Lateinamerika im 20. Jahrhundert

Die Geschichte Lateinamerikas im 20. Jahrhundert kennzeichnen zahlreiche Versuche, die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebensformen des 19. Jahrhunderts abzuschütteln. Die Entwicklung in den südamerikanischen Ländern ist in hohem Maße von äußeren Einflüssen bestimmt worden. Die Weltwirtschaftskrise führte zu einem Zusammenbruch der Weltmarktpreise für südamerikanische Exportgüter, zwei Weltkriege, die Lateinamerika von seinen Absatzmärkten und Kapitalquellen abschnitten, haben dazu beigetragen, Industrialisierung und Modernisierung zu beschleunigen. Großstädte wie Buenos Aires, Mexiko und Sao Paulo erlebten einen gewaltigen Aufschwung und starke Bevölkerungszunahme. Diktaturen und Militär
Industrialisierung und Modernisierung führten allein noch nicht zu grundlegenden Veränderungen im politischen Leben und im Sozialgefüge Lateinamerikas. Entscheidend war, dass ausländische Unternehmen Handel wie Industrie beherrschten. Das erstarkende Bürgertum Lateinamerikas spielte nicht die soziale Rolle wie in den USA oder in Westeuropa. Bürgerliche Regierungen führten nur selten entscheidende Reformen durch. Diese Situation begünstigte eine neue Art von Diktator – einer Persönlichkeit, die die Unterstützung der städtischen Arbeiterschaft anstrebte. Ein solcher Diktator war General Juan Domingo Peron (1895-1974) von Argentinien. Das Militär ist ein wesentliches Element im politischen Leben Südamerikas geblieben. Militärische Interventionen erhielten nach 1929 (durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Südamerika) erheblichen Auftrieb. Auch der »Kalte Krieg« wirkte in dieser Richtung. Angesichts oft schwacher und unfähiger Zivilregierungen betrachteten sich die Militärs als die wahren Garanten der nationalen Interessen. Der Nationalismus war in den südamerikanischen Streitkräften immer stark ausgeprägt, dieser Nationalismus hat sich trotz seiner konservativen und letzthin stark antikommunistischen Tendenz zuweilen, besonders in Kreisen jüngerer Offiziere, mit radikalen Elementen verbündet. Schon in den zwanziger Jahren hat ein Präsident der Militärs, Colonel Carlos Ibanez del Campo in Chile ein soziales Reformprogramm durchgeführt. Wesentlich weiter ging jedoch die peruanische Militärregierung, die 1968 an die Macht kam: Sie begann mit der Enteignung einer führenden US-Ölgesellschaft, auch später sah diese Regierung die USA als Hauptgegner des peruanischen Nationalismus an. Antipathie gegenüber den Vereinigten Staaten
Der südamerikanische Nationalismus richtet sich seit geraumer Zeit vornehmlich gegen die Vereinigten Staaten, deren Präsenz in Südamerika besonders ins Gewicht fällt. Die USA haben ihren Einfluss gewöhnlich zur Aufrechterhaltung des Status quo und gegen solche revolutionären Veränderungen geltend gemacht, die ihre Interessen hätten gefährden können. Zur Abwehr kommunistischer Umsturzpläne haben sie häufig südamerikanische Diktaturen unterstützt. Als Präsident John F. Kennedy (1917-63) im Jahr 1961 die Allianz für den Fortschritt verkündete – ein ehrgeiziges Programm zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Lateinamerikas, das auch bedeutsame demokratische Reformen einschloss -stieß er auf Apathie und Widerstand. Die Südamerikaner haben »Wirtschaftshilfe« seither mit steigender Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten gleichgesetzt. Trotz des amerikanischen Einflusses und des Beharrungsvermögens traditioneller Sozialstrukturen hat es im 20. Jahrhundert drei wirkliche Revolutionen in Lateinamerika gegeben: in Mexiko (1910), Bolivien (1952) und auf Kuba (1959). Die mexikanische Revolution führte zu einer neuen Regierungsform, einer Neuverteilung des Landbesitzes und einer Verbesserung im Lebensstandard der indianischen Urbevölkerung. Sie betonte den mexikanischen Nationalismus durch Verstaatlichung der in ausländischem Besitz befindlichen Ölindustrie (1938). Die bolivianische Revolution beseitigte die Privilegien der Großgrundbesitzer, verstaatlichte die Zinnminen (Boliviens Hauptdevisenbringer) und erleichterte die Lebensbedingungen der Indianer. Die kubanische Revolution war die radikalste. Sie führte unter Fidel Castro (geb. 1927) zur Schaffung eines marxistischen, mit der Sowjetunion verbündeten Staates. Das kubanische Beispiel hat in Südamerika bis jetzt nicht Schule gemacht, obwohl die Guerillatätigkeit in einigen Ländern, speziell in Argentinien, deutlich zugenommen hat. Der Sieg Salvador Allende Gossens (1908-73) bei den chilenischen Wahlen von 1970 war für die Situation bezeichnend (wenn er auch drei Jahre darauf gestürzt und getötet wurde). Zusammenarbeit innerhalb der Dritten Welt
Unterdessen haben die Länder Südamerikas ihre Interessen mit denen der Entwicklungsländer in Afrika und in Asien identifiziert, sie streben bessere Handelsbedingungen mit den reicheren Industrienationen an. Sie haben außerdem eine engere Zusammenarbeit untereinander eingeleitet, und sie wollen auch ihre Wirtschaftsbeziehungen zu Ländern außerhalb der westlichen Hemisphäre vertiefen, um ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern. Brasilien, das seit je den Vereinigten Staaten aufgeschlossener gegenübersteht als die meisten anderen lateinamerikanischen Länder, strebt seit Langem die Rolle einer Großmacht an. Angesichts des seit Mitte der sechziger Jahre zu verzeichnenden Wirtschaftswachstums (unter einer Militärregierung) betrachtet sich Brasilien schon lange nicht mehr als ein Entwicklungsland.
Die Ideologie der mexikanischen Revolution kommt in den großen Wandgemälden von Diego Rivera (1886-1957), Jose Clemente Orozco (1883-1949) und David Siqueiros (1896-1974) zum Ausdruck. Die Wandgemälde symbolisieren anschaulich den mexikanischen Nationalismus. Sie stellen die Unterdrückung der indianischen Bevölkerung durch die spanischen Eroberer und die leidenschaftliche Reaktion aufseiten der mexikanischen Arbeiter und Bauern dar. Die Indianer und ihre Führer werden in diesen Bildern idealisiert, die Unterdrücker karikiert. Auf diesem Bild ermahnt Marx die Arbeiter, während Kirche und Kapitalisten als Nutznießer aller Arbeit dargestellt werden.