Die Zwanziger Jahre und die Depression

Fast während der gesamten Zeit von 1919 bis 1938 litt Europa unter einer Wirtschaftskrise, auf die übrige Welt wirkte sie sich am schwersten in den dreißiger Jahren aus. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stand im Zeichen des Versuchs, zur »Normalität« zurückzukehren, wie es der amerikanische Präsident Warren Gamaliel Harding (1865-1923) formulierte. In Großbritannien nahmen Produktion und Lebensstandard in den ersten Nachkriegsjahren einen Aufschwung, doch nach 1922 gingen Absatz und Produktion zurück, Arbeitslosigkeit, vor allem in der britischen Schwerindustrie, war die Folge. Deutschland, die zweite große Industrienation Europas, konnte sich nicht von den Kriegsfolgen und den Auflagen des Friedensvertrags erholen. Das Ergebnis war eine Depression der gesamten europäischen Wirtschaft. Angesichts der Inflation, der politischen Unruhe und der schweren Reparationen zeigte die deutsche Wirtschaft nicht vor Mitte der zwanziger Jahre Zeichen der Erholung. Im und nach dem Krieg hatten die USA Großbritannien als größte Kreditgebernation abgelöst. Ein großer Teil der Goldreserven der Welt hatten sich in Fort Knox angesammelt und bildete die Grundlage einer Kredit- und Konsumwelle, die ein außerordentliches Wirtschaftswachstum in Amerika bewirkte. In den zwanziger Jahren erlebten die USA einen Wohlstand, der zusammen mit dem Gefühl der Erleichterung nach den Kriegsjahren zu der hektischen Atmosphäre der »Roaring Twenties« (der wilden zwanziger Jahre) führte. Ähnliches gab es im schwächeren Maße auch in Europa gegen Ende des Jahrzehnts, als ein wirtschaftlicher Aufschwung dazu beitrug, amerikanische Musik, Tänze und Filme populär zu machen. Soziale Aspekte
Sozial gesehen, hatten die zwanziger Jahre widersprüchliche Züge. Einerseits brachte das Kriegsende neue Freiheiten, besonders für die Frauen. Sie hatten in der Kriegszeit in vielen, für sie neuen Berufen gearbeitet, nach dem Krieg setzten verstärkt die Bestrebungen nach politischer und sozialer Emanzipation der Frau ein. Die Mode wurde praktischer, man wusste mehr über Empfängnisverhütung, und es gab mehr berufliche Möglichkeiten. Aber die zwanziger Jahre brachten Amerika auch die Prohibition. Das führte zu einem blühenden Schwarzhandel mit Alkohol. Krise und Deflation
Das hoffnungsvolle Wirtschaftsklima der späten zwanziger Jahre endete mit dem Börsenkrach in der Wallstreet im Oktober 1929. Der amerikanische Boom hatte schon im Sommer 1929 Zeichen von Schwäche gezeigt, als die Börsenindizes fielen. Der darauf folgende Verfall der Aktienkurse führte zur Panik. In Amerika schwoll die Arbeitslosigkeit infolge der Kreditverknappung an, der Konsum ging zurück, Pleiten und Entlassungen vervielfachten sich. Zusammen mit der Depression gab es einen katastrophalen Verfall der Agrarpreise in vielen anderen Ländern. Die Arbeitslosenzahl verdoppelte sich weltweit innerhalb eines Jahres, in den USA stieg sie bis Ende 1930 auf sechs Millionen an. Zwei Jahre lang verschärfte ach die Krise in der ganzen industrialisierten Welt. In den USA waren 1932 bereits zwölf Millionen Menschen ohne Arbeit, ganze Ortschaften lagen verlassen. Ein katastrophaler Schlag war der amerikanische Börsenkrach auch für die europäische Wirtschaft, die vielfach auf amerikanische Kredite angewiesen war. Nach damaligem Denken konnte man einer solchen Krise nur mit harten deflationistischen Maßnahmen begegnen, um Einnahmen und Ausgaben auszugleichen, Überkapazitäten zu beseitigen und den Sturm so zu überdauern. In Deutschland wurden die Sparmaßnahmen der Regierungen Heinrich Brünings (1885-1970) und Franz von Papens (1879-1969) immer strenger, England unter der Regierung von James Ramsey MacDonald (1866-1937) sowie die USA unter dem Präsidenten Herbert Hoover (1874-1964) gingen den gleichen Weg. Zwar schlug der britische Volkswirtschaftler John Maynard Keynes (1883-1946) andere Lösungen vor, mit wachsenden Staatsausgaben und Förderung des Konsums, um die Wirtschaft zu beleben, seine »radikalen« Ansichten vermochten sich aber noch nicht durchzusetzen. Die Folge war eine allgemeine wirtschaftliche Depression. Politische Auswirkungen
Die Depression hatte politische Folgen. In den USA führte die Unzufriedenheit mit Präsident Hoover und seiner Amtsführung in der Wirtschaftskrise 1933 zum Wahlsieg Franklin D. Roosevelts (1882-1945) mit seinem Versprechen eines »New Deal« (Reformprogramm). In England führte die Depression 1930 zu einer Krise für die Labour-Regierung Ramsay MacDonalds. Nach den Wahlen von 1931 wurde eine »Nationalregierung« mit einer massiven Mehrheit der Konservativen gebildet, jedoch unter Führung von MacDonald mit einer kleinen Gruppe von Labour-Anhängern. In Deutschland brachte die steigende Arbeitslosigkeit und Furcht vor sozialem Zusammenbruch den Nationalsozialisten wachsenden Zulauf und unterminierte die Weimarer Republik. Frankreich wurde erst später betroffen als das übrige Europa, da sein großer landwirtschaftlicher Sektor die Arbeitslosigkeit verdeckte und die Industrie eine viel geringere Bedeutung als in anderen Ländern hatte. Zwar beherrschte die Depression die dreißiger Jahre in Europa und den USA, doch setzte 1933 eine wirtschaftliche Erholung ein. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges besserte sich der Lebensstandard für die steigende Zahl derjenigen, die Arbeit hatten.
Trockenheit und niedrige Agrarpreise zwangen viele Bauern und ihre Familien, aus dem amerikanischen Mittelwesten nach Kalifornien überzusiedeln. Ihre Leiden schildert John Steinbecks (1902-68) Buch »Die Früchte des Zorns« als ein Symbol der Depression.

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Info 18.11.2017 13:05
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