Abstrakte Kunst

Die abstrakte Kunst ist eine deutliche Absage der Künstler des 20. Jahrhunderts an jeden Zusammenhang zwischen Kunst und realer Erscheinung in der Natur. Um 1900 hatte bereits die Fotografie den Platz der realistischen Malerei eingenommen. Der zunehmende Gebrauch der Lichtbildnerei, verbunden mit neuen Ideen über Ausdrucksmöglichkeiten in der Malerei und Bildhauerei, führten zur Ausbildung der Abstraktion als neuem Prinzip bildnerischer Darstellung. Die Anfänge der abstrakten Kunst
Zwischen 1910 und 1918 entwickelte sich die abstrakte Kunst unabhängig voneinander an verschiedenen Orten. In München kam Wassily Kandinsky (1866-1944) um das Jahr 1912 zu einer fast gänzlich gegenstandslosen Malerei. Seine Arbeitsweise war impulsiv, malend abstrahierte er Eindrücke von Landschaften, Legenden und biblischen Themen. In Amsterdam und Moskau schufen Künstler erstmals Werke, die aus »reinen« Formen bestanden, ohne bewusst von irgendeinem Naturvorbild auszugehen. In Moskau bedeuteten die suprematistischen Kompositionen (1915-18) von Kasimir Malewitsch (1878-1935) eine radikale Lösung von der Realität: Einfache geometrische Formen auf weißem Hintergrund erwecken den Eindruck einer Bewegung ins Unendliche. Zu gleicher Zeit schuf Wladimir Tatlin (1885-1953) den Konstruktivismus mit dynamischen Konstruktionen aus Glas, Metall und Draht. Diese Arbeiten waren frei von jeder Mystik, Tatlin entwickelte eine Kunst, die auf den greifbaren Eigenschaften des Materials im Raum basierten. Um 1921/22 entwickelte Tatlin zusammen mit dem russischen Maler, Typografen und Grafiker Alexander Rodschenko (1891-1957) und anderen Künstlern Strukturen, die der Technik verwandt sind – Sinnbilder der aufkommenden sozialistischen Industriegesellschaft. Prototyp dieser Konstruktionen war Tatlins Holzmodell seines »Monument für die Dritte Internationale«. Die Bilder von Piet Mondrian (1872-1944) sind nicht von natürlichen Vorbildern abgeleitet, für ihn ist der elementare Baustein des harmonischen Bildes das primärfarbige Rechteck. Seine Freunde von der in Amsterdam wirkenden Stijl-Bewegung reduzierten die erlebten Formen auf geometrische Grundelemente. Mondrian aber begann in den Jahren 1917/18 mit geraden schwarzen Linien und Farbflecken zu arbeiten. Hinter seiner streng geordneten Malerei stand eine gläubige Einstellung zum Leben. Der idealen menschlichen Ordnung müsse die ideale künstlerische Ordnung vorausgehen. Für ihn war das »Abstrakte« ein absoluter Wert, die abstrakte Form eine in sich selbst bestehende Realität. Freie Formen
Eine neue Entwicklung leitete der Elsässer Künstler Hans Arp (1888-1966) ein, seine Abstraktion geht von organischen Formen aus. Das Ergebnis nannte er biomorph. Als Dadaist arbeitete er bewusst antiästhetisch (Zürich 1916/18). Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln schuf er 1917 sein erstes Holzrelief. Aus seiner Verbindung mit den Surrealisten in Paris in den Jahren nach 1924 entstanden »aus dem Unterbewussten geborene, freie Formen«. Auch Joan Miros (1893-1983) Entwicklung wird unterbaut durch die Ästhetik des Surrealismus, die bei ihm wie auch bei Yves Tanguy (1900-55) das spontane Sichtbarmachen des im Unterbewussten aufbewahrten Bildvorrats geistig begründet. Unter Arps Einfluss wandeln sich die Arbeiten von Henry Moore (1898-1986) ab 1931 von einem stark figurativen zu einem abstrakteren, Stil. Nach 1922 bewegte sich der russische Konstruktivismus in eine utilitaristische Richtung. Der Ungar Laszlo Moholy-Nagy (1895 bis 1946), am Bauhaus in Weimar tätig, trat für die konstruktivistische Bewegung ein, auch Kandinsky näherte sich der Geometrie. Künstler wie Cesar Domela (1900-92) und Jean Gorin (1899-1981) in Frankreich schlossen sich den mehr aufs Statische gerichteten Gestaltungen Mondrians an, ab 1933 entwickelte Ben Nicholson (1894-1982) in London einen eigenen geometrisierenden Stil, ähnlich wie Fritz Glarner (1899-1972) in New York. Abstrakter Expressionismus
Weder die geometrische noch die biomorphe Abstraktion gerieten während der vierziger Jahre in Vergessenheit. In New York entstand eine weiterführende Richtung der abstrakten Kunst – der abstrakte Expressionismus. Dieser Begriff bezeichnet keinen einheitlichen Stil, sondern eine ganze Anzahl individueller Stile. Nach 1943 war Jackson Pollock (1912-56) wohl der einflussreichste dieser Richtung, nach 1947 kam ihm Willem De Kooning (1904-97) an Bedeutung gleich. Entscheidend war für diese Auffassung der Malerei der schöpferische Vorgang selbst, der künstlerische Prozess der von geometrisch-abstrakten und kubischen Strukturen wegführte. Nach 1947 überwand Pollocks Tachismus die geometrischen und biomorphen Formen der Abstraktion der zwanziger und dreißiger Jahre. Eine gänzlich neue Art abstrakter Malerei erwuchs. Zu den Künstlern, die Pollocks Richtung ohne Aufgabe ihrer Individualität folgten, gehörte Franz Kline (1911-62). Er fing 1950 mit schwarz-weißen Bildern wie »Chief« an, die an sich riesig vergrößerte Pinselzeichnungen sind. Weniger aggressiv, aber gleichermaßen frei von Formen und räumlichen Strukturen des Kubismus und der geometrischen Abstraktion sind die riesigen Farbflächen von Clifford Still (1904-80), Barnett Newman (1905-70), Mark Rothko (1903-70) und die »Monochrome« des Franzosen Yves Klein (1928-62).
Für Jackson Pollocks ersten Versuch, »spontan«, ohne bewusste Pinselführung zu gestatten, waren Carl Gustav Jungs (1875-1961) archetypische Symbole Ausgangspunkte. In dem hier abgebildeten »Herbstrhythmus« (1950) erzielte er, ohne symbolische Bildersprache, durch rasche Hand- und Armbewegung ein wirbelndes Netz von Farbtropfen und -spritzern, die einander nach allen Richtungen überkreuzten. Bilder wie diese bekommen für einige Kritiker ihre Ausdruckskraft durch die Hand des Malers, daher auch der Name »Aktionsmalerei«, für andere waren diese Werke typisch für eine neue Art der abstrakten Komposition, die das Erlebnis entfesselter Aktion beim Malvorgang unmittelbar sichtbar werden lässt.