Die indische Unabhängigkeitsbewegung

Um 1900 schien die britische Herrschaft in Indien auch auf lange Sicht ungefährdet zu sein. Lord George Nathaniel Curzon (1859-1925), Vizekönig von Indien zwischen 1899 und 1905, ließ keinen Zweifel an Großbritanniens Absicht aufkommen, Indien neben dem Mutterland England zum zweiten starken Stützpfeiler des britischen Weltreiches auszubauen. Mit Hilfe einer tüchtigen Administration gelang es den Briten, Frieden und Ordnung in Indien herzustellen. Zur besseren Kontrolle und zur rascheren Erschließung wurde ein umfangreiches Eisenbahn- und Telegrafennetz geschaffen. Doch trotz der scheinbaren Konsolidierung der britischen Herrschaft sollten nur noch knapp 50 Jahre bis zur völligen Unabhängigkeit des Subkontinents vergehen. Nationalistische Tendenzen
Das indische Nationalbewusstsein erstarkte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend. Die Gründung eines Indischen Nationalkongresses (1885), der stärkere Beteiligung an der Regierung forderte, war der erste Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Zunächst tolerierten die Briten sogar die »Kongresspartei«, da sie in ihr ein Instrument sahen, das für die Modernisierung Indiens – die Abschaffung des Kastenwesens, der religiösen Vorurteile und regionaler Rivalitäten – von Nutzen sein konnte. Sie mussten aber bald einsehen, dass die Kongresspartei nicht britische, sondern allein indische Interessen fördern wollte. Antibritische Ausschreitungen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges bewirkten, dass sich die englischen Kolonialbeamten entschieden gegen die stärkere Beteiligung von Indern an der Verwaltung wehrten. Im übrigen warfen sie den von europäischen Ideen beeinflussten jungen Nationalisten vor, die Befriedigung ihres persönlichen Ehrgeizes und keineswegs das Wohl der armen Volksmassen zu verfolgen. Die ersten Triumphe der Nationalisten nach dem Ersten Weltkrieg waren vor allem dem charismatischen Führer Mahatma Gandhi (1869-1948) zu verdanken. Gandhis Widerstand bestand in der Verweigerung jeder Kooperation und jeglicher Steuerzahlung an den britischen Fiskus, vor allem aber in gewaltloser Opposition. Gandhi kamen die besonderen Umstände der Kriegsjahre zustatten. Die Briten hatten einen Teil ihrer Kriegslasten auf Indien abgewälzt: Die Steuern wurden erhöht, indische Soldaten mussten Großbritannien in Nordfrankreich verteidigen. In diesen Maßnahmen erblickten die Nationalisten einen Verstoß gegen die Bedingungen, unter denen Indien die britische Herrschaft akzeptiert hatte. Die Briten fürchteten eine Wiederholung des Aufstandes von 1857/58, panikartig erschossen sie am 13.4.1919 mehr als 300 unbewaffnete indische Demonstranten in Amritsar. Spaltungen im nationalistischen Lager
Trotz erster Erfolge zwischen 1918 und 1922 blieb das große Ziel der Nationalisten, die Unabhängigkeit, zunächst noch eine fast unlösbare Aufgabe. Die Verweigerung der Kooperation mit den Briten wurde nach 1918 nicht mehr strikt eingehalten, viele Inder, besonders die Großgrundbesitzer, begannen den urbanisierten, nach europäischem Vorbild lebenden Führern der Kongresspartei zu misstrauen. Der konservative Landadel glaubte, dass er selbst nach Beendigung der britischen Herrschaft zur Zielscheibe für die Angriffe der Kongresspartei werden könnte. Auch Hindu- bzw. Moslemminderheiten fürchteten, dass ihre Interessen, wenn nicht sogar ihr Leben, in Gefahr gerieten, falls eine Volksregierung an die Macht käme, deren Mitglieder vielleicht nur einer der beiden Glaubensrichtungen angehörten. Diese Uneinigkeit und Unentschlossenheit auf indischer Seite verschaffte den Briten vorübergehend noch einmal Vorteile. Sie waren jetzt bereit, die innere Verwaltung in größerem Umfang Indern zu überlassen, da sie durch die Vergabe bevorzugter Stellungen an einzelne Inder die geschlossene antibritische Front zu sprengen hofften. Das Ziel Großbritanniens war, indische Föderation aufrechtzuerhalten, die aber in internationalen Fragen an Entscheidungen des Vereinigten Königreiches gebunden blieb, außerdem wollten die Engländer vor allem über die indische Armee verfügen können. Diese Zukunftspläne wurden durch zwei unvorhergesehene Ereignisse zunichte gemacht. Das erste war der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Wieder wurde Indien an der Seite Großbritanniens in den Krieg gezogen, diesmal war die Empörung noch größer als 1914, zumal das britische Prestige durch mehrere japanische Siege ausgehöhlt wurde. Das zweite gravierende Ereignis war die entschlossene Forderung des überwiegend islamischen Nordens, einen unabhängigen Moslemstaat – das spätere Pakistan – zu schaffen. Die Unabhängigkeit
So wurde der Unabhängigkeitswille Indiens durch Faktoren gefördert, die sich dem Einfluss Großbritanniens entzogen. Das komplizierte föderalistische System, durch das die Briten – zu ihrem eigenen Nutzen – den Subkontinent zusammenzuhalten trachteten, zerbrach mit den Loslösungsbestrebungen der Moslemregionen im Norden. Ohne den Rückhalt des großen indischen Imperiums vermochte Großbritannien seinen Einfluss in den anderen Gebieten östlich von Sues nur noch knapp 20 Jahre aufrechtzuerhalten. Die Unabhängigkeitserklärung von Indien im Jahre 1947 (gleichzeitig wurde Pakistan britisches Dominion) löste noch keineswegs die Probleme des Subkontinents: Überbevölkerung, Hungersnöte, Armut. Das von den Briten begonnene Modernisierungswerk des asiatischen Subkontinents fortzuführen, war und ist die Aufgabe der Regierungen Indiens und Pakistans.
Mahatma Gandhi (»die große Seele Gandhi«) erhob 1920 das Spinnrad zum Symbol seiner Unabhängigkeitsbewegung. Er forderte Indien auf, englische Waren, vor allem Textilien, zu boykottieren und das Land wenigstens auf einem Sektor selbstständig zu machen.

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Info 21.02.2018 18:23
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