Blockfreiheit und Dritte Welt

In Europa, Asien und Nordafrika wurde der Begriff »neutral« auf diejenigen Länder angewandt, die Anfang der fünfziger Jahre außerhalb der großen Bündnissysteme standen und sich aus dem »Kalten Krieg« zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion heraushalten wollten. Staatsmänner wie Jawaharlal Nehru (1889-1964) von Indien, Gamal Abd el Nasser (1918-70) von Ägypten und Josip Broz Tito (1892-1980) von Jugoslawien hielten die beiden Bündnissysteme, Ostblock und westliche Allianz, für ebenso unnötig wie den Besitz von Atomwaffen, sie lehnten die Errichtung ausländischer Militärstützpunkte in ihren Ländern ab. Warum Blockfreiheit?
Auch die Vereinigten Staaten hatten im 19. Jahrhundert einen neutralistischen Kurs verfolgt. Aber die Verletzung der Neutralität mehrerer europäischer Länder in beiden Weltkriegen und der globale Machtkampf nach dem Zweiten Weltkrieg führten gerade in den Vereinigten Staaten zu der Auffassung, dass Neutralismus eine Wunschvorstellung sei, ein wirksamer Schutz gegen den »internationalen Kommunismus« könne gerade, so die gegenwärtig vorherrschende Meinung in den USA, nur innerhalb einer Allianz der »Freien Welt« gefunden werden. Für die militärisch schwachen Nationen in Afrika und Asien hatte der neutralistische Kurs drei überzeugende Vorteile. Er bot ihnen einen Schein der Unabhängigkeit gegenüber den Großmächten und ermöglichte ihnen, Entwicklungshilfe von West und Ost zu bekommen, er gab ihnen auch die Möglichkeit, eine moralische Führungsrolle in einer Zeit zu übernehmen, in der sich beide Machtblöcke in ihrer politischen Haltung immer mehr verhärteten. Die neutralen oder »blockfreien« Nationen, wie sie sich nannten, traten als wesentlicher Faktor in der Weltpolitik auf der Konferenz von Bandung im April 1955 zum ersten Mal hervor, Indonesien spielte eine führende Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus. Tschou En-lai (1898-1976), Ministerpräsident der Volksrepublik China, war die beherrschende Persönlichkeit auf dieser Konferenz. Seine gemäßigte Einstellung trug viel dazu bei, die Spannungen in Asien zu verringern. Weitere Konferenzen der »Blockfreien« fanden im September 1961 in Belgrad, im Oktober 1964 in Kairo, im September 1970 in Lusaka und im September 1973 in Algier statt. Die Konferenzen gewannen dadurch an Bedeutung, dass immer mehr Staaten an ihnen teilnahmen. Der Begriff Afro-asiatischer Block bürgerte sich nach Bandung ein. Die jetzt geläufige Bezeichnung Dritte Welt (Le tiers monde) wurde in Frankreich geprägt und bezeichnet ehemalige Kolonialgebiete, die keine Bündnisverpflichtungen mit den USA eingehen wollen (Der spätere amerikanische Außenminister Henry Kissinger sprach von diesen Gebieten als den »Grauzonen«). Durch seine Stimmenzahl wurde dieser »Block der Blockfreien« in der UN zu einer Kraft, an der keine Großmacht vorübergehen kann. Entwicklungen der sechziger Jahre
Seit Anfang der sechziger Jahre traten bedeutsame Veränderungen in der stark vereinfachten Dreiteilung der Welt in die Blöcke der kommunistischen, westlichen und blockfreien Staaten ein. Die Glaubwürdigkeit Indiens als neutraler Staat wurde 1962 erschüttert, als das Land in der Auseinandersetzung mit China um westliche Hilfe bat. Ägypten war nach dem Krieg mit Israel 1967 weitgehend von sowjetischer Militärhilfe abhängig, im selben Jahr suchte Indonesien nach einem kommunistischen Umsturzversuch engere Anlehnung an den Westen. Zur gleichen Zeit führten die chinesisch-sowjetischen Spannungen und das Nachlassen des Kalten Krieges zu größerer Differenzierung in den internationalen Gruppierungen. Wirtschaftspolitik der Dritten Welt
Mitte der siebziger Jahre verringerten sich die Spannungen zwischen den Großmächten, die Dritte Welt war neben der Ablehnung von Bündnisverpflichtungen besonders an dem Zustandekommen einer neuen, internationalen Wirtschaftsordnung interessiert. Blockfreiheit blieb zwar in erster Linie eine afroasiatische Bewegung, doch waren es die arabischen und südamerikanischen Staaten, die diesem Gedanken ein vermehrtes Gewicht verliehen. Die Araber ergriffen im November 1973 die Initiative, als die OPEC, die Organisation Erdöl exportierender Länder, den Ölpreis einseitig auf das Vierfache erhöhte und dadurch die Verteilung des Wohlstands in der Welt grundlegend änderte. Die Südamerikaner dehnten 1975 die Diskussion auch auf andere Rohstoffe aus, als Kuba vorschlug, dass sich alle Länder, die ihre Bodenschätze zum eigenen Vorteil ausbeuten wollten, auf die Seite der Blockfreien schlagen sollten. Die Außenministerkonferenz der blockfreien Staaten in Lima im August 1975 diskutierte vor allem über ein Statut für ausländische Investitionen, multinationale Gesellschaften und Technologien, die Formulierungen schlossen sich dabei eng an die Vereinbarungen des Andenpakts an, der 1968 zur wirtschaftlichen Integration Lateinamerikas geschlossen worden war. Die vorgesehenen Maßnahmen sollten sicherstellen, dass die Kontrolle über die Wirtschaftsentwicklung in nationalen Händen blieb. Ausländische Investitionen gelten nur solange als akzeptabel, als sie den nationalen Interessen dienen. Die Idee der Blockfreiheit entwickelt sich aus einer negativen Reaktion auf den Kalten Krieg zu einer positiven Politik, die die Wirtschaft der Blockfreien vor ausländischer Ausbeutung schützen soll.
Mit der Detonation des ersten chinesischen Atomsprengkörpers im Oktober 1964 trat zum ersten Mal ein Mitglied des afro-asiatischen Blocks in den »Atomklub« ein (auch Indien und Pakistan ist Atommacht). Atomversuche, die Verbreitung von Atomwaffen und die Gefahr atomarer Erpressung durch die Supermächte sind bei den blockfreien Staaten immer wieder Anlass zur Besorgnis sowie ein zentrales Thema Ihrer Innen- und Außenpolitik.

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Info 18.11.2017 12:55
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