Soziologie im 20. Jahrhundert

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verwandelte sich die Soziologie aus einem theoretischen System zu einem praktischen Werkzeug, das für Regierung und Industrie von Nutzen sein konnte. Sie verlor aber ihren Ursprung nie aus dem Auge. Entstanden war die Soziologie aus dem Wunsch, die Kräfte zu erforschen, die im Verlauf der Industrialisierung zwischen den Menschen wirtschaftliche und soziale Schranken errichten. Die modernen Soziologen suchen nach Mitteln und Wegen, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen und die soziale Integration zu fördern. Die »heile Welt«
Unsicherheit und Auflösungserscheinungen der dreißiger und vierziger Jahre weckten das Interesse der Soziologen an der »heilen Welt«, diese Gesellschaft war für einige Theoretiker gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Integration und Stabilität, durch gemeinsame Wertmaßstäbe und die Betonung der Gemeinschaft. Eine andere Schule, die Funktionalisten, zeichneten ein Bild der Gesellschaft als eines sich selbst regulierenden Organismus, in dem die verschiedenen Elemente notwendige Funktionen auszuüben haben. Den Funktionalismus formulierte ursprünglich Emile Durkheim (1858-1917), er wurde in Amerika von Talcott Parsons (1902-1979) und Robert King Merton (1910-2003) weiterentwickelt. Bronislaw Malinowski (1884-1942) und Alfred Radcliffe-Brown (1881-1955) begründeten den ethnologischen Funktionalismus mit Untersuchungen über primitive Kulturen in Neuguinea, Afrika und anderenorts. Der strukturelle Funktionalismus untersucht vor allem die bestehenden gesellschaftlichen Institutionen und ihre Neigung, ihre eigenen Funktionen mit den Interessen der tonangebenden Gruppen in der Gesellschaft zu identifizieren. Soziologie und »Social Engineering«
Der Funktionalismus lieferte die theoretische Basis für den Einsatz von Soziologen zur Lösung besonderer Probleme in Verwaltung und Industrie. Die Analysen der Funktionalisten führten zu verschiedenen Richtungen in der Sozialpolitik: Einige betonten zum Beispiel die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Umschichtung, andere traten für stärkere Integration ein. Auch in der Schulpolitik versucht der Staat, Integration und Gleichberechtigung zu fördern, indem er privilegierte und unterprivilegierte Kinder auf der Schulbank zusammenführt. Die Kriminalität ist ein weiteres Problem, zu dessen Lösung der Staat in steigendem Maße Soziologen heranzieht. Mit dem Programm »Mobilization for Youth« wollte man 1958 in den Vereinigten Staaten die Berufsaussichten für die wirtschaftlich schlechter Gestellten verbessern, weil man glaubte, damit auch einen der Gründe für die Kriminalität zu beseitigen. Im Wohnungsbauprogramm und in der Städteplanung haben die Regierungen vieler Industrienationen auch Soziologen beschäftigt, denn man ging davon aus, dass das Leben in den Slums der Ausgangspunkt zahlreicher sozialer Probleme wäre. Bahnbrechende Versuche, die 1927 in der Western Electric Company über Produktivität und Arbeitsbedingungen angestellt wurden, haben ergeben, dass »menschliche Faktoren« bei der Steigerung der Produktion eine wesentliche Rolle spielen. Diese Untersuchungsergebnisse führten dazu, dass Soziologen von den Unternehmensleitungen in wachsender Zahl zur Absatzforschung und zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber herangezogen werden. Das Erbe von Karl Marx
Gegenpart des Funktionalismus ist der Marxismus. Während es den Funktionalisten auf Integration und Zusammenarbeit ankam, sahen die Anhänger von Marx in erster Linie den Klassenkampf, der in der Gesellschaft zwischen Arm und Reich ausgetragen werde. Von Marx beeinflusst, wies Charles Wright Mills (1916-62) in seinem Buch »The Power Elite« auf eine dreifache Machtkonzentration hin – die Großunternehmen, das Militär und die Politiker -, die angeblich weitgehend identische Interessen verfolgten. Mills schrieb, die Machtbasis dieser Allianz lasse sich nicht einfach mit marxistischen Begriffen erklären, sondern bedürfe einer gründlichen Analyse des Sozialgefüges. Marxistische Theorien haben die Black-Power-Bewegung beeinflusst, deren Führer von der Bürgerrechtsbewegung enttäuscht waren und die Frage aufwarfen, ob Integration überhaupt wünschenswert sei. Nach den amerikanischen Rassenunruhen im Jahr 1968 setzten sich schwarze und weiße Politiker und Soziologen für einen Ausbau der Sozialgesetzgebung ein, aber ihre Vorschläge wurden von der Black-Power-Bewegung als bloßes Beruhigungsmanöver abgelehnt. Vietnamkrieg und Studentenproteste verhalfen einer anderen Richtung der Soziologie zu öffentlicher Bedeutung: der »Frankfurter Schule« (benannt nach dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main). Diese betont den beherrschenden Einfluss der Massenmedien. Die Medien seien ein neuartiges Opium für die Massen, das nach marxistischer Auffassung die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch den Kapitalismus verschleiern solle. Dieses Thema wurde von Herbert Marcuse bei den Studentendemonstrationen in den Vordergrund gestellt. Nach Marcuse sind die Studenten zusammen mit den am Rande der Gesellschaft lebenden Elementen die Revolutionäre unserer Zeit, weil sie außerhalb der hypnotischen Kultur der Konsumgesellschaft stehen.
Die individuelle Anpassung innerhalb einer gegebenen Sozialstruktur zeigt dieses Schaubild von Merton auf. Mit Hilfe dieses Modells kann man das Verhalten des Kriminellen, dem vielleicht sogar ein sozial akzeptables Ziel vorschwebt, der aber moralisch unerlaubte Mittel einsetzt, um dieses Ziel zu erreichen, und des Rebellen analysieren, der die Wertvorstellungen der Gesellschaft andern will.

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Info 21.02.2018 18:16
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