlicher Herrschaft über die Kulturvölker Asiens im 19. und frühen 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte. Durch den Opiumkrieg 1840 bis 1842 gewaltsam dem fremden Handel und damit allen Einflüssen westlicher Kultur und Zivilisation geöffnet, wurde China in den Grundlagen seiner geistigen und materiellen Existenz erschüttert wie niemals zuvor. Der westliche Einfluss konnte nicht anders als zersetzend und auf lösend auf Chinas traditionelle politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Ordnung wirken und musste China weitgehend auf den von der Entwicklung im Abendland vorgezeichneten Weg drängen. Während der Übergang zum modernen Industriestaat sich im Abendland aber über Jahrhunderte erstreckt hatte, musste er in China innerhalb weniger Generationen erfolgen. Wie in Europa diese Entwicklung von gewaltsamen und tiefgreifenden Umwälzungen aller Art begleitet war, so brachte sie auch in China eine Folge revolutionärer Erhebungen mit sich. Diese einzelnen revolutionären Erhebungen lassen sich als Stufen in der Gesamtentwicklung der chinesischen Revolution betrachten. Freilich waren auch andere Ereignisse, wie etwa äußere Verwicklungen oder bestimmte innerpolitische Regierungsmaßnahmen, gleichfalls zuweilen von entscheidender Bedeutung für den Gang der revolutionären Umgestaltung. Doch scheinen die einzelnen Erhebungen in besonders markanter Weise aus dem Laufe der Entwicklung herauszuragen und deshalb geeignet, die folgende Darstellung in erster Linie daran zu orientieren. Dabei zeigen sich die revolutionären Bewegungen vor 1911 nur als Vorstufen, als Auftakt zu den dann folgenden größeren Umwälzungen. Die Vorstufen zur Revolution des 20. Jahrhunderts
Die Taiping-Revolution (1851-1864)
Die Taiping-Revolution war eine der größten revolutionären Bewegungen nicht nur in China, sondern in der Weltgeschichte überhaupt. Sie ergriff ganz Mittelchina sowie große Teile von Nord- und Südchina, insgesamt ein Gebiet mit mehr als hundert Millionen Einwohnern. Etwa zwanzig Millionen Menschen sollen während der fünfzehn Jahre dauernden Kämpfe umgekommen sein. Die Taiping-Revolution trug zwar im wesentlichen noch den traditionellen Charakter der aus der chinesischen Geschichte seit zwei Jahrtausenden bekannten Bauernaufstände und vereinte soziale, religiöse und nationale Elemente. Daneben fanden sich aber zum ersten Male auch solche Elemente, die direkt oder indirekt auf westliche Einflüsse zurückgehen, so dass die Taiping-Revolution als ein Vorläufer der revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts angesehen werden muss. Sie ging einerseits auf Ursachen zurück, die auch schon in früheren Zeiten Aufstandsbewegungen hervorgerufen hatten, wie der seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rasch zunehmende politische Verfall der fremdstämmigen Manchu-Dynastie (1644-1912) und die wachsende Korruption des Beamtentums. Ein entscheidender Faktor war auch das ungeheure Wachstum der Bevölkerung, die sich innerhalb eines Jahrhunderts um mehr als 200 Millionen Menschen auf über 400 Millionen vermehrt hatte. Zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten gesellten sich aber nun zum ersten Male Einwirkungen des westlichen Imperialismus: Die für China ungünstige Handelsbilanz und der dadurch bedingte Abfluss von Silber verschärften die wirtschaftliche Notlage; der unglückliche Ausgang des Opiumkrieges schwächte das Prestige der Dynastie und trug zur Demoralisierung von Truppen und Beamten bei; durch die Verschiebung eines Teiles des früher ausschließlich auf Kanton konzentrierten Überseehandels auf die nach dem Opiumkrieg zwangsweise geöffneten nördlicheren Häfen verloren viele Transportarbeiter in Südchina ihren Lebensunterhalt und vermehrten dort die Unzufriedenheit. So konnte Karl Marx im Jahre 1853 zu dem freilich etwas zu weit gehenden Schluss kommen, dass die Taiping-Revolution durch die britischen Kanonen hervorgerufen sei und dass der Opiumkrieg das chinesische Volk zum Erwachen gebracht habe. Wirtschaftliche und soziale Faktoren waren aber für den Ausbruch der Revolution nicht allein verantwortlich. Das nationale Element, der Widerstand gegen die zumal in Südchina nie restlos verwundene Fremdherrschaft der damals freilich schon weitgehend sinisierten Manchu-Dynastie spielte keine geringe Rolle. Die entscheidende Dynamik erhielt die revolutionäre Bewegung aber erst durch ihre sektiererische religiös-soziale Ideologie, zu deren Formung das durch die Aktivität abendländischer Missionare in China bekanntgewordene Christentum beigetragen hatte. Dem späteren Führer der Revolutionäre, Hung Hsiu-ch’üan, der einer armen Bauernfamilie der südchinesischen Provinz Kuangtung entstammte, war in seiner Jugend durch Zufall eine Broschüre der christlich-protestantischen Mission in die Hände gekommen, deren Inhalt sein Leben entscheidend beeinflussen sollte. Nach missglückten Versuchen, die unterste Staatsprüfung zu bestehen – die einzige Möglichkeit zum sozialen Aufstieg -, erkrankte Hung Hsiu-ch’üan und verfiel in einen geistigen Dämmerzustand. Er hatte dabei Visionen von einem alten Mann als Vater und dessen Sohn als älterem Bruder, die ihn beauftragten, die Dämonen in der Welt zu vernichten. Nach seiner Genesung glaubte er, diese Gestalten seien Gott und Jesus Christus gewesen, die ihn zu einer besonderen Mission auf Erden auserwählt hätten. Ob die Berichte über diese Visionen im einzelnen zutreffen oder nicht, ist unwesentlich. Entscheidend bleibt, dass sie für die revolutionäre Bewegung eine außerordentliche Bedeutung hatten und dass es sich dabei um nichtchinesische, christliche Gedanken handelte. Jene Propagandabroschüre und eine zweimonatige Schulung bei einem amerikanischen Missionar in Kanton konnten Hung Hsiu-ch’üan freilich nur eine oberflächliche Vorstellung von der christlichen Religion vermittelt haben. So bestand das Christentum für ihn im wesentlichen in der Verehrung eines Gottes und in der Verwerfung anderer Gottheiten. Er kannte die Zehn Gebote und glaubte, dass Jesus Christus Verbrechen und Sünden vergeben und einem helfen könne, ein guter Mensch zu werden, um nach dem Tode ins Paradies einzugehen. Es waren vorwiegend Begriffe aus dem Alten Testament, die Hung übernahm. Die tieferen Ideen des Neuen Testamentes und der eigentlichen christlichen Ethik blieben ihm fremd. Die Auswirkung der Religion bei Hung und seinen Anhängern bestand in der Zerstörung der Idole anderer Religionen einschließlich der konfuzianischen Ahnentafeln. Man schrieb Gottes Namen auf ein Stück Papier, kniete davor, verbrannte Weihrauch, entzündete Kerzen und opferte Wein und Opferspeisen. Auf Grund der Visionen sah Hung Hsiu-ch’üan sich als jüngeren Bruder von Jesus Christus und Sohn Gottes an, berufen im Aufträge Gottes, die Dämonen auf Erden zu vernichten und ein Reich Gottes zu begründen. Praktisch bedeutete das den Vorsatz, die manchurische Dynastie sowie das bestehende Staatssystem zu stürzen und eine neue soziale Ordnung zu schaffen. Die Idee vom Reiche Gottes war so vollkommen säkularisiert. Auf den Verlauf der Revolution braucht nicht näher eingegangen zu werden. In den Bergen des östlichen Teiles der Provinz Kuangsi sammelten Hung und seine Genossen Tausende von Anhängern um sich. Im Sommer 1850 begann die offene Erhebung, die ihren Herrschaftsbereich schnell ausdehnte. Im folgenden Jahre riefen die »Gottesverehrer« – so nannten sich die Anhänger der Bewegung – Hung Hsiu-ch’üan zum »Himmlischen König« im »Reiche des Himmlischen Friedens (T’ai-p’ing t’ien-kuo)« aus. Daher kommt der Name Taiping-Revolution. 1851 war das erste Jahr der neuen Dynastie, die an die Stelle des manchurischen Kaiserhauses treten sollte. In einem raschen Siegeszug drang die Bewegung nach Norden zum Yangtse vor. 1853 fiel nach kurzer Belagerung Nanking in die Hände der Aufständischen und blieb bis zur endgültigen Niederlage deren Hauptstadt. Von besonderer Wichtigkeit sind die revolutionären Grundsätze und Maßnahmen der Taiping. Sie bedeuten zum Teil einen unmittelbaren Bruch mit der chinesischen Tradition. Teilweise gehen sie aber auch auf ältestes chinesisches Denken zurück, und es wird nicht immer klar zu entscheiden sein, welche Elemente sich jeweils stärker auswirkten. Manche Prinzipien der Taiping haben anregend und vorbildlich gewirkt sowohl auf Sun Yat-sen und die Kuo-min-tang wie auch auf die »Bewegung vom 4. Mai« und auf die Kommunisten. Aus dem Christentum hatten die Taiping die Idee der Gleichheit aller Menschen übernommen, und daraus erklären sich zum Teil einige besonders revolutionäre Punkte des sozialen Programms. Es sollte keinen Privatbesitz mehr geben, sondern nur ein gemeinsames Eigentum der Gemeinde, also auch keinen privaten Landbesitz. Alles Land sollte der Kopfzahl entsprechend unter die Bevölkerung zur Nutznießung – nicht zur freien Verfügung – verteilt werden. Jeder durfte von der Ernte nur den zur eigenen Ernährung notwendigen Teil behalten. Alles übrige war abzuliefern. Es liegen allerdings keine zuverlässigen Nachrichten darüber vor, dass dieses System in irgendeiner Gegend durchgeführt worden ist. Jedenfalls verdient es wegen der Radikalität seiner Theorie Beachtung. Aller chinesischen Tradition widersprechend war auch die absolute Gleichstellung der Frau mit dem Manne. Frauen konnten genau wie die Männer alle zivilen und militärischen Ämter innehaben. Es gab weibliche Soldaten in besonderen Frauen-Kontingenten der Taiping-Armee. Ferner wurde Monogamie gefordert. Verkrüppelung der Füße und Prostitution waren verboten. Auf Mädchenhandel und Vergewaltigung von Frauen stand die Todesstrafe. Unbedingte Enthaltsamkeit von Opium, Tabak und Alkohol wurde von den Anhängern der Bewegung gefordert. Die pseudo-christlichen Taiping waren intolerant gegen alle anderen Religionen; Bildersturm gehörte zu ihrem Programm. An Stelle des traditionellen Mondkalenders wurde ein neuer Kalender eingeführt, der eine Verbindung zwischen solarem und lunarem Kalender darstellte. Der stark konventionelle literarische Schriftstil wurde durch Annäherung an die gesprochene Sprache aufgelockert. Von den Ausländern verlangten die Taiping die Unterstellung unter die chinesische Gerichtsbarkeit, und sie erlaubten ausländischen Missionaren nicht, im Lande zu reisen und zu predigen. Die meisten dieser Prinzipien wurden in den ersten Jahren der Erhebung auch praktisch durchgeführt. Die von einer einheitlichen religiös-politisch-sozialen Idee begeisterten Revolutionäre mit ihrer vorzüglich organisierten und disziplinierten Armee waren den demoralisierten und desorganisierten Regierungstruppen weit überlegen. Die meist schlecht bewaffneten und nur kümmerlich ausgerüsteten Revolutionäre konnten auf Grund ihrer besseren Moral, Disziplin und Organisation in der Regel die gut bewaffneten und ausgerüsteten Regierungstruppen schlagen. Diese Erscheinung kennzeichnete seit der ältesten Zeit fast alle chinesischen Revolutionsbewegungen in ihren Anfangsstadien. Lange konnten sich die Taiping nicht auf der Höhe ihrer Macht halten. Sittlicher Verfall der führenden Schicht, der infizierend auf alle Darunterstehenden wirkte, bildete den Hauptgrund für den endgültigen Misserfolg. Dazu kamen Nepotismus und Cliquenwirtschaft, der Mangel an fähigen Nachwuchskräften für zivile Aufgaben und militärische Führung sowie die Tatsache, dass die Revolutionäre Sympathie und nennenswerte Unterstützung weder von der konfuzianischen Gentry noch auf die Dauer von den bestehenden antimanchurischen Geheimgesellschaften zu erlangen verstanden. Auch die nach anfangs schwankender Haltung erfolgende endgültige Parteinahme der westlichen Mächte für die Manchu-Dynastie erschwerte die Lage der Revolutionäre. England und Frankreich mussten nämlich befürchten, bei einem Siege der Revolution die 1858 im Vertrag von Tientsin von der Manchu-Dynastie erlangten Konzessionen und Vorteile wieder zu verlieren. Denn die Taiping verfolgten einen wesentlich nationalistischeren Kurs als die schwache Dynastie, mit deren Schicksal die eben erkämpfte Vorzugsstellung der fremden Mächte in China verknüpft war. Das Hauptverdienst der Niederschlagung der Taiping-Revolution gebührt aber nicht fremder Hilfe, sondern der T’ung-chih-Restauration. Gegen Ende der fünfziger Jahre schienen die Manchu-Dynastie und die traditionelle Ordnung Chinas unmittelbar vor dem Zusammenbruch zu stehen. Seit einem Jahrzehnt hatte die Taiping-Revolution die Ordnung in den zentralen, reichsten Provinzen des Reiches aufgelöst und drohte in einem neuen Ansturm die Manchu-Herrschaft hinwegzufegen. Gleichzeitig waren englische und französische Truppen in Nordchina gelandet und hatten Peking besetzt. Der Kaiser war 1860 in äußerster Verzweiflung mit seinem Hof in die nördliche Sommerresidenz am Rande der Mongolei geflüchtet, wo er im folgenden Jahre starb. Das Schicksal der Dynastie schien besiegelt. Da geschah es fast wie ein Wunder, dass mit dem Regierungsantritt des neuen Kaisers T’ung-chih in letzter Minute die führenden manchurischen und chinesischen Kreise sich in loyaler Einigkeit um das Herrscherhaus scharten. Hervorragende Persönlichkeiten nahmen die führenden Stellungen in der Regierung ein, mit der Eroberung von Nanking im Jahre 1864 wurde die Taiping-Revolution niedergeschlagen, und die Regierung konnte auch verschiedener anderer Aufstände Herr werden. Die verwüsteten Gebiete wurden wirtschaftlich wiederaufgebaut und die Ordnung wiederhergestellt. Mit den fremden Mächten gelangte man zu einem zeitweiligen modus vivendi. Die T’ung-chih-Restauration war ein großartiger Versuch, durch planvolle, schrittweise Reformen von oben her die traditionelle politische und soziale Struktur zu wahren und Chinas Stellung den fremden Mächten gegenüber zu festigen. Es gelang so – im Kampf gegen eine hartnäckige Reaktion -, der revolutionären Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Während der sechziger Jahre schien der Restauration ein vorübergehender Erfolg beschieden zu sein, doch war der Verfall nicht mehr aufzuhalten. Denn auf die Dauer wurden die traditionellen Mittel den Anforderungen einer für China völlig neuen Situation nicht mehr gerecht. Die Reformbewegung (1898)
In den neunziger Jahren erreichte das politische und wirtschaftliche Eindringen der abendländischen Großmächte in China, zu denen sich auch das schnell erstarkte Japan gesellt hatte, seinen Höhepunkt. Bis in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts war eine gewinnbringende Ausdehnung des Handels vorwiegend das Ziel der fremden Mächte in China gewesen. Danach aber machte sich das Streben nach machtpolitischen Stützpunkten und nach unerschlossenen Gebieten zu kolonialwirtschaftlichen Investitionen auch in China immer mehr geltend. Es wurden nicht nur die nominell unter chinesischer Oberhoheit stehenden Randgebiete, wie die Ryukyu-Inseln, Annam, Burma und Korea, abgetrennt, sondern Deutschland, England, Frankreich und Russland nahmen in den neunziger Jahren außer dem bereits 1842 abgetretenen Hongkong weitere Plätze Chinas gewaltsam in ihren Besitz. Die Erlangung weitgehender Konzessionen für Bergbau oder Eisenbahnbau im Innern des Landes war vorausgegangen, und die Mächte versuchten, sich bestimmte, für eine eventuelle spätere Annexion als Kolonie geeignete Gebiete zunächst als Einfluss Sphären zu sichern. So schien China 1898 einer Aufteilung durch die fremden Mächte nach dem Vorbild Afrikas nahe zu sein, und es ist kein Zufall, dass gerade in diesem Jahre die Reformbewegung ihren Höhepunkt erreichte. In den Kreisen der jungen Intelligenz wuchs mehr und mehr die Erbitterung über die fremde Willkür und die eigene Schwäche. Man forderte durchgreifende Reformen des in Verfall geratenen Staatswesens. Die Anhänger der Reformbewegung, unter Führung des jungen kantonesischen Gelehrten und Anwärters für die höhere Beamtenlaufbahn K’ang Yu-wei, waren zu der Überzeugung gekommen, dass es mit der Übernahme technischer und praktischer Errungenschaften des Westens für China nicht getan sei, sondern das gesamte politische System müsse geändert werden. Sie vertraten die Ansicht, dass die altüberkommenen, grundlegenden Prinzipien der chinesischen Gesellschaft und des chinesischen Staatswesens zwar nicht angetastet werden dürften, dass staatliche Institutionen und Gesetze aber dem Wandel unterworfen und nach westlichem Vorbild zu reformieren seien. »Chinas Lehren dienen als Substanz, die Lehren des Westens zu praktischen Zwecken«, so lautete ein bekannter Wahlspruch. K’ang Yu-wei und seine Freunde wandten sich der Tradition entsprechend den geheiligten kanonischen Schriften des Konfuzianismus zu, um darin einen Weg zur Rettung aus dem Unglück der Gegenwart zu finden. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass die ursprüngliche Tradition verdorben und verfälscht sei und dass es auf das wirkliche Vorbild der ältesten Zeit zurückzugehen gelte. So glaubten sie Hinweise auf zahlreiche Institutionen und Errungenschaften des Abendlandes, die sie bewunderten und in China einzuführen hofften, bereits in den kanonischen Schriften zu finden, wie etwa die Beteiligung des Volkes an der Regierung in Form eines Parlaments, fachliche Ausbildung und Organisation des Berufsbeamtentums – das chinesische Beamtentum hatte lediglich eine allgemeine, humanistische Schulung und war kein Fachbeamtentum -, Reform des Schul- und Bildungswesens. Mit dieser neuen Auffassung der konfuzianischen Lehre gerieten die Anhänger der Reformbewegung in scharfen Gegensatz zu der offiziell seit Jahrhunderten geheiligten orthodoxen Auslegung und damit auch zu den konservativen Beamten- und Literatenkreisen. Sie konnten zwar den Kaiser und einige höhere Beamte für ihre Pläne gewinnen, sich aber nur etwa hundert Tage am Ruder halten. Dann wurde durch einen Staatsstreich der konservativen Partei unter Führung der Kaiserinwitwe Tz’u-hsi die Reformbewegung gewaltsam unterdrückt. Palastintrigen spielten dabei auch eine Rolle. Alle von der Reformpartei erwirkten kaiserlichen Verordnungen wurden nach dem Staatsstreich sofort wieder annulliert. Doch waren die neuen Ideen überall verbreitet worden und hatten, zumal im jüngeren Literatentum, das heißt in der Intelligenz, ein erhebliches Echo gefunden. In der folgenden Zeit wurden dann auch nicht wenige der von der Reformpartei geforderten Neuerungen verwirklicht, welche die von der Kaiserinwitwe gelenkte Regierung allmählich als unumgänglich erkannte. So haben K’ang Yu-wei und sein Kreis durch die Propagierung ihrer für die damalige Zeit unerhörten, neuen Ideen – auch wenn sie erst nach 1898 voll zur Auswirkung kamen -dazu beigetragen, den Boden weiterhin für die entscheidenden Stufen der Revolution vorzubereiten. Antichristliche Agitation und die Boxerunruhen (1900)
In enger Verbindung mit der politischen und wirtschaftlichen Invasion der abendländischen Mächte in China stand das Eindringen der christlichen Mission. In erster Linie Frankreich, aber auch die anderen Kolonialmächte erzwangen entsprechende Vertragsbestimmungen oder besondere kaiserliche Verordnungen, die nicht nur die freie Verbreitung der christlichen Religion mit der dazugehörigen Errichtung von Kirchen und Missionsstationen durch ausländische Missionare sicherten, sondern auch die unbehinderte Ausübung der Religion durch einheimische Christen vertraglich garantierten und damit unter den Schutz der fremden Mächte stellten. Dadurch erhielt der fremde Missionar, gedeckt durch die Macht seines Konsuls und seiner Regierung, in seiner chinesischen Residenz eine Stellung, die der des bevorrechtigten Literaten-Standes der Shen-shih nahekam. Der Missionar konnte unmittelbaren Kontakt mit den lokalen Behörden haben und sich in Rechtsfalle zugunsten einheimischer Christen einmischen. Diese Sonderstellung des Missionars bedeutete einen Einbruch in die traditionelle, soziale Struktur Chinas und führte nicht selten zu erheblichen Spannungen. Die Shen-shih standen verständlicherweise dem die Ausschließlichkeit ihres sozialen Prestiges untergrabenden Fremden und der von ihm verbreiteten religiösen Lehre strikt ablehnend gegenüber, und sie suchten ihren Einfluss im Volke in dieser Richtung wirksam zu machen. So fanden die Missionare oft am ehesten bei Elementen, die aus irgendeinem Grunde im Gegensatz zur Gesellschaft standen, die Bereitwilligkeit zur Aufnahme der christlichen Lehre, aber nicht um des Inhaltes der Lehre willen, sondern aus sozialen Motiven, zuweilen sogar, um irgendwie die soziale Sonderstellung des fremden Missionars für sich auszunutzen. Der zum Christentum bekehrte Chinese musste in der Regel weitgehend mit überlieferten Sitten und Gebräuchen brechen. Es ist daher begreiflich, dass die chinesischen Christen von ihrer Umwelt bereits als halbe Ausländer betrachtet wurden, zumal sie ja tatsächlich unter ausländischem Schutz standen. Wohl ohne sich dessen bewusst zu sein, haben die Mächte durch die Verquickung von Staatsmacht und Religion dem Christentum in China einen schlechten Dienst erwiesen. Die unvermeidliche Folge war, dass die Chinesen das Christentum nicht als eine religiöse Lehre werteten, sondern vielmehr als ein den politischen Interessen der abendländischen Mächte dienendes Werkzeug. Nicht selten machten die Shen-shih ihren entscheidenden Einfluss in der öffentlichen Meinung aktiv gegen die Missionare geltend. Die provokatorische Haltung vieler Missionare trug dazu leicht eine fremdenfeindliche Stimmung in weiten Kreisen der Bevölkerung aufkommen zu lassen. So kam es seit den sechziger Jahren häufig zu antichristlichen Ausschreitungen. Zuweilen mussten Missionare ihr Leben dabei lassen, und in mehreren Fällen dienten solche Zwischenfälle als willkommener Anlass, neue Ansprüche und Forderungen an die chinesische Regierung zu stellen. Besonders aufsehenerregend war das Blutbad von Tientsin im Jahre 1870, das bei Streitigkeiten um ein katholisches Waisenhaus achtzehn Franzosen – darunter zehn Nonnen und dem französischen Konsul – den Tod brachte. Ihren Höhepunkt erreichte die antichristliche Agitation aber erst dreißig Jahre später bei den Boxerunruhen. Zu folgenschweren Ereignissen kam es 1900 in Peking und Nordchina durch die Vereinigung von zwei Bewegungen, die anfangs nichts miteinander zu tun hatten. Die eine ging von einer religiösen Geheimsekte aus, die andere von einer Clique des Palastes. Infolge örtlicher Missstände breitete sich in Shantung während der neunziger Jahre die sozial-revolutionäre Aufstandsbewegung einer Geheimgesellschaft mit dem Namen »Boxer der Rechtlichkeit und Eintracht« aus. Sie richtete sich, wie alle Bewegungen dieser Art, gegen wohlhabende Kreise und Beamte. Als fanatisch religiöse Sekte wandte sie sich gegen Andersgläubige, darunter auch gegen die Christen. Außerdem sahen viele in den fremden Missionaren, die sich zumal in Shantung in allen großen Ortschaften niedergelassen hatten und deren Auftreten nicht immer dazu angetan war, dem Christentum Sympathie zu verschaffen, die Hauptschuldigen an dem eigenen Unglück. Durch geschickte Einwirkung von seiten bestimmter Shen-shih- und Beamtenkreise gelang es allmählich, alle sozial-revolutionären Tendenzen in eine fremdenfeindliche Richtung abzulenken und antichristliche Agitation mehr und mehr zum alleinigen Inhalt der Aufstandsbewegung zu machen. 1900 hatte sich der Schwerpunkt der Boxer in die Provinz Hopei (Chili) verlagert. Damals gab es im kaiserlichen Palast eine reaktionäre, allen Reformen feindliche Clique, die erbittert die gemäßigte Reformen befürwortenden Elemente in Hof und Regierung sowie die mit diesen sympathisierenden fremden Gesandten bekämpfte. Es ging dabei nicht allein um sachliche Argumente, sondern weitgehend um persönlichen Ehrgeiz und persönlichen Vorteil. In den Boxern meinten nun die ziemlich bornierten Führer der reaktionären Palast-Clique ein für ihre Zwecke geeignetes Instrument gefunden zu haben. Mit Hilfe der Boxer und deren übernatürlicher Fähigkeiten – daran glaubten sie anscheinend – dachten sie die Fremden aus China vertreiben und die reformfreudigen chinesischen Kreise unschädlich machen zu können. Es gelang der reaktionären Clique, die an der Spitze der Regierung stehende Kaiserinwitwe für ihre Pläne zu gewinnen und ihre Zustimmung zum Einzug der Boxer in Peking zu erwirken. Es kam dann zu den auf Befehl der Kaiserinwitwe begonnenen Feindseligkeiten gegen die Fremden, die Belagerung der fremden Gesandtschaften durch die Boxer, vereint mit regulären Truppen, und zu einem Terrorregime in der Stadt gegen alle der Verbindung mit Fremden auch nur verdächtigen Personen. Es folgten Belagerung und Entsatz der fremden Gesandtschaften in Peking, Ankunft der internationalen Armee, Flucht der Kaiserinwitwe und des Hofes, Plünderung Pekings durch die fremden Truppen, Niederwerfung der Boxer, Rückkehr des Hofes nach Peking und das internationale Boxerprotokoll von 1901 mit seinen harten Bedingungen für China. Diese Ereignisse sind jedoch für die Entwicklung der Revolution nicht von grundlegender Bedeutung und können deswegen übergangen werden. Wenn die Aufstandsbewegung der Boxer auch noch überwiegend traditionelle Elemente zeigt, so beruhten doch die Ereignisse von 1900 auf einer bis zu einem gewissen Grade spontanen Erhebung gegen die Fremden, die da meinten, mit gutem Recht China auf politischem, wirtschaftlichem und moralischem Gebiete demütigen zu dürfen. So ist auch die Boxererhebung eine Vorstufe für die weitere Entwicklung der chinesischen Revolution. Die Beseitigung des staatlichen Prüfungssystems
Ähnlich wie nach der Niederwerfung der Taiping-Revolution eine Periode konservativer Reformversuche, die T’ung-chih-Restauration, folgte, so sahen nach den verhängnisvollen Ereignissen von 1900 die Kaiserinwitwe und ihre Umgebung rasch die Notwendigkeit grundlegender Reformen ein. Eine weitgehende Neuordnung und Neuorganisation des gesamten Staatswesens von oben her wurde erstrebt, um eben die Existenz dieses Staatswesens vor dem Druck der fremden Mächte und vor der Flut der anwachsenden revolutionären Bewegung zu bewahren und um es den veränderten Verhältnissen anzupassen. Dabei wurde zum großen Teil auf die Anregungen der immer noch verfemten Reformbewegung von 1898 zurückgegriffen, und viele der Maßnahmen, die in der kurzen Reform-Ära angeordnet und dann widerrufen waren, wurden nach 1900, teilweise in noch durchgreifenderer Form, erneut in Angriff genommen. Die einschneidendste Maßnahme dieser Periode war die Beseitigung des staatlichen Prüfungswesens durch ein Edikt von 1905. Dieses Prüfungssystem war aufs engste mit dem gesamten Schul- und Bildungswesen verknüpft. Ziel allen Studiums war, in der Regel von der Elementarbildung an, das Bestehen einer Staatsprüfung. Und so entsprach der gesamte Bildungsstoff im wesentlichen dem Inhalt der staatlichen Prüfungen. Das waren nahezu ausschließlich die kanonischen Schriften des Konfuzianismus und die Anwendung der darin niedergelegten staatsethischen Doktrin in Politik und Verwaltung. Das Prüfungssystem hatte nicht nur seit der Zeit seines Bestehens dem Staate ein gleichmäßig geschultes, einheitlich ideologisch ausgerichtetes Zivil-Beamtentum geliefert, sondern es diente gleichzeitig auch dazu, die herrschende Schicht der Shen-shih zu konstituieren und durch regelmäßige Routine-Prüfungen für ihre ständige Schulung in der orthodoxen Doktrin Sorge zu tragen. Nur auf dem Wege über die offiziellen staatlichen Prüfungen war es möglich, die mit dem Shen-shih-Status verbundenen Privilegien zu erlangen; es war auch der einzige Weg zum sozialen Aufstieg. Das Prüfungssystem war in seiner Geschlossenheit und Wirksamkeit einzigartig und ist deswegen oft bewundert worden; doch hafteten ihm auch sehr erhebliche Nachteile an, und die Kritik daran ist so alt wie das System selbst. Sie erhob insbesondere den Vorwurf, bei der Beurteilung der entscheidenden literarisch-historischen Prüfungsaufsätze seien lediglich formale Gesichtspunkte ausschlaggebend, so dass der Formalismus eine wirklich geistige Durchdringung des Stoffes verhindere. In der Tat bewirkte, zumal seit dem 18. Jahrhundert, der Formalismus in weiten Kreisen der chinesischen Intelligenz geistige Erstarrung und Mangel an selbständigem Denken, so dass man einer geistigen Auseinandersetzung mit den sich rasch ändernden Verhältnissen und mit den aus dem Westen einströmenden neuen Ideen kaum gewachsen war. Alle von weiterblickenden Persönlichkeiten unternommenen Versuche, das Prüfungswesen zu reformieren, scheiterten an dem starr jede Neuerung ablehnenden Widerstand der überwiegenden Mehrheit der gebildeten Schicht. Auch die für praktische Bedürfnisse seit den sechziger Jahren errichteten Schulen für »westliche« Wissenschaft und Technik waren wenig erfolgreich; denn sie konnten keine literarischen Prüfungsgrade verleihen, und das Studium dort führte nicht zu dem mit der Erlangung eines Prüfungsgrades verbundenen sozialen Prestige und nicht zu den entsprechenden Privilegien. Die Studenten der neuen Schulen sahen – wenn sie nicht rechtzeitig in das traditionelle Prüfungssystem absprangen – ihre Karriere vereitelt. Sie mussten ihr Leben verbittert in untergeordneten Stellungen verbringen und fanden oft leicht den Weg zur revolutionären Bewegung. Es ergab sich ein verhängnisvoller circulus vitiosus, den es irgendwie zu durchbrechen galt: Um den traditionellen Staat zu erhalten, war die Ausbildung von Beamten in modernen, »westlichen« Wissensgebieten notwendig. Um ein ernsthaftes Studium dieser neuen Wissensgebiete durchzusetzen und um darin ausgebildete Beamte zu erhalten, mussten sie in das Prüfungswesen einbezogen werden. Durch die Aufnahme westlicher Wissensgebiete in die Prüfungen musste aber die Ausschließlichkeit des konfuzianischen Bildungsmonopols durchbrochen und die einheitliche ideologische Ausrichtung in Frage gestellt werden. Der Verzicht, die konfuzianische Ideologie durchzusetzen, musste aber den Bestand des traditionellen Staates gefährden und – wie es dann auch tatsächlich der Fall war – zu dessen Zusammenbruch führen. Die nach 1900 definitiv beschlossenen grundlegenden Reformen im Prüfungswesen brachten keine entscheidende Wandlung, so dass die 1905 angeordnete Integration des Prüfungswesens in die modernen Schulen, das heißt die völlige Aufgabe des traditionellen Systems der einzige Ausweg schien. Zwar blieben die alten Prüfungsgrade unverändert, konnten aber nur durch die erfolgreich bestandene Abschlussprüfung an den modernen Schulen erworben werden. Wie sich jedoch bald zeigte, war mit der Aufgabe des traditionellen Systems auch die Berechtigung für die weitere Verleihung der alten Grade zweifelhaft geworden: Die alten Formen passten nicht für den neuen Inhalt. Der neue Inhalt sprengte schließlich nicht nur die alten Formen, sondern das ganze Gebäude des traditionellen Staates, das diese Formen umgab. Die Beseitigung des Prüfungswesens war ein Vorgang von so entscheidender Bedeutung für den bald folgenden Zusammenbruch des traditionellen politischen Systems, dass sie auch ohne das charakteristische Element einer revolutionären Erhebung als eine Vorstufe der chinesischen Revolution bezeichnet werden muss. Die Revolution der Staatsverfassung von 1911
Die revolutionäre Bewegung und ihre Ideen
Die Revolution von 1911 ist verbunden mit dem Namen Sun Yat-sen (Sun Wen, Sun Chung-shan). Auch er stand zunächst unter dem Einfluss der Reformbewegung K’ang Yu-wei’s, hatte aber auch gleichzeitig Verbindungen zu den traditionellen antimanchurischen Geheimgesellschaften. Diese hatten ihren Ursprung in den Überresten loyaler Anhänger der in der Mitte des 17. Jahrhunderts von den Manchus gestürzten chinesischen Ming-Dynastie, und ihre Losung war: »Sturz der manchurischen Ch’ing-Dynastie und Restitution der Ming.« Wiederholt waren im 18. und 19. Jahrhundert ländliche Aufstände von ihnen ausgegangen. Sowohl die Taiping-Revolution wie die Boxer-Bewegung hatten anfangs gewisse Beziehungen zu ihnen. Sun Yat-sen wurde 1866 in einem kleinen Dorfe bei Kanton geboren; er hatte in Honolulu die Schule besucht und in Hongkong Medizin studiert. Dabei war er mit abendländischem Denken bekannt geworden. Besonders hatte ihn die christliche Erziehung in Hawaii stark beeinflusst, so dass er sich durch einen amerikanischen Missionar in Hongkong christlich taufen ließ. Er soll zunächst einer der traditionellen Geheimgesellschaften angehört haben, scheint dort aber nicht die gewünschte Resonanz für seine Ideen gefunden zu haben. Daraufhin gründete er 1892 oder 1894 mit einer kleinen Anzahl Gleichgesinnter eine eigene, revolutionäre Geheimgesellschaft unter dem Namen »Gesellschaft zur Entwicklung Chinas«. Oberflächlich gesehen schienen die Geheimgesellschaften alten Stiles die radikaleren zu sein; denn sie wollten die Manchu-Dynastie stürzen. Sie waren revolutionär im traditionellen Sinne, sie wollten eine neue Dynastie an die Stelle der alten setzen, die grundlegende politische und soziale Struktur aber unverändert lassen. Sun Yat-sen und sein Kreis wollten zwar anfangs nicht unbedingt die Dynastie beseitigen – das hielten sie erst später für unerlässlich sie wollten viel mehr: die Staatsverfassung ändern und zunächst eine konstitutionelle Monarchie schaffen. Sie waren revolutionär im modernen Sinne. Zur gleichen Zeit entstanden Gesellschaften mit ähnlichen Zielen in anderen Teilen Chinas. Das Zentrum aller dieser Bewegungen wurde mehr und mehr die japanische Hauptstadt Tokyo. Hier fanden die einzelnen revolutionären Führer Asyl, falls sie aus der Heimat fliehen mussten; hier konnten sie einander kennenlernen und ihre gemeinsamen Pläne und Ziele in Ruhe besprechen. Damals begannen chinesische Studenten moderner Wissenschaft und Technik in großer Zahl nach Japan zu gehen, und unter ihnen fanden die revolutionären Ideen rasch Anklang und Sympathie. So schlossen sich 1905 in Tokyo die drei bedeutendsten Gesellschaften unter Führung von Sun Yat-sen zusammen zum Chinesischen Revolutionsbund, dem Vorläufer der späteren »Nationalen Partei« (Kuo-min-tang). Als Zeichen des Protestes gegen die Manchu-Dynastie schnitten sich die Revolutionäre den Zopf ab. Die starke Betonung der antimanchurischen Haltung ging auf die Tradition der alten Geheimgesellschaften und einer Gruppe von Literaten zurück, die den Ming loyal waren; kaum minder stark wirkten aber nationalistische Ideen des Abendlandes, mit denen die Revolutionäre, meist durch japanische Vermittlung, bekannt geworden waren. Sun Wen, Sun Chung-shanSun Yat-sen Die chinesischen Revolutionäre waren in Japan nicht nur wohlwollend geduldet, sondern sie fanden dort auch Unterstützung für ihre Ziele. Es gab zahlreiche Japaner, die aktiv bei der chinesischen Revolution mitwirkten, und bedeutende materielle Hilfeleistungen, vor allem in Form von Waffen und Munition, kamen aus Japan. Wenn man von einer Anzahl Einzelpersönlichkeiten absieht, die sich aus Idealismus und aus Sympathie für die Sache der revolutionären Bewegung in China und für Sun Yat-sen einsetzten, verfolgte die japanische Politik damals vielleicht noch nicht fest umrissene, aber doch in eine bestimmte Richtung weisende Pläne. Politische Flüchtlinge aus China sind bis zum zweiten Weltkrieg in Japan meist willkommen gewesen, nicht nur Revolutionäre, welche die bestehende Regierung zu stürzen trachteten, sondern auch Anhänger eines bereits gestürzten Regimes. Man dachte den eigenen Interessen zu dienen, wenn man Persönlichkeiten zur Macht verhalf, die Japan freundlich gesinnt waren und zur Erhaltung ihrer Machtposition des japanischen Wohlwollens bedurften. Ferner wurde seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg die japanische Vorherrschaft in Ost- und Südostasien nach der Devise »Asien den Asiaten« immer offenkundiger das Ziel der japanischen Politik. Schon bald nach Ende des chinesisch-japanischen Krieges 1895 gelang es den Japanern durch geschickte Propaganda, unter Betonung der gemeinsamen asiatischen Rasse und Kultur Hass und Feindschaft der Chinesen von Japan abzulenken auf den eigentlichen gemeinsamen Gegner, das Abendland. Nicht nur standen die Führer der Reform- wie der revolutionären Bewegung stark unter japanischem Einfluss, sondern die Japaner selbst entfalteten überall in China, teilweise im Zusammenwirken mit amtlichen chinesischen Stellen, eine rege Information und Propagandatätigkeit. Diesem Zwecke diente insbesondere der 1898 in Tokyo gegründete »Ostasiatische Kulturbund« mit der Aufgabe, die gemeinsamen nationalen Belange Chinas, Japans und Koreas zu koordinieren und zu fördern. Der japanische Sieg über Russland im Jahre 1905 steigerte noch erheblich das japanische Ansehen und die Sympathie für Japan in China. Man sah in China, wie das ursprünglich verachtete kleine Inselvolk durch Modernisierung seiner militärischen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse schnell erstarkt war und in einem kurzen Krieg ohne fremde Hilfe eine der gefürchteten europäischen Großmächte hatte besiegen und aus ihrer vorgeschobenen Position in Ostasien zurückdrängen können. Es ist leicht zu ermessen, welche Reaktion dieser japanische Sieg bei den ständig unter dem Druck der westlichen Großmächte stehenden Chinesen hervorrufen musste. Wozu das kleine Japan in der Lage wäre, dazu müsste das viel größere China auch in der Lage sein. Man müsste nur China in der gleichen Weise modernisieren wie Japan. In Japan glaubte man den Vorkämpfer der Freiheit in Ostasien sehen zu können. Es galt, von Japan zu lernen und den Japanern nachzueifern. So war der japanische Sieg nicht nur ein ganz bedeutender Schritt vorwärts in Japans asiatischen Bestrebungen, sondern auch Wasser auf die Mühlen der chinesischen Revolution. Das Programm des chinesischen Revolutionsbundes enthielt vier grundsätzliche Punkte. Es waren dies 1. die Vertreibung der Manchus und ihrer chinesischen Helfershelfer, 2. die Restauration der Herrschaft der Chinesen, 3. die Errichtung der Republik und 4. der Ausgleich der Grundbesitzrechte. Der letzte Punkt sah vor, dass, unbeschadet des Eigentumsrechtes an Grund und Boden, der Wertzuwachs des Bodens bei steigenden Bodenpreisen der Allgemeinheit, das heißt dem Staate zugute kommen solle. Diese Ideen gingen vor allem auf John Stuart Mill und die von ihm nach 1870 gegründete englische »Land Tenure Reform Association« sowie auf Henry George zurück. Es ist dies der erste Hinweis auf die später in der revolutionären Bewegung Chinas so bedeutende Agrarfrage. Damals standen freilich soziale Probleme noch sehr im Hintergrund, und Sun Yat-sen dürfte die Schwierigkeit ihrer Lösung wohl unterschätzt haben. Richtig ahnte er freilich voraus, dass eine soziale Revolution nach der politischen Revolution sehr unheilvolle Folgen haben müsse. Es dürfe daher nicht versäumt werden, beim Wechsel des politischen Systems auch für die sozialen Probleme eine befriedigende Lösung zu finden. Dementsprechend bezog Sun Yat-sen nach der »Nationalen Grundlehre« und der »Grundlehre von den Rechten des Volkes« auch die »Grundlehre von der Lebenshaltung des Volkes« in die damals bereits in ihren Grundzügen entwickelten »Drei Grundlehren vom Volk« (San min chu-i) ein. Zur politischen Organisation entwarf Sun die sogenannte »Fünf-Gewalten-Verfassung«, die eine Verbindung der drei im Westen ausgebildeten Gewalten, Legislative, Exekutive und Justiz, mit den beiden traditionellen chinesischen, Prüfung für die Beamtenauswahl und Kontrolle der staatlichen Organe und Funktionäre, darstellte. Für die Durchführung der Revolution sah Sun Yat-sen drei Perioden vor: eine dreijährige Periode der Militärregierung, eine weitere dreijährige Periode der Regierung der vorläufigen Konstitution und daran anschließend die Zeit der verfassungsmäßigen Regierung. Hier schien Sun Yat-sen an Theorien anzuknüpfen, die vor fast zweitausend Jahren durch die Kung-yang-Schule aus den »Frühlings- und Herbstannalen« (Ch’un-ch’iu) des Konfuzius entwickelt und dann am Ende des 19. Jahrhunderts von K’ang Yu-wei wiederaufgenommen worden waren. Sehr vorsichtig war die Haltung der Revolutionäre gegenüber den fremden Mächten, die in China politische und wirtschaftliche Interessen hatten. Bereits 1907 verkündeten sie, dass sie grundsätzlich alle bis dahin von der Kaiserlichen Regierung mit ausländischen Mächten abgeschlossenen Verträge anerkennen und die China daraus erwachsenen Verpflichtungen einhalten würden. Lediglich gegen solche Fremde würden sie sich wenden, welche die Kaiserliche Regierung gegen die revolutionäre Armee unterstützten. Durchführung und Bedeutung der Revolution von 1911
Eine Reihe von Putschversuchen, welche die Revolutionäre, meist von Südchina ausgehend, seit 1895 unternommen hatten, war fehlgeschlagen. Doch kam die Entwicklung der Revolution entgegen. Die Kaiserliche Regierung hatte zwar weitgehende und einschneidende Reformen verkündet und – wie die Beseitigung des Prüfungssystems – teilweise auch durchgeführt. Es zeigte sich aber bald, dass die Manchus letzten Endes nicht bereit waren, auch nur einen Teil ihres Herrschaftsanspruches oder ihrer besonderen Vorrechte in der politischen und sozialen Struktur des Landes preiszugeben. So kam es, dass immer weitere Kreise, ohne sich unbedingt dem Programm der Revolutionäre anzuschließen, der verfallenden Manchu-Dynastie die Gefolgschaft versagten und mit der Revolution sympathisierten. Das wichtigste Element der revolutionären Bewegung bildeten damals wie auch später die jungen Akademiker und Studenten. Mit der Beseitigung des Prüfungssystems hatte die konfuzianische Doktrin aufgehört, eine entscheidende Stelle im Bildungswesen einzunehmen. So entstand ein Vakuum, das nur teilweise durch moderne, westliche Bildung ausgefüllt werden konnte. Das soziale Prestige ging von den Inhabern der traditionellen Prüfungsgrade auf die Absolventen der modernen Schulen im In- und Ausland über, die dadurch einen außerordentlich starken Einfluss ausübten. Ein großer Teil von ihnen wurde zweifellos von idealer Begeisterung für die hohen Ziele der Revolution und von dem ehrlichen Wunsch zur Rettung ihres Vaterlandes getragen, und manche hervorragend gebildete Persönlichkeiten befanden sich unter ihnen. Aber auch viel snobistische Arroganz, unreifes Besserwissen, mangelnde Bildung und mangelndes Verständnis für die Gegebenheiten der eigenen Kultur und der eigenen Tradition fanden sich zumal bei einem Teil der Auslandsstudenten in Europa, Amerika und Japan. Mit unverarbeiteten, oberflächlichen Kenntnissen abendländischer Kultur, ohne Können und Fähigkeiten waren die meisten der jungen Leute darauf bedacht, unter dem neuen republikanischen Regime einen einträglichen Beamtenposten zu finden. Wenn auch nur ein Teil der aus dem Ausland zurückgekehrten Studenten sich aktiv für die Revolution einsetzte, so wirkten sie doch insgesamt zersetzend auf die traditionelle Kultur und die bestehende Ordnung und trugen so dazu bei, den Boden für die Revolution vorzubereiten. Auch die neuen, nach westlichem Vorbild ausgebildeten Kontingente der Armee, die mehr und mehr an Bedeutung gewannen, waren von den neuen Ideen erfasst. Besonders die jungen Offiziere, die – oft im Ausland – eine moderne militärische Ausbildung erhalten hatten und schnell avanciert waren, neigten meist der revolutionären Bewegung zu – sei es aus Idealismus oder aus persönlichem Ehrgeiz. Sie sollten bei der Revolution schließlich ausschlaggebend sein und auch in der folgenden Zeit Chinas Schicksal weitgehend bestimmen. Große Teile der Kaufleute und Industriellen, zumal unter den Auslandschinesen, sympathisierten gleichfalls mit der Revolution. Bei geschäftlichen und industriellen Unternehmungen sahen sich die chinesischen Geschäftsleute überall den Ausländern gegenüber benachteiligt. Die in den erzwungenen »ungleichen« Verträgen festgesetzten niedrigen Einfuhrzölle ließen ausländische Waren billig ins Land strömen und versagten der beginnenden einheimischen Industrie den zu ihrer Entwicklung notwendigen Schutz. Der konfuzianischen Tradition entsprechend war die Regierung grundsätzlich handelsfeindlich eingestellt und kannte keinen Unterschied zwischen Außen- und Binnenhandel. So suchten sich die Regierung wie das korrupte und habgierige Beamtentum am einheimischen Handel für die Verluste am ausländischen schadlos zu halten, indem sie Binnenzölle und andere zusätzliche Abgaben unter den verschiedensten Bezeichnungen erhoben, denen die ausländischen Händler und Waren auf Grund ihrer Machtposition nicht unterworfen waren. So konnten die einheimischen Waren, selbst wenn sie erheblich billiger herzustellen waren als die ausländischen, kaum konkurrenzfähig sein. Auf günstige Investitionsmöglichkeiten, wie Eisenbahnbauten oder Bergwerksunternehmen, legten zunächst die Ausländer die Hand. Im Ausland sahen viele Chinesen, dass sie trotz aller Diskriminierung dort unter gesetzlich geordneten Verhältnissen oft besser ihre Tätigkeit entfalten konnten als in China. Es ist so leicht zu verstehen, dass die chinesischen Geschäftsleute des In- und Auslandes wenig Sympathie für die den Fremden gegenüber machtlose Dynastie und für ein korruptes Beamtentum hatten, von dem sie sich nach Willkür ausgebeutet und ausgeplündert sahen, und dass ihnen eine Änderung der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Zustände dringend am Herzen lag. Um sich in ihren geschäftlichen Unternehmen entfalten zu können, brauchten sie ein geordnetes Staatswesen, das über die Macht verfügte, ihnen im In- und Ausland Schutz zu gewähren. Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben sie sich mehr und mehr auf die Seite der Revolution geschlagen und sie durch Geldspenden in einem gewissen Grade überhaupt erst ermöglicht. Es gab allerdings auch andere Geschäftsleute, die als »Kompradore« für die Ausländer arbeiteten, durch ausländische Wirtschaftsunternehmen verdienten und die bis zum Ende der dreißiger Jahre zum Teil auch in den fremden Pachtgebieten oder in den fremden Niederlassungen der Hafenstädte lebten und hier weitgehend gegen berechtigte oder unberechtigte Zugriffe der chinesischen Behörden geschützt waren. Diese Kreise standen einer revolutionären Bewegung weit weniger positiv gegenüber, aber beide Gruppen waren nicht immer klar voneinander zu unterscheiden; doch verkörperten sie grundsätzlich verschiedene Interessen und zeigten eine unterschiedliche Haltung zur Revolution. Von Sun Yat-sen und einigen anderen abgesehen, stammten die revolutionären Akademiker und Studenten zum großen Teil aus wohlhabenden Beamten- oder auch Kaufmannsfamilien. Die neuen Ideen, die sich einzelne Familienmitglieder im In- oder Ausland zu eigen gemacht hatten, beeinflussten häufig die übrigen Familienangehörigen. So breitete sich allmählich auch innerhalb der herrschenden Schicht die Überzeugung von der Notwendigkeit einer grundlegenden Umgestaltung des Staatswesens, nötigenfalls einer Revolution, aus. Andere Teile der früheren Shen-shih blieben freilich streng konservativ und der herrschenden Dynastie loyal -ergeben. So waren oft innerhalb der einzelnen Familie die unterschiedlichsten Auffassungen vertreten. In der Zeit nach 1905 begann – zunächst nur langsam und vereinzelt – bei der herrschenden Schicht die Auflösung der strengen Familien-Hierarchie. Mit dem Prüfungssystem fiel praktisch das Kriterium für die Zugehörigkeit zu den Shen-shih, und diese verloren ihre Bedeutung als fest abgegrenzte, einheitliche staatstragende Schicht. Damit begann aber auch eine Zersetzung im Innern; schon 1911 standen die Shen-shih nicht mehr als einheitliche Gruppe geschlossen hinter der herrschenden Dynastie, wie es noch während der Taiping-Revolution der Fall gewesen war. Am 10. Oktober 1911 wurde ein Putsch revolutionär gesinnter Truppenteile in Wuchang bei Hankou am Yangtse das Fanal der vom Revolutionsbund und von den Geheimgesellschaften sorgfältig vorbereiteten Erhebung im ganzen Land. Dank der Hilfe großer Teile des Militärs setzte sich die Revolution rasch ohne größeres Blutvergießen durch. Die Regierung war völlig kopflos und legte ihr Geschick in die Hände des aus der Zurückgezogenheit gerufenen einflussreichen und fähigen Staatsmannes Yüan Shih-k’ai. Dieser sah, dass die Manchu-Dynastie nicht mehr zu retten war, und begann mit den Revolutionären zu verhandeln. Am 12. Februar 1912 erklärte daraufhin die Kaiserliche Regierung in einem feierlichen Edikt ihre Abdankung, nachdem sie vorher Yüan Shih-k’ai unbeschränkte Vollmacht zur Organisation einer provisorischen republikanischen Regierung erteilt hatte. Damit war der auf eine etwa zweitausendjährige Vergangenheit zurückblickende konfuzianische Staat zusammengebrochen und China eine Republik geworden. Die revolutionäre Bewegung hatte ihr erstes Ziel erreicht. Der Rahmen für die soziale und politische Ordnung des traditionellen China war der vom konfuzianisch ausgerichteten Beamtentum beherrschte Universalstaat mit dem Kaiser an der Spitze gewesen. Die Staats- und Weltanschauung, auf der dieser Staat und die soziale Ordnung beruhten, war im Laufe der Jahrhunderte zwar in ihren Einzelheiten modifiziert und weiterentwickelt worden, ihre wesentlichen Grundlagen haben sich aber vor jeder ernstlichen Erschütterung bewahren können. Seit der Han-Zeit war der konfuzianische Staat konstant der Rahmen, in dem sich alle sozialen und politischen Wandlungen vollzogen. Mit dem Sturz der Dynastie im Jahre 1911 brach dieser Staat zusammen und damit die traditionelle soziale und politische Ordnung. Der Sturz der Ch’ing-Dynastie und die ihm folgende Errichtung der Republik hatte für China eine andere, tiefere Bedeutung als der Sturz der Monarchie für die europäischen Länder. Eine zweitausendjährige – oder gar noch längere – Entwicklung war plötzlich abgeschnitten. Die konfuzianische Idee des Weltstaates hatte sich als Utopie erwiesen. Der Umsturz von 1911 war der endgültige Zusammenbruch des im Innern seit dem Opiumkrieg und der Taiping-Revolution nach und nach mehr unterhöhlten und morsch gewordenen Baues. Wichtig ist, dass die Ereignisse von 1911 nicht – wie es vielleicht anfangs scheinen mochte – eine neue Form des Dynastiewechsels darstellten, wenn sie auch noch viele charakteristische Merkmale der traditionellen Dynastiewechsel trugen und die Gründung einer neuen Dynastie bald darauf noch einmal versucht wurde. Auch war der Sturz der Manchu-Dynastie nicht die Einleitung einer neuen Epoche der Zerreißung in mehrere Teile, von denen sich der Herrscher eines jeden zum legitimen Nachfolger des Himmelssohnes erklärte. Es war vielmehr der Abschluss einer Epoche, das Ende des konfuzianischen Weltstaates. Alle traditionellen sozialen, politischen, geistigen und moralischen Grundlagen und Maßstäbe, die seit Jahrhunderten unantastbares Dogma, unanzweifelbare Wirklichkeit, ja Selbstverständlichkeit gewesen waren, verloren plötzlich ihren Halt und kamen ins Wanken. Dass sich die sozialen und sonstigen Verhältnisse im Lande nach 1911 zunächst nur sehr wenig änderten, schmälert nicht die grundlegende Bedeutung des Umsturzes der Staatsverfassung; denn er war die Voraussetzung für alle späteren Wandlungen auf geistigem, politischem und sozialem Gebiet. Die kulturelle Revolution von 1919
Die Anfänge der Republik
Sun Yat-sen und sein Kreis, die den entscheidenden Impuls zum Sturz der Manchu-Dynastie gegeben hatten, waren von den idealsten und uneigennützigsten Absichten getrieben; und es gebührt ihnen das Verdienst, dem nicht mehr haltbaren, morschen Bau des konfuzianischen Staates den letzten Stoß zum Zerfall gegeben zu haben. Ihr Wirken war so in erster Linie destruktiv. Sie waren aber nicht in der Lage, etwas überzeugend Neues an die Stelle des zerfallenden Alten zu setzen. Ihre Ideen vom Aufbau der Republik, wie die »Drei Grundlehren vom Volk« und die »Fünf-Gewalten-Verfassung«, waren allzu theoretisch und trugen den gegebenen Verhältnissen keine Rechnung. Den revolutionären Theoretikern fehlte die Einsicht in die sich aus den historischen Voraussetzungen ergebenden politischen Möglichkeiten. Das gemeinsame Ziel des Sturzes der Dynastie hatte zeitweilig die heterogensten Elemente zusammengeführt. Als das Ziel erreicht war, lösten sie sich sogleich wieder voneinander. Sun Yat-sen und seine Anhänger waren nicht imstande, auf demokratischen Grundlagen eine Regierung ins Leben zu rufen. Die 1913 stattfindenden Wahlen zu einem Parlament waren nicht mehr als ein groteskes Spiel. Bestechung und Terror gaben dabei den Ausschlag, und bei dem »Wahlkampf« ging es lediglich um Vorteile einzelner Personen und Gruppen, für die der Sieg der eigenen Partei eine finanzielle Lebensfrage war. Politische Programme oder Ideologien spielten kaum eine Rolle. Das auf diese Weise »gewählte« Parlament hatte dann auch keinerlei Autorität, und so behielten einstweilen traditionelle Kräfte die Oberhand, die mehr politische Erfahrung und weniger Skrupel besaßen als die Revolutionäre. Yüan Shih-k’ai war in der Lage, mit Hilfe ausländischer Anleihen eine große Armee zu unterhalten und käufliche Elemente durch Bestechung auf seine Seite zu bringen. Andere Widersacher suchte er durch List und Gewalt unschädlich zu machen. Eine von Sun Yat-sen und seinen Anhängern, die die Sache der Revolution durch Yüan verraten sahen, im Sommer 1913 von Nanking aus begonnene Erhebung, die »Zweite Revolution«, konnte dieser ohne größere Mühe niederschlagen. Yüans Macht wuchs, er ließ sich vom Parlament zum Präsidenten auf Lebenszeit »wählen«, und sein letztes Ziel war die Proklamation zum Kaiser. Das konnte jedoch durch die gewaltsame Intervention anderer Militärmachthaber verhindert werden, und Yüan starb 1916, ohne Sein Ziel erreicht zu haben. Yüan Shih-k’ai und die ihm folgenden Militärmachthaber wussten zwar die sich bietenden Möglichkeiten geschickt für sich auszunutzen, aber ihre Handlungen dienten keiner Idee und keinem höheren Zweck; denn der traditionelle Staat und die traditionelle Staatsethik bestanden nicht mehr. Die in der Vergangenheit nach einem Umsturz in der Regel bald wieder an die zivile Autorität zurückgehende Staatsgewalt blieb für die nächsten Jahrzehnte beim Militär. Für die Militärmachthaber waren aber meist nur der eigene Ehrgeiz und das eigene Machtstreben maßgebend. Die Zeit nach 1911 ist gekennzeichnet durch die Kämpfe einzelner Militärmachthaber oder Gruppen von Militärmachthabern gegeneinander um die Herrschaft in der Zentrale oder auch nur in einer Provinz oder in einem Teil des Reiches. Uralte, durch die Jahrhunderte nur teilweise ausgeglichene regionale Sonderinteressen und Gegensätze machten sich erneut geltend und überwogen meist die politischen Meinungsverschiedenheiten. Neue Machtzentren bildeten sich nicht selten in den Gebieten, in denen sie sich auch schon in der Vergangenheit gebildet hatten. Überhaupt ähnelte die Lage vergangenen Übergängen von einer verfallenen Dynastie zu einer neuen. Der entscheidende Unterschied war nur das Fehlen der konfuzianischen Staatsidee von der Einheit des Reiches mit einer zentralen Herrschergewalt an der Spitze. Viele oder vielleicht sogar die meisten der erfolgreichen Militärmachthaber der Vergangenheit hatten sich ausgesprochen oder unausgesprochen als künftige Kaiser gefühlt, ihre Aufgabe in der Einigung des Reiches gesehen und so ihren Anhängern eine leitende Idee geben können. Die nach 1911 noch vorhandenen Überreste der traditionellen konfuzianischen Staatsidee hatten nicht mehr die Lebenskraft, als grundlegend zu wirken. Yüan Shih-k’ai’s Streben nach der Kaiserwürde war daher zum Scheitern verurteilt, und die rein persönlichen, machtpolitischen Interessen der einzelnen Militärmachthaber traten um so unverhüllter hervor. Die meisten waren in den von ihnen beherrschten Gebieten mehr oder weniger unumschränkte Diktatoren, die kaum mehr taten, als sich auf Kosten der Bevölkerung, in erster Linie der Bauern, die Kassen zum Unterhalt ihrer Truppen zu füllen. Zuweilen suchten sie auch durch industrielle und Bergwerksunternehmen neue Hilfsquellen zu erschließen. An die immer dringender werdenden politischen und sozialen Reformen dachte kaum einer. Allen Militärmachthabern und den mit ihnen zusammenarbeitenden Gruppen und Personen, die in der Hauptstadt Peking und in den Provinzen um die Macht kämpften, war vielmehr eine sehr konservative, wenn nicht gar reaktionäre, fortschrittsfeindliche Haltung gemeinsam. Im Grunde standen sie alle Sun Yat-sen und den Revolutionären feindlich gegenüber. Indessen reichte diese gemeinsame Gegnerschaft nicht dazu aus, gegenseitige Differenzen zu überbrücken. Manche verbündeten sich sogar zeitweilig mit Sun Yat-sen, der mit ihrer Hilfe 1918 in Kanton eine Gegenregierung gegen Peking ins Leben rief. Die Vorgänge in China wurden in nicht geringem Grade mittelbar oder unmittelbar durch die Politik der fremden Mächte beeinflusst, die bald diesen, bald jenen Militärmachthaber unterstützten und so ihr Teil dazu beitrugen, dass es zu keiner Einigung kam. Dabei war seit der Zeit um die Jahrhundertwende Japan immer mehr in den Vordergrund getreten. Japans erster Versuch, auf dem Festland Fuß zu fassen, war zwar 1895 mit dem Einspruch von Shimonoseki durch Russland, Frankreich und Deutschland vorläufig verhindert worden. Der japanische Sieg über Russland im Jahre 1905 ließ dann aber Japan seine ersten Ziele auf dem Festland erreichen: die Übernahme des russischen Pachtgebietes Liao-tung und der von den Russen gebauten südmanchurischen Eisenbahn und die Angliederung Koreas, dessen Annexion 1910 folgte. Parallel zu dieser auswärtigen Expansion war – wie erwähnt – Japan seit den neunziger Jahren bemüht, auch auf die innerchinesische Politik Einfluss zu gewinnen. Das Haupthindernis für ein weiteres politisches und wirtschaftliches Vordringen der Japaner auf dem Kontinent waren die westlichen Großmächte, die dann allerdings durch den ersten Weltkrieg weitgehend in Europa gebunden waren, so dass Japan bald seine Ziele in Ostasien offen verfolgen konnte. Japans Eintritt in den Krieg auf seiten der Alliierten gab den Grund, das deutsche Schutzgebiet Kiaochou anzugreifen und sich in der Provinz Shantung festzusetzen. Einflussreiche Kreise Japans drängten aber, die Gelegenheit noch weiter auszunutzen, und so kam es Anfang 1915 zu den »Einundzwanzig Forderungen« an China. Die am 18. Januar 1915 dem damals noch mächtigen Präsidenten Yüan Shih-k’ai vorgelegten Forderungen betrafen 1. die Übernahme der deutschen Rechte und Interessen in Kiaochou und Shantung, 2. japanische Sonderinteressen in der Manchurei und Inneren Mongolei, 3. die weitgehende Unterstellung wichtiger chinesischer industrieller Unternehmungen unter japanische Kontrolle, 4. die Nichtabtretung irgendwelcher Küstenplätze an eine dritte Macht und 5. die weitgehende Verwendung japanischer »Berater« in allen politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen in ganz China, so dass praktisch die Japaner dann das gesamte öffentliche Leben Chinas kontrollieren würden. In den folgenden Verhandlungen setzte die chinesische Regierung dem japanischen Ansinnen nachdrücklichen Widerstand entgegen, und auch England und die Vereinigten Staaten intervenierten, da sie eigene Interessen bedroht sahen. Schließlich ließen die Japaner die fünfte Gruppe der Forderungen fallen und erzwangen die Annahme der übrigen in modifizierter Form durch ein Ultimatum am 5. Mai 1915, vor dem die chinesische Regierung notgedrungen kapitulierte. Steinkohle
Fushun ChinaChinesische Grundstoffindustrie der zwanziger Jahre: Kokerei und Steinkohlengruben bei Fushun in der Mandschurei Die Erbitterung weitester Kreise in ganz China über die japanischen Forderungen war stark, und die Erregung schlug hohe Wogen. Hätte Yüan Shih-k’ai damals die Entschlossenheit gefunden, das Ultimatum der Japaner zurückzuweisen und zum bewaffneten Widerstand aufzurufen, wäre er wohl der begeisterten Sympathie des ganzen Landes – einschließlich des größten Teils der ihm an sich feindlich gesinnten Revolutionäre – sicher gewesen, und man hätte ihn als den Führer der Nation anerkannt. Yüan hat diesen sehr riskanten und folgenschweren Schritt nicht gewagt. Das hat sein Prestige in China sehr geschwächt, zu seinem Sturz im folgenden Jahr beigetragen und die Ereignisse von 1919 vorbereiten helfen. Zudem musste Yüan jetzt mit einem Einspruch der Japaner bei seinen monarchistischen Plänen und mit weiterer Unterstützung der Revolutionäre um Sun Yat-sen durch die Japaner rechnen. Denn Yüans zentralistische Politik bot den Japanern wenige Chancen, ihren besonderen lokalen Interessen in der Manchurei wie in Süd-China nachzugehen. Ein möglichst geteiltes China mit zwei oder mehr Japan genehmen, völlig von Japan abhängigen Persönlichkeiten an der Spitze war ein in Japan viel propagiertes Ziel, und die japanische Politik hat seitdem stets zu verhindern gesucht, dass sich in China eine starke Zentralgewalt bildete und dabei offen oder geheim die Kräfte unterstützt, die gegen die bestehende Zentralgewalt kämpften. Der japanische Druck trug nicht unwesentlich zu dem im August 1917 erfolgten Eintritt Chinas in den Krieg gegen Deutschland bei. Wenn man von den keineswegs zu unterschätzenden innerpolitischen Beweggründen bestimmter Gruppen absieht, die glaubten, durch die Kriegserklärung Vorteile für die eigene Machtposition erlangen zu können, versprachen sich viele etwas weiter blickende Chinesen auf Grund der Kriegserklärung Stimme und Berücksichtigung Chinas beim künftigen Friedensvertrag zu erlangen. Sie hofften, die mit den »Einundzwanzig Forderungen« zugestandene Abtretung der ehemaligen deutschen Besitztitel und Rechte in Shantung an Japan bei den Friedensverhandlungen zugunsten Chinas rückgängig machen zu können. Die von England und Frankreich bereits vor dem Eintritt Chinas in den Krieg Japan gegebenen geheimen Versprechungen hinsichtlich der deutschen Rechte in Shantung waren damals in China noch nicht bekannt. Als sich zwei Jahre später die chinesischen Hoffnungen nicht erfüllten, waren Enttäuschung und Erbitterung um so größer. Die Bewegung vom 4. Mai 1919
Zu Beginn des Jahres 1919 sandte China als eine am Kriege gegen Deutschland beteiligte Macht eine große Abordnung zur Friedenskonferenz nach Paris. Auf chinesischer Seite knüpfte man große Erwartungen an diese Konferenz nicht zumindest auf Grund des fünften Punktes der dem Waffenstillstand vorausgegangenen Erklärung des amerikanischen Präsidenten Wilson, der »eine freie, vorurteilslose und absolut unparteiliche Schlichtung« aller kolonialen Fragen vorsah. Die chinesischen Abgeordneten unterbreiteten einen umfangreichen Vorschlag, der durch die Annullierung der »ungleichen Verträge« China aus seinem halbkolonialen Status befreien und ihm eine gleichberechtigte Stellung unter den Siegermächten gewährleisten sollte. Die Konferenz wies jedoch die Behandlung der Vorschläge zurück, indem sie sich für diesen Themenkreis als nicht zuständig erklärte. Auch hinsichtlich der Rückgabe der deutschen Rechte in Shantung konnte China seine Ansprüche gegen Japan nicht durchsetzen und fand dabei nicht einmal die erhoffte amerikanische Unterstützung. So kamen die Artikel 156-158 des Versailler Vertrages zustande, die das ehemalige deutsche Schutzgebiet und alle früheren deutschen Rechte in der Provinz Shantung ohne alle Einschränkung Japan zusprachen. Als in China die Öffentlichkeit vom Stand der Verhandlungen erfuhr, riefen die Nachrichten größte Erregung und Empörung hervor, zumal in den akademischen Kreisen. Am 4. Mai 1919 fand eine große Protestdemonstration Pekinger Studenten gegen die Unterzeichnung des Friedensvertrages und gegen eine Gruppe japanfreundlicher Politiker in der Regierung statt. Dabei wurden mehrere Studenten verhaftet. Daraufhin folgten weitere Studentendemonstrationen im ganzen Land sowie Streiks der Arbeiter in den neuen Industriezentren und ein Boykott japanischer Waren, der von großen Teilen der Kaufmannschaft unterstützt wurde und während seiner etwa einjährigen Dauer den japanischen Chinahandel sehr empfindlich traf. Die Regierung gab daraufhin dem Druck der öffentlichen Meinung nach und verweigerte die Unterzeichnung des Vertrages. Die angegriffenen Politiker traten von ihren Regierungsämtern zurück. Damit hatte die Studentenbewegung ihre wesentlichen Ziele erreicht. Diese äußeren Vorgänge der 4.-Mai-Bewegung scheinen nicht allzu wesentlich und ihrer Bedeutung nach weit hinter den Ereignissen von 1898, 1900 und 1911 zurückzustehen. Dennoch sind sie der sichtbare Ausdruck einer außerordentlich bedeutsamen Entwicklung und daher von entscheidender Wichtigkeit für die chinesische Revolution. Neben den bereits erwähnten, grundlegenden politischen Veränderungen mit ihren verhängnisvollen Folgen hatten die Jahre zwischen 1911 und 1919 auch manche Wandlungen wirtschaftlicher und sozialer Art mit sich gebracht. Infolge des Krieges war die wirtschaftliche Aktivität der europäischen Mächte in China wesentlich zurückgegangen. Die Industrien Europas produzierten in erster Linie kriegswichtige Güter, so dass die europäischen Waren mehr und mehr vom chinesischen Markt verschwanden. Vermehrung der amerikanischen und japanischen Einfuhr konnte diesen Rückgang nur teilweise ausgleichen, so dass sich eine günstige Gelegenheit zur Ausdehnung der bisher nur sehr geringen einheimischen Industrie bot. Das betraf insbesondere die Textilindustrie und Getreidemühlen sowie die Herstellung von Streichhölzern, Zigaretten, Zement, Konserven. Städte wie Shanghai, Hankou und Tientsin wurden in dieser Zeit weitgehend industrialisiert. Auch an den Knotenpunkten der neu gebauten Eisenbahnen bildeten sich neue Wirtschaftszentren, die große Mengen von Bauern als Arbeiter anzogen. So begann sich eine, wenn auch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung noch recht kleine Schicht von Industriearbeitern zu bilden, die es vordem in China nicht gegeben hatte. Diese Arbeiterschaft löste sich von den Bindungen der traditionellen Familie, auf deren wirtschaftlicher Einheit vorwiegend die absolute Autorität des Familienoberhauptes beruht hatte. Die traditionelle Bauernfamilie war im wesentlichen selbstgenügsam in der Produktion wie im Konsum, und über den engsten Kreis der Nachbarn hinaus war die Verbindung mit Außenstehenden auf ein Minimum beschränkt. Wirtschaftliche Unternehmen der Vergangenheit wählten ihr Personal stetsin erster Linie nach Gesichtspunkten der Familienzugehörigkeit aus. Eine Ausnahme bildeten lediglich die großen staatlichen Bauten, für die zeitweilig Arbeitskräfte wahllos rekrutiert wurden, die aber nach Beendigung der Arbeit in ihre Familie zurückkehrten. Moderne Betriebe müssen ihr Personal aber in erster Linie nach individueller Eignung und Befähigung auswählen, ohne durch Rücksichtnahme auf Familienzugehörigkeit gebunden zu sein. So eröffneten moderne Betriebe mit ihrem dauernden Bedarf an Arbeitern dem einzelnen eine Existenzmöglichkeit außerhalb der Groß-Familie. Der einzelne konnte sich gegebenenfalls der Autorität des Familienoberhauptes entziehen oder wenigstens damit drohen und so die eigenen Wünsche gegen den Druck der Familie durchsetzen. Damit geriet die vorher nahezu absolute Autorität des Familienoberhauptes und die traditionelle Familienstruktur ins Wanken. Die so emanzipierten Arbeiter moderner Betriebe bildeten den Grundstock einer neuen proletarischen Klasse, die neuen Ideen und Lehren leichter zugänglich war als die konservativen, an den alten Normen und Bindungen festhaltenden Bauern. Mit dem Rückgang der fremden wirtschaftlichen Aktivität vermehrten sich auch die vom Ausland unabhängigen chinesischen geschäftlichen Unternehmungen. Zumal in den Hafenstädten erlangte die Kaufmannschaft eine Bedeutung, die sie vorher nicht gehabt hatte. Sie war an einer starken nationalen Regierung interessiert, die sie vor der Willkür und Geldgier der Militärmachthaber und deren korrupter Beamten schützte und die nach außen hin wirksam für die Belange der chinesischen Wirtschaft einzutreten in der Lage war. Wie schon 1911 zeigten sich 1919 in verstärktem Maße auch die Kaufleute für alle nationalen Ideen der Revolution aufgeschlossen, und der von der Intelligenz ausgehende Aufruf zum Boykott japanischer Waren fand in ihren Kreisen starken Widerhall, so dass er in seiner Ausdehnung und Wirkung alle früheren Aktionen dieser Art übertraf. Die führende Rolle bei der 4.-Mai-Bewegung spielte die nach wie vor außerordentlich einflussreiche Intelligenz. Mit dem Prüfungssystem hatten zwar die besonderen Privilegien der Shen-shih aufgehört; doch war das soziale Prestige des Gebildeten einstweilen erhalten geblieben, und die Studenten der neuen Mittel- und Hochschulen erfreuten sich einer ähnlich angesehenen Stellung wie die jungen Literaten und Prüfungskandidaten der Vergangenheit. Sie waren nicht unbedingt die Urheber neuer Ideen. Aber bei dem hohen Anteil, den die des Lesens und Schreibens Unkundigen in der Bevölkerung hatten, wandten sich Bücher und Zeitschriften stets in erster Linie an die akademische Jugend. Die Studenten waren gewissermaßen »die Stimme des Volkes«. Sie konnten Ideen sichtbaren Ausdruck verleihen. Auch in der Vergangenheit hatten wiederholt Gruppen junger Literaten durch Demonstrationen mannigfacher Art sich Gehör verschafft und in die aktuelle Politik eingegriffen. Für die Reformbewegung von 1898 war in dieser Weise die junge Intelligenz verantwortlich gewesen. Sie war aber eine Reform-Bewegung, die trotz vieler neuer Ideen an den traditionellen Normen festhielt, und keine revolutionäre Bewegung. Die Revolution von 1911, an der wiederum die Intelligenz stark mitwirkte, hatte ihren Schwerpunkt im Kampf gegen die herrschende Dynastie, und über einen sehr engen Kreis um Sun Yat-sen hinaus bestand nicht die Absicht, vollständig mit der Vergangenheit zu brechen. Selbst Sun Yat-sen und seinen nächsten Anhängern fehlten damals noch die für die spätere Revolution charakteristischen Elemente: nach außen der Kampf um die volle nationale Souveränität auf allen Gebieten gegen die Vorrechte und Ansprüche der Fremden, und nach innen der Kampf gegen die althergebrachten Normen und Gewohnheiten sowie gegen die traditionelle soziale Struktur – in der kommunistischen Terminologie »Kampf gegen den Imperialismus« und »Kampf gegen den Feudalismus« genannt. Erst bei der 4.-Mai-Bewegung traten diese Elemente zum ersten Male scharf hervor. Anders noch als 1911 standen sich hier die Fronten des Neuen und des Alten deutlich gegenüber. Die fortschrittlich gesinnten Dozenten der Hochschulen und die unter ihrem Einfluss stehenden Studenten waren die Repräsentanten der neuen Ideen, die in der »Bewegung für kulturelle Erneuerung« ihren Ausdruck fanden. Von entscheidendem Einfluss auf das Zustandekommen und auf die Entwicklung dieser Bewegung war die 1915 in Shanghai gegründete Zeitschrift »Neue Jugend« – später mit dem französischen Untertitel »La Jeunesse« -, um die sich die führenden Männer des Fortschritts sammelten. Inhalt der Zeitschrift bildeten einmal die Kritik an der chinesischen Tradition und zum anderen die Behandlung der abendländischen Kultur und ihrer Exponenten. Begründer und Herausgeber der Zeitschrift war Gh’en Tu-hsiu. Er hatte zu Beginn des Jahrhunderts in Japan studiert, aber trotz revolutionärer Gesinnung seine Unabhängigkeit gewahrt und sich nicht der revolutionären Bewegung Sun Yat-sens angeschlossen. 1917 berief ihn der neu ernannte, aufgeschlossene Präsident der Universität Peking, Ts’ai Yüan-p’ei, an die dortige literarische Fakultät. Andere aus dem Kreise um die »Neue Jugend« folgten, unter ihnen Hu Shih, Li Ta-chao, Wu Yü, Lu Hsün. So wurde die Universität Peking das geistige und dann auch das organisatorische Zentrum der 4.-Mai-Bewegung. Angeregt durch die »Neue Jugend« und die zu ihrem Kreise gehörenden akademischen Lehrer riefen die Studenten der Universität Anfang 1919 selbst eine Zeitschrift ins Leben unter dem Titel »Neue Flut«, die zu einer geistigen Revolution aufrief. Andere Zeitschriften mit ähnlicher Tendenz begannen bald in allen akademischen Zentren Chinas zu erscheinen. Auch Mao Tse-tung weilte im Winter 1918/19 als Bibliotheksangestellter an der Universität Peking. Die unmittelbare Berührung mit der neuen Bewegung war für seine weitere geistige Entwicklung von erheblicher Bedeutung. Die Ideen der »Bewegung für kulturelle Erneuerung«
Die »Bewegung für kulturelle Erneuerung« richtete ihre Angriffe in erster Linie und mit besonderer Schärfe gegen den Konfuzianismus. Die Anhänger der neuen Ideen sahen ihn als den Hauptträger der traditionellen Ordnung und des traditionellen Denkens und daher als ein Hindernis für allen Fortschritt an. Dem entgegen, traten die konservativ-reaktionären Kreise der Militärmachthaber und ihrer Gefolgsleute – Beamte, Politiker und Literaten alten Stiles – für den Konfuzianismus und für die traditionellen Lebensformen und Ideen ein. Durch die mit dem Opiumkrieg einsetzende Entwicklung war der Konfuzianismus in seiner politisch-universalistischen Grundlage mehr und mehr erschüttert und schließlich ad absurdum geführt worden. Durch die Reformbewegung, die Abschaffung des Prüfungssystems und die Verkündung der Republik war er auch als ethisch-politische Staatsdoktrin zusammengebrochen. Dies mögen viele der führenden Anhänger des Konfuzianismus, zu denen auch K’ang Yu-wei, der Führer der Reformbewegung von 1898, gehörte, instinktiv gefühlt haben, ohne sich über die letzten Konsequenzen dieser Vorgänge klar zu sein. Hinzu kam in manchen Kreisen ein aus den psychologischen Wirkungen des Kolonialismus und der damit verbundenen christlichen Mission erklärliches Inferioritätsgefühl, dass in China keine Religion eine dem Christentum im Abendlande vergleichbare Bedeutung habe. So glaubten sie gewissermaßen das Dach eines Hauses noch ausschmücken zu können, dessen Grundmauern bereits eingestürzt waren. Konfuzius sollte als Gott verehrt werden, und dem Konfuzianismus sollte in China die Rolle zufallen, die das Christentum im Abendland spielte. Eine Reihe teilweise weit verbreiteter Zeitschriften warb, zumal durch Beiträge K’ang Yu-weis, für die Proklamation des Konfuzianismus als Staatsreligion. Bei Yüan Shih-k’ai fielen diese Anregungen auf fruchtbaren Boden; 1914 führte er den Konfuzius-Kult wieder ein, und auch die folgenden Präsidenten und Machthaber zeigten sich dem Konfuzianismus kaum weniger geneigt, da sie in ihm einen Schutz ihrer Herrschaft gegen revolutionäre Kräfte zu sehen meinten. Beim Kampf, der von der »Neuen Jugend« gegen den Konfuzianismus geführt wurde, ging man zunächst vorwiegend von traditionellen chinesischen Voraussetzungen aus. Man rief die bekannte Tatsache wieder ins Bewusstsein zurück, dass zu Lebzeiten des Konfuzius im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert und in den ersten Jahrhunderten danach die konfuzianische Lehre ja nur eine unter vielen gewesen sei und sich erst später allmählich als allein anerkannte offizielle Staatsdoktrin habe durchsetzen können. Man griff auf die Argumente der mit dem Konfuzianismus rivalisierenden Lehren der Taoisten, der Legalisten, des Mo-Ti und anderer zurück und entwickelte sie weiter. Gern führte man alte Gegner der Konfuzianer wieder ins Feld, wie etwa Li Cho-wu (1527-1602), den die literarische Inquisition des 18. Jahrhunderts fast der Vergessenheit hatte anheimfallen lassen. Einige Titel von Aufsätzen zeigen, von wo aus der Angriff gegen die traditionelle Lehre ging: »Über das Familiensystem als Wurzel des Despotismus«, »Die Moral des Konfuzius und das Leben der Gegenwart«, »Menschenfresserei und Sittliche Lehre«, »Die taoistische und die Rechtsschule als Gegner der traditionellen Moral«, »Die passive Revolution des Lao-tzu und Chuang-tzu«, »Widerlegung von K’ang Yu-wei’s These, dass die traditionelle Beziehung von Fürst und Untertan nicht aufhebbar sei«. Viele sahen, wie zu ihrer Zeit hinter den hohen Begriffen der konfuzianischen Ethik sich oft nur niedrige Selbstsucht versteckte, wie die auf Ehrfurcht gegen die Älteren gegründete traditionelle, patriarchalische Familienordnung nicht selten dem Familienoberhaupt dazu diente, die übrigen Familienmitglieder zu unterdrücken und auszunutzen, wie die Autorität und Würde von Kaiser und Beamten vortreffliche Gelegenheit zur Ausdehnung der eigenen Macht und des eigenen Reichtums auf Kosten anderer boten. Immer wieder wird auf Beispiele in der chinesischen Geschichte hingewiesen, die ein krasses Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis der konfuzianischen Moral erkennen lassen. Freilich wurde nicht selten über das Ziel hinausgeschossen, aber es war auch viel Wahres in den temperamentvollen Angriffen auf den Konfuzianismus enthalten. Nicht anders als im Abendland die Grundsätze des Christentums häufig Von den sich darauf berufenden Machthabern in Kirche und Staat missbraucht worden sind, hat in China die konfuzianische Lehre oft als Werkzeug oder als Deckmantel für Handlungen dienen müssen, die ihrem Geiste widersprachen. In den letzten Jahrhunderten ist der Konfuzianismus unter einer engherzigen Orthodoxie immer mehr zu einem hohlen System von Formen und Regeln ohne eigentliches Leben geworden. Und vollends im 20. Jahrhundert waren Vorschriften der konfuzianischen Ethik allzuoft nicht mehr als ein billiges Mittel für reaktionäre Machthaber in der Familie oder im Staate, um alle Oppositionen gegen die eigene Misswirtschaft und Verkommenheit zu unterdrücken. Yüan Shih-k’ai und seine Nachfolger ab Präsidenten sowie die lokalen Militärmachthaber haben den Konfuzianismus in diesem Sinne hochgehalten. Die bis in den Anfang der dreißiger Jahre vorwiegend anti-konfuzianische Kuomintang (KMT) sprach in dem Grade, wie sie innerlich verfiel, von den traditionellen konfuzianischen Tugenden. Und das letzte Beispiel war schließlich die Wiedereinführung des Konfuziusopfers und die Propagierung konfuzianischer Ideen durch die Japaner in den von ihnen besetzten Gebieten Nordchinas 1937 bis 1945. Beim Angriff auf den Konfuzianismus blieb es nicht bei den traditionellen Argumenten. Ch’en Tu-hsiu sah ihn untrennbar verknüpft mit dem monarchistischen System und unvereinbar mit der Republik. Vollständiger Bruch mit der Tradition – nicht nur mit dem Konfuzianismus -, Übernahme der westlichen Kultur und Fortschritt oder Beibehaltung der traditionellen Kultur sowie des Konfuzianismus und Untergang, das schien ihm die einzige Alternative zu sein. Die westliche Kultur war für Ch’en Tu-hsiu und seine Anhänger gleichbedeutend mit »Demokratie« und »Wissenschaft«; darin sahen sie den Grund für die Aktivität und Vitalität des Westens und für seine Überlegenheit über China. Ihr Verständnis des Abendlandes war sehr oberflächlich, das Europa vor dem 18. Jahrhundert war ihnen unbekannt. Ihr Begriff von der »Demokratie« stammte vom Manchester-Liberalismus, ihr Ziel war die Befreiung des Individuums von allen Schranken traditioneller Bindungen; sie glaubten, dass das von allen Fesseln gelöste Individuum in China ähnliche Erfolge erringen könne wie im Westen. Unter »Wissenschaft« verstanden sie einmal eine Methode zum materiellen Fortschritt, vor allem aber ein Mittel zum Kampf gegen den »Aberglauben«, als den sie schlechthin jeden religiösen Glauben bezeichneten. Die »Wissenschaft« sollte zur Auflösung der auf gewissen religiösen Grundbegriffen beruhenden traditionellen sozialen Ordnung dienen, sie sollte den Konfuzianismus wie auch alle anderen religiösen Lehren und religiös bedingten Überlieferungen überwinden helfen. Diese Traditionsfeindlichkeit sowie die kritiklose, oberflächliche Bewunderung westlicher Staatsund Gesellschaftsformen und westlichen Denkens waren charakteristisch für die meisten Angehörigen der chinesischen Intelligenz jener Zeit; und sie haben sich zum Teil auch noch weit darüber hinaus erhalten. Durch die amerikanische Kulturpropaganda wurden immer mehr die Vereinigten Staaten und die amerikanischen Lebensformen das Vorbild. Eine außerordentlich starke Wirkung hinterließen etwa die Gastvorlesungen, die der amerikanische Philosoph John Dewey in den Jahren 1919/20 an der Universität Peking und anderenorts in China hielt. Deweys positivistisches, auf das praktische Leben gerichtete Denken sprach die chinesischen Akademiker in besonderem Maße an. Denn obschon die revolutionären Intellektuellen wie Ch’en Tu-hsiu die gesamte chinesische Tradition verwarfen, standen sie doch – wenn auch unbewusst – noch stark unter dem Einfluss der konfuzianischen, ausschließlich auf die soziale und politische Wirksamkeit gerichteten Denkweise. Der Kampf gegen den Konfuzianismus und gegen die traditionellen Normen schloss in folgerichtiger Weise auch den Kampf für die Lösung der chinesischen Frau aus den strengen traditionellen Bindungen und aus ihrer dem Mann – zumindest nach außen hin – in jeder Beziehung untergeordneten Stellung ein. Die Frau sollte nicht lediglich ein Anhängsel des Mannes, sondern eine selbständige, unabhängige Persönlichkeit sein. Die Freiheit, sich selbst den Ehemann nach eigener Neigung zu wählen, und das Recht einer Witwe, sich wiederzuverheiraten, wurden allgemeine Forderung. Hinsichtlich der Keuschheit dürften für den Mann und die Frau nicht verschiedene Maßstäbe gelten. Ferner verlangte man gleiche Bildungsmöglichkeiten für Jungen und Mädchen. Im Herbst 1919 nahm die Universität Peking die ersten Studentinnen auf, und bald darauf wurde die Zulassung von Frauen auch an allen anderen chinesischen Hochschulen üblich. Freilich mussten die jungen Chinesinnen ihren Willen zum Besuch einer höheren oder Hochschule zunächst erst gegenüber ihrer Familie durchsetzen, denn die älteren Familienmitglieder hielten die Bildung als dem traditionellen Ideal der »tugendhaften Ehefrau und guten Mutter« abträglich. Die Frage gleicher Möglichkeiten für die Frau im Berufsleben war damals noch nicht akut, doch fand sie dann in der folgenden Zeit ohne größere Kämpfe eine befriedigende Lösung. Der entscheidende Schritt für die Emanzipation der chinesischen Frau wurde mit der »Bewegung für kulturelle Erneuerung« getan. Kaum weniger wichtig als der Kampf gegen die konfuzianische Tradition und die Propagierung der neuen Ideen von Demokratie und Wissenschaft war die »Literarische Revolution«. Wenn wie in China die Schrift nicht eine Laut-, sondern eine Begriffs-schrift ist, können im Laufe der Entwicklung gesprochene Umgangssprache und literarische Schriftsprache leicht verschiedene Wege gehen. So war der gewählte literarische Stil, in dem man in China schrieb und dichtete, keineswegs eine gehobene Wiedergabe der gesprochenen Sprache, sondern ein Kunstprodukt, nur durch eingehendes Studium der klassischen Literatur und intensive Übung erlernbar. Freilich gab es auch in der Umgangssprache geschriebene Lieder, Dramen und Romane. Sie galten in gebildeten Kreisen aber offiziell als vulgär und unfein und zählten nicht zur eigentlichen Literatur. Das hinderte nicht, dass sie jeder las und kannte. Die literarische Bildung war auf die zahlenmäßig sehr kleine Schicht der Shen-shih beschränkt. Denn wer hatte sonst Zeit und Mittel zu ruhigem und ausgedehntem Studium? Nur in den größeren Städten gab es zuweilen noch andere Kreise, die eine gewisse Elementarbildung und beschränkte Kenntnisse der Schrift hatten. Die Mehrzahl des Volkes konnte jedoch nicht lesen und schreiben. So war es für eine Revolution in der politischen und sozialen Struktur des Landes unerlässliche Voraussetzung, den Wall der literarischen Bildung zu durchbrechen, mit dem sich die herrschende Schicht umgab, und die Bildung zu verallgemeinern. Bestrebungen zur Auflockerung des literarischen Stiles waren bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Gange. Der entscheidende Angriff gegen die traditionelle Schriftsprache erfolgte aber erst zur Zeit der 4.-Mai-Bewegung. Manche wollten die chinesische Schrift überhaupt beseitigen und sie durch die lateinische ersetzen, doch war hierfür die Zeit noch nicht reif. Zunächst war eine sprachliche Reform notwendig. Sie ist mit dem Namen von Hu Shih verknüpft, der 1917 in der »Neuen Jugend« seine »Vorschläge für eine literarische Reform« veröffentlichte. Seine Ideen fanden ein weites Echo. Ch’en Tu-hsiu brachte sogleich Hu Shihs rein literarische Gesichtspunkte in Zusammenhang mit der allgemeinen revolutionären Tendenz. Die Frage wurde eingehend in der »Neuen Jugend« diskutiert. Mehr und mehr Autoren der »Neuen Jugend« gingen in ihren Aufsätzen zur Benutzung der Umgangssprache über, und auch Gedichte in dieser Sprache erschienen in wachsendem Umfang. Damit begann der Siegeszug der Umgangssprache, die sich auch in der Dichtung rasch durchsetzte und in dem Schriftsteller Lu Hsün ihren hervorragendsten Vertreter fand. Auch Lu Hsün hatte zu Beginn des Jahrhunderts in Japan studiert und sich dort der revolutionären Bewegung angeschlossen. In seinen teilweise auch ins Deutsche übersetzten Novellen und Essays prangerte er eindrucksvoll die Missstände der traditionellen Gesellschaft Chinas und ihrer heuchlerischen Moral an. Er hat durch seine Schriften die nach Erneuerung des gesamten sozialen und moralischen Lebens strebende Jugend der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre beeinflusst wie kaum ein anderer und verdient daher bei der »Bewegung für kulturelle Erneuerung« mit an erster Stelle genannt zu werden. Er ist wohl der bedeutendste Schriftsteller, den China in diesem Jahrhundert bis jetzt hervorgebracht hat. In dem Maße, wie die Umgangssprache auch zur geschriebenen Sprache wurde, öffnete sich der Weg zur Verallgemeinerung der Bildung. Das war die entscheidende revolutionäre Bedeutung der literarischen Reform. Es fehlte nicht an Versuchen der konservativen Opposition, die Regierung zu einer gewaltsamen Unterdrückung aller Veröffentlichungen in der Umgangssprache zu veranlassen, da sie radikale, für das Volk schädliche Ideen verbreite. Aber der schnell voranschreitende Erfolg der Literarischen Revolution konnte nicht aufgehalten werden. In den offiziellen Unterrichtsbüchern der Grund- und Mittelschulen trat die klassische Schriftsprache mehr und mehr zugunsten der geschriebenen Umgangssprache zurück. Zeitungen und Zeitschriften erschienen in einem Mischstil, bei dem das umgangssprachliche Element immer mehr zunahm. Am wenigsten machten sich bis zur kommunistischen Machtübernahme Änderungen im offiziellen Amts- und Briefstil bemerkbar. Wie schon erwähnt, spielte bei der »Bewegung für kulturelle Erneuerung« neben der »Neuen Jugend« die Pekinger Zeitschrift »Neue Flut« eine wichtige Rolle, die den bezeichnenden Untertitel »The Renaissance« trug. Die Gründer jener Zeitschrift sahen in der geistigen Bewegung Chinas jener Zeit eine Parallele zur europäischen Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts. Außer der Befreiung von den Fesseln der Tradition und der Schaffung einer neuen Literatur in der lebenden Sprache des Volkes war die Neubewertung der chinesischen Tradition nach neuen wissenschaftlich-kritischen Erkenntnissen ein wichtiges Element der Bewegung. Der anfangs vorwiegend materiell verstandene Begriff der »Wissenschaft« wurde damit erweitert. Insbesondere galt es, die in China auf eine ruhmreiche Tradition zurückblickende philologische und historische Forschung von den Schranken des Dogmas der konfuzianischen Orthodoxie zu befreien und mit einer neuen kritischen Einstellung an die Behandlung des eigenen kulturellen Erbes heranzugehen. Die schon im 18. Jahrhundert lebhaft entfachte kritische Diskussion trat nun in eine neue Phase. Es begannen eingehende Erörterungen zumal über die alte Geschichte Chinas. Die traditionelle chinesische Geschichtsschreibung hatte keine klare Grenze zwischen Mythologie und Geschichte gezogen und kannte eigentlich keine historische Entwicklung. Nun wurde zum ersten Male klar die Geschichte von der Mythologie getrennt. Einzelne historische Persönlichkeiten waren früher oft nur auf Grund ihrer Haltung zur konfuzianischen Lehre und nach konfuzianischen Maßstäben beurteilt; jetzt sah man sie plötzlich in einem ganz anderen Lichte. Die chinesische Geschichte, über die wegen der schematisch-moralisierenden konfuzianischen Geschichtsschreibung noch Hegel urteilte, dass sie »selbst nichts entwickelt«, zeigte nun, nachdem der sie umgebende konfuzianische Schleier entfernt worden war, plötzlich eine mannigfaltige und reichhaltige kontinuierliche Entwicklung von rund drei Jahrtausenden, die in der Weltgeschichte kaum ein Gegenstück haben dürfte. Ungeheure Mengen kaum ausgewerteten historischen Quellenmaterials harren noch der Verarbeitung. Auch in der literarhistorischen Forschung machte sich die neue Einstellung bemerkbar. Die vordem völlig vernachlässigten, in der Umgangssprache geschriebenen volkstümlichen Gedichte, Dramen, Novellen und Romane traten in den Vordergrund des Interesses. Sie wurden textkritisch bearbeitet und inhaltlich neu bewertet. So ist die Zeit um die 4.-Mai-Bewegung auch der Beginn moderner geisteswissenschaftlicher Forschung. Sie hat sich seitdem rasch entwickelt, wenn auch mit der Übernahme des Marxismus-Leninismus als offizieller Staatsdoktrin die erneute Einengung durch ein Dogma den weiteren Fortschritt einstweilen aufhält. Die Anfänge des Marxismus-Leninismus und die Gründung der KPCh
Die »Neue Jugend« ließ in den ersten Jahrgängen die verschiedensten abendländischen Denker und Geistesrichtungen zu Worte kommen, jedoch von Marx oder vom Marxismus war kaum die Rede. Dennoch ist nicht anzunehmen, dass niemand aus ihrem Kreise zu Marx’ Lehre Zugang hatte oder dass sie gar zu extrem erschien. Der aufgeschlossenen Intelligenz jener Zeit waren ja die neuesten und radikalsten abendländischen Ideen nur recht. Der Grund für die Nichtbeachtung lag vielmehr darin, dass sich der Marxismus in seiner ursprünglichen Form auf eine hoch industrialisierte Gesellschaft bezog und für China irrelevant erschien. Erst mit der russischen Oktoberrevolution begann plötzlich der Marxismus in Lenins Auslegung und Dogmatisierung auch in China Beachtung zu finden. Man sah, wie in einem wirtschaftlich kaum weniger rückständigen Lande ein zahlenmäßig sehr kleines, aber unter Führung Intellektueller straff organisiertes Proletariat eine monarchistische Regierung und eine bevorrechtigte, herrschende Schicht beseitigte. Die revolutionäre Welle dehnte sich augenscheinlich auf andere Länder aus und schien tatsächlich der Beginn der von Marx vorausgesehenen Weltrevolution des Proletariats gegen die Kapitalisten, der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter zu sein. Und Lenin verkündete als die messianische Botschaft der Revolution die Befreiung der kolonialen und halbkolonialen Völker vom Joch des westlichen Imperialismus. Die bisher in ihrer Haltung gegenüber diesen Völkern einheitliche Front der abendländischen Mächte war damit durchbrochen, zumal die neue sowjetische Regierung bereits 1920 durch eine Erklärung Karachans kundtat, dass sie auf alle Konzessionen und Rechte, darunter auch auf die Exterritorialität, welche die zaristische Regierung besessen hatte, verzichte. Sowjetrussland gewährte damit als erste der westlichen Nationen China freiwillig die lange erstrebte Gleichberechtigung. So begannen weite Kreise in China, auf die Sowjetunion als den Freund und Vorkämpfer für Freiheit und Gleichberechtigung der unterdrückten Nationen zu blicken. Eine der ersten sichtbaren Wirkungen des Marxismus war die im Frühjahr 1918 an der Universität Peking gegründete »Gesellschaft zum Studium des Marxismus«. Ihre Mitglieder waren meist Studenten der Universität, aber auch der Bibliotheksangestellte Mao Tse-tung gehörte dazu. Ihrem Namen entsprechend war die Gesellschaft anfangs tatsächlich nur eine Studiengesellschaft. Erst allmählich kamen einzelne ihrer Mitglieder zu der Überzeugung, dass man die messianische Botschaft der russischen Revolution kaum ohne die Doktrin, auf der sie beruhte, annehmen könne. So wurde die »Gesellschaft zum Studium des Marxismus« allmählich zum Vorläufer der KPCh. 1919 oder spätestens 1920 schloss sich auch Ch’en Tu-hsiu, der inzwischen nach Shanghai übergesiedelte Herausgeber der »Neuen Jugend«, dem Marxismus-Leninismus an. Er wurde dort schnell der Mittelpunkt eines Kreises revolutionärer Intellektueller der verschiedensten Richtungen, mit denen er 1920 eine sozialistische Jugendgruppe organisierte. Auch in der »Neuen Jugend« begann seitdem mehr und mehr die sozialistische Tendenz zu überwiegen. Im gleichen Jahre schickte die Komintern ihren ersten Vertreter, Gregor Woitinsky, nach China. Er eröffnete in Shanghai ein Büro und sah seine Aufgabe zunächst darin, die heterogenen Elemente um Ch’en Tu-hsiu in eine gemeinsame Richtung zu bringen und organisatorisch der Komintern zu unterstellen; er versuchte, aus diesen in ihren Ideen recht verschiedenen und oft unklaren jungen Intellektuellen allmählich brauchbare Kommunisten zu machen. Ähnliche Gruppen wie in Shanghai entstanden in Peking und Kanton; in seiner Heimatprovinz Hunan versuchte Mao Tse-tung nach marxistischen Grundsätzen eine revolutionäre Bewegung zu organisieren. Im Sommer 1921 trafen sich Kommunisten aus verschiedenen Teilen, des Landes und gründeten die Kommunistische Partei Chinas. Die Angaben über die Teilnehmer weichen etwas voneinander ab. Es waren etwa ein Dutzend und Mao Tse-tung bestimmt unter ihnen. Generalsekretär wurde Ch’en Tu-hsiu. Auch in verschiedenen europäischen Ländern bildeten um die gleiche Zeit chinesische Studenten kommunistische Jugendgruppen. So zeigt die 4.-Mai-Bewegung bereits einen gewissen marxistisch-leninistischen Einfluss. Doch trägt sie in erster Linie nationalen und kulturellen Charakter, und es liegt kein Anlass vor, sie als »einen Teil der proletarischen Weltrevolution jener Zeit« zu bezeichnen, wie es zuweilen geschieht. Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, dass sie auf geistigem Gebiet endgültig die »Große Mauer« zum Einsturz brachte, mit der sich das chinesische Denken seit Jahrhunderten umgeben hatte. China begann nun, mit seinem geistigen und sozialen Leben an dem der übrigen Welt teilzunehmen. Alle großen geistigen Strömungen der westlichen Welt fingen an, sich auch in China bemerkbar zu machen. Bereits bei der 4.-Mai-Bewegung werden die beiden großen Ideologien – demokratischer Liberalismus und Marxismus-Leninismus – sichtbar, die später China und die Welt in verschiedene Lager teilen sollten. So bildet die 4.-Mai-Bewegung einen entscheidenden Wendepunkt, und die Bedeutung, die ihr im heutigen China zuerkannt wird, ist auch vom weltgeschichtlichen Standpunkt aus voll gerechtfertigt. Die Nationale Revolution von 1926/27
Der Ausbau der Lehre Sun Yat-sens
Die 1918 unter Führung Sun Yat-sens in Kanton gegründete Militärregierung und die hinter ihr stehenden Kräfte setzten sich, ähnlich wie 1912, aus sehr heterogenen Elementen zusammen, unter denen Sun Yat-sen und seine vertrauten Mitarbeiter nur eine kleine Gruppe bildeten. Lediglich in ihrem Gegensatz zu der Pekinger Zentrale und zu den Machthabern des Nordens stimmten alle überein. Sun Yat-sen musste selbst wiederholt aus Kanton fliehen und entkam einmal nur mit knapper Not. Bei diesem Interessenkampf stand es schlecht um die Sache der Revolution, und die führende Rolle im revolutionären Kampf schien an die Exponenten der 4.-Mai-Bewegung übergegangen zu sein. Doch zu Beginn der zwanziger Jahre wandelten sich Sun Yat-sens und seiner Mitarbeiter Ideen; das hatte eine völlige Reorganisation und Neuorientierung der Kuomintang zur Folge und führte schließlich zum Siege über die zahlreichen Militärmachthaber des Südens und Nordens. Sun Yat-sen hat seine Ideen der »Drei Grundlehren vom Volk« und der »Fünf-Gewalten-Verfassung« stets als Grundlagen beibehalten und weiterentwickelt. Aber er begann nun, einige Ansichten erheblich zu modifizieren, teilweise sogar zu ändern. Das betraf vor allem seine Haltung zu den fremden Mächten und zur sozialen Frage. Die »Nationale Grundlehre« hatte sich anfangs ausschließlich gegen die Fremdherrschaft der Manchus, nicht aber gegen die abendländischen Kolonialmächte gerichtet, deren demokratische Regierungsformen Sun Yat-sen und seine Anhänger aufrichtig bewunderten. Noch in den ersten Jahren nach dem Sturz des manchurischen Kaiserhauses hatte sich Sun Yat-sen für die vorbehaltlose Anerkennung aller von der kaiserlichen Regierung mit den fremden Mächten abgeschlossenen Verträge ausgesprochen. Gewiss fühlten er und seine Anhänger das Unrecht, das die fremden Vorrechte China gegenüber bedeuteten. Sie sahen aber den Grund dafür weniger in dem imperialistischen Charakter der Großmächte als in der Schwäche und in der politischen Rückständigkeit Chinas. Sun Yat-sen gab sich der Illusion hin, die Fremden würden China beim politischen und wirtschaftlichen Aufbau des Landes nach der Revolution helfen und dann freiwillig auf alle ihre Vorrechte verzichten. Noch sein 1921 abgeschlossenes umfangreiches Werk »Plan zum Aufbau des Reiches« basiert auf der Annahme einer großzügigen Unterstützung durch die westlichen Mächte und einer harmonischen Zusammenarbeit mit ihnen. Bald sollte Sun Yat-sen aber eines Besseren belehrt werden. Das Ergebnis der Pariser Verhandlungen von 1919 war ein erster Beweis, dass die Großmächte nicht gewillt waren, freiwillig auf irgendwelche Vorrechte in China zu verzichten oder auch nur China bei der Wahrung seiner Rechte gegenüber Japan ernsthaft zu helfen. Das Resultat der Konferenz von Washington 1921/22 bestätigte trotz einiger Zugeständnisse an China in unwesentlichen Punkten diesen Eindruck. Der Vorwand für die Ablehnung vieler chinesischer Wünsche war der, dass China kein geeinter und geordneter Staat sei. Die Politik der Großmächte war aber de facto weitgehend darauf gerichtet, eine solche Einigung zu verhindern, indem sie wechselweise die verschiedenen Militärmachthaber gegeneinander unterstützten. Lediglich die Kantoner Regierung fand wegen ihres revolutionären Charakters kaum ausländische Hilfe. Diese Erfahrungen blieben nicht ohne Wirkung auf Sun Yat-sen und veranlassten ihn, seine »Nationale Grundlehre« in wesentlichen Punkten völlig neu zu fassen. In seinen Vorlesungen über die »Drei Grundlehren vom Volk« von 1924 teilt er die Völker der Erde in zwei Gruppen ein: auf der einen Seite die unterdrückten Nationen, denen er die Sowjetunion, Deutschland und alle asiatischen Völker – außer Japan – zurechnet, und auf der anderen die imperialistischen Mächte, in erster Linie England, Frankreich, die Vereinigten Staaten und Japan. Kriege der Zukunft würden nur zwischen diesen beiden Fronten stattfinden und den Kampf des Prinzips des Rechts gegen die unrechtmäßige Macht darstellen. Wenn auch anders formuliert, berühren sich doch diese Gedanken eng mit denen von Marx und Lenin. Sun bezeichnet dabei China als eine Art »Hyperkolonie«, die nicht nur wie andere Kolonialländer einen Kolonialherrn habe, sondern die Kolonie aller Mächte sei, die mit China Verträge abgeschlossen hätten. Sun erwähnt dann auch die Erklärung Wilsons vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, mit der die Großmächte die unterdrückten Völker betrogen hätten. Paris und Washington hätten gezeigt, dass die imperialistischen Mächte tatsächlich nicht gewillt seien, den asiatischen Völkern das Selbstbestimmungsrecht zu geben. Sun ruft das chinesische Volk auf, sich unter der nationalen Idee zusammenzuschließen, um den Fremden Widerstand leisten zu können. Er fordert auf zur passiven Resistenz nach dem Vorbild von Indien, zur Ablehnung der Zusammenarbeit mit den Vertretern der imperialistischen Mächte, zum Boykott ihrer Waren. Diese Gedanken führen dann weiter zum »Kampf gegen den Imperialismus«, einem der Hauptprogrammpunkte der Kommunisten. Ein sehr wesentlicher Unterschied bestand allerdings darin, dass Sun im Imperialismus lediglich ein politisches Mittel zum Zwecke wirtschaftlicher Expansion sah und nicht, wie die Kommunisten, das zwangsläufige Endstadium der Entwicklung des Kapitalismus. Sun Yat-sen suchte die Verbindung mit Deutschland und Russland und hatte sogar die Idee eines Bündnisses dieser drei Länder. Er fand das Verständnis für Chinas Lage und die Bereitschaft zu enger Zusammenarbeit aber nur bei der Sowjetunion. Auch seine soziale Lehre baute Sun Yat-sen weiter aus. Die »Grundlehre von der Lebenshaltung des Volkes«, ursprünglich an letzter Stelle der »Drei Grundlehren vom Volk«, nahm in den 1924 veröffentlichten »Grundsätzen des staatlichen Aufbaus« sogar den ersten Platz ein. Sun hielt seine »Grundlehre von der Lebenshaltung des Volkes« dem Sozialismus für überlegen; sie sollte an die Stelle des Sozialismus treten. Sun hatte sogar den Eindruck, dass die 1921 eingeleitete »Neue ökonomische Politik« in Russland eine Abkehr vom Sozialismus und eine Hinwendung zu seinen Grundsätzen bedeute. Er distanzierte sich wiederholt nachdrücklich vom abendländischen Sozialismus und Marxismus. Trotz aufrichtiger Bewunderung für Marx verwarf er im einzelnen eine Reihe der wesentlichen Grundsätze des Marxismus, wie den historischen Materialismus, die Lehre vom Klassenkampf und die Theorie vom Mehrwert. Waren bei Marx Produktionsverhältnisse und Produktionsmittel Ausgangspunkt für die Behandlung aller sozialen Fragen, so bildeten bei Sun Yat-sen die menschlichen Bedürfnisse Nahrung, Kleidung, Wohnung und Verkehr die Grundlagen der Lebenshaltung des Volkes. Dabei legte Sun zwar großes Gewicht auf die in der chinesischen Tradition seit jeher besonders hoch geschätzte Landwirtschaft, erkannte aber nicht die Agrarfrage, das Kernproblem der sozialen Ordnung Chinas, in ihrer ganzen Tragweite. Das sollte erst später durch Mao Tse-tung geschehen. Sun Yat-sen beschränkte sich lediglich auf den weiteren Ausbau der schon vor 1911 aufgestellten Forderung vom »Ausgleich der Grundbesitzrechte«. Danach sollte jeder Grundbesitzer den Wert seines Landbesitzes zur Registrierung angeben. Dieser Grundwert würde ihm bleiben. Lediglich, wenn sich infolge verkehrstechnischer Verbesserungen oder aus anderen Gründen der Wert des Bodens erhöhte, würde der Wertzuwachs der Allgemeinheit, das heißt dem Staate anheimfallen. Wenn ein Besitzer den Wert zu niedrig ansetzte, würde er zwar Steuern sparen, aber einen großen Verlust erleiden, wenn die Regierung von ihrem Kaufrecht zu diesem Preise Gebrauch machte. Würde der Besitzer umgekehrt einen zu hohen Wert angeben, könnte er zwar beim Verkauf gewinnen, zahlte aber zuviel Steuer. Um in keiner Richtung ein Risiko zu laufen – so meinte Sun Yat-sen -, würde der Grundbesitzer dann den tatsächlichen Wert des Bodens angeben. Diese Theorie verrät trotz mancher guter Gedanken weder für die geschichtliche Entwicklung noch für die aktuelle Situation auf dem Lande ein tieferes Verständnis. Sun nannte es auch eine Ungerechtigkeit, dass ein großer Teil der Pachtbauern nur weniger als die Hälfte der Ernte für sich behalten könnte und den Rest dem Grundbesitzer abliefern müsste. Er stellte wohl die Forderung auf, dass der Grund und Boden demjenigen gehören müsse, der ihn bebaue. Sun wies auch auf die Dringlichkeit der Lösung dieses Problems auf politischem und gesetzlichem Wege hin, ohne jedoch einen Weg dafür zu nennen. Von einer zwangsweisen Enteignung und Neuverteilung des Bodens war bei ihm nirgends die Rede, lediglich vom Recht der Regierung, den Boden zu dem festgelegten Preis aufzukaufen. Die Forderung, dass der Bebauer den Boden zu eigen haben müsse, hat erst später große Bedeutung erlangt, als die Kommunisten sie erhoben und nach ihrer Machtergreifung zunächst auch durchführten. Auch die Theorie der drei Perioden der Revolution modifizierte Sun Yat-sen. Er hatte nach 1911 erfahren, dass Revolution und Aufbau des Landes auf dem Wege der parlamentarischen Demokratie nicht vorwärts kamen. So setzte er nun an die zweite Stelle anstatt der Periode der vorläufigen Konstitution die der »Belehrenden Regierung«, mit anderen Worten eine Periode der Indoktrinierung mit den grundlegenden Ideen der Kuomintang, die sich für den Neuaufbau des Reiches verantwortlich fühlte. Auch war diese Übergangszeit nicht mehr auf drei Jahre beschränkt. Das war schlechthin die Aufgabe der Idee einer parlamentarischen Demokratie und musste zur Diktatur der Herrschaft einer Partei führen, zumal Sun auch in seiner »Grundlehre von den Rechten des Volkes« den Anspruch des einzelnen auf Freiheit hinter der Forderung nach Freiheit der Nation zurückstellte. Dabei setzte er chinesischer Tradition entsprechend Freiheit mit Ungebundenheit oder Willkür gleich. Freiheit der Person in dem im Abendlande ausgeprägten Sinne hatte weder im traditionellen China einen Platz noch in der Lehre Sun Yat-sens. So zeigten die »Drei Grundlehren vom Volk« bereits Tendenzen in Richtung auf den autoritären Staat, welchen später die Kuomintang zu verwirklichen sich bemühte. Die Allianz zwischen Kuomintang und Kommunisten
Schon beim Ausbau der »Drei Grundlehren vom Volk« hatte die veränderte internationale Lage nach dem ersten Weltkrieg in manchen Punkten Sun Yat-sens Ideen eine neue Richtung gegeben. Dabei kam der Auffassung von der neuen Rolle Russlands nach der Revolution nicht geringe Bedeutung zu. Bei der Neuorganisation der Kuomintang und bei den Vorbereitungen und Plänen zur Durchführung der Revolution war russische Hilfe entscheidend. In Russland war damals, abgesehen von der sowjetischen Sympathie für die Revolution in China, das Auswärtige Amt in Moskau an der Anerkennung gewisser Rechte in der Äußeren Mongolei und in der nördlichen Manchurei sowie an der Schaffung eines kontinentalen Gegengewichts gegen Japan interessiert und setzte, nachdem Versuche mit der Pekinger Regierung gescheitert waren, auf Sun Yat-sen und seine Partei. Sun Yat-sen seinerseits brauchte dringend einen Verbündeten im Kampf gegen die Militärmachthaber. Nach einleitender Fühlungnahme fand die so von beiden Seiten erstrebte Zusammenarbeit in einer gemeinsamen Erklärung Sun Yat-sens und des russischen Vertreters Joffe vom 26. Januar 1923 ihren sichtbaren Ausdruck. Beide Parteien erklärten übereinstimmend, dass die Einführung des Kommunismus oder auch nur des Sowjetsystems in China nicht möglich sei. Die Annäherung Sun Yat-sens an die Sowjetunion war von einer Verbindung mit der KPCh begleitet. Diese bestand nach ihrer Gründung zunächst aus einem ziemlich engen Kreise von Intellektuellen, die auf streng dogmatisch-marxistischem Wege ihre Ziele verfolgen wollten. Sie suchten Verbindung mit der Kuomintang und anderen revolutionären Gruppen, wollten aber dabei ausdrücklich ihre Unabhängigkeit und – Marx entsprechend – ihren eigenen Charakter als die Partei der Arbeiterklasse wahren. Sie erstrebten eine Front der Arbeiter, Bauern und Kleinbürger, die gemeinsam nach außen gegen den Imperialismus und im Innern gegen die reaktionären Militärmachthaber kämpfen und eine demokratische Revolution durchführen sollte. Dabei waren die Kommunisten in erster Linie um die Organisation der Arbeiter in den Industriestädten bemüht. Die chinesischen Kommunisten wollten als selbständiger Block ein Bündnis mit der KMT. Sun Yat-sen wünschte jedoch, dass die Kommunisten der KMT beitreten und sich seiner Führung unterstellen sollten. Der sehr an dem Zustandekommen der Allianz interessierte Komintern-Abgesandte Maring wusste sowohl Moskau von der Richtigkeit dieser Forderung zu überzeugen wie auch die Bedenken der chinesischen Kommunisten zu überwinden. Sie traten der KMT als individuelle Mitglieder bei und machten dort mit Erfolg ihren Einfluss geltend, wenn sie sich auch der Parteidisziplin der KMT und dem Parteiführer Sun Yat-sen zu fügen hatten. Auf dem ersten großen Parteitag der KMT Anfang 1924 fand die enge Verbindung zwischen der KMT und der Sowjetunion sowie der KPCh ihren sichtbaren Ausdruck. Die Parteiorganisation der KMT und das Militär wurden nach sowjetischem Muster und mit Hilfe der bereits Ende 1923 in Kanton eingetroffenen Gruppe russischer Berater unter Führung von Michail Borodin von Grund auf reorganisiert. Gleichzeitig schickte Sun Yat-sen als seinen Abgesandten Chiang Kai-shek zum Studium des Aufbaus von Partei und Militär nach Moskau. Nach seiner Rückkehr wurde er Präsident der neu gegründeten Militärakademie von Whampoa (Huang-p’u) nahe bei Kanton, unterstützt durch eine Anzahl russischer Instrukteure unter Leitung des Generals Bluecher (Galen). Hier unterrichtete man nicht nur eigentlich militärische Dinge; die parteipolitische Schulung in der Ideologie der KMT, in der revolutionären Propaganda und in der Taktik des revolutionären Kampfes spielte kaum eine geringere Rolle. Stellvertretender, maßgebender Leiter der politischen Abteilung der Akademie wurde Chou En-lai, der schon damals in der KPCh eine wichtige Stellung innehatte. Die Angehörigen der Akademie haben einen starken Korpsgeist entwickelt und später als Truppenführer das Rückgrat für den militärischen und politischen Aufstieg ihres Chefs Chiang Kai-shek gebildet. Darüber hinaus haben sie aber in verhängnisvoller Weise auf das Geschick Chinas und der KMT eingewirkt. Auch einige Führer der späteren kommunistischen Armeen sind aus der Akademie hervorgegangen. Die enge Verbindung zwischen KMT und Kommunisten war bei der Verschiedenheit der Ideologien und der Interessen von Anfang an konfliktgeladen; sie konnte nur temporärer Natur sein. Jeder der beiden Partner versprach sich von der Zusammenarbeit Vorteile für die eigenen Ziele. Die zahlenmäßig nur schwachen Kommunisten hofften, durch das Zusammengehen mit der weit verbreiteten KMT unter den Arbeitern, Soldaten und Bauern in ganz China festen Fuß zu fassen und schließlich die Kuomintang gewissermaßen zu ersticken, indem sie gleichzeitig von innen durch ihren Einfluss auf die Führung und von außen durch die Massenorganisation Druck ausübten. Die KMT wiederum bedurfte einer festen Organisation, aktiver revolutionärer Kader mit einer überzeugenden politischen Propagandamethode, wie sie ihr die Kommunisten lieferten. Vor allem aber brauchte sie einen mächtigen Bundesgenossen zum Kampfe gegen den Imperialismus. Die Aufnahme der chinesischen Kommunisten in die Partei war nur eine Folge des Wunsches nach russischer Hilfe. Sun Yat-sen war überzeugt, dass er auch den kommunistischen Parteimitgliedern gegenüber seine Autorität durchsetzen und dass er sie allmählich fest in die KMT eingliedern könne. Freilich fehlte es in der Kuomintang auch von Anfang an nicht an kritischen Stimmen gegen diese Annahme. Unter beiden Partnern der KMT-KPCh-Allianz war der Glaube verbreitet, dass man eines Tages den anderen aufsaugen werde. Der Sieg der revolutionären Armee und der Bruch zwischen Kuomintang und Kommunisten
Ende 1924 reiste Sun Yat-sen nach Peking, um dort mit den verschiedenen Militärmachthabern über eine friedliche Einigung Chinas zu verhandeln, obgleich diese Reise von den Kommunisten sehr missbilligt wurde. Sun Yat-sen war damals bereits ein todkranker Mann; er starb in Peking am 12. März 1925, bevor die offiziellen Verhandlungen begonnen hatten. In seinem kurzen Testament rief er seine Kameraden und Anhänger zur Vollendung der begonnenen Revolution auf. Dieses Testament und Suns Bild wurden in den von der KMT beherrschten Gebieten und später in ganz China zum Symbol. Sun Yat-sen wurde Gegenstand eines förmlichen Kultes. Bei feierlichen Gelegenheiten wurden vor dem geschmückten Bilde des Revolutionsheros von allen Anwesenden drei Verbeugungen gemacht, an die sich die Verlesung des Testaments und drei Minuten langes Schweigen anschlossen. So trat einstweilen die öffentliche Verehrung Sun Yat-sens an die Stelle des früheren Konfuzius-Kultes. Den Siegeszug der von ihm ins Leben gerufenen Bewegung hat Sun Yat-sen nicht mehr erlebt; er war allerdings nur teilweise mit der Revolution identisch, und er trug bereits den Keim für den Untergang der KMT-Herrschaft in sich. Bald nach Suns Tod ging die Kantoner Militärregierung in die nach Sun Yat-sens Grundsätzen und mit Hilfe der sowjetischen Berater aufgebaute Chinesische Nationalregierung über. An die Spitze von Partei und Regierung trat der aus sechsunddreißig Mitgliedern bestehende Zentralexekutivrat, dem auch mehrere Kommunisten angehörten. Inzwischen waren auch in der neuen Militärakademie genügend tüchtige Offiziere ausgebildet worden. Die in erster Linie von den Kommunisten geleistete Propaganda- und Organisationsarbeit unter den Arbeitern und Bauern hatte dem Vormarsch der revolutionären Armee vorgearbeitet. Die revolutionären Truppen wurden als die Befreier der unterdrückten Volksklassen von ihren Bedrückern angekündigt; und tatsächlich unterschied sich als Ergebnis der intensiven Schulung das Verhalten der revolutionären Truppen gegenüber der Bevölkerung weitgehend von dem der Heere der Militärmachthaber. So begann im Sommer 1926 der Feldzug der Revolutionsarmee unter dem Oberkommando von Chiang Kai-shek gegen die Militärmachthaber Mittel- und Nordchinas. Die Zentralgebiete südlich des Yangtse fielen der Revolutionsarmee rasch in die Hände, und bereits im August wurde die Yangtse-Metropole Wuhan genommen. Ende des Jahres siedelte auch ein Teil der politischen Führung der Revolution nach Wuhan über. Chiang Kai-shek drang weiter nach Osten vor und brachte im Frühjahr 1927 das östliche Mittelchina mit Shanghai und Nanking in seine Gewalt. Gleichzeitig stieß ein anderes Heer von Wuhan nach Norden vor und vereinte sich in Honan mit den Truppen Feng Yü-hsiangs, eines Militärmachthabers, der sich im Jahre davor in Moskau der KMT angeschlossen hatte. So stand Mitte 1927 bereits ein beachtlicher Teil Chinas direkt oder indirekt unter der Herrschaft der KMT. Während es Sun Yat-sen gelungen war, die Gegensätze zwischen KMT und Kommunisten zu überbrücken und auszugleichen, machten sich nach seinem Tode die verschiedenen Auffassungen innerhalb der KMT, besonders hinsichtlich der Zusammenarbeit mit den Kommunisten, mehr und mehr bemerkbar. Dabei setzten sich zunächst die Befürworter der Allianz mit der Sowjetunion und den Kommunisten durch, zu denen auch Chiang Kai-shek gehörte. Wenn auch manche Äußerungen Chiangs darauf hindeuten, dass er im Grunde den chinesischen wie den sowjetischen Kommunisten misstrauisch gegenüberstand, so war er doch klug genug zu erkennen, dass ohne Hilfe der Kommunisten nicht an ein Gelingen des geplanten Feldzuges gegen die Militärmachthaber zu denken war. So befürwortete er die Allianz auf das entschiedenste und wurde auch von kommunistischer Seite dem linken Flügel der Kuomintang zugerechnet. Chiang wollte die Kommunisten für seine Zwecke benutzen, aber nicht seine führende Stellung durch sie beeinträchtigen lassen. So kam es im März 1926 zu einem Zwischenfall: Chiang ließ eine Anzahl leitender Kommunisten festnehmen und aus führenden Stellungen in den ihm unmittelbar unterstehenden Truppenteilen sowie aus der Militärakademie entfernen. Auch die sowjetischen Berater wurden vorübergehend in Hausarrest gehalten. Dieses Vorgehen Chiangs zeigte deutlich, dass er die Gefahr der kommunistischen Infiltration für die Kuomintang erkannte und entschlossen war, sie zu verhindern. Nach außen hin bekannte er sich nach wie vor zur engen Zusammenarbeit mit den Kommunisten und der Sowjetunion, und er entschuldigte sich sogar bei den sowjetischen Beratern wegen der Unbequemlichkeiten. So ließen sich trotz warnender Stimmen auch Moskau und insbesondere Stalin über Chiang Kai-sheks wahre Absichten täuschen. Man sah dort auch gar keine andere Möglichkeit, als Chiang weiter zu unterstützen und die chinesischen Kommunisten sozusagen »Kuli-Dienste« für ihn tun zu lassen, da Chiangs und seiner Armee Kampf gegen die einheimischen Militärmachthaber und gegen die fremden Imperialisten, an dem Moskau in erster Linie gelegen war, nicht ohne Teilnahme der Kommunisten erfolgen durfte. Erst der Erfolg dieses Kampfes – so meinte man – würde den Kommunisten neue Möglichkeiten öffnen. Der schnelle und erfolgreiche Vorstoß der revolutionären Armeen verlagerte rasch das Schwergewicht zugunsten der militärischen Führung, zugunsten Chiang Kai-sheks, des Oberkommandierenden des Feldzuges. Mit dem militärischen Erfolg begann der Konflikt zwischen der militärischen Führung und den zivilen Organen von Partei und Regierung, in diesem Falle gleichbedeutend mit dem Konflikt zwischen dem rechten, antikommunistischen Flügel unter Chiang Kai-shek und dem linken mehr zu den Kommunisten neigenden Flügel in Wuhan. Entgegen dem Plan der politischen Führung ordnete Chiang die Fortsetzung des Feldzuges in die reichen Gebiete des östlichen Mittelchina an, und es kam im März 1927 zum völligen Bruch zwischen ihm und der Regierung in Wuhan, wo sich auch die russischen Berater befanden. Daraufhin begann Chiang unabhängig von Wuhan offen seine eigenen Pläne zu verfolgen. In Shanghai, wo die revolutionären Arbeiterorganisationen unter Führung der Kommunisten der nationalen Armee den Weg bereitet hatten, unterdrückte er in einem blutigen Gewaltakt die Gewerkschaften und alle kommunistischen oder auch nur linksgerichteten Elemente. Tausende von Kommunisten und Arbeiterführern wurden von Chiangs Militär in und um Shanghai festgenommen und zum großen Teil hingerichtet. Die Kommunistische Partei sowie die revolutionären Arbeiter- und Bauernorganisationen wurden verboten und mit blutigem Terror verfolgt. In Nanking errichtete Chiang eine Gegenregierung gegen Wuhan. Aber auch in Wuhan dauerte die zunächst fortgesetzte Zusammenarbeit zwischen KMT und Kommunisten nicht mehr lange. Es kam auch hier zu Konflikten, die damit endeten, dass sich die Mehrzahl der Regierungsmitglieder der Nankinger Regierung Chiang Kai-sheks unterstellte. Die russischen Berater verließen China, die Kommunisten wurden aus der KMT ausgestoßen und konnten hinfort nur als illegale Organisation weiterbestehen. Das war das für die Kommunisten niederschmetternde Ende der Allianz mit der Kuomintang. Die Verantwortung hierfür lag zum großen Teil bei. der Führung in Moskau, die eine rein theoretische, praktisch völlig unzureichende Vorstellung von den Verhältnissen und Persönlichkeiten in China hatte. Trotz aller Warnungen, die aus China kamen, beharrte Stalin auf der Fortsetzung der Zusammenarbeit der Kommunisten mit der KMT. Noch kurz vor dem endgültigen Bruch äußerte er in einem Brief, die Kommunisten würden Chiang Kai-shek und die anderen KMT-Generale wie eine Zitrone ausquetschen und dann fortwerfen. Eher war das Umgekehrte der Fall. Chiang Kai-shek und seine Freunde hatten sich für den Feldzug und dessen Vorbereitung weitgehend der russischen Berater und der durch die chinesischen Kommunisten mobilisierten Massenorganisationen der Bauern und Arbeiter bedient. Nach errungenem Sieg waren sie nicht mehr notwendig und konnten beseitigt werden. Manches deutet darauf hin, dass man in Moskau vielleicht sogar bereit gewesen wäre, Chiang Kai-sheks blutige Niederschlagung der Arbeiterbewegung in Shanghai nicht zu beachten, zumal Chiang selbst auch damals noch seine Freundschaft mit der Sowjetunion betonte. Aber die Gründung der antikommunistischen Regierung in Nanking konnte man ihm nicht mehr verzeihen. Außer der Unkenntnis chinesischer Verhältnisse spielte in Moskau auch der Machtkampf Stalins gegen die Opposition, besonders gegen Trotzkij, eine Rolle; Stalin war darauf festgelegt, gegen alle Kritik an der Zusammenarbeit mit der KMT bis zum äußersten festzuhalten. Aber auch Trotzkij verstand kaum mehr von China als Stalin, und seine Pläne hätten für die Kommunisten in China kaum mehr Erfolg versprochen als Stalins. Als schließlich das Fiasko für die Kommunisten in China auch in Moskau nicht mehr zu verheimlichen war, musste der als Sündenbock dienen, der die von Stalin angeordnete Politik ausgeführt hatte. Ch’en Tu-hsiu und seinen engsten Mitarbeitern, die von Anfang an stärkste Bedenken gegen die Moskauer Anweisungen gehabt und sich oft gegen ihre bessere Überzeugung der Autorität der Komintern gefügt hatten, wurde nun als »Opportunisten« alle Schuld für die Katastrophe aufgebürdet. Sie verloren zunächst alle Ämter und wurden bald darauf sogar aus der Partei ausgestoßen. Die anti-imperialistische Bewegung
Nicht weniger wichtig als der Feldzug gegen die Heere der Militärmachthaber war der anti-imperialistische Kampf der Revolution. Fremde Niederlassungen, Exterritorialität und Beschränkung der Zollhoheit wurden als die schmählichste Beeinträchtigung der chinesischen Souveränität empfunden, und der Kampf richtete sich vor allem gegen die »Ungleichen Verträge«, in denen China die Anerkennung dieser Vorrechte aufgezwungen worden war. Doch waren es nicht nur diese formalen, vertraglich festgesetzten Vorrechte der Fremden, die den Chinesen Grund zur Erregung gegen die Ausländer boten. In der Regel behandelten die Fremden den Chinesen nur als den weit unter ihnen stehenden, kolonialen Eingeborenen, und sie traten selbst als die Kolonialherren auf. Die Chinesen sahen sich im eigenen Lande in vieler Hinsicht von den Fremden diskriminiert. Gerade die kulturstolzen, gebildeten Chinesen, die trotz Armut und Anspruchslosigkeit dem Gros der in China lebenden, meist wenig gebildeten Ausländer in mehr als einer Hinsicht überlegen waren, mussten eine solche Behandlung als besonders aufreizend empfinden. Das Anwachsen der revolutionären Bewegung war von einer größeren Anzahl fremdenfeindlicher Demonstrationen begleitet, die teilweise schwere Opfer forderten. Es begann mit der »Bewegung vom 30. Mai« (1925) in Shanghai, wo bei einer Demonstration von Studenten und Arbeitern die Polizei der Internationalen Niederlassung unter dem Befehl eines englischen Unteroffiziers das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Dabei kamen dreizehn Demonstranten ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Der zumal von den Kommunisten geschickt ausgenutzte Zwischenfall verschärfte die fremdenfeindliche Stimmung im ganzen Lande und gilt daher als der Höhepunkt der revolutionären Arbeiterbewegung gegen den Imperialismus. Es kam zu weiteren Zwischenfällen mit Toten und Verwundeten. Darauf griffen die Chinesen zu der Waffe, mit der sie 1919 schon einmal die Japaner sehr empfindlich getroffen hatten: dem Boykott. Dieses Mal richtete er sich gegen England, das damals noch die erste und führende Stellung unter den Großmächten in Ostasien innehatte. Vom Boykott wurden nicht nur englische Waren und Schiffe betroffen; ein erheblicher Teil chinesischer Arbeiter und Angestellter bei englischen Unternehmen, insbesondere in Kanton und Hongkong, verließ seine Arbeitsplätze. Der Boykott dauerte bis zum Oktober 1926 mit unverminderter Schärfe an. Bald nach der Übersiedlung der Nationalregierung nach Wuhan drang eine chinesische Volksmenge in die dortige britische Konzession ein und forderte deren Rückgabe an China. Dank der Einsicht der Regierung in London – sie entsprach durchaus nicht den Wünschen der in China lebenden Engländer – kam es bei der Rückgabe zu keinem bedeutenden Zwischenfall. In ähnlicher Form wurde kurz darauf die englische Konzession in Kiukiang von den Chinesen zurückgenommen. Die Beziehungen zwischen England und China waren 1926/27 derart gespannt, dass alle Engländer, zumeist Missionare und Kaufleute, aus dem Inland evakuiert werden mussten, und selbst aus den britischen Konzessionen in den Hafenstädten schickte man zum großen Teil die englischen Frauen und Kinder fort. Die Engländer und andere beteiligte Nationen hatten eine große Menge von Kriegsschiffen und Militär in Shanghai zusammengezogen, um die dortige große internationale Niederlassung gegen die revolutionäre Armee zu schützen. Dabei hoffte man allerdings, die den Fremden mehr oder minder willfährigen und ungefährlichen nördlichen Militärmachthaber würden die Oberhand behalten gegen die gefürchteten revolutionären nationalen Truppen, deren Ziel es war, die Fremden in ihre Schranken zu verweisen und die Souveränität Chinas überall wiederherzustellen. Nach dem Wunsche der Ausländer in Shanghai wäre noch vor der Besetzung der unter chinesischer Verwaltung stehenden Teile Shanghais eine bewaffnete Intervention angebracht gewesen, um einen Erfolg der revolutionären Armee zu verhindern. Doch sahen die Regierungen in London, Paris, Tokyo und Washington etwas weiter und unternahmen nichts. Bei den Unruhen, die vor der Übernahme Shanghais und Nankings durch die Revolutionsarmee entstanden, kamen ein paar Ausländer ums Leben. Insgesamt steht aber die geringe Zahl der ausländischen Verluste dieser Zeit in keinem Verhältnis zu den Toten und Verletzten, die es durch fremde Übergriffe unter den Chinesen gab. In engem Zusammenhang mit der anti-imperialistischen Bewegung steht die anti-christliche Bewegung. Bis zur 4.-Mai-Bewegung waren die Widerstände gegen die christliche Mission, die in der Boxererhebung ihren Höhepunkt erreicht hatten, vorwiegend von traditionellen Kräften mit traditionellen Argumenten ausgegangen. Mit der 4.-Mai-Bewegung trat eine Wandlung ein. Die Vorkämpfer der neuen Ideen von »Demokratie« und »Wissenschaft« sahen zum großen Teil jede Religion, also auch das Christentum, als unzeitgemäß, fortschritts- und wissenschaftsfeindlichen Aberglauben an. Mit dem naiven Fortschrittsglauben, dem die meisten Vertreter der »Bewegung für kulturelle Erneuerung« huldigten, war Religion schlechthin unvereinbar. Hinzu kam unbewusst als das Erbe der konfuzianischen Tradition die grundsätzlich agnostische, rein diesseitige Einstellung des gebildeten Literaten, der auf die religiösen Bräuche des Volkes überlegen hinabsah. Unter diesen Motiven bildeten sich ab 1922 durch die Initiative von Studenten und Akademikern eine Reihe antireligiöser Organisationen, die sich in Publikationen, Versammlungen und Demonstrationen vor allem gegen die christlichen Missionare und gegen die christliche Religion wandten. In den folgenden Jahren floss die antichristliche Bewegung mehr und mehr mit der nationalen, anti-imperialistischen zusammen und wurde schließlich ein Teil davon. Es schlossen sich dann nicht nur die am Anfang abseits stehenden Schüler und Studenten christlicher Missionsschulen, sondern auch christliche Studenten der Bewegung an. Eine ihrer wesentlichen Forderungen wurde die chinesische Erziehungshoheit. In den Missionsschulen wurde nämlich bis dahin noch oft nach dem System und den Lehrplänen des Landes unterrichtet, aus dem die betreffenden Missionare kamen, meist mit nur geringer Berücksichtigung der China betreffenden Wissensgebiete. Man forderte nun von den christlichen Schulen, den chinesischen Lehrplänen zu folgen, sich der chinesischen Unterrichtsverwaltung zu unterstellen, auf obligatorischen Religionsunterricht für alle Schüler zu verzichten und die Schulleitung in chinesische Hände zu legen. Auf der Forderung der chinesischen Erziehungshoheit hat dann auch die KMT-Regierung mit Nachdruck, allem Widerstreben der fremden Missionare und allen Protesten fremder Regierungen zum Trotz, meist mit Erfolg bestanden. Außer dem naiven Fortschrittsglauben und dem Nationalismus spielte als drittes Element der Kommunismus bei der antichristlichen Bewegung eine Rolle. Die Zeit der Zusammenarbeit zwischen KMT und Kommunisten war auch die Blütezeit der antichristlichen Bewegung. Beim Vormarsch der revolutionären Armeen 1926/27 kam es wiederholt zu Plünderungen von Missionseigentum und zu Ausschreitungen gegen ausländische Missionare. Im Zuge der erwähnten Evakuierung von Engländern aus Mittel- und Südchina verließen mehr als dreitausend Missionare, meist Engländer, Kanadier und Amerikaner, das Land. Mit der Errichtung der Nationalregierung in Nanking und dem Bruch zwischen KMT und Kommunisten fanden auch die anti-imperialistische wie die antichristliche Bewegung ihr vorläufiges Ende. Im Kampfe gegen die Vorrechte der fremden Mächte hatte die Revolution einen ersten Erfolg erzielt. Um aber die Großmächte zur Annullierung der »Ungleichen Verträge« zu veranlassen, reichte ihre Kraft noch nicht aus. Auch der Versuch einer sozialen Revolution gegen die traditionelle gesellschaftliche Struktur fand rasch ein Ende. Nur die Zerschlagung der politischen Autorität der Militärmachthaber und ihrer Gefolgsleute war weitgehend, wenn auch nicht durchweg, erfolgreich. Mit der Nationalregierung in Nanking erhielt China wieder eine einheitliche politische Autorität und ein neues politisches System. So wird die Revolution von 1925 bis 1927 nicht zu Unrecht als die Nationale Revolution bezeichnet. Die soziale Revolution der Kommunisten
Die Nationalregierung der Kuomintang
Die neue Regierung in Nanking konnte ihre Macht zunächst rasch konsolidieren. Es gelang Chiang Kai-shek, die noch Widerstand leistenden Militärmachthaber teils mit Gewalt, teils auf friedliche Weise zur Unterstellung unter die Nanking-Regierung zu bewegen, wenn auch viele noch die Handlungsfreiheit in ihren Gebieten behielten. 1928 zog Chiang in Peking ein, nachdem sich die dortige Regierung aufgelöst hatte und Nanking zur offiziellen Hauptstadt erklärt war. Im folgenden Jahre schloss sich auch die Manchurei an, bis sie 1931 gewaltsam durch die Japaner abgetrennt wurde. Die übrigen Außenländer – Mongolei, Sinkiang, Tibet – blieben de facto mehr oder minder unabhängig. So war das gesamte eigentliche China zumindest nach außen hin unter der Nanking-Regierung geeint, und die rote Flagge mit der weißen Sonne im blauen Feld der oberen Ecke wehte in allen Teilen des Reiches. PlakatDie Rache der Chinesen an den japanischen Aggressoren – Plakat 1931 Eine gewisse Mäßigung des anti-imperialistischen Kurses der KMT und die überwältigenden Erfolge Chiang Kai-sheks veranlassten bald die meisten der fremden Mächte, die neue Regierung anzuerkennen und mit ihr Verträge auf grundsätzlich gleichberechtigter Basis abzuschließen. Die Nanking-Regierung setzte den Kampf um die Aufhebung der »Ungleichen Verträge« beharrlich und mit Entschiedenheit fort; doch ging sie dabei weniger radikal vor als in den vergangenen Jahren. Die fremden Mächte sahen sich genötigt, zu gegebener Zeit die Aufgabe aller Vorrechte in Aussicht zu stellen, wenn sie auch einstweilen noch auf der Beibehaltung einiger besonders wichtiger Positionen bestanden. In den Jahren von 1927 bis 1937 wurden das britische Pachtgebiet Weihaiwei und die fremden Niederlassungen in einer Reihe von Hafenstädten von China zurückgewonnen. Eine Anzahl kleinerer Länder verzichtete freiwillig auf die Exterritorialität ihrer Staatsangehörigen. Die Großmächte England, Frankreich, USA und Japan freilich behielten sie noch. Auch blieben noch eine Reihe von Niederlassungen, darunter die große Internationale Niederlassung in Shanghai, unter fremder Verwaltung, desgleichen die Leitung des chinesischen Seezolls. Gewisse Modifikationen des Zolltarifs konnte die KMT-Regierung erreichen, aber noch keine volle Zollautonomie. Gegen die fremden christlichen Missionen setzte die chinesische Regierung die Forderung der Erziehungshoheit durch. Die Missionsschulen wurden in gleicher Weise wie chinesische Privatschulen dem chinesischen Unterrichtsministerium unterstellt und hatten sich nach den chinesischen Lehrplänen zu richten, obligatorischer Religionsunterricht wurde verboten, und der Schulleiter musste ein Chinese sein. Auch im Innern wurden bedeutende Fortschritte erzielt und manche hoffnungsvollen Ansätze zu einem Neuaufbau Chinas gemacht. Seit 1911 hatte China keine so stabile Regierung mehr gehabt wie von 1927 bis 1937, wenn es auch in diesen Jahren nicht an Auseinandersetzungen mit widerspenstigen Militärmachthabern fehlte. Die gefährlichsten Gegner Chiang Kai-sheks waren aber die Kommunisten, die sich allmählich in einzelnen Sowjetgebieten reorganisierten, und die Japaner, die durch die Manchurei nach Nordchina vordrangen. In der Vergangenheit Chinas hatte die Verlegung der Hauptstadt nach Mittelchina stets ein Zurückweichen vor Gegnern aus dem Norden bedeutet. Die Wahl Nankings zur Hauptstadt der Nationalregierung muss mit unter diesem Gesichtspunkt gesehen werden. Freilich waren auch andere Gründe von Bedeutung. Man wollte sich von der dekadenten politischen Atmosphäre Pekings und von der Kontrolle durch die im dortigen »Gesandtschaftsviertel« stationierten fremden Truppen frei machen. Im Sinne Sun Yat-sens wurde der Aufbau einer wirksamen Regierung und Verwaltung begonnen, die zunächst verhältnismäßig sauber und ohne Korruption arbeitete. Die Gewinnung kompetenter Persönlichkeiten für die leitenden Stellen der Finanz- und Wirtschaftspolitik gab den kapitalkräftigen chinesischen und ausländischen Geschäftsleuten Shanghais Vertrauen zur neuen Regierung. Auch das Ausland zeigte sich an Investitionen interessiert. Doch hat sich die chinesische Regierung stets geweigert, fremde Hilfe anzunehmen, die – wie früher – mit politischen Bedingungen oder mit der Verpfändung wichtiger Regierungseinnahmen verknüpft war. Ein besonderer Erfolg der Regierung war die 1931 in ganz China gegen die Interessen der lokalen Machthaber durchgesetzte endgültige Beseitigung der unter dem Namen Likin bekannten Binnenzölle. Auf dem Gebiete des Rechtswesens nahm die Regierung ein umfassendes Gesetzgebungswerk in Angriff. Dabei wurde weitgehend kontinentaleuropäisches Recht rezipiert. Das überlieferte chinesische Recht fand inhaltlich und dem Geiste nach kaum Berücksichtigung. Daher war das neue Recht nur einer kleinen, westlich gebildeten Oberschicht verständlich und trug den Bedürfnissen der großen Masse keine Rechnung. Seine Wirksamkeit war nur sehr beschränkt. Es hat die Auflösung der althergebrachten Moral und der traditionellen Ordnung erleichtert, aber keine neuen Fundamente setzen können. Die alten Rechtsordnungen galten nicht mehr, die neuen wurden meist als fremd und unverbindlich betrachtet. Auch der Wichtigkeit der Agrarfrage konnte sich die Regierung zunächst nicht verschließen. Bei den nunmehr von amtlicher oder halbamtlicher Seite unternommenen Versuchen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Lande zeigte sich aber bald, dass hierzu grundlegende Reformen notwendig sein würden, die in ihren Folgen unabsehbare Änderungen der gesamten sozialen Struktur nach sich ziehen müssten. Davor schreckte die Regierung zurück; denn sie stand stark unter dem Einfluss konservativer Kreise, die jede Änderung der ländlichen Besitz- und Einkommensverhältnisse mit Nachdruck zurückwiesen. Auch die lokalen Militärmachthaber waren jeder Agrarreform abhold, und die Regierung glaubte, nicht das Risiko neuer Auseinandersetzungen mit diesen eingehen zu können, so dass praktisch alles beim alten blieb. Die führenden Kreise der KMT sahen nicht, dass sie auf diese Weise unhaltbare Verhältnisse bestehen ließen, die den Kommunisten die Möglichkeit des Aufstiegs gaben und die wesentlich zum Untergang der KMT-Herrschaft beitrugen. Der Verzicht auf die Lösung der Agrarfrage war jedoch nicht das einzige Symptom der inneren Schwäche des KMT-Regimes. Für Chiang Kai-shek und seine Anhänger war seit 1927 nicht mehr die Vollendung der Revolution, sondern Ruhe und Ordnung im Lande, also Restauration, das oberste Ziel. Dafür erschien die traditionelle konfuzianische Ideologie, die sich durch zwei Jahrtausende hindurch als ein vorzügliches Mittel zur Sicherung der Herrschaft einer kleinen Eliteschicht bewährt hatte, nun in Verknüpfung mit dem Machtapparat einer nach kommunistischem Vorbild aufgebauten Ein-Parteien-Regierung besonders geeignet. So traten Hinweise auf die traditionellen Tugenden und auf die traditionelle Moral mehr und mehr in den Vordergrund, häufig nicht ohne einen nationalistischen Unterton, dass dies die spezifischen Werte seien, die China dem Westen entgegenzusetzen habe. In der 1934 ins Leben gerufenen »Bewegung Neues Leben« fanden diese Tendenzen eine allgemein sichtbare Wirkung. Die traditionellen Tugenden, deren Wiederbelebung diese Bewegung erstrebte, waren aber mehr oder weniger zu leeren Begriffen geworden. Sie sollten im wesentlichen als Mittel zur Wahrung der bestehenden sozialen Struktur und zur Disziplinierung des Volkes dienen. Anders als Tseng Kuo-fan, auf den er sich gern berief, verstand Chiang Kai-shek unter Restauration nicht in erster Linie die Bemühung um eine sauber arbeitende Zivilverwaltung und um Maßnahmen zum wirtschaftlichen Aufbau für eine Besserung der Lebensbedingungen der Bauern, sondern eine strenge Kontrolle zur Unterbindung aller revolutionären Aktivität. In den dreißiger Jahren breiteten sich Korruption und Nepotismus wieder aus. Zuweilen ging man gegen kleine Sünder mit großer Schärfe vor; in Chiang Kai-sheks nächster Umgebung wurde aber niemand zur Verantwortung gezogen. Chiang konnte seiner Umgebung alle Übertretungen verzeihen, solange die unbedingte Loyalität nicht in Frage stand. Er verstand es, den Einfluss der zivilen KMT-Mitglieder in der Regierung immer mehr auszuschalten, so dass man mehr von einer Militärdiktatur als von einer Parteidiktatur sprechen konnte. Wenn auch der äußere Aufbau von Partei und Regierung dem von Sun Yat-sen vorgezeichneten System entsprach, hatte doch die Regierungspraxis nur noch wenig mit Suns Ideen gemein. Chiang Kai-shek war umgeben von einer Whampoa-Offiziersgruppe, die sein unbedingtes und ausschließliches Vertrauen besaß, während er außerhalb dieser Gruppe stehenden Persönlichkeiten stets mit Misstrauen begegnete. Hatte er ihnen aus politischen Gründen leitende Stellungen einräumen müssen, so suchte er sie in der Regel durch ständige Umgehung wieder mattzusetzen. Mit der Übernahme einer Reihe privatwirtschaftlicher Unternehmen durch die Regierung hatten führende Persönlichkeiten der Wirtschaft einflussreiche Regierungsämter erhalten. Manche Regierungsmitglieder betätigten sich auch gleichzeitig als private Unternehmer in Handel, Industrie und Bankwesen. Das bedeutete zwar einerseits den Gewinn sachkundiger Kräfte in Finanz- und Wirtschaftsfragen für den Staat, führte aber anderseits zur Vermengung staatlicher und privater Interessen, wobei nicht selten Regierungsgelder zur Finanzierung privater Geschäfte dienten und der Regierung zukommende Gewinne in private Kanäle flossen. Das in der nächsten Umgebung Chiang Kai-sheks gegebene schlechte Beispiel wirkte nach unten weiter. Die Kommunisten haben diese Erscheinung mit einem als »Beamtenkapitalismus« oder »bürokratischer Kapitalismus« nur unvollkommen übersetzbaren Ausdruck bezeichnet und darin nicht zu Unrecht einen der Krebsschäden des chinesischen öffentlichen Lebens gesehen. Die Missstände der KMT-Herrschaft bewogen weite Kreise, insbesondere der Intelligenz, die der Regierung in Nanking zunächst positiv gegenübergestanden hatten, sich mehr und mehr in die offene oder geheime Opposition zurückzuziehen. Die auch innerhalb der KMT gegen den restaurativen Kurs laut werdenden Stimmen konnten sich nicht durchsetzen und mussten sich entweder der neuen Parteilinie fügen oder aus der Partei ausscheiden. Immer mehr ging die Regierung dazu über, nicht nur gegen die Tätigkeit kommunistisch-revolutionärer Personen einzuschreiten, sondern auch gegen die Verfechter liberaler Anschauungen vorzugehen, die sich in Widerspruch zur Restaurationspolitik setzten. Gelehrte und Schriftsteller mit radikalen Ansichten sahen sich vielfach genötigt, in den fremden Niederlassungen oder im Ausland Schutz zu suchen, zuweilen sogar in Japan. In den zwanziger Jahren hatte der Marxismus in Japan starke Beachtung gefunden. Viele Chinesen waren erst auf dem Umweg über Japan mit marxistischen Ideen bekannt geworden und zeigten sich auf Grund der agnostischen, konfuzianischen Tradition für die modernen positivistischen und materialistischen Theorien besonders aufgeschlossen. Historischer Materialismus und marxistische Theorien über die Entwicklung der Gesellschaft zogen seit etwa 1930 nicht wenige chinesische Historiker, Archäologen und Soziologen in ihren Bann, wenn sie auch politisch dem Kommunismus zunächst noch fernstanden. Doch wies ihnen die Unzufriedenheit mit der KMT-Regierung mehr und mehr diesen Weg. Auch unter den Schriftstellern wuchs der Unwille gegen die Regierung, je schärfer man gegen missliebige Veröffentlichungen vorging. 1930 bildete sich in Shanghai die »Liga der linksgerichteten Schriftsteller«, die bald zum Sammelpunkt der Opposition wurde. Ohne dass diese Organisation eigentlich kommunistisch war, trieb doch die Politik der Regierung, die alle von links kommende Opposition als kommunistisch verfemte, die linksliberalen Schriftsteller, wie Lu Hsün und viele andere, in zunehmendem Maße auf die Seite der Kommunisten. So zeigten sich bereits in den dreißiger Jahren sehr deutlich die Schwächen der KMT und auch schon die Ansätze für die Bereitwilligkeit, mit der ein gutes Jahrzehnt später weite Kreise der Bevölkerung, vor allem aber der überwiegende Teil der Intelligenz, die kommunistische Herrschaft aufnahmen. Bauernbewegung und Reorganisation der Kommunisten
Nach dem Bruch mit der KMT versuchten die chinesischen Kommunisten zunächst, sich in lokalen Aufständen Geltung zu verschaffen, nach den Richtlinien aus Moskau meist in größeren Städten, wo ein Proletariat existierte; doch waren sie alle erfolglos. Sie endeten stets mit großen Verlusten für die KPCh und konnten ihr kaum neue Anhänger gewinnen. Die in Shanghai »Untergrund« arbeitende Parteileitung war nicht in der Lage, den Lauf der für sie überaus ungünstigen Entwicklung zu ändern. Ständig wurden Kommunisten von dem wachsamen Geheimdienst der Regierung verhaftet und meist hingerichtet. Auch alle gewerkschaftliche Aktivität wurde durch die Regierungsorgane unterdrückt, und die Arbeiter kamen vielfach zu der Überzeugung, dass sie sich für die Kommunistische Partei aufopfern sollten, während die unmittelbaren Interessen der Arbeiter für die Partei keine entscheidende Rolle spielten. Immer wieder wurden die Führer der KPCh für die erlittenen Fehlschläge zur Verantwortung gezogen und in rascher Folge abgelöst.Die Rettung für die KPCh aus dieser für sie ziemlich trostlosen Lage sollte aus einer im kommunistischen Programm nicht vorgesehenen Richtung kommen. Bei der Allianz zwischen KMT und Kommunisten hatte die revolutionäre Propaganda- und Organisationsarbeit unter den fünfundachtzig Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachenden Bauern eine wichtige Rolle gespielt. Zumal in Südchina überwog die Kategorie der armen Bauern, meist Pächter oder Halbpächter, die nur kümmerlich ihr Leben fristeten, verschuldet waren und ständig unter dem Druck von Grundeigentümern und Gläubigern standen. Hinzu kamen noch zahllose Steuern unter den verschiedensten Namen, welche die jeweiligen Militärmachthaber der Bevölkerung auferlegten, sowie Räuber und Soldaten, die in der Ausplünderung der Landbewohner sich kaum voneinander unterschieden. So war die Bauernschaft meist gern bereit, sich den von geschulten Revolutionären ins Leben gerufenen Bauernbünden anzuschließen, und sie zeigte sich aufgeschlossen für die Parolen vom Kampf gegen die Militärmachthaber und ihre marodierenden Soldaten, von der Ausrottung der Räuber, Beseitigung zusätzlicher Steuern, Herabsetzung des Pachtzinses oder sogar von der Enteignung der Grundbesitzer und Neuverteilung des Bodens. Diese Forderung wurde freilich nur in den kommunistisch orientierten Bauernbünden erhoben. Im Programm der KMT lag die Regelung der Agrarfrage in weiter Zukunft, und es blieb offen, wie sie im einzelnen zu handhaben war. Zu weit gehende Forderungen der Bauernbünde waren nicht im Sinne der KMT, da sie ihr andere national-revolutionäre Kreise, die an der Aufrechterhaltung ihres Besitzstandes auf dem Lande interessiert waren, entfremdet hätten. Aber auch die gemäßigten Forderungen brachten große Mengen von Bauern auf die Seite der KMT und trugen viel zum schnellen Erfolg des revolutionären Feldzuges bei. Während dieser Zeit war Mao Tse-tung, der damals in der Führung der KPCh noch keine wichtige Rolle spielte, mit der Organisation der Bauernbünde in seiner Heimatprovinz Hunan beauftragt. Die eingehenden Erfahrungen, die Mao während dieser Tätigkeit sammelte, brachten ihn zu der Überzeugung, dass die Revolution in China nur Erfolg haben könne, wenn sie sich auf die von Militärmachthabern, korrupten Beamten und skrupellosen Grundbesitzern unterdrückte und ausgebeutete arme Bauernschaft stützte. Mao hat seine Erkenntnisse sehr deutlich in seiner literarisch vielleicht eindrucksvollsten und für das Verständnis der chinesischen Revolution grundlegenden Schrift »Bericht über die Untersuchung der Bauernbewegung in Hunan« vom März 1927 ausgesprochen:
In kürzester Zeit werden sich Hunderte von Millionen Bauern in allen Provinzen Mittel-, Süd- und Nordchinas erheben; ihre Gewalt wird sein wie ein wilder Sturm und plötzliche Regenschauer, von ungewöhnlicher Heftigkeit. Keine noch so große Macht wird sie unterdrücken können. Sie werden alle bindenden Fesseln sprengen und auf den Weg zur Freiheit eilen. Der Imperialismus, die Militärmachthaber, die korrupten Beamten, die schlechte Gentry der Dorftyrannen werden alle (von den Bauern) ins Grab gebracht werden. Alle revolutionären Parteien und alle revolutionären Kameraden werden von ihnen auf die Probe gestellt werden, und es wird (von den Bauern) entschieden, ob sie zu verwerfen oder anzunehmen sind … Das Hauptangriffsziel der Bauern waren die schlechte Gentry der Dorftyrannen sowie gesetzlose Grundeigentümer; daneben alle Arten patriarchalischer Ideen und Systeme, korrupte Beamte in den Städten und schlechte Sitten auf dem Lande. Dieser Angriff war gerade wie reißender Sturm und Gewittergüsse. Wer sich beugte, blieb bestehen; wer Widerstand leistete, ging zugrunde. Der Erfolg war, dass die jahrtausendealten Privilegien der feudalen Grundeigentümer wie herabgefallene Blüten im Strome weggeschwemmt wurden. Ansehen und Würde der Grundeigentümer wurden vollkommen hinweggefegt. Nach dem Sturz der Macht der Grundeigentümer wurden die Bauernbünde die einzigen Machtorgane und (die Parole) »Alle Macht den Bauernbünden« wurde wirklich erfüllt … Es ist die Erhebung der großen Masse der Bauern zur Erfüllung ihrer historischen Aufgabe; es ist die Erhebung der demokratischen Kräfte des Dorfes zum Sturz der feudalen Kräfte des Dorfes. Die patriarchalisch-feudale schlechte Gentry der Dorftyrannen, die Klasse der gesetzlosen Grundeigentümer sind die Grundlage der absolutistischen Regierung von Jahrtausenden und der Unterbau des Imperialismus der Militärmachthaber und der korrupten Beamten. Der Sturz dieser feudalen Mächte ist das wahre Ziel der nationalen Revolution. Sun Yat-sen widmete vierzig Jahre der nationalen Revolution; was er erstrebte und nicht erreichte, haben jetzt die Bauern in wenigen Monaten erreicht. Das ist eine in vierzig Jahren und selbst in Jahrtausenden nicht erreichte außergewöhnliche Leistung … Um dort Anerkennung zu zollen, wo sie gebührt – wenn wir der Durchführung der demokratischen Revolution zehn Punkte zuerteilen, dann betragen die Leistungen der Stadtbewohner und des Militärs nur drei Punkte, während die übrigen sieben Punkte den Bauern bei der Revolution auf dem Lande zukommen … Die nationale Revolution erfordert eine große Umwälzung auf dem Lande. Die Revolution von 1911 hat diese Umwälzung nicht mit sich gebracht und ist daher gescheitert. Jetzt gibt es eine solche Umwälzung, und sie ist ein wesentliches Element für die Vollendung der Revolution … Die Revolution ist keine Einladung zum Essen, kein literarischer Aufsatz, keine Malerei oder Stickerei; sie kann nicht so vornehm, so gelassen und maßvoll sein, schönes Äußeres und inneren Gehalt in gleicherweise vereinend, nicht so »milde, freundlich, ehrerbietig, mäßig und bescheiden«. Revolution ist Aufruhr, sie ist ein gewalttätiger Akt der Überwältigung einer Klasse durch eine andere. Die Agrarrevolution ist die Revolution der Bauernklasse zur Überwältigung der Macht der feudalen Grundeigentümer-Klasse. Wenn die Bauern nicht ihre äußerste Kraft anwenden, können sie keinesfalls die seit mehreren Jahrtausenden fest verankerte Macht der Grundeigentümer überwältigen. Auf dem Lande muss eine große revolutionäre Flut sein, um die Massen von Tausenden und Zehntausenden in Bewegung zu bringen und eine gewaltige Kraft zu bilden … Die Macht der Gentry muss ganz und gar überwältigt werden, die Gentry muss zu Boden geschlagen und sogar noch zertrampelt werden. Obwohl Mao Tse-tung sieh selbst als einen überzeugten Anhänger des Marxismus-Leninismus betrachtete, zeigt doch dieser Bericht ein erhebliches Abweichen von der orthodoxen Linie. So wurden auch Maos Ansichten von seinen kommunistischen Parteigenossen – einschließlich der sowjetischen Berater – nicht verstanden und meist verworfen. Das hat Mao aber nicht gehindert, auch nach dem Bruch mit der KMT seine revolutionäre Arbeit unter den Bauern zielbewusst fortzusetzen und gemeinsam mit anderen kommunistischen Führern eine Rote Bauernarmee aufzubauen. Im Südteil der Provinz Kiangsi schufen sie einen starken kommunistischen Machtbereich, der sich dank überlegener Führung und hervorragender Moral lange Zeit gegen Chiang Kai-sheks wiederholte, mit einem riesigen Truppenaufgebot unternommene »Vernichtungsfeldzüge« halten konnte. Dabei fehlte es nicht an scharfer Kritik der KPCh-Führung in Shanghai gegen Mao. Doch gab der Gang der Entwicklung Mao Tse-tung und seinen Anhängern recht. Im Herbst 1932 konnte sich die Parteileitung in Shanghai unter dem Druck der KMT-Regierung nicht mehr halten und suchte auf Drängen Mao Tse-tungs in seinem Machtbereich Zuflucht. Damit wurde Mao allein auf Grund seiner politischen und militärischen Erfolge der unumstrittene Führer der KPCh, und seitdem ist sein Name untrennbar mit dem Geschick des Kommunismus in China verknüpft. Auch Moskau erhob gegen diese Entwicklung keinen Einspruch; es hätte sonst die KPCh aufgeben müssen. Im Herbst 1934 war durch die zunehmende Stärke der KMT-Offensiven die Position der Kommunisten in Kiangsi nicht länger zu halten. Es gelang dem Gros der Roten Armee und den politischen Führern, die Umzingelung zu durchbrechen und auf dem »Langen Marsch« durch Südwest-China unter ungeheuren Strapazen und mit schweren Opfern gegen Ende des folgenden Jahres schließlich das entlegene und ärmliche Bergland von Nord-Shensi zu erreichen. Hier errichtete Mao Tse-tung mit seinen durch den »Langen Marsch« zu einer festen Gemeinschaft zusammengeschweißten Anhängern eine neue Machtbasis, die später der Ausgangspunkt für die Eroberung ganz Chinas werden sollte. Zunächst hatten sie hier Ruhe, sich zu konsolidieren und zu reorganisieren. Unter dem zunehmenden Druck Japans kam 1936 eine neue, diesmal gegen Japan gerichtete Einheitsfront zwischen Kommunisten und Kuomintang zustande. Als Ende 1936 Chiang Kai-shek von einem widerspenstigen Militärmachthaber überfallen und gefangengesetzt war, erwirkten die Kommunisten seine Freilassung. Denn auch sie sahen in Chiang Kai-shek den einzig möglichen Führer einer gemeinsamen Front gegen Japan. Nur über die Einheitsfront und einen Krieg gegen Japan sahen die Kommunisten eine Chance, in China endgültig an die Macht zu gelangen. Die Erfahrungen von 1927 veranlassten sie aber, ihre eigenen Truppen und ihr eigenes Hoheitsgebiet beizubehalten. Alle Kämpfe zwischen KMT und Kommunisten hörten einstweilen auf und machten nach außen hin freundschaftlichen Beziehungen Platz. Es kam aber nicht zu einer wirklichen Allianz wie in den Jahren 1924 bis 1927. Der Konflikt mit Japan
Es waren die Japaner, die mit ihren Angriffen auf China die Herrschaft der KMT schwächten und zerrütteten und damit die endgültige Voraussetzung für die Machtübernahme durch die Kommunisten schufen. Ein kommunistisches China war zwar nicht die Absicht ihrer Politik, aber doch ihr Ergebnis. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte Japan konsequent seine Politik der Machtausdehnung auf dem Kontinent verfolgt mit dem Endziel der Vorherrschaft über ganz Ostasien. Dies geschah einmal durch Annexionen auf dem Kontinent und zum anderen durch die Bemühungen, die Konsolidierung einer starken Zentralgewalt in China, zu verhindern. Der erfolglose Versuch, 1928 den Vormarsch Chiang Kai-sheks nach Nordchina in Shantung aufzuhalten, die Loslösung der Manchurei von China nach dem Zwischenfall von Mukden am 18. September 1931 mit der Proklamation eines nominell selbständigen »Manchukuo« im folgenden Jahr, der Angriff in Shanghai 1932 und das langsame weitere Eindringen in Nordchina waren die Etappen, deren letzte, der Zwischenfall bei der Marco-Polo-Brücke, nahe bei Peking, am 7. Juli 1937 schließlich der Auftakt des zweiten Weltkrieges wurde. Das japanische Vorgehen in China bewirkte, dass sich die nationalistische, anti-imperialistische Bewegung immer stärker gegen Japan richtete und sich immer mehr von den westlichen Mächten abwandte. Wenn sich auch chinesische Hoffnungen auf eine Intervention der westlichen Mächte gegen Japan nicht erfüllten, wirkte doch die Anwesenheit westlicher Truppen und westlicher Kriegsschiffe vielfach als ein begrenzter örtlicher Schutz gegen japanische Übergriffe. So sahen die Japaner vielfach in den westlichen Mächten, die sie an der Erreichung ihrer Ziele hinderten, ihre eigentlichen Gegner. Doch auch die innere Entwicklung in China bereitete den japanischen Führern Sorge. Die mit der neuen Einheitsfront erzielte Konsolidierung der Verhältnisse in China und das rasche Anwachsen seines Kriegspotentials bedrohten Japans Ziele auf dem Kontinent. Chiang Kai-shek und seine Regierung versuchten eine bewaffnete Auseinandersetzung so lange wie möglich hinauszuschieben, um Chinas Militärmacht weiter zu stärken, wurden aber durch den Druck der Einheitsfront zu sofortigem energischem Widerstand gedrängt. Beim Beginn des Krieges gegen Japan im Sommer 1937 ging durch ganz China eine Welle der nationalen Begeisterung und des Widerstandswillens. Die Parole der Einheitsfront überwand zunächst alle innerchinesischen Streitigkeiten. Die Regierung amnestierte die politischen Gegner. Reaktion und Restauration schienen einer neuen Phase des 1927 abgebrochenen revolutionären Kampfes Platz zu machen. So übertraf der chinesische Widerstand anfangs alle Erwartungen der Japaner, und der Rückzug der Chinesen ins Innere des Landes nötigte sie, immer mehr Truppen in China einzusetzen. Die japanischen rückwärtigen Verbindungslinien wurden länger und empfindlicher unter der ständigen Bedrohung durch die hinter der Frontlinie sehr aktiven Guerillaeinheiten. Die führenden Schichten aus Politik, Wirtschaft und Intelligenz verließen in großen Mengen die japanisch besetzten Wirtschafts- und Kulturzentren Ost- und Nordchinas; in Westchina mit der Kriegshauptstadt Chungking als Mittelpunkt entstand ein neues reges Leben. Die die ersten Kriegsjahre charakterisierende Dynamik des gemeinsamen Widerstandes hielt jedoch auf die Dauer nicht vor. Mit dem Beginn des pazifischen Krieges im Dezember 1941 war China nicht mehr auf sich allein gestellt und überließ es mehr und mehr den Alliierten, für China den Krieg gegen die Japaner zu führen. Sowohl die KMT wie auch die Kommunisten sahen nicht mehr ihr oberstes Ziel im Widerstand gegen die Japaner, sondern in der Sicherung ihrer eigenen Macht für die Zeit nach dem Ende des Krieges. Der große Unterschied zwischen beiden Seiten bestand nur darin, dass in der KMT-Regierung, bei den höchsten Spitzen angefangen, Korruption und Demoralisierung in erschreckendem Maße voranschritten, während die Funktionäre der Kommunisten arm, sauber und von hohem Idealismus erfüllt waren. Ihre Truppen waren zwar schlecht bewaffnet, aber gut geführt und zeichneten sich durch hervorragenden Kampfesgeist aus. So verschob sich von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat das Gleichgewicht zugunsten der Kommunisten, ohne dass dies nach außen hin in Erscheinung trat. Die Alliierten mussten Sorge tragen, die Widerstandskraft Chinas überhaupt aufrechtzuerhalten und einen durchaus nicht unmöglich erscheinenden Separatfrieden der KMT-Regierung mit Japan zu verhindern. Der endgültige Verzicht der Alliierten auf alle Rechte und Vorrechte aus den »Ungleichen Verträgen« wurde zwar aufrichtig begrüßt, konnte aber die allgemeine Lage kaum verbessern. So war bei Ende des Krieges das KMT-Regime der Rolle eines Siegerstaates nicht mehr gewachsen: Den Sieg hatten andere erfochten; ganz China war verarmt, verhungert, zermürbt und demoralisiert, dazu durch Korruption und inneren Zwist zerrüttet, reif für eine neue Stufe der Revolution. Der Sieg der Kommunisten
Die japanische Invasion ermöglichte den Kommunisten, ihren Einfluss in ungeahntem Grade auszudehnen. Die von der KPCh eingeschlagene Linie auf eine den speziellen chinesischen Verhältnissen Rechnung tragende, nationale bürgerlich-demokratische Revolution hin nahm ihr die für viele abschreckende Gestalt des extremen Radikalismus. Ein gemäßigtes Vorgehen bei der sozialen Revolution, die stets betonte Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit nichtkommunistischen Gruppen und der Vorrang des nationalen Befreiungskampfes gegen Japan zog viele der besten Kräfte des Landes, vor allem aus der Jugend, auf die kommunistische Seite in die Zentren des kommunistischen Widerstandes, die sogenannten »Befreiten Gebiete«, um sich hier für die nationale Sache des Kampfes gegen Japan einzusetzen. So stieg die Mitgliederzahl der KPCh in den Kriegsjahren 1937 bis 1945 von etwa vierzigtausend auf weit über eine Million, und auch die kommunistischen Truppen vermehrten sich entsprechend. Das sich immer weiter ausdehnende, unter kommunistische Herrschaft kommende Gebiet lag verstreut über ganz Nord- und Ostchina, zum großen Teil hinter den japanischen Linien und bis vor die Tore der japanisch besetzten großen Städte dieses Gebietes. Die »Befreiten Gebiete« waren in viele, nicht unmittelbar verbundene Teile getrennt und vielfach ständig von den Japanern bedroht. Die Verkehrsmittel waren Pferd, Esel oder auch nur die menschlichen Füße. In den harten und schweren Kriegsjahren haben die Kommunisten sich hier die materielle und ideelle Grundlage für ihren späteren Sieg geschaffen. Entscheidend war dabei, dass sie auf dem Lande weitgehend von radikalen Maßnahmen absahen, oftmals den Besitzstand zunächst unangetastet ließen und nur die gröbsten Missstände beseitigten. Darüber hinaus suchten sie den Bauern in ihren dringendsten Nöten mit Rat und Tat beizustehen. So konnten sie sich Sympathie und aktive Unterstützung der Landbevölkerung sichern, die für ihre Guerillataktik unerlässlich war. Im Gegensatz zur immer üppiger wuchernden Korruption und Dekadenz in den von Japanern und den von der KMT beherrschten Teilen des Landes entwickelte sich in den »Befreiten Gebieten« ein idealistischer Geist der Kameradschaft und Opferbereitschaft. Die Aufgabe, die verschiedenen Gebiete zusammenzufassen, fiel der KPCh zu, unter deren Banner sich seit Beginn des Krieges sehr verschiedene Elemente zusammengefunden hatten. Um Denken und Handeln der vielen neuen Parteimitglieder zu vereinheitlichen, eröffnete Mao Tse-tung 1942 in Yen-an die unter dem Namen Cheng-feng-Bewegung bekannte Kampagne zur »Berichtigung der allgemeinen Einstellung«. Das war trotz Schuldbekenntnissen mancher führenden Parteimitglieder weniger eine Säuberungsaktion als eine intensive Indoktrinierung und Erziehung in den von Mao Tse-tung ausgearbeiteten Prinzipien für die Anwendung der marxistisch-leninistischen Grundsätze auf die besonderen chinesischen Verhältnisse, offiziell »Mao Tse-tungs Gedanken« genannt. In der Tat brachte diese Kampagne Einheitlichkeit in die Parteilinie und bereitete die kommende Auseinandersetzung mit der KMT vor. Sowjetische Hilfe blieb in dieser Zeit auf das Ideologische beschränkt. Materielle Unterstützung konnten die chinesischen Kommunisten damals von der Sowjetunion nicht erwarten. Auf Grund der Erfahrungen von 1927 hatte Stalin wenig Vertrauen zu den chinesischen Kommunisten und rechnete nicht mit ihrem Erfolg. Das Verhältnis der Kommunisten zur KMT war trotz amerikanischen Vermittlungsversuchen bereits bei Kriegsende äußerst gespannt. Chiang Kai-shek war von einer Gruppe ehrgeiziger und habsüchtiger Whampoa-Offiziere und kurzsichtiger KMT-Politiker umgeben, die allein sein Vertrauen besaßen und alle unerwünschten Nachrichten von ihm fernzuhalten wussten, so dass er kaum über die tatsächliche Lage im Bilde sein konnte. Der wachsenden Unzufriedenheit suchte die KMT-Regierung durch Terrormaßnahmen zu begegnen, die sich nicht nur gegen kommunistische Aktivität, sondern auch gegen die liberale und kritische Intelligenz richteten. So wandten sich immer mehr Angehörige dieser Schicht innerlich von der KMT ab, und unter Schülern und Studenten griff die kommunistische Untergrundbewegung von Tag zu Tag weiter um sich. Durch die Wirren des Krieges hatte ein nicht geringer Teil der nominell noch Land besitzenden Familien dieses Land praktisch bereits seit Beginn des Krieges verloren und auch mehr oder weniger abgeschrieben. Vor allem war dies bei der jüngeren Generation der Fäll, die ein wirtschaftlich gesichertes und sorgenfreies Leben mit Grundbesitz und Pachteinnahme fast nur noch vom Hörensagen kannte und keinen Besitz zu verlieren hatte. In diesen Kreisen fanden die Kommunisten und die revolutionäre Bewegung überhaupt einen großen Teil ihrer eifrigsten Vorkämpfer und aktivsten Führer. Die plötzliche, nicht so früh erwartete Kapitulation der Japaner stellte die Regierung in Chungking vor das Problem, in kürzester Frist die bisher von den Japanern besetzten Gebiete in Nord- und Ostchina sowie die ganze Manchurei zu übernehmen, dort eine Verwaltung einzurichten und vor allem zu verhindern, dass die Kommunisten ihr zuvorkämen. Dieser schwierigen Aufgabe war das demoralisierte und zerrüttete KMT-Regime trotz amerikanischer Hilfe nicht mehr gewachsen. Beim Versuch der mit amerikanischen Flugzeugen nach Norden und Osten transportierten Regierungstruppen die von den Japanern evakuierten Gebiete zu übernehmen, kam es an vielen Stellen zu Zusammenstößen mit der kommunistischen Armee; eine bewaffnete Auseinandersetzung großen Stils bahnte sich an. Erneute amerikanische Vermittlungsversuche unter General Marshall scheiterten nach anfänglichen Erfolgen schließlich an dem unüberwindlichen Misstrauen und Widerwillen zwischen Kommunisten und KMT und an der zu keiner Verständigung bereiten Haltung der radikalen Elemente auf beiden Seiten. Dazu überschätzten Chiang Kai-shek und seine Umgebung ihre Kräfte bei weitem und meinten trotz amerikanischen Warnungen, auf Grund der rein zahlenmäßigen Überlegenheit ihrer Truppen leicht der Kommunisten Herr werden zu können. In der 1947 beginnenden Endphase des Kampfes wurden die von den KMT-Truppen gehaltenen Schlüsselstellungen in der Manchurei und Nordchina durch Zerstörung der Eisenbahnlinien allmählich zu isolierten Inseln, die nur noch auf dem Luftwege erreicht werden konnten. Die noch bei Kriegsende den Kommunisten um das Vielfache überlegene Militärmacht der KMT verringerte sich in dem gleichen Maße, wie die der Kommunisten zunahm. Verluste durch Tote und Verwundete, Deserteure und Überläufer dezimierten die Reihen der KMT-Truppen. Von der KMT erbeutetes oder auch durch Mittelsmänner aufgekauftes amerikanisches Kriegsmaterial sowie japanische Waffen, die die Russen beim Abzug aus der von ihnen bei Kriegsende besetzten Manchurei den chinesischen Kommunisten in die Hände gespielt hatten, gab die zu großen Kampfaktionen notwendige Ausrüstung. Die militärische Führung der KMT versagte völlig. Hervorragende, bewährte Heerführer, die nicht zur Whampoa-Clique gehörten, schob man auf praktisch bedeutungslose Posten ab, während jene nur daran dachte, sich ein möglichst großes Stück Beute von den Japanern und von den wirklichen oder angeblichen chinesischen Kollaborateuren anzueignen. Die militärischen Führer der Whampoa-Clique gaben das Beispiel, das weithin nachgeahmt wurde. Jeder suchte ohne Verantwortungsgefühl und ohne Rücksicht auf die ursprünglichen chinesischen Besitzer zu greifen, was greifbar war. Dementsprechend wandte sich auch die Sympathie der Bevölkerung in den von den Japanern besetzten Gebieten, die anfangs die KMT-Truppen als die Befreier von der fremden Besatzungsmacht begrüßt hatte, bald den Kommunisten zu: Nicht weil man ihr Programm oder ihre Theorien besser fand als die der KMT, sondern weil man in ihnen eine lebendige, gesunde, nicht von Korruption verseuchte Kraft sah, die als einzige in der Lage schien, das verkommene, nicht mehr haltbare Regime der KMT abzulösen. So konnten vom Herbst 1948 an innerhalb eines Jahres die kommunistischen Heere ohne nennenswerte fremde Hilfe in einem einzigartigen Siegeszug von der Manchurei bis in den äußersten Süden und Südwesten ganz China in ihre Gewalt bringen. Die Machtübernahme durch die Kommunisten vollzog sich überall in vorzüglicher Ordnung. Die kommunistischen Truppen zeigten im Gegensatz zu denen der KMT eine hervorragende Disziplin. Die Bevölkerung brauchte nicht um Leben und Eigentum zu bangen – die Soldaten nahmen nichts ohne eine dem Wert entsprechende Bezahlung -, und auch Frauen und Mädchen hatten nichts zu befürchten. Ruhe und Ordnung kehrten überall rasch zurück. Alle staatlichen und privaten Betriebe wurden angewiesen, ihre Arbeit fortzusetzen. Nur langsam und mit großer Vorsicht schalteten sich die Kommunisten ein. Eisenbahnen und andere Verkehrswege wurden rasch repariert. Der bewährten chinesischen Tradition entsprechend trat die zivile Autorität wieder an die erste Stelle, und die seit 1911 verhängnisvolle Militärherrschaft fand ihr Ende. Endlich war Friede im Lande, und die gequälte Bevölkerung konnte erst einmal aufatmen, bevor schrittweise die entscheidenden Maßnahmen der sozialen Revolution folgten. Nach Befriedung des eigentlichen China wurden auch die vordem von der KMT-Regierung weitgehend unabhängigen Außenländer Sinkiang und Tibet wieder fest an die Zentrale angegliedert. Nur auf die Äußere Mongolei, deren Unabhängigkeit die KMT-Regierung noch nach Kriegsende anerkannt hatte, mussten auch die Kommunisten um der Freundschaft mit Russland willen verzichten. Die Rückverlegung der Hauptstadt von Nanking nach Peking ließ Nordchina wieder stärker als Schwerpunkt hervortreten. Die kommunistische Regierung zeigte dadurch, dass sie sich stark genug fühlte, eventuell Nordchina drohenden fremden Einflüssen entgegenzutreten. 1955 zogen sich die Russen aus ihren letzten Stützpunkten Port Arthur und Dairen zurück. Bereits 1943 hatte China ohne irgendein Zutun der Kommunisten de jure die volle internationale Gleichberechtigung als Nation erlangt. Doch war aus vergangenen Tagen zum Teil noch das überhebliche Verhältnis des Ausländers zum Einheimischen geblieben. Wenn auch alle aus den »Ungleichen Verträgen« herrührenden Vorrechte gefallen waren, so blieb doch die Erinnerung an die vergangenen Demütigungen, und das Verhalten der Fremden trug nicht immer dazu bei, dass sie vergessen wurden. Schon die KMT griff nach dem Kriege gelegentlich zu kleinlichen Schikanen der Ausländer, wie man sie von den Japanern gelernt hatte. So fanden die Kommunisten ein williges Echo auf ihre Parole vom Kampf gegen den Imperialismus. Manche bereits offene Tür wurde noch einmal eingestürmt, und alle noch bestehenden besonderen Gewohnheitsrechte der Fremden in China wurden beseitigt. Der einzelne Ausländer wurde nun für das China seit einem Jahrhundert zugefügte Unrecht zur Vergeltung herangezogen. Früher hatten die Fremden über dem Recht gestanden. Nun ließ man sie bei jeder Gelegenheit fühlen, dass sie allenfalls geduldet seien, aber keinerlei Rechte besäßen, im Gegenteil Subjekte minderen Rechtes gegenüber den Einheimischen und den Angehörigen anderer asiatischer Nationen seien. Fast alle in China ansässigen Angehörigen westlicher Nationen haben in den Jahren nach 1949 freiwillig oder gezwungen das Land verlassen. Im Grunde vollzog sich die kommunistische Machtübernahme nicht wesentlich anders als bei ähnlichen Situationen in der Vergangenheit, wenn eine Dynastie eine andere ablöste. Die aus Bauernaufständen hervorgegangene, von Bauernführern geleitete revolutionäre Bewegung gewann mit Hilfe der Landbevölkerung und einer zunehmenden Zahl von Mitgliedern der Intelligenz zunächst langsam, dann immer schneller an Macht und Ausdehnung, bis schließlich unter dem letzten großen Ansturm das innerlich geschwächte und ausgehöhlte Regime trotz äußerlich überlegener Militärmacht wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Wie in der Vergangenheit oft Bauernbewegung und religiöse Geheimgesellschaften Zusammenflossen, so waren es nun Bauernbewegung und Kommunismus. Dass dabei an die Stelle des Aberglaubens an Geister, übernatürliche Kräfte und übernatürliche Offenbarungen der Aberglaube an eine utopische Idee trat, war kein entscheidender Unterschied. Gleich war der fanatische Glaube, dort an eine religiöse, hier an eine soziologische Lehre, gleich war auch die Überzeugung vom Herannahen einer neuen Weltordnung. Unterschiedlich war nur der Erfolg. Endeten in der Vergangenheit solche Umstürze in der Regel nur mit sehr beschränkten Reformen und folgte stets bald eine grundsätzliche Rückkehr zur traditionellen politischen und sozialen Ordnung, so haben die Kommunisten sich die Umwandlung des von ihnen als halb-feudalistisch, halb-kolonial bezeichneten alten China in einen modernen sozialistischen Staat als Ziel und Aufgabe gestellt, und sie arbeiten mit aller Entschiedenheit auf dieses Ziel hin. Mit der durchgreifenden sozialen Revolution ist vorläufig die letzte Stufe der rund hundertjährigen revolutionären Entwicklung erreicht. Tendenzen der Entwicklung seit 1949
Die Konzentration der politischen Macht durch die kommunistische Regierung
Hatten sich die Vorgänge bis zum Siege der Kommunisten noch weitgehend in einem traditionellen Rahmen vollzogen, so begann mit der Konsolidierung der kommunistischen Herrschaft eine Entwicklung, die als Ganzes gesehen kaum eine Parallele in der Geschichte Chinas finden dürfte. Das schließt nicht aus, dass sie in manchen einzelnen Zügen offensichtlich an die vorrevolutionäre Vergangenheit anknüpft und dass bei genauerer Betrachtung sich nicht alles als so völlig neu erweist, wie es zunächst den Anschein haben mag. Entscheidend dürfte sein, dass die durch die politischen Ereignisse seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur ganz langsam eingeleitete Wandlung Chinas von einer vorindustriellen agrarwirtschaftlichen Struktur zu einem modernen Industriestaat erst seit Beginn der kommunistischen Herrschaft in vollem Umfange eingesetzt hat und nun in ein atemberaubendes Tempo gedrängt wird. Die am 1. Oktober 1949 formal begründete Regierung der Volksrepublik China hat schon nach wenigen Jahren eine Konzentration aller staatlichen Macht in ihrer Hand erreicht, wie es in diesem Ausmaße bisher wohl kaum in der chinesischen Geschichte der Fall gewesen sein dürfte. Diese Machtkonzentration wird garantiert durch die KPCh und ihre Unterorganisationen, die sämtliche Organe und Betriebe bis in die kleinsten dörflichen Einheiten durchdringen. Die einheitliche praktische und ideologische Ausrichtung der Funktionäre und Kader wird durch eine ständige Indoktrinierung gewährleistet, deren Methodik seit der Cheng-feng-Bewegung von 1942 systematisch weiterentwickelt worden ist. Dabei knüpft die Idee der ständigen Schulung in der orthodoxen Lehre als Garantie für die einheitliche Denk- und Handlungsweise der führenden Schicht an traditionelle konfuzianische Praktiken an. Allerdings ist die Technik kommunistischer Indoktrinierung den Anforderungen der modernen Zeit angepasst, denen ein dem konfuzianischen analoges Prüfungswesen nicht mehr entsprechen würde. Aus der Praxis der zunächst auf die Mitglieder der KPCh beschränkten Indoktrinierung hat sich allmählich die Methodik der »Gedankenreform« entwickelt. Sie scheint ein besonders charakteristisches Element des chinesischen Kommunismus zu sein. Als die Kommunisten 1948/49 ganz China eroberten, galt es nicht nur große Teile der früheren KMT-Armee in die »Volksbefreiungs-Armee« einzugliedern, sondern auch in kürzester Frist große Mengen zuverlässiger Kader für zivile Verwaltung, Bildungswesen und Wirtschaft auszubilden. Das geschah durch besondere Schulungskurse, die sich zunächst auf freiwilliger Basis vornehmlich an die Intelligenz wandten, sich allmählich aber auf weitere Bevölkerungsgruppen ausdehnten und obligatorisch wurden. Diese Schulungskurse dauerten in der Regel mehrere Monate und umfassten bis zu einigen tausend Teilnehmern, die in verschiedene Einheiten bis zu kleinen Gruppen von sechs bis zehn Personen aufgegliedert waren. Die Teilnehmer lebten in fester Gemeinschaft zusammen; zunächst ziemlich zwanglos, dann aber immer mehr von Vorträgen, Berichten und an Intensität zunehmenden Diskussionen ausgefüllt. Alles bisherige Tun und Denken wird dabei schärfster Kritik unterworfen. Jeder muss nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das der anderen Mitglieder seiner Gruppe kritisieren. Jeder soll die Irrtümer und Sünden seiner Vergangenheit erkennen, bekennen und überwinden. Auf Grund der ihm durch die marxistisch-leninistische Ideologie gesetzten neuen Maßstäbe soll er gewissermaßen seine frühere Existenz ablegen und ein neuer Mensch werden. Dabei sind Szenen höchster emotioneller Spannung wie bei Glaubenserweckungen religiöser Sekten nicht selten. Der Erfolg dieser Gedankenreform ist erstaunlich. Der Appell an den aus der traditionellen Gesellschaftsstruktur erwachsenen starken Gemeinschaftssinn der Chinesen lässt individualistische Neigungen verhältnismäßig leicht als fremd und abwegig verwerfen. So vermögen sich nur wenige der Wirkung der Gedankenreform zu entziehen. Die Anwendung von Kritik und Selbstkritik ist zwar keine chinesische Erfindung. Sie ist aber in China zu einem äußerst wirkungsvollen sozial-psychologischen Instrument entwickelt worden. Über die geschlossenen Schulungskurse hinaus wird bei den Kampagnen verschiedenster Art – von wichtigen politischen Fragen bis zur Insektenbekämpfung und zur Verbesserung der Hygiene – in allen Berufs- und Wohngruppen die Methode der Kritik und Selbstkritik angewandt, und sie erstreckt sich über Partei und Kader hinaus auf weiteste Teile der Bevölkerung. Ihre entscheidende Wirkung erhält diese Methode aber erst dadurch, dass die volle Macht eines autoritären Regimes dahintersteht, bereit einzugreifen gegen den, der sich aller Kritik und Überredung zum Trotz nicht gutwillig einfügen will. »Umerziehung durch Arbeit«, das heißt Zwangsarbeit in entlegenen Gebieten, droht denen, die sich hartnäckig widersetzen. Große Kampagnen verschärfter Kritik und Selbstkritik begleitet von Zwangsmaßnahmen wandten sich gegen widerwillige oder nicht konformistische Elemente. So diente die Landreform ab 1950 nicht nur der wirtschaftlichen Enteignung der Grund besitzenden Kreise, sondern auch der Liquidierung ihres bisherigen sozialen Prestiges, zuweilen sogar ihrer physischen Vernichtung. Die Kampagne zur Niederwerfung der »Konter-Revolutionäre« 1951/52 bezweckte nicht nur die Ausrottung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner des Regimes, sondern sie sollte mit ihren Terrormaßnahmen einschüchternd auf jeden potentiellen Gegner, ja auf die gesamte Bevölkerung wirken. Die fast gleichzeitigen Kampagnen »Gegen die drei Übel« (gegen Korruption, Verschwendung und Bürokratismus unter den Mitarbeitern der staatlichen Organe) und »Gegen die fünf Übel« (gegen Bestechung, Steuerhinterziehung, Diebstahl von Staatseigentum, gewissenlose Erfüllung von Regierungsaufträgen und den Missbrauch staatlicher Wirtschaftsinformationen für private Zwecke) richteten sich gegen alle Kreise der freien Wirtschaft, aber auch gegen Funktionäre und Kader, die sich für die fast traditionell gewordenen Laster der chinesischen Beamten anfällig zeigten. Der Unterdrückung kritischer, nicht konformistischer Angehöriger der Intelligenz diente schließlich die Kampagne gegen die Rechts-Orientierten von 1957/58. Diese ständige Indoktrinierung und Überredung verbunden mit Druck und Zwangsmaßnahmen wechselnder Intensität geben der chinesischen Regierung Macht und Autorität für die Veränderung der gesamten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Struktur Chinas. Der inneren Machtkonzentration durch die kommunistische Regierung folgte rasch eine Konsolidierung der Position nach außen hin. Alle Einschränkungen der chinesischen Souveränität durch die »Ungleichen Verträge« waren bereits de jure wie de facto bei Beginn der kommunistischen Herrschaft gefallen. An den Grenzen des Landes sucht die kommunistische Regierung für China die Stellung wiederzugewinnen, die es dort vor der abendländischen und japanischen Machtausweitung im 19. Jahrhundert innehatte. Beim Vorgehen in Korea, Annam und Tibet knüpfte das neue Regime an imperiale Traditionen früherer Jahrhunderte an. China ist wieder zum wichtigsten politischen Faktor in Asien geworden. Chou En-laiUnterzeichnung eines chinesisch-polnischen Kommuniques zur Wiedervereinigung Deutschlands, unter Anerkennung der Oder-Neiße-Linie in Peking am 11. April 1957 durch Chou En-lai und Cyrankiewicz. Datengerüst
Chinesische Revolution
•1840 Opiumkrieg zwischen England und China (bis 1842).
•1850 Beginn der Taiping-Revolution unter Hung Hsiu-ch’üan in Kuangsi.
•1851 »Reich des Himmlischen Friedens« (Taiping) ausgerufen.
•1853 Nanking wird Hauptstadt desTaiping-Reiches.
•1860 Besetzung Pekings durch englische und französische Truppen.
•1861 Regierungsantritt des neuen Kaisers T’ung-’ chih. Beginn der T’ung-chih-Restauration.
•1864 Niederschlagung der Taiping-Bewegung.
•1892 Gründung der »Gesellschaft zur Entwicklung Chinas« durch Sun Yat-sm (geb. 1866).
•1895 Niederlage Chinas im Krieg gegen Japan, Friede von Shimonoseki (17.4.).
•1898 Reformbewegung unter K’ang Yu-wei, von der Kaiserinwitwe Tz’u-hsi gewaltsam unterdrückt. Gründung des »Ostasiatischen Kulturbundes« in Tokyo.
•1900 Boxerunruhen in Shantung und Hopei.
•1901 Boxerprotokoll (7.9.), das den europäischen Mächten neue Sonderrechte einräumt.
•1905 Abschaffung des traditionellen staatlichen Prüfungssystems. Gründung des »Chinesischen Revolutionsbundes« durch Sun Yat-sen in Tokyo.
•1907 Der Revolutionsbund veröffentlicht sieben Punkte über seine Haltung gegenüber den fremden Mächten: ihre Rechte in China sollen durch die Revolution nicht berührt werden.
•1911 Militärputsch in Wu-ch’ang bei Hankou (10.10.), Auftakt zur Revolution.
•1912 Abdankung der kaiserlichen Regierung (12.2.). Yüan Shih-k’ai erhält Vollmacht zur Bildung einer provisorischen republikanischen Regierung. Gründung der Kuomintang (12.8.).
•1913 Parlamentswahlen. »Zweite Revolution« in Nanking gegen Yüan Shih-k’ai.
•1915 Japans »Einundzwanzig Forderungen« an China (18.1.); ein Teil von ihnen mit Hilfe eines Ultimatums (7.5.) durchgesetzt. Bildung einer antimonarchistischen Front gegen Yüan. Gründung der Zeitschrift »Neue Jugend«.
•1916 Tod Yüan Shih-k’ais.
•1917 Eintritt Chinas in den Krieg gegen Deutschland (August).
•1919 Demonstration der Pekinger Studenten gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages. Beginn der »Bewegung des 4. Mai«, die für eine kulturelle Erneuerung eintritt. Gastvorlesungen des amerikanischen Philosophen John Dewey in China. Erste Immatrikulation weiblicher Studenten in Peking.
•1920 Verzicht der Sowjetregierung auf alle Rechte und Konzessionen in China. Entsendung eines Kominternvertreters nach Shanghai (Frühjahr).
•1921 Gründung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh; 1.7.). Konferenz von Washington (13.11.-6.2.1922), Unabhängigkeit Chinas und Grundsatz der »Offenen Tür« von neun Mächten anerkannt.
•1923 Gemeinsame Erklärung von Sun Yat-sen und dem russischen Vertreter Joffe über die chinesisch-sowjetischen Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen der Kuomintang und den Kommunisten (26.1.). Ankunft einer Gruppe von russischen Beratern unter Michail Borodin (September).
•1924 Erster Parteitag der Kuomintang (20.1.). Gründung der Militärakademie Whampoa (Huang-p’u) im Mai. Militärische Leitung: Chiang Kai-shek, politische Leitung: Chou En-lai.
•1925 Tod Sun Yat-sens (12.5.). Gründung der chinesischen Nationalregierung in Kanton. »Bewegung des 30. Mai«, Auftakt des Boykotts gegen Großbritannien.
•1926 Beginn des Feldzuges der Revolutionsarmee unter Chiang Kai-shek gegen die Militärmachthaber in Mittel- und Nordchina (Juli). Eroberung von Wuhan (August). Verlegung des Sitzes der Nationalregierung nach Wuhan (November).
•1927 Eroberung von Shanghai und Nanking (Frühjahr). Bruch Chiang Kai-sheks mit der Kuomintang-Regierung in Wuhan (März). Liquidation der Kommunisten von Shanghai (12.4.). Gründung einer Militärregierung in Kanton durch Chiang Kai-shek. Mao Tse-tung: »Ergebnisse der Untersuchung der Bauernbewegung von Hunan« (August).
•1928 Einmarsch Chiang Kai-sheks in Peking. Nanking wird offizielle Hauptstadt der Nationalregierung. Gründung der »Roten Armee« in Hunan (Mai).
•1930 Gründung der »Liga der linksgerichteten Schriftsteller«. Beginn der Offensiven der Kuomintang-Truppen gegen die kommunistischen Stellungen in Hunan und Kiangsi (Dezember).
•1931 Zwischenfall von Mukden (18.9.), Abtrennung der Manchurei durch Japan. Beseitigung der Binnenzölle.
•1934 »Bewegung Neues Leben« zur Wiederbelebung der traditionellen konfuzianischen Tugenden gegründet. Beginn des »Langen Marsches« der Roten Armee (16.10.).
•1936 Yenan in Shensi wird Hauptquartier der Kommunistischen Partei (Dezember).
•1937 Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke bei Peking (7.7.), Auftakt des Krieges zwischen Japan und China. Manifest über die Zusammenarbeit der Kuomintang und der Kommunistischen Partei in der gemeinsamen Front gegen Japan.
•1942 Cheng-feng-Bewegung innerhalb der Kommunistischen Partei zur ideologischen Ausrichtung der Mitglieder (Februar).
•1943 China erhält volle internationale Gleichberechtigung. Die Alliierten verzichten auf sämtliche Vorrechte in China.
•1945 Kapitulation Japans (14.8.). Ausbruch des Kampfes zwischen Kuomintang und den Kommunisten um die Vorherrschaft in China.
•1946 Verhandlungen zwischen KMT und KPCh durch Vermittlung des Generals Marshall.
•1948 Errichtung der »Volksregierung Nordchina« (19.8.) in Hopei.
•1949 Siegeszug der Roten Armee: Tientsin (15.1.), Peking (31.1.), Nanking (23.4.), Shanghai (25*5»), Lan-chou (26.8.), Kanton (14.10.), Chungking (30.11.). Verlegung der Nationalregierung nach Taipeh auf Formosa. Errichtung der Zentralen Volksregierung Chinas mit Mao Tse-tung als Präsidenten und Peking als neuer Hauptstadt (1.10.).
•1950 Großbritannien erkennt die Regierung in Peking an (6.1.). Sowjetisch-chinesischer Freundschaftspakt (14.2.). Gesetz für die Bodenreform (30.6.). Chinesische Truppen beginnen Tibet zu besetzen (10.10.). Chinesische »Freiwilligen «-Verbände greifen in den Korea-Krieg ein (25.10.).
•1952 Russland übergibt China die manchurische Eisenbahn (31.12.).
•1953 Erster Fünfjahresplan zur Entwicklung der Volkswirtschaft (1.1.). Ende des Korea-Krieges, Waffenstillstandsabkommen von Panmunjon (27.6.).
•1954 Genfer Außenministerkonferenz über Indochina (26.5.-21.6.). Erklärung über die fünf Prinzipien der Koexistenz durch Nehru und Chou En-lai (28.6.). Neue Verfassung der Volksrepublik China angenommen (20.9.).
•1955 Asien-Konferenz in Delhi (April). Asiatisch afrikanische Konferenz in Bandung (18. bis 24.4.). Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Verstaatlichung der privaten Unternehmen (1956 abgeschlossen).
•1957 Mao Tse-tungs Rede über die »Widersprüche« und die »Hundert-Blumen-Politik« (27.2.).
•1958 Beginn des zweiten Fünfjahresplans (1.1.). Neuer Wirtschaftsplan (»Großer Sprung vorwärts«) (Mai). Beschluss über die Bildung von Volkskommunen (29.8.). Amerikanisch-chinesische Besprechungen in Warschau über die Formosa-Krise (September).
•1959 Beginn des Volksaufstandes in Tibet (März). Der Dalai Lama flieht nach Indien; Errichtung einer neuen Regierung in Tibet unter dem Pantschen Lama. Mao Tse-tung tritt vom Amt des Staatsoberhauptes zurück, um sich ganz der Partei zu widmen; Liu Shao-ch’i übernimmt sein Amt (27.4.). Die Ziele des zweiten Fünfjahresplans werden reduziert, und die Wirtschaftsstatistik wird korrigiert (August). Grenzstreit mit Indien (September).
•1960 Chruschtschow kritisiert während seiner Indonesienreise die Methoden der chinesischen Wirtschaftsexpansion (März). Indisch-chinesische Verhandlungen über den Grenzkonflikt (April). Sowjetrussische Wirtschaftsexperten werden aus China zurückgezogen; Chinesische Wissenschaftler meiden internationale Kongresse in Moskau (Sommer).