Neunzehnhundertfünfundvierzig – 1945

Wir blicken zurück auf zwielichtige Jahre, die in weiter Ferne zu liegen scheinen. Die Zeit arbeitet schnell. Auf dem Weg, der zuerst 1946 unsicher tastend beschritten wurde, nachdem zuvor eine andere Richtung ohne Rat, Lust und Glauben versucht worden war, sind wir mittlerweile so weit vorgerückt, dass ein Zurück zu dem Stande von damals uns anmutet wie ein Zurück ins 19. Jahrhundert; so weit, dass die Möglichkeit einer Wahl, einer offenen Entscheidung; welche damals gegeben schien, auch der Phantasie nicht mehr vollziehbar ist. Wir haben uns an die Welt gewöhnt, die in dem gärenden Chaos von 1945 bis 1946 geboren wurde. Eine Geburt war es, mehr als eine bewusste Schöpfung menschlichen Willens. Das, was geplant war, wurde nicht ausgeführt. Das, was kam, hat niemand geplant. Während der letzten Kriegsjahre war Krieg und nichts als Krieg die Politik der aktiv beteiligten Mächte gewesen; aktiv beteiligt war, was damals auf Erden als Macht noch zählte oder schon zählte. Vereinfachungen von lange nicht erreichter Bösartigkeit ersetzten in der Theorie wie in der Praxis der Kriegführung die feineren Traditionen ehemaliger Diplomatie. Versuche, aus diesem Zirkel noch auszubrechen, wurden mit Gleichgültigkeit beiseite gestoßen. Krieg sollte sein, bis einer, bis zwei zusammenbrächen. Wer das sein würde, darüber gab es angesichts der Zahlen und Kräfteverhältnisse im Grunde keinen Zweifel seit 1942. Und danach? Nach den »totalen«, »globalen« Kriegen und Siegen? Man verlangte wohl zuviel von den mit ungeheuren technischen Aufgaben belasteten, übernommenen, zuletzt wie trunkenen Geistern der alliierten Staatsmänner, wenn man erwartete, sie würden dem Abenteuer des Wahnsinns ein konstruktives Ziel setzen und solches, den Gang der Dinge beherrschend, erreichen. Ein Bündel vager Grundsätze, menschenfreundlich genug, aber den Besiegten ihren Segen ausdrücklich verweigernd, war alles, was sie gaben. Der Masse der Einzelnen wurde »Freiheit von Furcht«, »Freiheit von Mangel« versprochen. Die Verwirklichung des letzteren Versprechens, die heute einem Teil, aber auch nur einem geringen Teil der Menschheit in der Tat zugute zu kommen im Begriff ist, hat mit Franklin Roosevelts froher Botschaft nur sehr indirekt und wie zufällig zu tun, steht übrigens in gar zu offenbarem Kontrast zu der Weise, in der das andere, das von einer Welt ohne Furcht, nicht verwirklicht wurde. Für die Nationen galt noch einmal, was 1918, was im Grunde seit 1776, 1792, 1848 ungefähr gegolten hatte: die Freiheit, über ihre Staatszugehörigkeit und Staatsform selber zu bestimmen. Und, wie 1918, sollte ein Staatenverein, ein Bund der Völker das neue vielräumige Gebäude krönen. Noch einmal war dieser Friedensplan überwiegend amerikanisch; wie denn schon der neue Name, United Nations, eine Anspielung auf die Vereinigten Staaten enthielt. Der Glaube Winston Churchills an eine internationale Staatendemokratie wurde durch Zweifel realistischer Art stark gedämpft; Churchills England hätte einer Anzahl regionaler, durch einen universalen Bund allenfalls erhöhter Vereinigungen den Vorzug gegeben. Die Russen billigten nur zum Schein die Hoffnung des wohlmeinenden Verbündeten, mit der ihre nie preisgegebene Philosophie, ihr nie veränderter Charakter und tiefster Wille nichts Ernsthaftes anzufangen wussten. Übrigens war auch das amerikanische Programm von dem Woodrow Wilsonschen in einigen Beziehungen unterschieden. Zu den »Vereinten Nationen« sollten nur »Friedliebende« gehören dürfen; friedliebend, einer sonderbaren Definition zur Folge, waren die und nur die, die vor dem 1. März 1945 sich im Kriege gegen das Deutsche Reich befanden. Eine verewigte, in den Frieden mit übernommener Kriegsallianz waren die Vereinten Nationen dem ursprünglichen Gedanken nach, die Allianz der Gerechten, die fortdauern sollte auch nach der Ungerechten Sturz. Dem entsprach es, dass die Besiegten, Schuldigen, auf Gerechtigkeit und Rechte, welche die Charta der Vereinten Nationen verkündete, diesmal keinen Anspruch erheben durften. Sie konnten, vielleicht, an die Menschlichkeit und Ehre der Sieger appellieren, aber an keinerlei ihnen verbürgtes Recht. Eine solche manichäische Zweiteilung der Welt in Unschuldig und Schuldig, Friedliebend und Angreifer, welche sie jetzt verkündeten, widersprach dem demokratischen Idealismus der Amerikaner, oder entsprach ihr auf neuartig-nuancierte Weise: als eine Mischung ihres alten Glaubens-Weines mit dem bitteren Wasser der Erfahrung. Auch redete Präsident Roosevelt gern von den »vier Polizisten«, nämlich Amerika, England, Russland und China, welche die wirkliche Macht auf Erden zunächst einmal ausüben und die Kleinen, die Ohnmächtigen in Ordnung halten würden; im äußeren Rahmen, aber kaum in der inneren Logik des neuen Bundes der Völker. Der russische Diktator stand diesem Begriff der Sache entschieden näher als dem einer Gleichheit aller Staaten vor dem einer bloßen Mehrheit zu dankenden internationalen Gesetz. Allerdings glaubte er von den »vier Polizisten« nur an zwei, Russland und die Vereinigten Staaten. Die Zukunft der englischen Weltmachtstellung schien ihm fragwürdig. Noch weniger hielt er von der chinesischen. Die große Ungefährheit dieses Programms hatte mit den Enttäuschungen zu tun, welche die gleiche Generation - Roosevelt sowohl wie Churchill waren schon damals mit dabeigewesen - mit den Präzisierungen der »Vierzehn Punkte« und des Versailler Vertrages erlebt hatte. Man stellte sich die Friedensordnung als eine vor, die nicht mit einem Schlage sein, sondern sich allmählich, unter immer erneutem praktischem Zutun, entwickeln würde. Besonders Roosevelt betonte die Notwendigkeit weitreichender »Aktionsfreiheit« über das Ende des eigentlichen Krieges hinaus. Und unbestreitbar gaben die Erfahrungen, die man seit 1919 mit einem starr-lastenden Vertragsgerüst gemacht hatte, diese Lehre ein. Blieb nur die Frage, welche von Männern wie dem amerikanischen Kriegsminister Stimson schon während der letzten Monate des deutschen Krieges warnend gestellt wurde: ob man nicht auch in einer anderen Richtung irren könnte und ob das Alles-Offenlassen, bis die Macht vollzogener Tatsachen keine Wahl mehr ließe, nicht ebenso schwere Gefahren in sich berge wie das zu frühe, zu genaue Entscheiden. Elemente des Alten
Aller »Aktionsfreiheit« ungeachtet mussten die Sieger eine Masse von Wiederherstellungen versprechen. Materielle Wiederherstellung zunächst und vor allem, »Wiederaufbau«, um den deutschen Ausdruck zu gebrauchen. Wiederherstellung des Rechts, dort, wo es gebogen oder mit Füßen getreten worden war. Wiederherstellung der zerrütteten Moral. Wiederherstellung auch im Territorial-Politischen. Im Auskosten ihres imperialen Abenteuers hatten Deutschland wie Japan zahlreiche Souveränitäten in sich eingeschlungen, auf die eine und andere Art aufgehoben. Dass sie restauriert würden, verstand sich dem angelsächsischen Denken von selbst, nicht nur für die alten Staaten West- und Nordeuropas, auch für die neuen, unruhig-unsoliden, welche in Mittel- und Osteuropa zuerst 1919 das Licht der Welt erblickt hatten: für Deutschlands heroische, tragische Opfer, Polen und Serbien, wie für den weniger heroischen, weniger tragischen Kunststaat der Tschechen und Slowaken und für jene Balkanstaaten, die zwischen Opfern und Komplicen Hitlers eine unsichere Mitte hielten. Derselbe Eduard Benes, der 1917 in Paris seine Fäden gesponnen hatte, um die Verwirklichung seines Traumes, eines unabhängigen tschechischen Staatswesens, vorzubereiten, durfte es 1939 bis 1945 in England und Amerika zum zweiten mal. Der beschränkte Nationalismus dieses Mannes ließ ihn, als er nun in Prag wieder etabliert war, die selbstzufriedene Frage stellen, ob man solches Glück sieben Jahre früher, zur Zeit des Münchener Vertrages, auch nur für möglich gehalten hätte: die Wiederherstellung der Republik nicht nur, sondern die erbarmungslose Austreibung der deutschen Böhmen aus ihrer Heimat, Millionen von ihnen, so dass nun die Tschechen, endlich, endlich, unter sich bleiben durften, ungestört durch die Zugehörigen einer fremden Kultur. Als ob ein solches Ziel den ganzen zweiten Weltkrieg und seine fünfzig Millionen Toten wohl gelohnt hätte... Benes war nicht der einzige, der glaubte, mit einigen Verbesserungen noch einmal das Spiel von 1919 spielen zu können. Damals, 1919, hatte ein kluger amerikanischer Beobachter (Lincoln Steffens) geschrieben: »Bewusst oder unbewusst arbeiten, strampeln, putschen sich alle zu dem Punkt zurück, auf dem sie vor dem Krieg standen... Aber die Welt kann nicht rückwärts gehen; sie kann es nicht. Fallen oder absinken, wie Griechenland und Rom, kann sie; rückwärts gehen nie.« So auch 1945. Während der kurzen, unheimlichen Atempause, die dem Deutlichwerden einer neuen Konstellation vorherging, dachten die meisten Lenker und Vertreter der öffentlichen Meinung in den alten Kategorien. Auch ein so klarer und vornehmer Geist wie Charles de Gaulle tat es. Bündnis mit Russland, um der deutschen Gefahr endgültig zu begegnen, zum gleichen Zweck Rückführung der deutschen Dinge zum Stande von 1865, Aufhebung von Bismarcks Werk, Trennung der Rheinlande vom Corpus Germanicum, so dass der Rhein nun doch, wenn nicht Frankreichs Staatsgrenze, doch Frankreichs Machtgrenze und schützendes Bollwerk wäre, Ringen mit England um den alten Einfluss im Nahen Osten, im Libanon, in Syrien, Ägypten, Rückgewinnung der französischen Größe in Europa und Übersee - so die Konzeptionen des Hauptes der provisorischen französischen Regierung; die europäischen Ziele, die de Gaulle mit dareingab, waren vage und nicht frei von französischer Egozentrik. Seinerseits hatte Winston Churchill während des Krieges betont, er sei nicht des Königs Erster Minister geworden, um der Auflösung des Britischen Weltreichs vorzustehen. Um alte Ordnungen zu halten, das Gleichgewicht, das Recht der Kleinen, um Europa vor dem Zugriff einer Hegemonialmacht zu retten, wie eh und je, und so sich Stellung und Tätigkeiten in der weiten Welt zu bewahren, war England 1939 noch einmal ausgezogen; und hatte noch einmal die alten Mittel gebraucht, die Allianzen, die Blockade. Dass die alten Mittel nicht mehr taugten und damit auch das alte Ziel nicht mehr, ahnte in seinen hellsten Augenblicken sein großer Staatsmann; wie anders wäre sein phantastischer Vorschlag aus dem Jahre 1940, die völlige Verschmelzung Englands und Frankreichs, zu erklären. So war es auch Churchill, der als erster von den Großen der Welt die neue Lage erkannte, neue, eigentlich revolutionäre Ratschläge bot. Er konnte es um so eher, als er seit Juli 1945 ohne Amt und so den Widerspruch zwischen seinen Anregungen und der traditionellen Politik seines Landes praktisch aufzulösen nicht verpflichtet war. Das »Europa«, dessen Konstituierung er, September 1946, in Zürich empfahl und dessen tragender Pfeiler eine neue französisch-deutsche Freundschaft sein sollte, wie würde die alte, sich noch immer als ungebrochene Weltmacht fühlende britische Identität sich darein fügen? ... Dass sie ungebrochen sei, ja, dass von ihren herrschgierigen Bestrebungen und Intrigen klassischen Stils am Ende mehr zu besorgen sei als vom Imperialismus der Russen, war in den letzten Kriegsmonaten und noch danach die bei verantwortlichen Amerikanern überwiegende Ansicht gewesen. Auch ihr Denken war von altgewohnten, restaurativen Elementen nicht frei. Es galt, England und Frankreich zu kontrollieren und an einer Wiederholung der Racheausschweifungen von 1919 zu hindern; zu vermitteln zwischen England und Russland, anstatt sich von jenem in eine schädliche Frontstellung gegen dieses manövrieren zu lassen; es galt, in Europa eine Ordnung herzustellen, aus der man sich möglichst bald, nicht ganz wie 1920, aber doch beinahe ganz würde zurückziehen können; diese Ordnung sollte gemeinsam mit den Russen verwaltet werden und sollte das Machtvakuum in der Mitte, die völlige, immerwährende Eliminierung des deutschen Kriegspotentials zu ihrem entscheidenden Merkmal haben. Umsonst beschwor im Frühsommer 1945 Winston Churchill den neuen Präsidenten, Harry S. Truman, den Rückzug amerikanischer Truppen aus den Gebieten, deren Besetzung abmachungsgemäß den Russen zukam, aus Sachsen und Thüringen, bis zu dem Moment zu verzögern, in dem Russland seinerseits sein Gebaren in Polen und Ostdeutschland alten Abmachungen gemäß geklärt hätte. Selbst eine so elementare, dem Buchstaben nach aber inkorrekte Vorsichtsmaßnahme entsprach der amerikanischen Beurteilung der Dinge damals noch nicht. Sollen wir sagen, die Russen, sie allein, hätten gewusst, was die neuen Machtkonstellationen und Konflikte sein würden, und hätten solche zynisch geplant, lange bevor sie äußere Form annahmen? Waren sie von Anfang an entschlossen, ihre Bundesgenossen übers Ohr zu hauen? Was im Geiste Stalins und seiner Helfershelfer vor sich ging, lässt sich aus intimen Zeugnissen des Augenblicks, aus Erinnerungen, mit ehrlichem Wahrheitswillen niedergeschrieben, nicht feststellen. Das aber, was wir von der menschlichen Natur überhaupt wissen, macht ein solches Vorausplanen unwahrscheinlich. Äußerungen und Taten der Sowjetführer bestätigen es nicht. Noch als er sicher sein konnte, dass seine Truppen nun den Rest auch allein besorgen konnten, rief Stalin nach einem Überqueren des Rheins durch seine westlichen Bundesgenossen, nach ihrem Vorstoß gegen Osten, so weit sie ihn führen könnten; wollte er mit ihnen brechen und Deutschland allein beherrschen, so hätte er sich die Forderung gespart. Wir wissen, dass er nicht viel von den deutschen Kommunisten, den deutschen »Arbeitern« hielt, auf die er sich stützen musste, wenn er Deutschland dem Sowjetimperium angliedern wollte. So wie wir wissen, dass er das Unternehmen der chinesischen Kommunisten mit wenig Hoffnung und wenig Sympathie beurteilte. Welchen Sinn gaben die Einräumungen, die er sich von den Vereinigten Staaten, dann von Chiang Kai-shek machen ließ und kraft deren die Sowjetunion alle die Rechte und Stellungen in China zurückerhielt, welche das zaristische Russland 1905 verloren hatte, wenn er in China schon die kommunistische Schwesterrepublik sah? Auch Josef Stalin hat im Frühling 1945 die Lage von 1950 oder 1960 nicht vorhergedacht. Sein Gedächtnis aber, sein Stolz reichten sehr wohl zurück in die Zeit des Zaren, und manches, was auch er jetzt tat, das gnadenlose Bestehen auf den zurückgewonnenen Positionen im Baltikum nicht ausgeschlossen, knüpfte an Altes, scheinbar längst Vergangenes an. Aber das Denken des grauen Diktators, der in den dreißiger Jahren in Russland selber sich in einer Verbindung von zaristischer Restauration mit radikalsten Neuerungen geübt hatte, der oft mehrerlei Möglichkeiten auf einmal verfolgte, gern sich Zwickmühlen offenhielt , war die eine Seite; die andere die ihm selber unbewusste Logik der Machtsituation, der auszunutzenden Chancen, der entfesselten Energien am Werk, die Logik des eigenen Wollens. Weitergehen der Revolution
Der Sturz zweier der bislang mächtigsten Staaten der Erde ließ ein Vakuum zurück, welches, da die Politik ein Leeres so wenig duldet wie die Natur, die furchtbarsten Machtverschiebungen zur Folge haben musste. Sie waren die zweiten ihrer Art in einem Jahrzehnt. Japans und Deutschlands Eroberungszug hatte die Schwächen der europäischen Stellungen in Südostasien, die Schwäche der europäischen Nationalstaaten enthüllt. Weder die neuen, mittel- und osteuropäischen, noch die alten, Frankreich, die Niederlande, Skandinavien, hatten 1940 ihre Autonomie erfolgreich verteidigen können. Dass nun ihre Eroberer selber am Boden lagen, gab ihnen ihre als mangelhaft ausgewiesene Existenzkraft nicht zurück. Der deutsche Nationalismus hatte in seinen Ausschweifungen nicht nur sich selber entlarvt, nicht nur sich selber ad absurdum geführt und ruiniert. Das plötzliche Wegfallen der deutschen Zentralmacht erwies sich für die kleinen europäischen Nationalismen nicht als die Kraftvermehrung, als welche es kurzsichtigen Ausnutzen zunächst erscheinen konnte, weder im moralischen noch im machtmechanischen Sinn. Noch vor Kriegsende erklang die ominöse Forderung Stalins: die neuen Regierungen Osteuropas sollten zwar unabhängig sein wie ehedem, aber auch durchaus nur »demokratisch« und der Sowjetunion freundlich gesinnt. Bald lag die schwere russische Hand über den Staaten der West- und Südslawen, die nun wohl »unter sich« waren, aber nicht freier, als sie es in Zeiten guter deutscher Nachbarschaft gewesen waren. Die jämmerlichen Umstände, unter denen Eduard Benes, nur zwei Jahre nach seinem Triumphe, starb, konnten ihm zeigen, dass es kein echter Triumph gewesen war. Die Frage, ob er echt zu sein verdient hätte, bleibe für den Augenblick unberührt. In anderen Erdgegenden hatte das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung an sich nichts mit Wiederherstellung zu tun. Hier war es so bewegend und sprengend wie in Europa hundert Jahre zuvor. Die mussten es wissen, die es, wie die Amerikaner, für Asien und selbst schon für Afrika auf ihre Fahnen geschrieben. Hätten sie es übrigens nicht getan, hätte Franklin Roosevelt nicht noch kurz vor seinem Tode den Selbständigkeitswillen asiatischer Republikaner und afrikanischer Potentaten angespornt, so wäre die Revolution Asiens und Afrikas doch höchstens nur ein wenig langsamer vor sich gegangen, aber nie ganz zu verhindern gewesen. Man hatte laut und weithin hallend für die Freiheit gekämpft; konnte man sie jetzt den Völkern - farbig oder weiß - verweigern, die danach verlangten? Dann vielleicht konnte man es, wenn man die Unfreiheit im Heiligtum einer machtvollen, von Millionen abergläubisch verehrten weltlichen Kirche verbarg, wenn man die Tyrannei mit konstruktiven Zielen verband; eine Methode, die den Russen und ihren Anhängern überall, nicht aber den Angelsachsen zur Verfügung stand. Amerika, nicht Europa, war Sieger in diesem Krieg, und Amerika war immer gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft gewesen, gleichgültig, wie weit es in der Praxis von dieser seiner Grundtheorie gelegentlich abgewichen war. Was die Theorie verkündete, bestätigte die Machtsituation. Europa war doppelt besiegt, erst durch Deutschland, dann in Deutschland, seiner Kernmacht. Wer seine eigene Souveränität nur aus den Händen des Siegers zurückerhielt, der war zum Kolonialherrn in Asien, und demnächst in Afrika, schlecht ausgewiesen. Der Imperialismus Japans hatte immer ein Doppelgesicht gehabt. Er war Imperialismus allerdings, und der nacktesten Art. Er war aber auch antiimperialistisch, weil er gegen Europa wirkte und Europa der imperialistische Kontinent par excellence war. Seit Beginn des Jahrhunderts hatten Asiaten den Aufstieg Japans zur Weltmacht als Triumph Asiens empfunden. Unvermeidlich wurde er auf asiatischem Boden gewonnen, in Korea, in der Manchurei, im eigentlichen China, schließlich im französischen Indochina, auf den amerikanischen Philippinen, im britischen Malaya, im holländischen Indonesien. Eroberungen alles das, zugleich aber, insofern die Herrschaft der Weißen betroffen war, eine Art von Befreiung. Von der letzteren blieb etwas, nachdem nun die ersteren mit einem Schlag aufgehoben waren. Es war dies den abziehenden Japanern voll bewusst; verloren sie ihre Beute, sollte doch Europa nicht den Vorteil davon haben. So war ihre späte Gründung einer indochinesischen Republik gemeint, so die einer indonesischen, unter Achmed Sukarno: eine »Zeitbombe«, die bald genug die zurückkehrenden Kolonialherren vertreiben würde. Unvermeidlich auch waren diese neuen, zurückbleibenden oder auftauchenden Machthaber stark nach »links« ausgerichtet, ob sie nun von den Japanern, gleichsam durch Nottaufe, anerkannt worden waren oder, wie die Führer der Viet-Minh-Bewegung in Indochina, ihren Platz ungebeten eingenommen hatten. Die Verwandtschaft von Nationalismus und Sozialismus, aus dem Grunde natürlich und nur durch ein Dekret von Karl Marx verleugnet und unterdrückt, sollte bald fast überall in den Gebieten europäischer Herrschaft in Asien und Afrika überzeugend zutage treten. Und dies war ein anderes Merkmal des Augenblicks, das der restaurativen Tendenz und Sehnsucht gewaltig widersprach: der ungeheure Kraftzuwachs der kommunistischen Bewegung. Oberflächlichem Urteil konnte hier Adolf Hitler im Tod noch recht zu behalten scheinen; vor dem Bolschewismus hatte er überlaut gewarnt, gegen ihn hatte er angeblich gekämpft; und der Bolschewismus war nun überall der dreisteste, am ruchlosesten zupackende Nutznießer der deutsch-japanischen Niederlage. Oberflächlichem Urteil: Hitler selber hatte ja die Alternativen gestellt, die ohne ihn sich so nie geboten hätten; er hatte den Lauf der Dinge überstürzt und das Weltchaos verursacht, in dem nun überall neue kommunistische Machtkonzentrationen sich bilden konnten. Aber gleichgültig, wer schuld daran hatte; das Resultat war so. Groß war überall auf Erden, war momentan selbst in Amerika die Bewunderung für den russischen Staat und seine Rote Armee. Dass es sich hier um national-russische, militärische und technische Leistungen handelte, die zudem vom »kapitalistischen« Westen zuletzt doch entscheidend unterstützt worden waren, nicht aber um den Wahrheitsbeweis einer Doktrin, war wieder eines jener Argumente, die der denkfaule öffentliche Geist ein wenig zu beschwerlich fand. Moskau selber tat nun alles, um den wahren Charakter der russischen Kriegsanstrengungen zu verwischen. Nicht mehr war es ein vaterländischer Verteidigungskrieg gewesen gegen eine andere Nation, nicht einmal mehr die große Auseinandersetzung zwischen Slawen und Germanen; jetzt sollte es ein Krieg nach der Lehre Lenins, ein Krieg gegen den kapitalistischen Weltgegner gewesen sein. Die Kommunistische Partei Russlands, die während des Krieges dem parteilosen Volk den Vortritt gelassen hatte, rückte schleunigst wieder in die Frontstellung, und mit ihr all die verstaubten, abergläubischen Thesen, die sich einmal mehr bewährt haben sollten. Von Frankreich bis nach China, in dem vorübergehend von Deutschen und Japanern besetzten Doppelraum, hatten die kommunistischen Parteien die aktivsten Kerne des Widerstandes gebildet. Zuletzt selbst in Italien, gegenüber dem Faschismus, dem einheimischen wie dem deutschen. Sie taten es zu ihren eigensten Zwecken, die jedoch mit den allgemein-nationalen augenblicklich zusammenzufallen scheinen konnten und in gewissen Gegenden, vor allem in Asien, wirklich zusammenfielen. Dass dieser ihrer nationalkämpferischen Epoche eine andere schmachvoller Neutralität oder ein Zusammenspiel mit Hitler vorangegangen war und erst mit dem 21. Juni 1941 geendet hatte, wurde im Licht ihrer späteren Opfer vergessen. Sie besaßen den inneren Zusammenhalt, den Fanatismus, die Gehorsamsgewohnheit und Verschwörertechnik, welche anderen Widerstandsgruppen fehlten. Sie besaßen den ruchlosen Willen zum Nutzen jeder Chance. Im Moment, in dem die fremden Imperien zusammenbrachen, waren sie da, ruhmreich und ihren Ruhm durch Propagandalügen erhöhend, begierig, in jedes Machtvakuum zu strömen und politische Beute, auch materieller Art, sich anzueignen; welch letzteres ihnen etwa in Italien mit verblüffendem Erfolg gelang. Dass sie allein herrschen sollten, wünschte ihnen außerhalb Russlands niemand. Wenige aber auch wagten laut zu bestreiten, dass sie ihren Anteil an den neuen Regierungen im befreiten Europa verdienten. Ihn erhielten sie zunächst überall, und das allein musste die ganze politische Atmosphäre im revolutionären Sinn beeinflussen. Dass sie sich, wie sehr sie jetzt auch Demokratie heuchelten, mit einem bloßen Teil der Macht nie begnügen, sondern sich, mit russischer Hilfe, das Ganze erschleichen würden oder ganz abgestoßen werden müssten, lag in der Zukunft. Dort, wo die Dimensionen am gewaltigsten waren, in China, war es auch der kommunistische Tätigkeitsbereich. Hier waren die Kommunisten längst ein Staat im Staat oder Nicht-Staat; hier hatten sie längst ein Herrschaftssystem entwickelt, das an Schlagkraft und konstruktiver Leistung die nach außen hin legale Regierung der Kuo-min-tang bei weitem übertraf; hier hatten sie, im Zeichen des Kampfes gegen Japan, die von ihnen kontrollierten und innerlich umgestalteten Territorien riesig erweitern können. Was lag dem amerikanischen Denken näher als die Erwartung, auch in China würden sich nun, wie in Frankreich oder Italien, die um die Freiheit ihres Landes so verdienten Kommunisten mit anderen Parteien in die Macht teilen? Das wünschten sie, das erwarteten sie. Gleichzeitig halfen sie freilich der Regierung Chiang Kai-sheks mit allen ihnen verfügbaren Mitteln, sich den Löwenanteil des Landes zu sichern; wodurch sie sich den Ruf unparteilicher Vermittler und das Vertrauen der Kommunisten, wenn sie es je hatten gewinnen können, schnell verscherzten. Demgegenüber war die Hilfe, welche Russland seinem chinesischen Schützling angedeihen ließ, entschieden geringer und blieb es in den folgenden Jahren. Stalin, oft ununterrichtet und fehlbar selbst in seinen eigensten Angelegenheiten, glaubte an einen nahen Endsieg der chinesischen Kommunisten nicht. Wie wir denn, noch einmal gesagt, die Planmäßigkeit, mit der sich die kommunistische Lawine vorwärts wälzte, und ihre Beherrschung durch Moskau nicht überschätzen dürfen, jedenfalls sie nicht genau einschätzen können. Im Moment war der Kreml bereit, mit vielerlei sogenannten friedliebenden, demokratischen, antifaschistischen Gruppen zusammenzuarbeiten; mit Königen, wie in Bukarest, mit Liberalen, wie in Prag, mit antikommunistischen Diktatoren, wie in Chunking. Dass solche Bündnisse mit der Flucht oder dem Massaker der betrogenen Bundesgenossen enden würden, lag in der von Lenin ererbten heimtückischen Revolutionskunst; die Frage, inwieweit es den russischen Anführern im Augenblick bewusst war, hätte höchstens psychologisches Interesse. Der »Kalte Krieg« hat dann die Lösung im leninschen Sinn beschleunigt. Es sollte die Zeit kommen, da nicht einmal waschechte Kommunisten, im Lande selbst gewachsen und geblieben, wenn sie auch nur einen Funken Nationalstolz besaßen, dem Kreml erträglich waren und ausgemordet wurden, wo immer sein Befehl galt. Wenn Moskaus kommunistische Strategie im ersten Augenblick schwankte, so schwankte Washingtons antikommunistische Strategie noch viel mehr. Genauer, es gab sie zunächst überhaupt nicht. Als wesentlich reaktionär, als inspiriert von traditionellen Mächten, wie Heer, Junkertum und Schwerindustrie, war hier, nicht ohne Beihilfe semi-kommunistischer Ratgeber, der deutsche Nationalsozialismus missverstanden worden. Daher die schnöde Nichtachtung des deutschen »Widerstandes« im letzten Kriegsjahr; daher das dem russischen Willen immerhin entgegenkommende Gesamturteil, dem zufolge vor allem jene alten Mächte zu bestrafen und für immer unschädlich zu machen seien. Das war nicht das Gefühl der höheren Offiziere am Ort, die das wahre Gesicht der Roten Armee hatten erblicken müssen und deren Instinkte ohnehin zur Erhaltung neigten. Aber es war die vorherrschende Tendenz der Regierung Roosevelts, deren erster außenpolitischer Schritt die Anerkennung der Sowjetunion, deren Geist, in den Grenzen amerikanischer Tradition, immer ein entschieden »linker« gewesen war. So wurden jetzt Versuche zu einer Wiederherstellung des alten Königtums, die sich in Bayern schwach genug regten, im Keim erstickt, wurde das Plebiszit, welches (Juni 1946) die italienische Monarchie durch knappe Mehrheit beseitigte, mit Beifall begrüßt. Nicht den geringsten Eindruck konnte es machen, dass zwei so rief liberale Philosophen-Staatsmänner wie Benedetto Croce und Winston Churchill für die Bewahrung der italienischen Monarchie eintraten. Demokratie sollte sein, ganze, ungekrönte und ungeschützte. Sie wurde auch den Deutschen versprochen oder von ihnen gefordert. Nicht eben gründlich durchdacht blieb hier die Frage, wie der Begriff der Demokratie, den man theoretisch auch den Deutschen als Allheilmittel bot, sich vertrüge mit der denselben Deutschen vorgeworfenen »Kollektivschuld«. War das Volk schuldig, so war in gewissem Sinn die Demokratie schuldig, insofern sie Regierung durch das Volk, Verantwortung des Volkes bedeutete. Man ging dieser Schwierigkeit aus dem Wege, indem man einer zukünftigen deutschen Demokratie verbot, noch einmal zu versuchen, was die plebiszitäre Demokratie Hitlers getan hatte; sie sollte später einmal frei sein, aber so frei nicht. Diesem Zweck diente die sogenannte »Rückerziehung« des Volkes, die verkündet wurde; ihm auch die in ihrem Grundgedanken vertretbare, in der Ausführung monströse »Entnazifizierung«, die gestufte Bestrafung oder Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben aller ehemaligen Nationalsozialisten. In jedem Fall kamen ihm die Stimmungen im Lande entgegen; denn dazu, Hitlers Experimente zu wiederholen, bestand damals unter Deutschen nicht die geringste Lust, und ihre Sehnsucht nach Frieden, Recht und einem menschenwürdigen Leben für alle war stärker, als das tiefe Misstrauen der Sieger zunächst annahm. Die Amerikaner suchten den unsicheren, stets von bloßer Formalität und Leere bedrohten Begriff der Demokratie durch gewisse Verbote, gewisse positive Bestimmungen einzuengen und zu erfüllen, indem sie ihm übrigens weiten Spielraum gaben. Die Russen bestritten ihm bald jeden Spielraum. Die Deutschen, wie die Polen oder Tschechen, sollten »Demokraten« sein, vorausgesetzt, dass sie sich für den »Kommunismus« entschieden, vorausgesetzt, dass ihr »Kommunismus« jeweils so aussähe, wie der schwankende Wille der Machthaber im Kreml es wollte. Hier waren Gegebenheiten der Macht und der Stimmung, die eine bloße Wiederherstellung der Dinge, wie sie 1939 oder 1920 gewesen, ins Reich des Unmöglichen verbannten. Die ungeheure Arroganz der Sieger, die einen vor kurzem noch mächtigen Staat, Deutschland, zunächst einmal von der Karte strichen und sich selber an seine Stelle setzten, war an sich eine Quelle von Revolution; ihr in Berlin tagender Kontrollrat kam einer revolutionären Diktatur gleich, und ein Dekret wie jenes, welches die gesamte östlich der Oder und Neiße lebende deutsche Bevölkerung »auf geregelte, menschliche Weise« nach Westdeutschland zu evakuieren befahl, die abermalige Entwurzelung von Millionen, stürzte das schon in seinen Grundfesten erschütterte Land in neue Qualen. Die Quartiere der Alliierten waren Inseln der Ordnung und des Wohllebens in einem Meer von Ruinen und Leid. An Stimmen, die zu kritischer Selbsteinkehr der Sieger aufriefen, zu Ritterlichkeit, Maß, christlicher Bescheidenheit, fehlte es nicht. Sie wurden erhoben von Männern wie Winston Churchill, jetzt ohne Amt, von dem amerikanischen Theologen Niebuhr, von dem englischen Verleger Victor Gollancz, einem Juden, der nun das den Deutschen angetane Unrecht leidenschaftlich bekämpfte. Aber sie verhallten im ersten Taumel des Triumphs und der Rache, wie routinemäßig auch und ohne starke Überzeugung diese von den Offizianten am Orte ausgeübt wurde. - Konnte man eine neue Epoche des Weltfriedens und Glücks mit der rachsüchtigen Entmündigung ganzer Nationen beginnen? Später kam dann wohl Einsicht, Maß und Ordnung in die Sache. Aber diese Ordnung beruhte auf einer neuen feindlichen Zweiteilung der Welt, erhielt durch sie ihre Form, wäre ohne sie gar nicht gewesen. Schließlich hatten auch im Inneren der wesentlich intakt gebliebenen Siegerländer, vor allem der Vereinigten Staaten, tiefgehende Veränderungen stattgefunden. Erst der Krieg hatte dort im Grunde die letzten Nachwirkungen der großen Wirtschaftskrise beseitigt, hatte die Arbeitskräfte der Nation in noch nie erlebtem Maße mobilisiert, bisher gedrückte Bevölkerungsklassen nach vom gebracht und die Forderungen an das Leben gewaltig gesteigert. In Amerika wie in England und in den Dominions herrschte buchstäblich »Vollbeschäftigung«. Von ihrem Dasein wurde auf ihr Recht geschlossen. Sie war das Rechte, und sie sollte nun bleiben. Konnte sie aber bleiben? War nicht im Gegenteil wie nach früheren großen Kriegen, 1815, 1920, Massenarbeitslosigkeit zu erwarten? Gerade die Russen erwarteten sie in den Ländern des »Kapitalismus« und freuten sich königlich auf sie. Dass ihr im wahrscheinlichen Notfall durch Planungen und Arbeitsaufträge des Staates gesteuert werden müsste, war vielerorts die Überzeugung; so wie in Europa, zumal in Deutschland, die Erwartung eines Wiederaufbaus durch den Staat, oder doch unterdessen Anleitung, überwog. Dass die vom Profitprinzip angetriebene Privatwirtschaft in den kommenden Jahren ihre konstruktivsten Erfolge erringen, dass sie Westdeutschland binnen kurzem aus einem Trümmerfeld in ein Gedräng glitzernden Wohlstandes verwandeln würde -nur wenige sahen es voraus. Der Krieg hatte Dinge zerstört, Menschen getötet, einer moralischen Verwilderung Platz gegeben. Er hatte aber auch Menschen, feindlich und freundlich, einander nähergebracht, sie durcheinandergewirbelt, neue, noch schnellere Kommunikationen entwickelt. Der transatlantische Flugverkehr, 1939 in seinen Anfängen, stand in voller Blüte. Die Amerikaner, vor dem Krieg den Europäern fremd und fern, waren überall, waren zumal mit den Briten, gern oder ungern, zu einer eigentlichen Symbiose gelangt, die, bevor sie Wirklichkeit wurde, niemand auch nur erträumt hätte. Neue, zu kriegerischen Zwecken forcierte Erfindungen blieben nach dem Krieg zurück, unberechenbar in ihren revolutionierenden Möglichkeiten. Von ihnen war die entfesselte Atomkraft die unheimlichste; ein beliebter Gegenstand für Sonntagspredigten und eine drängende Aufgabe für die Politik des Werktages... Wiederherstellung? Nein, nicht in ihrem Zeichen vor allem würde die neue Zeit stehen. Die Anfänge des »Kalten Krieges« und das Schicksal Deutschlands
Die Entwicklung eines feindlichen Verhältnisses zwischen Russen und Angelsachsen war im Frühling 1945 nicht das von der hohen Politik Geplante, wohl aber das von der öffentlichen Meinung, der auch Politiker und Militärs sich nicht entzogen, allenthalben Erwartete. Es war das Natürliche, das Einfache, das Starke und Dumme; jenes also, was, entgegen den subtileren Hoffnungen der Menschenfreunde, sich in der Geschichte meistens durchsetzt. Die deutschen Zivilisten, die vor den eindringenden russischen Truppen nach Westen flüchteten und ihre Eindrücke mitbrachten, sagten es voraus und waren insofern gescheiter als der große Präsident der Vereinigten Staaten. Übrigens ist es nicht so, dass Franklin Roosevelt ganz in Illusionen gestorben wäre. Die Haltung der Russen machte ihm in den letzten Wochen seines Lebens schwere Sorgen, schon ließ er die beginnenden Insulte des Kremls scharf beantworten; und dass Roosevelt, hätte er weitergelebt, den Gang der Dinge hätte ändern oder auch nur wesentlich verlangsamen können, hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Das persönliche Vertrauen, das der Tyrann im Kreml ihm momentan wirklich entgegengebracht haben mag, die freundlichen Scherze, die zwischen beiden ausgetauscht wurden, hatten kein Gewicht im Vergleich mit jenen, die in feindlicher Richtung zogen. Wohl dem generös-leichtsinnigen, tieferer, dunklerer Einsicht in die Geschichte ermangelnden Praktiker, dass ihm die schlimmste Enttäuschung erspart blieb. - Umgekehrt ist es nicht so, dass sein Nachfolger, Harry Truman, alsbald andere Ansichten vertreten, andere Töne hätte hören lassen. Indem Truman die interalliierten Pläne für die Okkupation und militärische Aufteilung Mitteleuropas buchstäblich ausführte, setzte er auf die Fortdauer der großen Allianz bis in die Tage der Potsdamer Konferenz, Juli 1945, und darüber hinaus; jedenfalls wollte er nicht der erste sein, der sie brach. Churchill, Truman, StalinDie »Großen Drei« der Potsdamer Konferenz, Juli 1945 Churrchill, Truman und Stalin. Erst im Hochsommer finden wir Andeutungen eines Abweichens von diesem Wege. Der Wechsel der Personen war nicht schuld daran. - Was war schuld? Seit dem Frühjahr hörten die wechselseitigen Beschwerden und Vorwürfe nicht mehr auf; der Bericht über die letzte Moskaureise von Harry Hopkins, Roosevelts altem Vertrauten (Ende Mai), gibt beredtes Zeugnis davon. Sie hatten beiderseits Hand und Fuß, diese Vorwürfe, sie waren nicht aus der Luft gegriffen; jeder der beiden Partner hatte irgendwelche technischen Gründe, mit dem anderen unzufrieden zu sein. Aber diese Gründe, kleinlicher, wenig bedeutender Art, hätten nicht wirken können, wären sie nicht von beiden im Lichte dessen interpretiert worden, was an sich da war, weil es an sich erwartet wurde, nun, da kein gemeinsamer Gegner mehr sein Wachsen und Zutagedrängen hinderte: die neue Spannung, die neue Feindschaft. Einer provozierte den anderen und erhielt durch des anderen Reaktionen den eigenen Verdacht bestätigt. Das Übrigbleiben und direkte Sich-Gegenüberstehen zweier Gigantenmächte in einem Umkreis von Halbmacht und Ohnmacht wäre an sich geeignet gewesen, diese Entwicklung herbeizuführen. Viel, viel bequemer als das Sich-Vertragen ist Feindschaft, und Deutschland und Japan waren jetzt keine möglichen Feinde mehr. Hätte selbst der Zar oder ein liberaler Staatschef im Kreml residiert, immer hätte es eines unwahrscheinlichen Aufschwunges zur Weisheit bedurft, um das, was nun begann, hintanzuhalten. Liberal war der russische Staatschef freilich nicht. Friedliche Vorsätze gegenüber Amerika mochte er wohl haben, es gibt Anzeichen dafür, dass er sie in den Tagen von Jalta oder von Roosevelts Tod noch hatte. Weil er ihrer Verwirklichung aber nicht die mindesten Opfer zu bringen, auf sie hin nichts zu riskieren bereit war, weil sie seinem Charakter, seiner Philosophie, dem Wesen seiner Herrschaft schnurstracks widersprachen, ist es so gut, als hätte er sie nicht gehabt. Gab es ein dauerndes Einvernehmen zwischen dem Lande des »Kommunismus« und dem »kapitalistischen« Westen, dann war die ganze Lehre falsch, auf der die russische Staatsmacht seit bald dreißig Jahren ruhte. Gab es die Legende eines äußeren Feindes nicht mehr, war der inneren Partei- und Schreckensherrschaft, die eben jetzt neu organisiert wurde, der lebensnotwendige Vorwand genommen. Und, gleichgültig, was der alte Despot selber glaubte oder nur als Arcanum Imperii gebrauchte: an die Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, menschliche Anständigkeit seiner Partner im Machtspiel glaubte er nie, und wer nicht für ihn war, unter ihm war, der war gegen ihn. Was verschlug es, dass Amerika eben jetzt, anstatt mit Hitler gemeinsame Sache und so dem Bolschewismus ein für allemal den Garaus zu machen, sich an die Spitze einer Weltkoalition gestellt hatte, die ihn rettete? Die windige Erklärung, das sei ein Krieg unter Kapitalisten gewesen und den Vereinigten Staaten keine andere Wahl geblieben, machte die russischen Anführer jeder Dankbarkeit quitt. Die Leistungen der Bundesgenossen wurden verkleinert oder verleugnet, gewisse Verzögerungen und Langsamkeiten, gewisse Sünden der Vergangenheit, vor allem der Münchener Vertrag, in den Vordergrund gerückt; die eigene Ursünde, welche den Weltkrieg ausgelöst hatte, der Pakt vom August 1939, blieb unerwähnt. Aber viel weiter reichte Stalins Gedächtnis zurück, in die Tage der Intervention von 1919 und des »Cordon sanitaire«, den Clemenceau und Churchill damals rings um das Land der Revolution hätten errichten wollen. In seinem Sinn verstand er das Interesse, das die Angelsachsen an der Unabhängigkeit Polens nahmen; uneingedenk der Tatsache, dass England doch einst um Polens wegen seinen letzten Krieg gegen Deutschland begonnen hatte, unfähig, an ein anderes Motiv als an das imperialistischer Tücke zu glauben. In Polen kam zuerst heraus, was Stalin unter einer »rußlandfreundlichen« Regierung verstand. Er traute nur denen, die er selber trainiert und ernannt hatte, den Anhängern desselben Glaubens, die seine gehorsamen Werkzeuge sein würden. Am Ende hatte er es immer so gemeint, wenn er von einem »demokratischen«, »friedliebenden« Polen sprach, hatte er es anders gar nicht meinen können. - Seine Bundesgenossen fühlten sich schändlich betrogen. Neben der Installierung kommunistischer Machthaber oder Beauftragter in Warschau gab es ein anderes Mittel, Polen für immer an Russland zu ketten. Es war dies die Verlegung der polnischen Grenzen tief nach Westen, tief ins eigentliche Deutschland hinein, bis zur Oder und Lausitzer Neiße. Und man muss sagen, dass die polnischen Demokraten, die Liberalen, deren Vertreter sich während des Krieges in London organisiert hatten, dieser unglücklichen Idee ebenso ergeben waren wie die Kommunisten, ja, dass Stalin sie von ihnen übernommen hatte. Der polnische Nationalismus, verblendet wie alle Nationalismen, ging nur zu gern in die Falle. Sie würde ihm Land, reiches deutsches Land einbringen, das in grauer Vorzeit einmal von Slawen bewohnt gewesen war und so das »Wiedergewonnene« genannt wurde; sie würde sicher machen, dass der ganze polnische Staat nichts sein könnte als ein von Gnade oder Ungnade der Russen abhängiger Satellit. Was die Polen unlängst von den Deutschen erfahren hatten, macht die Stimmung verständlich, in der sie nun von jenen Gebieten Besitz ergriffen; es war Rache, das Heimzahlen von Gleichem mit Gleichem, was der dort noch angetroffenen deutschen Bevölkerung geschah. Aber wenn von keinem Vorwurf die Rede sein soll, so ist doch von einem Glied in der Kette des Verhängnisses die Rede. Denn jene über alles zu rechtfertigende Maß weit hinausgehende Besitznahme und Vertreibung musste den durch deutsche Schuld schon bestehenden Abgrund zwischen Polen und Deutschen noch einmal vertiefen, alle Brücken Polens zum Westen gefährden und die quer durch Europa gehende Trennungslinie festigen, an der den Russen gelegen war, solange sie das Ganze nicht haben konnten. Für die Tschechoslowakei hatte die Austreibung der Deutschböhmen knapp zwei Jahre danach die gleiche Folge; wie konnte man eine freie Demokratie im Inneren bleiben, nachdem man gegen außen, vielmehr gegen einen Teil des eigenen Volkes, sich eines so barbarischen Aktes schuldig gemacht hatte? - Auf der Potsdamer Konferenz kämpfte Churchill vergebens für eine Beschränkung der den Polen einzuräumenden deutschen Gebiete, so dass wenigstens Breslau deutsch geblieben wäre. Sein Nachfolger, Clement Attlee, kapitulierte vor der russischen Forderung. Dass sie nur vorläufig zugestanden und die endgültige Entscheidung einem »Friedensvertrag« überlassen wurde, hat es den Angelsachsen später ermöglicht, die Gültigkeit der neuen deutsch-polnischen Grenzen zu bestreiten. Aber diese Formalität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in Wirklichkeit ja zu ihnen gesagt hatten, auch wenn sie ihr Ja später bedauerten. Denn der Befehl zur sogenannten »Umsiedlung« oder »Rücksiedlung«, den sie mitunterzeichneten und kraft dessen nun abermals Millionen von Menschen, gepfercht in Güterwagen oder in Marschkolonnen, westwärts getrieben wurden, konnte wohl kaum als vorläufiger gemeint sein. - Es war ein Beschluss wie dieser, der eine nicht für ihre Deutschfreundlichkeit bekannte Londoner Zeitschrift, den »Economist«, zu dem Urteil veranlasste: die Alliierten hätten den Krieg gegen Hitler mit einem Frieden in Hitlers Stil beschlossen. Es blieb nicht dabei. Als ein europäischer, als Krieg zwischen Deutschland und den Westmächten war der Zweite Weltkrieg ein so widernatürlicher Anachronismus gewesen, dass die Stimmungen, die ihm entsprochen hätten, die deutsch-französische, die deutschenglische »Erbfeindschaft«, sich nun nicht, wie nach 1918, einfrieren und für eine abermalige Wiederholung des sinnentleerten Spiels aufbewahren ließen. Dergleichen wurde im Frühjahr 1945 wohl erwartet, schon ein Jahr später aber nicht mehr. Gerade das Übermaß des Sieges und der Zerstörung, das dem Sieger keinen Staat wie 1919, sondern den Kadaver eines Staates in die Hände gab, ließ ihn, wenigstens im Westen, seines Triumphes bald überdrüssig werden und war geeignet, seine anständigeren, helfenden Instinkte zu erwecken, wie sehr er sich auch anfangs geschworen hatte, gerade diesen diesmal nicht nachzugeben. Befehle, wie der, der alle menschlichen Kontakte zwischen fremden Soldaten und deutschen Zivilisten verbot, pedantisch ausgearbeitete Pläne zur Niederhaltung der deutschen Industrieproduktion, hielten der neuaufsteigenden Psychologie und Politik nicht stand, so dass es sich nicht lohnt, jene nie wirklich durchgeführten Narrheiten im einzelnen zu erwähnen. Auch gewisse grundsätzliche Anfangspositionen der einzelnen Siegermächte dem deutschen Problem gegenüber erscheinen im Rückblick mehr als geschichtliche Kuriositäten denn als Tatsachen von bleibendem Belang. Dass es Frankreich war, welches 1945/46 das Funktionieren der einzigen damals bestehenden deutschen Gesamtregierung, nämlich des Viermächte-»Kontrollrates« in Berlin, lähmte, weil es das Wiedererstehen eines zentralisierten deutschen Staates zu verhindern wünschte, und dass demgegenüber gerade die Vertreter Russlands für Milde, für einen rascheren Wiederaufbau der deutschen Industrie und einer gesamtdeutschen Verwaltung plädierten, dergleichen ist heute vergessen; und mit Grund, weil es keine Folgen hatte. Schon 1948 gab es zwischen Franzosen und Angelsachsen keinen Wesensgegensatz mehr in der deutschen Frage. Eben damals schon war klar, dass die Einheit und Freiheit, welche der Kreml einem in seinem Ostgebiet verkürzten Deutschland bewilligen wollte, die Einheit und Freiheit der jetzt in Europa herrschenden »Volksdemokratien« gewesen wären. Unmöglich zu sagen, ob ein deutscher Odysseus sich von den Westmächten die Erlaubnis hätte erspielen sollen und können, diese von Russland in einem frühen Stadium der Entwicklung noch gebotenen Möglichkeiten anzunehmen und dann aus ihnen etwas ganz anderes zu machen, als was in der Absicht des Kremls lag. Die Schwierigkeiten einer solchen Politik spotteten jeder Vorstellung; auch wäre ein schweres Opfer damit verbunden gewesen, nämlich der Verzicht auf jene enge Verbindung mit Westeuropa, deren Beginn sich schon mit der Verkündung des »Marshallplanes« Frühjahr 1947 abzeichnete. Was soviel heißt, wie das die Geschichte dann überhaupt ganz anders, niemand weiß wie, verlaufen wäre. Andererseits lag hier die einzige Hoffnung, die dauernde Spaltung Deutschlands zu verhindern und die Bewohner der von Russland besetzten »Zone« vor der Drangsal eines landfremden, totalitären Despotismus zu bewahren. Wir entscheiden nicht, ob diese Hoffnung, diese Möglichkeit überhaupt real war; vielleicht war sie es von Anfang an nicht, so grundverdorben, wie Hitlers Krieg die Dinge zurückgelassen hatte. Jedenfalls wurde weder von Deutschen noch von den Angelsachsen eigentlich der Versuch zu ihrer Verwirklichung gemacht. Der Mann, der 1949 in der neuerrichteten »Bundesrepublik Deutschland« die Zügel ergriff, Konrad Adenauer, besaß Autorität und Geschicklichkeit in bewunderungswürdigem Maße. Aber ein listenreicher, phantasievoller Odysseus war er nicht. Unbeirrbar ging er den einen geraden Weg, auf dem die Gründung des Staates, den er führte, eben der Bonner Republik, selber der weisende Markstein war; den Weg, den Amerika wies, den vor ihm seine Vorgänger, die alliierten Militärgouverneure, gegangen waren. Sein Ziel, ein sich selber regierendes, blühendes, eng an Westeuropa und die Vereinigten Staaten angeschlossenes Westdeutschland, war der Art, dass es der Forderung nach einer Wiedervereinigung beider deutscher Teile nichts von ihrem moralischen Recht nahm, in der Welt der Machtpolitik sie aber nun praktisch unmöglich machte; denn an ein so ausgerichtetes Westdeutschland würden die Russen ihrem Teil der Beute den Anschluss nie und nimmer erlauben (wenn sie ihn je unter anderen als ihren eigensten, den kommunistischen Bedingungen erlaubt hätten). War der Streit um Deutschland der eigentliche Gegenstand, die Ursache des »Kalten Krieges«? Oder war er nur dessen Folge und Symptom? Er war beides. Hätten die Sieger sich in der deutschen Sache einigen können, so würde solches Einverständnis sich wohl auch auf andere Konflikte wie den um Korea oder den um eine gemeinsame Ausbeutung der Atomenergie mäßigend ausgewirkt haben. Sie einigten sich nirgends. Nicht in der Frage einer internationalen Kontrolle und Ausbeutung der Atomenergie, für die die Vereinigten Staaten einen bahnbrechend-kühnen, von der Sowjetunion jedoch verworfenen Plan vorlegten; nicht in Korea, wo, ungefähr wie in Deutschland, die Grenze zwischen zwei Okkupationsgebieten sich in eine zwischen zwei feindlich konkurrierenden Staaten verwandelte; nicht in der Grundsatzfrage, was »Demokratie« sei. Sie misstrauten einander überall, wünschten einander überall zu beschränken und zu blamieren; wobei das Beleidigtsein der Russen über dies Misstrauen, ihr, vielleicht genuines, Sich-im-Recht- und Missverstanden-Fühlen nur um so sonderbarer berühren musste, als sie ja wirklich und zugegebenermaßen in allen Nicht-Kommunisten ihre früher oder später zu vertilgenden Feinde sahen. Viel begründeter war die Entrüstung der Amerikaner, wenn sie auch leicht in eine gewisse Selbstgerechtigkeit und fremder Psychologie unzugängliche Starre umschlug. Nie, während die Fronten erstarrten, während die Hoffnung auf eine Welt »ohne Furcht« ihnen ins Unerreichbare entglitt, zogen sie auch nur von ferne die präventive Ausnutzung des Atombombenmonopols in Betracht, solange sie es besaßen. Geduldig warteten sie, bis an die Stelle dieser ihrer entscheidenden Überlegenheit ein »Gleichgewicht des Schreckens« trat. Ebensowenig aber konnten sie sich entschließen, dem neuen Weltgegner irgendwo nachzugeben; auch nicht in einer vergleichsweise zweitrangigen Frage wie der russischen Forderung nach deutschen Reparationsleistungen »aus laufender Produktion«, die, isoliert betrachtet, nicht unvernünftig war. Von allen Regionen, in denen Amerikaner und Russen feindlich aufeinandertrafen, war Deutschland die energiereichste, zentralste. Folglich entbrannte hier ihr Gegensatz am stärksten, und beide behielten sie ihren Teil, indem sie ihn, jeder auf die für ihn typische Art, gegen den anderen organisierten. Für die Deutschen war dieser Gang der Dinge zugleich sehr schlimm und sehr vorteilhaft. Schlimm, weil er das an sich schon furchtbar verstümmelte Land in zwei Teile spaltete, auf modernere, das hieß schärfere, wirkungsvollere, bösartigere Manier als je in der Vergangenheit. Vorteilhaft, weil eben kraft dieser Entwicklung und Spaltung die Sieger, wenigstens die im Westen, sich aus Eroberern rasch in freundliche Kontrolleure, in Berater und Helfer, zuletzt in förmliche Bundesgenossen verwandelten. So wie Russen und Angelsachsen nur gemeinsam Deutschland hatten besiegen können, so konnten sie nur gemeinsam den Charakter von Siegern behalten, und so lange war ihre deutsche Politik überwiegend negativ: Bestrafung von Hitlers politischen und militärischen Helfern und Werkzeugen, »Reparationen« und »Demontagen«, »Industriepläne« zur Niederhaltung und Dezentralisierung der Wirtschaft, Vergangenheitsforschung und Gesinnungsspionage. Von Anfang an schon standen diesen rein negativen Zielen auch positive Maßnahmen widerspruchsvoll gegenüber: die Schritt für Schritt vorwärtsschreitende Reorganisation einer deutschen Selbstverwaltung und private, großzügige Wohltätigkeit. Am Ende ist denkbar, dass solche helfenden Tendenzen auch ohne den »Kalten Krieg« allmählich die Oberhand gewonnen hätten. Ist ja der Mensch ein aufbauendes wie ein zerstörendes Wesen, in kurzen orgiastischen Augenblicken mehr dieses, auf die Dauer mehr jenes; und gerade, dass sie an Ort und Stelle die unumschränkten Herren waren, musste die Alliierten geneigt machen, sich mit dem Land, ihrem Teil davon, und seinen leidenden Bewohnern zu identifizieren. In dem Maße nun, wie die Amerikaner, welche Engländer und Franzosen mit sich zogen, in den Russen den Gegner von morgen erkannten, hörte der Gegner von gestern auf, es zu sein; der Sieg hörte auf, einer zu sein, wurde nicht, wie der von 1918, durch die Jahrzehnte künstlich in seinem giftigen Leben erhalten; schließlich gaben sie selber den Homunkulus, die »Bundesrepublik Deutschland«, in Auftrag, die sich dann, wohl zu aller Überraschung, binnen kurzem zu einem lebenskräftigen Staat entwickeln sollte. Über alledem lag das Gefühl, auf unvergleichlich-unbekanntem, gefährlichem Boden zu gehen. Es waren nicht die exaltierten Hoffnungen von 1919, die humanitären, revolutionären. Revolution, geführt von idealistischen Literaten, war im Grunde nirgends gewesen, sie entsprach dem Stil der Zeit nicht mehr. Auch die Bolschewisten waren jetzt keine Literaten mehr, sondern Militärs, Techniker, Macht-Techniker; wo sie einzogen, da hielt nicht Revolution, sondern neue, hartherzige Ordnung ihren Einzug, die von befohlener Lyrik geistlos verherrlicht wurde. Auch Enttäuschung und Zynismus konnten nicht so wie nach 1919 Platz greifen, weil die Wellen der Hoffnung, aller offiziellen Rhetorik zum Trotz, nie sehr hoch geschlagen hatten. Mannigfaltig und schwankend ist immer, was man die Stimmung einer Zeit nennt. In den Jahren nach 1945 waren dort, wo der öffentliche Geist sich selber frei überlassen blieb, Furcht und Skepsis stark hervortretende Elemente. Wo das möglich war, was man unlängst entdeckt und im Nürnberger Prozess investigiert hatte, der Judenmord, und alle die Gräuel, zu denen, mit Gradunterschieden, beide kriegführenden Lager sich hatten verleiten lassen - was war da nicht möglich? - In Europa, zumal in Deutschland, gab es eine gewisse Hoffnung auf die Amerikaner, eine Bereitschaft, von ihnen zu lernen -mehr vielleicht, als sie lehren konnten. Den Amerikanern fehlte das alte Europa. Sein Ausfall gab ihnen eine Weltverantwortung, die sie sich so nie gewünscht hatten, die sie aber nun für endgültig hielten. Europa erschien ihnen erschöpft, »fortgewelkt«, wie es hieß, physisch und moralisch verbraucht und keines come-back mehr fähig. Dass sie so bald die Führung im »Kalten Krieg« energisch übernahmen, so sehr viel darüber und fast nichts anderes mehr redeten, war bedingt durch die wirkliche russische Provokation; es mochte aber auch damit zusammenhängen, dass hier wenigstens eine profilierte Ordnung zu finden war, wenn auch eine bloß negative. Indem man jetzt Stalin mit Hitler verglich, hatte man etwas Altvertrautes in der Hand und konnte den Schlachtruf »Keine Beschwichtigungspolitik !« aus dem Erfahrungsschatz der jüngsten Vergangenheit nehmen, die sonst für diese Gegenwart verzweifelt wenig zuverlässige Lehren bot. War der europäische Fortschrittsglaube schon längst erschüttert, so war es der amerikanische erst jetzt - der kommunistische auch jetzt nicht. Ein Erstarken der Religion konnte damit verbunden sein; nicht nur in dem unverbindlich politischen Sinn, dass jetzt in drei europäischen Ländern konservativ-demokratische Parteien ihre Politik auf dem Christentum zu gründen vorgaben; auch in dem eines schärferen, beteiligteren Fragens nach des Menschen Natur und Schicksal im Licht der christlichen Tradition. Von seiner Freiheit und deren bösem Missbrauch, von der immerwährenden, selbstverschuldeten Gefährdung seiner Existenz und aller seiner Schöpfungen hatte das jüngst Erlebte Zeugnis gegeben. Wer es, wie der amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr, als bestrafte menschliche Hybris auslegte, hatte jetzt mehr Zuhörer als ehedem. - Eine andere, in ihrem Anspruch gleich radikale, in ihrem seelischen Antrieb weniger wahrhaftige Interpretation war möglich: die machiavellistisch-zynische, die in dem zweiten Weltkrieg samt allen seinen Gräueln und allen seinen Folgen nur eine nicht weiter zu bejammernde Bestätigung ewiger Lebensregeln sah. So konnte in Amerika ein Prophet auftreten und verkünden: Macht sei noch immer vor Recht gegangen, in Zukunft aber werde die Erde einer einzigen Macht, der russischen oder der amerikanischen, gehören müssen, dieser Kampf sei mit allen Mitteln vorzubereiten und zu führen - und gleichfalls viel gläubige Zuhörer finden. Die Geschichtsphilosophie des Engländers Arnold Toynbee, schon in den dreißiger Jahren geschaffen, aber erst jetzt in populären Ausgaben verbreitet, wirkte gleich nach 1945 ungefähr so, wie Oswald Spenglers Philosophie nach 1919 gewirkt hatte. In vielen Beziehungen war sie der Spenglerschen ähnlich; auch sie löste die Geschichte des Menschen in die Geschichten einzelner Kulturen auf, die im Ablauf ihres Lebens und Sterbens einander ähneln. Wie Spengler glaubte Toynbee auf Grund eines so vergleichenden Systems zeigen zu können, wo die westliche Zivilisation jetzt stand; und dies war ein Grund dafür, warum viele, die ohne ihn nicht wussten, wo sie standen oder wohin sie gingen, sein Werk begierig lasen. Übrigens war er frommer als Spengler, für den das Abendland »religiös fertig« gewesen war. Wo Spengler nichts anderes empfahl als eine wohlige Erfüllung des so oder so unvermeidlichen Verfalls, wusste Toynbee von jeweils verfehlten besseren Möglichkeiten, von Schuld, von der Offenheit der Zukunft. Er rief zu moralischen Anstrengungen auf, damit unsere Zivilisation dem Schicksal entginge, das noch alle früheren getroffen hatte. Eine Haltung, die sein Wirken als praktisch entschieden nützlicher auswies, trotz der Einwände, die man gegen seine historischen Einteilungen erheben mochte. Wie tief aber auch die Sorge derer war, die in sich den Auftrag spürten, ihr und ihrer Mitmenschen Schicksal deutend zu erhellen: in den breiten Massen überwog doch gewaltig die Lust, jetzt endlich wieder zu bauen und zu genießen; die gegebene Friedenszeit zu genießen, wäre sie nun lang oder kurz. Dieser Lust wurde freie Bahn gegeben. Dank ihrer sollte die westliche Zivilisation, die angeblich verbrauchte, erschöpfte, binnen weniger Jahre produktiver und reicher sein als je zuvor in ihrer langen Geschichte.