Die Entkolonisierung

Mit Entkolonisierung bezeichnet man den Prozess, der seit 1945 am meisten zur politischen Veränderung der Welt beigetragen hat. Ein neues Wort im politischen Vokabular ist Entkolonisierung, seit der Mitte der 50er Jahre zum weitverbreiteten Schlagwort geworden, als zahlreiche Kolonien auf der ganzen Welt ihre Unabhängigkeit erlangten. Die Phasen der Entkolonisierung
Unter »Entkolonisierung« versteht man also den Übergang der Macht von der bisherigen Kolonialmacht auf eine unabhängig werdende Nation. Dieser Vorgang findet nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Fällen friedlich und im gegenseitigen Einvernehmen statt – Großbritannien entließ z. B. Ceylon (jetzt Sri Lanka) 1947, die Goldküste (Ghana) 1957 und Jamaika 1962 in die Unabhängigkeit. Einige Male ist es im Zuge der Entkolonisierung zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen, die nicht immer im direkten Zusammenhang mit der Unabhängigkeit standen – hier zu nennen ist das Auftreten der Mau Mau in Kenia, der Enosis-Disput auf Zypern und die Konfrontation Großbritanniens mit Indonesien wegen der Gründung von Malaysia. In einigen Fällen wurde der Kolonialmacht die Unabhängigkeit gewaltsam abgerungen – den Niederlanden 1949 in Niederländisch-Indien (Indonesien), Frankreich 1954 in Vietnam und 1962 in Algerien. Als Belgien den Kongo in die Unabhängigkeit entließ, war das Land nicht darauf vorbereitet – ein blutiges Chaos folgte. Entkolonisierung kann aber auch doppelte Folgen haben – wie in Portugal im Jahr 1974, als innerer Zwist und koloniale Unruhen zu einer Revolution im Mutterland führten, diese wiederum beschleunigte den Prozess, der 1975 zur Selbstständigkeit der überseeischen Provinzen Portugals führte. Das Entstehen neuer Staaten veränderte die politische Weltkarte erheblich. Im Jahre 1914 gab es in Asien und Afrika nur acht souveräne Staaten, von diesen galt nur Japan als Macht im eigentlichen Sinne. Fast überall sonst wurde die Herrschaft auf diesen Kontinenten durch Westeuropäer, Russen oder Amerikaner ausgeübt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der allgemeine Rückzug Westeuropas aus den überseeischen Besitzungen, zuerst in Asien Ende der 40er Jahre, dann, zu Beginn der 50er Jahre, auch in Afrika, zwischen 1955 und 1965 erreichte dieser Prozess seinen Höhepunkt. Die Entkolonisierung erreichte schließlich auch den Pazifik und weit entlegene Gebiete der Erde. Wachsendes Tempo
Die meisten Kolonialreiche der westeuropäischen Mächte befanden sich bereits im Prozess der Auflösung, als im September 1960 auf der 50. Vollversammlung der Vereinten Nationen (UN) die von 43 afrikanischen und asiatischen Ländern entworfene »Charta des Antikolonialismus« ohne Gegenstimmen angenommen wurde. Das Britische Weltreich befand sich zu diesem Zeitpunkt schon in einem Zustand mehr oder weniger freiwilliger Liquidierung: Indien, Pakistan, Birma, Ceylon, Ghana, Malaya, Zypern und Nigeria waren selbstständig geworden. Das Empire bildete sich schrittweise in das Commonwealth um, wenn auch das Problem, welche Rolle der weiße Mann spielen würde, in Südafrika und in Rhodesien noch ungelöst blieb. In seiner Rede »Wind of Change« vor dem südafrikanischen Parlament hatte der britische Premierminister Harold Macmillan (1894-1986) im Februar 1960 vorausgesagt, dass das Tempo der Entkolonisierung zunehmen werde. Im selben Jahr schrumpfte Frankreichs Besitz in Afrika erheblich, sein Kolonialreich sollte bald ganz verschwinden. Belgien zog sich aus dem Kongo, zurück und hörte auf, Kolonialmacht zu sein. Anpassung an die neuen Verhältnisse
Der heute praktisch abgeschlossene Vorgang der Entkolonisierung hat sowohl bei den ehemals Herrschenden als auch bei den Beherrschten zu schwierigen Anpassungsproblemen geführt. Einige ehemalige Kolonialmächte – besonders England – finden den Übergang zum Status einer mittleren Macht mit geringerer Weltgeltung äußerst schwer. Erst nach dem Eintritt in die Europäische Gemeinschaft und den Gesprächen im Commonwealth über Weltwirtschaftsprobleme im Juni 1975 hat Großbritannien eine neue Rolle als Mittler und ehrlicher Makler zwischen reichen und armen, Industrie- und Entwicklungsländern gefunden. In den meisten anderen ehemaligen Kolonialstaaten ist es wegen der Entkolonisierung zu inneren Schwierigkeiten gekommen. Die neuen Staaten wiederum müssen politische Systeme entwickeln, die der neuen Situation entsprechen, es müssen nicht unbedingt die gleichen sein, die ihnen von der ehemaligen Kolonialmacht hinterlassen worden sind. Man kann es als eine Fortführung des Entkolonialisierungsprozesses ansehen, wenn beispielsweise eine parlamentarische Verfassung durch ein Einparteiensystem ersetzt wird. Die neuen Staaten lehnen häufig auch russisch-amerikanische Modelle der wirtschaftlichen Entwicklung durch forcierte Industrialisierung ab und folgen statt dessen dem chinesischen Modell, nach dem zunächst die Landwirtschaft entwickelt und eine gewisse Autarkie angestrebt wird. Auch in der Außenpolitik handeln die neuen Staaten meist unabhängig von den ehemaligen Kolonialmächten. Die Vereinigten Staaten, historisch die entschiedensten Verfechter des Antikolonialismus, werden heute oft des »Neokolonialismus« bezichtigt. Dieser kann sich in wirtschaftlichem Einfluss durch übernationale Gesellschaften, durch Waffenhilfe und politische »Destabilisierung« äußern. Auch gegen die Sowjetunion wird häufig derselbe Vorwurf erhoben.
Die meisten Feiern anlässlich der Unabhängigkeitserklärung neuer Staaten machen äußerlich den Eindruck, als habe sich nur der beteiligte Personenkreis geändert, während Stil und Gepräge die alten geblieben seien. Aber die Parlamente, ob auf ehemals britischem oder französischem Territorium, besitzen oft nicht genügend Flexibilität und machen häufig einer Militärherrschaft Platz. In den meisten dieser neugegründeten Staaten erweisen sich alte soziale Bindungen stärker als die westliche Form des Zusammenlebens. Fast alle Gesellschaften der Dritten Welt sind pluralistisch, sie leiden unter tief greifenden ökonomischen und rassischen Differenzen, die politischer Stabilität und stetigem Wirtschaftswachstum oft im Wege stehen.

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Info 22.11.2017 17:35
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