Die Anfänge des Films

Der Film beruht auf dem Unvermögen des Auges, die Lücken zwischen rasch aufeinanderfolgenden, ähnlichen Fotos zu erkennen. Schon früh kannte man verschiedene Methoden, mit denen man auf einem Bildschirm die Illusion einer Bewegung erzeugte: Asiatische Schattenspiele, die Laterna magica, die man in Europa seit dem 18./19. Jahrhundert kannte, sowie das Praxinoskop von Emile Reynaud (1844-1918), das Bilder aus einer sich drehenden Trommel projizierte. Nachdem George Eastman (1854-1932) sich seinen Rollenfilm patentieren ließ, war 1894 der Weg frei für W.K. Laurie Dickson (1860-1937), der in Thomas A. Edisons erstem Filmstudio der Welt, in West Orange, Kalifornien, perforierte Filme mit 46 Rahmen pro Sekunde mit dem Kinetoskop vorführte. Louis Lumiere (1864-1948) und sein Bruder Auguste (1862-1954) kombinierten dies mit der Technik der Laterna magica und sorgten so am 28. 12.1895 in Paris für die erste Filmvorführung. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wurden die Technik der Doppelaufnahmen, die Zeitlupe, Überblendungen und Großaufnahmen erfunden – die meisten dieser Entdeckungen stammten von Georges Melies (1861-1938), der ganz in den Zauberbann des Films geriet, als er beobachtet hatte, dass ein Bus gerade in dem Augenblick gegen einen Leichenwagen stieß, als seine Kamera klemmte, während er eine Straßenszene festhalten wollte. Er filmte von nun an von einem festen Standort aus und schuf Kunstwerke, die Aufführungen auf einer Theaterbühne ähnelten. Einer der ersten Cineasten, der erkannte, dass man mit frei beweglicher Kamera Handlungsabläufe wie mit visuellen Kürzeln darstellen konnte, war E. S. Porter (1870-1941). Sensationell waren seine Filme »Das Leben eines amerikanischen Feuerwehrmannes« (1902) und »Der große Eisenbahnraub« (1903). Die ersten Filmgesellschaften
Anfangs nur in billigen Varietes vorgeführt, entwickelte sich der US-Film rasch zu einem Unterhaltungsmittel für die Massen. Der aufstrebenden Filmindustrie in Europa kam es jedoch auf höheres künstlerisches Niveau an, sie verfilmte Werke der Klassiker. Doch Komiker wie Max Linder (1883-1925) von der großen Filmgesellschaft Pathe Freres (1896) in Frankreich wandten sich von der Verfilmung Uterarischer Stoffe ab und schufen die Grundlage für einen Possenstil, der bald Charles Spencer Chaplin (1889-1977) und Buster Keaton (1896-1966) berühmt machen sollte. In Italien wurde durch »Quo vadis?« (1912) und den noch eindrucksvolleren Film »Cabiria« (1914) der Gedanke abendfüllender Unterhaltungsfilme geboren. In Amerika wurde David Wark Griffith (1875-1948) angeregt, »Geburt einer Nation« (1915) zu drehen – eine groß angelegte Darstellung des Bürgerkrieges, bei der er die von ihm und anderen seit 1908 entwickelten neuen Techniken verwendete. Griffith erzählte seine Story fast wie ein Schriftsteller, mit Hilfe von Nah- und Großaufnahmen, Rückblenden und Parallelaktionen erzeugte er eindrucksvolle Effekte. Der schöpferische Einfluss von Griffith und Regisseuren wie Thomas Harper Ince (1882 bis 1924) sowie die große Beliebtheit von Mack Sennetts Keystone-Lustspielen verhalfen dem amerikanischen Film um 1920 zu einer beherrschenden Stellung. Für die Amerikaner wirkte sich außerdem vorteilhaft aus, dass sich die europäische Filmwirtschaft gerade nach dem Ersten Weltkrieg in einer ungünstigen Lage befand. Hollywood wurde Filmmetropole der Welt. Bis zur Mitte der zwanziger Jahre war Hollywood finanziell so erstarkt, dass es eine Anzahl guter Regisseure aus Europa nach Amerika verpflichten konnte. Unter dem Einfluss des Expressionismus spielte Deutschland mit Regisseuren wie Georg Wilhelm Pabst (1885-1967), Ernst Lubitsch (1892-1947), Fritz Lang (1890-1976) und Friedrich Wilhelm Murnau (1889-1931) eine führende Rolle im Filmgeschäft. »Der letzte Mann« (1924), den Murnau gedreht hatte, beeindruckte Hollywood durch technische Vielseitigkeit und psychologische Tiefe. Surrealismus, Dadaismus und Impressionismus übten eine nachhaltige Wirkung auf die subtile Filmkunst Frankreichs aus. Hier wirkte Abel Gance (1889-1981) bahnbrechend, und hier begannen Rene Clair (1898-1981) und Luis Bunuel (1900-1983) mit der Arbeit. Die Schweden Mauritz Stiller (1883-1928) und Victor Sjöström (1879-1960) hatten die filmischen Möglichkeiten von Außenaufnahmen erkundet. Und in der Sowjetunion hätte Lenins Wort, der Film sei »die wichtigste Kunstform«, zur Gründung der ersten staatlichen Filmindustrie geführt Um die Botschaft der russischen Revolution zu verbreiten, setzten Wsewolod Illarionowitsch Pudowkin (1893-1953) und Sergej M. Eisenstein (1898-1948) die Montagetechnik und andere filmische Mittel auf eindrucksvolle Weise ein. Der Tonfilm
Als sich der Rundfunk immer mehr durchsetzte, überlegte man sich, wie man dem Kinopublikum mehr bieten konnte, als wie bisher durch Filme mit Untertiteln und begleitender Orchester- oder Klaviermusik. Tonsysteme hatte es zwar schon seit längerer Zeit gegeben, aber moderne Verstärkeranlagen waren erst jetzt so weit entwickelt, dass man synchronisierte Tonfilme herstellen konnte. Obwohl die Geschäftswelt die Kosten für die Umrüstung sowie Absatzschwierigkeiten für die englischsprachigen Filme im Ausland fürchtete, brachte der Erfolg von »The Jazz Singer« (1927) die Umstellung ins Rollen. Innerhalb von drei Jahren stiegen die Zuschauerzahlen in den amerikanischen Kinos um 50%.
Al Jolson in der Rolle eines Farbigen sagte dem Publikum in »The Jazz Singer« (1927) »You ain’t heard nothin’ yet« – ein Text, der als erster Originalton in einem Spielfilm unsterblich werden sollte. Man hatte schon 1900 Versuche mit dem Ton angestellt, und die Studios der Fox-Filmgesellschaft hatten noch vor »The Jazz Singer« kurze Dialoge produziert, aber erst die Popularität der Schlager und kurzen Dialoge in dem Jolson-Film überzeugten die Geldgeber in Hollywood, dass sich die kostspielige Umstellung auf Tonfilme letzten Endes rentieren würde. Der erste wirkliche Sprechfilm war Warner Brothers’ »The Lights of New York« (1928). Der Ton revolutionierte den Film, aber es dauerte noch einige Jahre, bis die Streifen technisch und künstlerisch an das Niveau der Stummfilme heranreichten.

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Info 18.01.2018 05:09
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