Deutschland im Spannungsfeld von Revolution und Napoleon

Die Epoche 1740-1815 wird von zwei historischen Marken begrenzt, dem Ende des »Siebenjährigen Krieges« (1763) und dem »Wiener Kongress« (1814/1815). Als rein »deutsche Geschichte« schlechthin lässt sich dieses halbe Jahrhundert nicht mehr umgreifen, bestenfalls als Geschichte der deutschen Staaten im politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungsfeld eines expandierenden und zugleich sich im Umbruch befindlichen Europa. Aus dem »Siebenjährigen Krieg« waren beide deutschen Großmächte lädiert hervorgegangen: So hatte Preußen zwar seine staatliche Existenz und seinen territorialen Besitzstand bewahrt und den Schlesiengewinn sichern können, jedoch solche wirtschaftlichen Verluste und Verwüstungen seiner Infrastruktur erlitten, dass eine nachhaltige, langfristig angelegte und vor allem zunächst nach innen gerichtete Konsolidierungspolitik das wichtigste Gebot der Stunde war. Friedrich II. selbst, von den Existenzkrisen langer schwerer Jahre seelisch und körperlich gezeichnet, war nicht mehr der ehrgeizige, junge Monarch des Jahres 1740, sondern ein skeptischer, von der Gicht krumm gezogener, menschenverachtender Greis, der bei der Unterzeichnung des Hubertusburger Friedens bemerkte: »Der schönste Tag im Leben ist der, an dem man es verlässt!« Doch waren seine Arbeitskraft, seine Übersicht und der Wille zum Detail bei den Regierungsgeschäften ungebrochen und halfen, dass sich Preußen von den Kriegsfolgen verhältnismäßig schnell erholte und auch die allgemein respektierte Militärmacht blieb; die innere Schwäche der Armee, von der Voltaire einmal gesagt hatte, sie sei die einzige, die ein Land habe, blieb den politischen Gegnern des Staates lange verborgen, so dass Preußen sich einer langen Friedenszeit erfreuen konnte, obwohl seine Generalität und sein Offizierskorps überaltert waren, sich auf vergangenen Lorbeeren ausruhten und Anpassen und Dazulernen tunlichst vermieden. Dies galt sowohl für die Militär- und Waffentechnik als auch für die Strategie und vor allem die Taktik im Felde, besonders aber für das Rekrutierungssystem, das am überkommenen Berufsheer aus geworbenen bzw. gepressten Söldnern festhielt. Besseres lässt sich über Friedrichs Neuordnung der Verwaltung und Justiz sagen: Bald waren die Staatsfinanzen wieder geordnet, und ein hohes Maß an Rechtssicherheit konnte garantiert werden. Im Justizsystem wurden wichtige Reformen zumindest in ersten Schritten eingeleitet. Nach 1763 hatte sich für den friderizianischen Staat auch die außenpolitische Situation geändert: England zog sich aus seinen kontinentalen Verpflichtungen zurück, deren Kernstück das Bündnis mit Preußen gewesen war, und hatte bald alle Hände voll damit zu tun, mit seinen rebellierenden Kolonisten in Nordamerika fertig zu werden; als Rückhalt für Friedrich II. fiel es damit aus. Österreich und Preußen zwischen Russland und Frankreich
Österreich grollte nach wie vor, und Maria Theresia war außerstande, für den preußischen ›Landräuber‹ freundliche Gefühle aufzubringen; daran änderte auch das persönliche Faible des österreichischen Thronfolgers für den Preußenkönig nichts: das habsburgisch-bourbonische, also österreichisch-französische Bündnis blieb bestehen, ja es wurde durch die Heirat Marie Antoinettes, der hübschen, intelligenten, aber auch oft unüberlegten Tochter Maria Theresias mit dem Dauphin bestätigt, was nicht bedeutete, dass Frankreich nochmals bereit gewesen wäre, für Habsburg auf europäischen Schlachtfeldern zu bluten und vor allem zu zahlen! Vielmehr konzentrierte das Regime in Versailles seine letzten, deutlich schwindenden Kräfte darauf, an England, dem wirklichen Sieger des »Siebenjährigen Krieges«, Revanche zu nehmen, wozu die sich anbahnenden nordamerikanischen Verwicklungen eine Gelegenheit boten. Somit schied Frankreich in Europa sowohl als Gegner als auch als wirksamer Bündnispartner weitgehend aus. Im Osten Preußens jedoch, nur durch den schwachen polnischen Staat von ihm getrennt, galt es die östlichste europäische Großmacht zu beachten, das Russland Katharinas II., die Friedrich II. selbst an den Zarenhof lanciert hatte – und die Intentionen dieser Monarchin waren eindeutig auf Expansion fixiert. An erster Stelle der russischen Ziele stand Polen, und Friedrich II. war für die Annexion das schwerste Hindernis, was man in St. Petersburg nur zu gut wusste: Somit war Russland für Preußen kein verlässlicher Partner, obwohl seit 1764 ein Verteidigungsbündnis zwischen beiden Mächten bestand. Noch schlechter war das Verhältnis zwischen Petersburg und Wien -expandierte doch das Zarenreich seit Jahrzehnten langsam, aber stetig auch nach Südosten in Richtung Balkan, wo die Macht der Hohen Pforte, der Osmanen, dahinsiechte. Die russischen Herrscher, die sich als Oberhäupter der orthodoxen Staatskirche, als Erben von Byzanz und somit von Rom sahen, mussten bei jeder Expansion in Südosteuropa logischerweise die Ambitionen der Habsburger stören, deren politische Interessen in diesem Raum historisch und strategisch bedingt besonders stark waren. Schon tauchte auch am Horizont das »Meerengenproblem« (Besitz von Bosporus und Dardanellen) und damit die Frage eines russischen Eindringens in den Mittelmeerraum auf; dies aber musste langfristig England als expandierende maritime Weltmacht auf den Plan rufen. Mit anderen Worten: hier im europäischen Südosten begann sich in der potentiellen Erbmasse des türkischen Osmanenreiches ein gefährlicher Knoten zu schürzen: Russischer und österreichischer Imperialismus, die maritimen Interessen Englands, politisch gut ausbeutbare Befreiungswünsche der Balkanchristen und Griechen sowie der allmählich erwachende Nationalismus der Balkanvölker bereiteten jenes explosive Gemisch vor, das im 19. Jahrhundert schließlich die Ursache so mancher politischen Krise wurde und 1914 durch das Attentat von Sarajewo die Initialzündung zur Katastrophe des alten Europa im Ersten Weltkrieg lieferte. So pendelte Preußen in den sechziger Jahren zwischen Russland und Österreich – dem Alten von Sanssouci war klar, dass ein Krieg ihm selbst am wenigsten bringen könne; es musste also ein Ausgleich und die Beruhigung zwischen den Mächten gesucht werden – die Möglichkeit fand sich bald auf Kosten eines vierten! Österreich unter Joseph II.
Österreich, der andere deutsche Großstaat, entwickelte sich 1763 auf dem ihm vorgezeichneten Weg zum Vielvölkerstaat. Es wurde von zwei sehr begabten, ihrer Natur nach jedoch grundverschiedenen Persönlichkeiten regiert: von Maria Theresia, damals eine erfahrene Herrscherin und Landesmutter, und ihrem gescheiten, freilich nicht immer weisen Sohn Joseph, seit 1765 als »Römischer Kaiser« Joseph II. und Mitregent seiner Mutter. Maria Theresia regierte das Habsburgerreich mit Menschenkenntnis und Lebensklugheit, den neuen Ideen der europäischen Aufklärung zumindest partiell aufgeschlossen, solange die Belange der Religion und der Religiosität – für sie ein echtes Herzensbedürfnis – nicht tangiert wurden; sie war fest davon überzeugt, dass man organisch Gewachsenes zunächst beibehalten und erst dann, wenn unbedingt nötig, verbessern solle. Joseph II. dagegen war ein hochgebildeter, idealistischer Doktrinär, nach dessen Ansicht sich die Wirklichkeit nach der aufklärerischen Doktrin zu richten hatte. Als er 1780 nach dem Tod seiner Mutter im Alter von 40 Jahren Alleinherrscher wurde, hat er viel getan und trotz guter Absichten wenig bewirkt: Er war in mancher Hinsicht noch mehr als Friedrich II. ein Kind seiner Zeit, ohne aber die überlegene, oft freilich abgebrühte Weitläufigkeit und philosophische Bildung des Preußen zu besitzen. Noch ehrlicher als dieser, um nicht zu sagen, naiver, betrachtete er sich als erster Diener des Staates, von dem der Untertan erwarten durfte, dass ihm Gerechtigkeit und Wohlfahrt garantiert würden. Um dieser Ziele willen schienen Joseph II. nur zu oft auch Methoden gerechtfertigt, die durch ihre Auswirkungen die guten Absichten beeinträchtigten. Die größte Schwäche dieses Kaisers in Österreich war es, dass er nicht geduldig warten konnte, es nicht verstand, sich in kleinen Schritten voranzuarbeiten; alles hatte möglichst sofort und perfekt zu geschehen. Hinzu trat eine kaltherzige Vernünftelei, die sich oft in »Nützlichkeitsdenken« erschöpfte. So war sein Prinzip äußerster Sparsamkeit im Grunde sicher richtig, dass sich aber ein Monarch sehr ernsthaft damit abgab, wie viel Kerzen am Altar bei der Messe brennen durften, wirkte absurd, obwohl oder gerade weil Joseph II. ein gläubiger Katholik war. Viele eindeutig positive Reformen wie z. B. die Abschaffung der Leibeigenschaft – eine Tat, für die ihn die bäuerliche Bevölkerung tief verehrte -, die Emanzipation der Juden, die Bemühungen um Steuer- und Rechtsgleichheit oder die Errichtung eines modernen Gerichtswesens mit klaren Instanzenzügen wurden dank seiner negativen Charakterzüge im Bewusstsein vieler Zeitgenossen und Untertanen nicht als Fortschritt und Wohltat anerkannt, sondern erschienen in der Art, wie er sie durchsetzte, als Geistesprodukte eines kaltherzigen Autokraten. Als Joseph II. 1790 starb, waren die Gefühle sehr geteilt: die einen betrauerten ihn tief, viele andere waren erfreut, diesen »Volksbeglücker« los zu sein! Der »Baierische Erbfolgekrieg«
Neben Preußen und Österreich spielten die anderen deutschen Staaten meistens nicht einmal mehr die Rolle von Juniorpartnern: Sie waren vielfach nur »Spielmaterial« der Höfe von Potsdam und Wien. Das zeigte sich sehr deutlich, als am 30. Dezember 1777 die in Baiern regierende wittelsbachische Linie ausstarb und Wien diese Chance beim Schöpfe ergriff, um seine übrigens keineswegs überzeugenden Erbansprüche durchzusetzen. Mit dem präsumtiven wittelsbachischen Erben Karl Theodor war man bereits vorher handelseinig geworden, und schon im Januar 1778 wurde Baiern von österreichischen Truppen besetzt. Das Kurfürstentum, dessen Bevölkerung die österreichische Herrschaft strikt ablehnte, und auch die anderen deutschen Staaten hätten gegen diesen Coup nichts Ernsthaftes unternehmen können, hätte sich nicht Friedrich II. zum Schutzherrn der Reichsfürsten gemacht – freilich nicht aus Uneigennützlichkeit: ein Baiern in österreichischem Besitz hätte die Macht im Reich zu stark zu Wiens Gunsten verschoben! So ließ Friedrich II. Verhandlungen mit Wien bewusst scheitern, was ihm um so leichter fiel, als Frankreich und auch Russland in diesen deutschen Querelen Neutralität signalisiert hatten, und marschierte im Juli 1778 getreu seiner Devise, dass man, habe man sich einmal zum Krieg entschlossen, immer besser als erster zuschlage, in Böhmen ein. Dieser Einmarsch traf Wien wie ein Schock: Ein neuer Waffengang mit Preußen war so ziemlich das letzte, was man sich wünschte. Wien beschränkte sich nicht zuletzt aus dieser Überlegung heraus – und nicht ohne Erfolg – in Böhmen auf die Defensive. Schon bald erwies sich, dass die preußische Armee und ihr königlicher Führer nicht mehr dieselben waren wie 1757: Bereits im Herbst, als schwerer Nachschub- und Verpflegungsmangel die preußischen Truppen quälte und ihre Soldaten gezwungen waren, auf den Feldern die rohen Kartoffeln auszugraben, nahm Friedrich II. seine Truppen zurück – der sogenannte »Kartoffelkrieg« war zu Ende, aus dem sich bei all seiner Nebensächlichkeit einige wichtige Schlüsse ziehen lassen:
1. Gegenüber Preußen und Österreich gab es für den Rest der deutschen Staatenwelt kaum Bewegungsfreiheit mehr.
2. Preußens militärische Schlagkraft war nicht mehr auf der Höhe früherer Zeiten.
3. Selbst Österreich und Preußen konnten im Reich nicht so schalten und walten wie sie wollten, da sie letztlich doch auf Frankreich und Russland Rücksicht nehmen mussten.
4. Das System des »Westfälischen Friedens« von 1648 bestand nach wie vor; nur hatte längst Russland die Stelle Schwedens als Garantiemacht übernommen. In den Jahren 1780/81 erfolgte dann – wieder einmal – der für die Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts so charakteristische Allianzwechsel: Katharina II. paktierte mit Wien, da sich Joseph II. bereitgefunden hatte, der russischen Annexionspolitik gegenüber der Türkei zumindest im Moment nicht in den Arm zu fallen. Er erhoffte sich dadurch freie Hand gegenüber Preußen im Reich, denn der Erwerb Baierns lockte immer noch! Frankreich blieb gegenüber diesen Plänen jedoch reserviert, und in Deutschland bildete sich unter preußischer Patronage ein Fürstenbund, dessen mittlere und kleinere Mitglieder sich zusammenschlossen, um weiteren habsburgischen Ambitionen auf reichsfürstliche Besitzstände einen Riegel vorzuschieben. Die Ziele des Bundesprotektors Preußen gingen noch erheblich weiter. Potsdam brauchte diesen Bund als Ersatz für die verlorene russische Rückendeckung, an so etwas wie eine »deutsche Einigung« dachte man keineswegs. Ohne jede sachliche Berechtigung suggerierte sich in dieser Zeit das deutsche Bildungsbürgertum, der Träger des Nationalgedankens, dass Preußen und nicht Österreich der Motor oder Magnet einer solchen Einigung sein oder werden könnte – eine geradezu groteske Einschätzung der damaligen Ziele der preußischen Politik! Die »Erste Teilung Polens«
Das verheerende Schicksal Polens in dieser Zeit war, betrachtet man sie rein von der »politischen Mechanik« des Zeitalters her, ein Produkt der aus dem »Frieden von Hubertusburg« hervorgegangenen politischen Konstellation: Im Defensivbündnis von 1764 zwischen Russland und Preußen hatte Friedrich II. zugesagt, die Wahl von Stanislaw Poniatowski, dem verflossenen Hausfreund der Zarin Katharina II., zum polnischen König zu ermöglichen. Diese Wahl erfolgte dann auch mithilfe der »russischen Partei« im polnischen Reichstag am 7. September 1764. Doch war dieser hochkultivierte Adelige nicht die Marionette, wie sie die Zarin in Petersburg gewünscht hatte; vielmehr versuchte er, einmal gewählt, sich vom russischen Leitseil zu lösen und mithilfe der »Patriotenpartei« durch Verfassungsreformen den polnischen Staat aus der Rolle des Spielballs fremder Großmächte herauszuführen. Die vordringlichste Reformmaßnahme musste die Beseitigung des »Liberum Veto« (»Freies Veto«) im polnischen Reichstag, dem Sejm, sein. Dieses höchste Reichsgremium wurde von der hohen Geistlichkeit und den adeligen Magnatencliquen beherrscht, und seit 1505 konnte der König, welcher auch vom Reichstag gewählt wurde, nahezu nichts ohne die Billigung dieser Versammlung entscheiden. Die Beschlüsse des Sejm mussten praktisch einstimmig oder zumindest ohne Gegenstimme gefasst werden; legte irgendein Mitglied sein »Freies Veto« ein, kam es zu keinem Beschluss, zu keiner Wahl. Diese Bestimmung hatte für die Freiheit Polens und seiner Führung selbstmörderischen Charakter. Bedeutete sie doch letztlich eine Einladung ans Ausland, sich in die inneren Angelegenheiten dieser Adelsrepublik mit monarchischer Spitze einzumischen – man brauchte ja nur wenige Stimmen zu kaufen, um den gewünschten Einfluss zu erzielen und das Land nach Belieben in Anarchie oder Abhängigkeit zu stürzen, das alles natürlich unter dem Panier der verbrieften Freiheit des polnischen Adels! Außenpolitisch bedeutete das »Liberum Veto« für Polen ähnliches wie der »Westfälische Frieden« für Deutschland: Man sicherte dem Adel bzw. den Fürsten die Souveränität zu und lieferte auswärtigen Mächten einen ständigen Hebel zur Einmischung. Polen hatte dadurch im 18. Jahrhundert bereits viel von seiner staatlichen Souveränität verloren; Sachsen, Preußen und vor allem Russland benutzten das Land ungeniert als Aufmarsch- und Durchmarschgebiet. Als Stanislaw II. Poniatowski aus diesem Schema auszubrechen suchte, läuteten verständlicherweise in Berlin und Petersburg die Alarmglocken: 1767 schlossen Preußen und Russland einen Geheimvertrag, der beiden Mächten im Falle, dass Polen wider den Stachel löcke, polnische Gebiete zusagte. Als nun Russland und Österreich wieder einmal in balkanische Streitigkeiten verwickelt wurden, schaltete sich die preußische Diplomatie ein und brachte beide Mächte zum Einlenken: Russland und Österreich verzichteten auf Gebietsgewinn zulasten der Türkei und hielten sich an polnischem Territorium schadlos. Friedrich II. strich natürlich ebenfalls auf polnische Kosten eine ansehnliche ›Maklerprovision‹ ein: Der Teilungsvertrag vom 5. August 1772 übereignete der Zarin den Löwenanteil, nämlich ca. 95000 Quadratkilometer mit 2,1 Millionen Einwohnern, während sich Preußen mit ca. 37000 Quadratkilometern und etwa 580000 Einwohnern, darunter einem hohen Prozentsatz Deutscher, ›begnügte‹, damit aber die wertvolle und lang gewünschte Landverbindung zu Ostpreußen erhielt. Der juristische Deckmantel für diesen Raub lieferte am 30. September 1773 der polnische Sejm, als er den Vertrag guthieß; allerdings musste er zu diesem Zweck unter tatkräftiger ›Hilfe‹ der Großmächte neu zusammengestellt werden! Es sich den Wind um die Nase wehen ließen. Unter den Landesherren waren die verschiedensten ›Typen‹ vertreten – die Skala reichte hier von der großherzigen Maria Theresia, dem bei seinen eigenen Standesgenossen als ›liberal‹ verschrienen Markgrafen von Baden bis zu den Tyrannen vom Schlage eines Landgrafen von Hessen oder des Herzogs von Württemberg, unter dessen Regime so manche deutsche Geistesgröße das Staatsgefängnis auf dem Hohenasperg kennenlernte. Erste Teilung PolensUnglückliches Polen. Allegorische Darstellung der Zerstückelung Polens durch die Großmächte Russland (Zarin Katharina II.), Österreich (Kaiser Joseph II.) und Preußen (König Friedrich II.). Zeitgenössische Illustration. So fand in dem politischen Niemandsland, das Deutschland damals zu großen Teilen war, die Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution meist »im Saale« statt, den Studierstuben der Dichter und Gelehrten, den Hörsälen der Universitäten und den Debattierclubs der Gebildeten. Von einer rückhaltlosen Übernahme revolutionärer Ideen konnte keine Rede sein, und ein Ort, der wie Paris als politischer Hochofen und Brennglas hätte wirken können, war in Deutschland nicht vorhanden. Vielmehr entwickelten sich die vielen deutschen Zentren zu Hochburgen der europäischen Philosophie. Ganz anders Frankreich: Antoine Barnave, ein vielversprechender junger Jurist und führender Kopf des Dritten Standes aus der engen Umgebung Mirabeaus – gerade 32 Jahre alt, fiel er dem Jakobinerterror zum Opfer -, konnte in der ersten theoretischen Analyse dieser Revolution mit Fug und Recht die Ansicht vertreten, dass das »Ancien Regime«, das bisherige »Alte Regime«, in Frankreich jegliche Autorität verbraucht hatte, dass die öffentliche Meinung ein für den absoluten Staat tödlich negatives Gewicht gewonnen hatte und dass die Lektüre der jungen Generation nicht mehr Voltaire, sondern der in seinen Auswirkungen noch viel explosivere »Gesellschaftsvertrag« (»Contrat Sociale«) Rousseaus war. Auch in Deutschland wurde die Krise des Absolutismus von kleineren Gruppen wohl erkannt und diskutiert, deren Erkenntnisse schlugen jedoch nicht mit elementarer Breitenwirkung in den Massen durch; sicher, auch Rousseaus »Contrat Sociale« wurde z. B. in Mainz von einigen wenigen mit heißen Köpfen gelesen, doch zur Populärliteratur breiter Schichten des Bürgertums wurde er nicht, vielmehr waren große Teile desselben noch bereit, die führende Rolle des Adels prinzipiell anzuerkennen. Immerhin, auch in Deutschland stellte das im Vergleich mit Westeuropa immer noch viel schwächere Bürgertum den Kern der überzeugt-militanten Aufklärer und vernunftgläubigen Revolutionäre. In Süddeutschland, besonders in Baiern, organisierten sich diese Männer straff nach Art von Geheimorden (»Illuminaten« und »Rosenkreuzler«), wobei Juristen die eine, Ärzte vor allem die andere Gruppierung beherrschten. Der eintretende Ordensnovize musste u. a. schwören: »Ich gelobe auch ewiges Stillschweigen in unverbrüchlicher Treue und Gehorsam allen Oberen und Satzungen des Ordens. Ich tue auch hier treuliche Verzicht auf meine Privat-Einsicht[!] und Eigensinn [...].« Diese Geheimbünde Intellektueller waren erklärte Gegner des Absolutismus und betrieben dessen Abschaffung; im Gegensatz zu den Jakobinern Frankreichs setzten sie jedoch nicht auf die Entfesselung einer nationalen, elementar-revolutionären Grundwelle, sondern versuchten, das verhasste System von ihrem jeweiligen beruflichen Standort aus durch langsame, geduldige und verdeckte Arbeit zu unterminieren. Dabei wurden sie von der Überzeugung getragen, in ihrem Tun den ehernen, unausweichlichen Lauf der Geschichte als Werkzeuge einer höheren Vernunft zu vollziehen. Polizeimaßnahmen statt Reformen
Die herrschenden Häupter Deutschlands erkannten schon bald, welche Gefahr von diesen Orden ausging, und setzten sich mit Strafandrohungen und verschärften Polizeimaßnahmen zur Wehr. So drohte das kurbaierische »Illuminatenmandat« vom 16. August 1787 Mitgliedern und Sympathisanten dieses Ordens ohne Ansehen von Stand und Person Vermögenskonfiskation und Todesstrafe an. Wirksamer jedoch als die Polizeimaßnahmen der Obrigkeit waren die intellektuellen Gegner im eigenen Land: Diese nämlich griffen die Aufklärungsdoktrin, welche zudem in Deutschland und Österreich nur zu oft in dürren Akademismus entartet war, am neuralgischen Punkt an, der einseitigen Sicht des Menschen als ein nur vernunftgesteuertes bzw. -steuerbares Wesen! In der Literatur des individualistischen, den Elementargefühlen hingegebenen »Sturm und Drang« begann sich das Zeitalter der Romantik anzukündigen, das ganz anders empfand und das so viele zur Flucht aus der politischen Entscheidung verleitete. Außerdem wurde die revolutionäre Begeisterung der deutschen Liberalen schon bald nur allzu drastisch gedämpft, als die Macht der Straße Robespierre und seine terroristischen Freunde an die Spitze des Staates katapultierte – eine »Pöbelherrschaft« wollten weder die Liberalen der jungen USA noch Englands und auch nicht die Deutschlands! So trafen die Ideen der linksrheinischen Revolutionäre, die sich manchesmal auch nur als selbsternannte terroristische Heilsbringer entpuppten, nach anfänglicher Begeisterung keineswegs auf einen so aufnahmebereiten Boden, wie sie sich das erhofft hatten. Dazu kam noch ein für den Export der Revolution hinderlicher, speziell deutscher Umstand: die von vielen geradezu als Erleuchtung empfundene Entdeckung, dass Nation und Staat eine organische Einheit zu sein hätten. So passten vor allem die Eroberung alter deutscher Gebiete durch die Revolutionsheere und das Ideengut, das sie in ihren Tornistern mit sich brachten – sprich also: einerseits Expansion auch um des nationalen Prestiges willen und andererseits Freiheits- und Gleichheitsideale, in den Augen vieler Deutscher nicht so recht zusammen! Gestörtes Gleichgewicht der Kräfte
Die außenpolitische Situation Europas änderte sich freilich mit dem Jahr 1789 und der Französischen Revolution radikal. Frankreich fiel als kalkulierbarer, etablierter Partner zunächst einmal völlig aus den Planungen der europäischen Kabinette heraus. Österreich stand über Nacht ohne potentiellen Verbündeten da und musste sich so notgedrungen zunächst einer gewissen preußischen Vorherrschaft im Reich beugen. Doch auch Preußens Bäume wuchsen nicht in den Himmel. England, Preußens alter Bündnisgefährte, begann in der Tradition seiner Gleichgewichtspolitik die Bindungen zu Potsdam zu lockern. Die Tendenz zur Umorientierung seiner Außenpolitik wurde noch bestärkt, als die österreichischen Niederlande von der Revolutionsregierung in Paris annektiert zu werden drohten. Dies traf die Seemacht England an einem besonders empfindlichen Nerv, da seine europäische Gegenküste unter den Einfluss und in die Hand nur einer Großmacht fallen konnte. England hatte das schon einem Ludwig XIV. verwehrt und gedachte es auch jetzt zu tun. Mehr denn je brauchte aus dieser Logik heraus das Kabinett in London eine starke Habsburgermonarchie: als Gegengewicht zu Frankreich – aber auch als deutsches Gegengewicht zu Preußen und zugleich als Hemmschuh und Aufpasserin auf dem Balkan gegenüber den russischen Expansionsgelüsten: Petersburg durfte gegen die Türken auf dem Balkan nicht allzu erfolgreich sein, da sonst das Mittelmeer in russische Reichweite geraten konnte. In dieser an sich sehr labilen und unübersichtlichen Umstellungsphase der politischen Großwetterlage taktierte Preußen zunächst recht arrogant. In Berlin erkannte man offensichtlich nicht, dass man sich eine Haltung nach dem Motto »Der-Starke-ist-am-mächtigsten-allein« schon längst nicht mehr leisten konnte, da Voraussetzung eine schlagkräftige, gut organisierte Militärmacht gewesen wäre. Diese Zeit war aber längst vorüber und die überragende Machtposition spätestens mit dem großen Friedrich 1786 begraben worden. Konservative Koalition und der »Erste Koalitionskrieg«
Spätestens freilich nach der im Juni 1791 vereitelten Flucht König Ludwigs XVI. aus Frankreich war den europäischen Monarchien klar, dass man nun doch eine gemeinsame Haltung gegen die Revolution einnehmen musste. Unter diesem Zwang kam es am 27. August 1791 zu einer Konferenz der Herrscher Preußens und Österreichs, auf der beide Mächte offiziell erklärten, in Frankreich auf die Wiedererrichtung geordneter monarchischer Zustände hinwirken zu wollen (»Pillnitzer Deklaration«). Diese Deklaration wurde in Paris als grobe Einmischung in die inneren Verhältnisse der Nation empfunden und von der Regierung propagandistisch auch weidlich ausgeschlachtet. Die Revolutionsregierung hatte nun ein Mittel in der Hand, ihr durch die Umwälzungen tief gespaltenes Volk im Kampf gegen den ›alten Feind‹ Österreich wieder hinter sich zu bringen. Nach ultimativen Forderungen an den Wiener Hof erging am 20. April 1792 die französische Kriegserklärung an Österreich mit der Forderung nach den natürlichen Grenzen Frankreichs; im Osten was das aus französischer Sicht der Rhein! Dieser sogenannte »Erste Koalitionskrieg« begann für Frankreich unter scheinbar schlechten Voraussetzungen und bestärkte die Koalitionäre Österreich und Preußen in ihrer Unterschätzung des französischen Potentials. Um so mehr bedeutete der Kriegsausgang für beide deutsche Mächte eine große Blamage. Nach einem kurzen Vorstoß auf französischen Boden erleiden die Koalitionstruppen eine Serie von Niederlagen: angefangen bei Valmy bis Jemappes. Frankreich besetzt Speyer, Worms, Mainz, Frankfurt und vor allem die linksrheinischen Gebiete. Schließlich schlich sich im »Frieden von Basel« (5. April 1795) Preußen aus dem Krieg davon und ließ sich mit rechtsrheinischen und polnischen Gebietsgewinnen korrumpieren. 1797 musste dann auch Österreich im »Frieden von Campo Formio« allein gelassen die Segel streichen. Die österreichischen Niederlande und Venezien fielen an Frankreich, und auch Wien musste die preußische Abtretung linksrheinischer Gebiete an Frankreich sanktionieren. Beide Monarchien hatten nicht irgendeinen Kabinettskrieg verloren, sondern sich gründlich diskreditiert, ihr Renommee als etablierte Großmächte lädiert und der Revolution, die damals eigentlich schon vorbei war, außerhalb Frankreichs Auftrieb und Reputation gegeben. Als Beobachter der berühmten Kanonade von Valmy (20. September 1792), wo die Berufsheere Preußens und Österreichs zum ersten, freilich nicht zum letzten Mal vor einer zerlumpten, aber begeistert kämpfenden Revolutionsarmee das Hasenpanier ergriffen und bis Mainz liefen, konnte Goethe den Satz prägen: »Von hier und heute, meine Herren, geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus und ihr könnt behaupten, ihr seid dabeigewesen!« Das Ende des »Ancien Regime«
Der französische Bürger in Waffen wusste, wofür er kämpfte, während den ›Söldnern‹ auf der anderen Seite Kriegsziel und -zweck gleichgültig waren. Nicht ganz zu Unrecht kann man Valmy als Katastrophe für den Absolutismus bezeichnen, denn die Schlussfolgerung, welche aus diesem Ereignis zu ziehen ist, liegt auf der Hand: Das Zeitalter, in dem ein ganz kleiner Personenkreis – der Monarch und sein Kabinett oder, wie es in Frankreich gegen Ende des ›Ancien Regimes‹ sehr oft der Fall gewesen war, das Kabinett allein – souverän über Krieg und Frieden entscheiden konnten, ohne dabei auf das Denken der Untertanen Rücksicht nehmen zu müssen, war vorbei. Entscheidungen von großer Tragweite mussten nun von der öffentlichen Meinung und von einer diese überwölbenden bzw. auch manipulierenden Idee oder sogar Ideologie getragen werden. In England, wo das Parlament, hinter dem wiederum einflussreiche Wähler- und Interessengruppen standen, im 18. Jahrhundert bereits weitgehend über die Politik bzw. den sie bestimmenden Premier entschied, hatte sich diese Entwicklung bereits evolutionär Schritt für Schritt vollzogen, ohne dass es zu einem revolutionären Bruch in der Entwicklung des Landes gekommen wäre. Auf dem Kontinent verlief diese politische Phase anders: So bedurfte es in Frankreich einer blutigen Revolution, in Österreich und Preußen der Erschütterungen durch Campo Formio und Basel. Aber nicht einmal diese dramatischen Signale fruchteten viel; erst musste es noch schlimmer kommen, ehe sich überhaupt etwas bewegte, ehe Reformüberlegungen einsetzten; zu sehr war die noch herrschende absolutistische Staatsform fixiert. Was die Errungenschaften der Französischen Revolution auf dem Gebiet der politischen Mitbestimmung, der Beteiligung an der politischen Entscheidungsfindung betraf, so dauerte es auf dem europäischen Kontinent noch bis 1918, ehe man sich den 1789 gesetzten Fakten voll anpasste. Die Kriegsjahre bis 1797 ließen aus den neu erstandenen Volks- und Massenheeren Frankreichs eine Fülle militärischer Talente aufsprießen und im Sturmschritt die Karriereleiter erklimmen: Sie alle, ob sie nun Ney, Murat, Davout oder Soult hießen, hätten im nachfriderizianischen Heer Preußens ihre Karriere wohl als Sergeant beendet, unter dem Größten ihresgleichen, dem korsischen Advokatensohn Napoleon Bonaparte, erreichten sie oft als Schwäger deutscher Fürstengeschlechter aus blauestem Blute die höchsten Militär- und Adelsränge! Die »Zweite und Dritte Polnische Teilung«
Das nationale Unglück der »Ersten Polnischen Teilung« war selbst für die teilweise korrumpierten polnischen Führungsschichten ein tiefer Schock gewesen. Um so mehr war man nun zu Reformen bereit, die dem Land seine Handlungsfähigkeit und Freiheit zurückgeben sollten; einen Hemmschuh bildete allerdings nach wie vor die aktiv tätige »Adelspartei«, die starr und egoistisch auf ihren alten Freiheiten und Privilegien beharrte und besonders am Zarenhof permanent gegen die Reformbestrebungen (Abschaffung des »Liberum Veto«, Einführung einer konstanten Zentralgewalt) intrigierte. Eine entscheidende Wendung zum Besseren schienen dann die Jahre 1787-1790 zu bringen: Die Teilungsmächte waren zerstritten und Preußen begann nun ein hinterhältiges politisches Spiel mit der Patriotenpartei Polens: Im Auftrag seiner Regierung in Potsdam nährte der preußische Gesandte, Lucchesini, die Hoffnungen der polnischen Reformer, unter dem Schutz preußischer Waffen aus dem russischen Würgegriff herauszukommen, ja am 23. März 1790 kam sogar ein Vertrag zwischen Polen und Preußen zustande, welcher preußische Waffenhilfe garantierte. In vertrauensvoller Hoffnung darauf beschloss der polnische Reichstag in einer Überraschungsaktion am 3. Mai 1791 eine Verfassung – übrigens die erste geschriebene Europas -, die u. a. das Erbkönigtum einführte, jene schädlichen Adelsbündnisse und das »Liberum Veto« verbot sowie das polnische Staatsgebiet für unantastbar erklärte. Diese Reformen bedeuteten einen Schlag ins Gesicht Russlands, dessen Zarin Katharina II. es keineswegs zulassen wollte und auch nicht konnte, dass hier am exponierten Westrand der russischen Einflusssphäre ein Staatswesen entstand, welches das krasse Gegenbeispiel zum moskowitischen Despotismus, auch zum gut getünchten zaristischen Autokratismus darstellte; historische Parallelen aus der jüngsten Geschichte drängen sich auf! In Petersburg war man fest entschlossen, diesen Gefahrenherd möglichst schnell auszuräumen. Die Gelegenheit dazu ergab sich schnell: Nachdem sich Preußen und Österreich gegen Frankreich verbündet hatten, Preußen seinerseits aus dem polnischen Bündnis von 1790, das jetzt nichts mehr einbrachte, wieder ausgetreten war und nachdem auch die balkanischen Streitigkeiten zwischen Russland und Österreich wieder einmal beigelegt waren, hatte Katharina II. gegen Polen freie Bahn. Sofort fand sich auch eine polnische Adelsclique, die zur Verteidigung der »Alten Freiheiten« ausgerechnet ein russisches Heer ins Land rief. In diese Aktionen mischte sich auch Preußen ein und schloss am 23. Januar 1793 mit Russland einen neuen Teilungsvertrag. Das erklärte Ziel dieses perfiden Abkommens war, Polen nun so zu amputieren, dass eine erneute Erholung unmöglich war. Österreich verzichtete bei dieser Teilung auf Landgewinn, ließ sich dafür aber seine baierischen Ansprüche in allerdings recht einseitiger Weise – Preußen war nicht einverstanden – verbriefen. Unter dem Druck russischer Bajonette ratifizierte der polnische Reichstag am 23. September 1793 den Vertrag, der viele polnische Patrioten ins Exil trieb. Polen war jetzt nur mehr der Torso eines Staates, sein bevölkerungsmäßiger Schwerpunkt lag von nun an auf preußischem bzw. österreichischem Staatsgebiet. Als Folge der Vergewaltigung brach am 24. März 1794 unter Führung von Tadeusz Kosciuszko, der sich bereits im amerikanischen Freiheitskrieg ausgezeichnet hatte, trotz der aussichtslosen Lage ein letzter polnischer Aufstand aus. Nach einigen blutig erkauften Anfangserfolgen wurde das polnische Milizheer durch russisch-preußische Streitkräfte in die Zange genommen und vernichtet. Polen wurde nun ganz besetzt und als Staat von der Landkarte getilgt; ein neuer Teilungsvertrag war fällig. Nach längerem Feilschen wurde am 24. Oktober 1795 die dritte Teilung beschlossen. Preußen erhielt weitere Gebiete mit einer Million Einwohnern samt Warschau, welches Katharina II. als zu verwestlicht verschmähte, Österreich arrondierte seinen” südpolnisch-galizischen Besitz, Russland steckte einen Teil ein, der das Doppelte der preußisch-österreichischen Annexionen ausmachte und frei von »jakobinisch« verseuchten Städten war; diese musste Preußen ›schlucken‹. Erste, Zweite und Dritte Polnische Teilung Der »Zweite Koalitionskrieg« und der »Friede von Luneville«
Während Frankreichs neuer militärischer Stern, Napoleon Bonaparte, fern von Europa in Ägypten der Schimäre eines französischen Orient-Imperiums nachjagte, gelang es Englands Premier William Pitt d. J., aus Österreich, Russland, England eine neue, zweite Koalition zu schmieden. Preußen, das nach wie vor eine egoistisch-kurzsichtige »Interessenpolitik« verfolgte, blieb dem Bündnis fern, dessen natürliches Ziel es war, den Frieden von Campo Formio zu revidieren und die französische Vormacht auf dem Kontinent zu beschneiden. Napoleon Bonaparte (französisch: Napoléon Bonaparte) Solange Napoleon nicht in Europa weilte, gelangen der Koalition im sogenannten »Zweiten Koalitionskrieg« (1799-1802) ansehnliche militärische Erfolge: Norditalien und Süddeutschland wurden Frankreich entrissen, Englands Flotte beherrschte schon seit Nelsons Sieg 1798 bei Abukir wieder das Mittelmeer, das zeitweise durch die französische Besetzung Maltas gefährdet schien, und blockierte Frankreichs Küsten und Häfen auch am Atlantik. Doch im November 1799 kehrte Napoleon ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten zurück, und das Jahr 1800 brachte für Österreich und Russland nur noch Rückschläge, wozu noch bündnisinterne Zerwürfnisse – besonders zwischen England und Russland – kamen. So mussten Österreich und das Reich 1801 den »Frieden von Luneville« schließen, der nicht nur die Ergebnisse von Campo Formio festschrieb, sondern auch für die innere Reichsstruktur den massivsten Umbruch seit 1648 einleitete. Der Rhein wurde jetzt endgültig zur durchgehenden Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, und so verlor eine ganze Reihe deutscher Staaten linksrheinische Besitzungen und verlangte nun Entschädigung auf dem rechten Rheinufer. Reichsdeputationshauptschluss: Das alte Reich zerbricht
Die große Frage war, nach welchem Konzept entschädigt werden sollte, wer überhaupt ein solches Konzept entwerfen sollte. Österreich und Preußen konnten und wollten dies nicht übernehmen – das gegenseitige Verhältnis war damals einfach zu schlecht. Blieb nur Frankreich, das als Siegermacht auch die nötigen rechtsrheinischen Faustpfänder besaß, – und Russland, das eine gewisse Patronatsrolle über die betroffenen Staaten nur allzu gern übernahm: Die entscheidende Rolle in dieser Sache fiel also ausländischen Mächten zu: Besonders die französische Diplomatie, deren genialer wie skrupelloser Chef, Außenminister Talleyrand (* 1754, † 1838), bei dieser Gelegenheit nicht zum ersten und letzten Mal riesige Schmiergelder einsteckte, handelte nach einem klaren Plan: Wie schon unter Richelieu (* 1585, † 1642) und Mazarin (* 1602, † 1661) im Jahre 1648 durfte das Reich nie zu einer Gefahr für Frankreich werden. Den beiden deutschen Großstaaten sollte eine weitere Staatengruppe innerhalb des Reiches zugesellt werden, die, da allein zu schwach, Frankreich verpflichtet und auf dessen Schutz angewiesen war. Als Kern dieser dritten Gruppierung fungierten in diesem russisch-französischen Entwurf Baiern, Baden, Württemberg, Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Mainz, Nassau, Hannover und Oldenburg. Als Entschädigungsmasse waren sämtliche geistlichen Fürstentümer außer eben Mainz, sodann die meisten Reichsstädte und die Territorien einer Vielzahl reichsunmittelbarer kleiner Grafen und Herren vorgesehen. Schnell trat in Regensburg ein Ausschuss der wichtigsten und mächtigsten Reichsstände zur Beratung dieser Frage zusammen, ohne jedoch noch Entscheidendes an diesem in Paris und in Petersburg ausgedachten Plan ändern zu können – oder auch zu wollen, denn gerade unter den in Regensburg tagenden Reichsspitzen war der Appetit auf »Neuerwerbungen« groß und erleichterte den Regierungen in Petersburg und Paris ihr Vorhaben erheblich. Im November 1802 nahm dieser Reichstagsausschuss das vorgelegte Konzept an und im Frühjahr 1803 akzeptierten Reichstag und Kaiser die Entscheidung als »Reichsdeputationshauptschluss«. Er besagte:
1. Die Reichsverfassung, wie sie seit der »Goldenen Bulle« von 1356 und dem »Westfälischen Frieden« von 1648 bestand, verlor ihre Gültigkeit. Das Kurkollegium hatte nun eine protestantische Mehrheit, weil die Kuren der geistlichen Fürstentümer Trier und Köln weggefallen waren und dafür meist protestantische Staaten nachrückten: Baden, Württemberg, Hessen-Kassel und Salzburg.
2. Der ›Segen‹ von 1803 verteilte sich sehr ungleichmäßig und hatte oft keineswegs den Charakter einer Entschädigung; besonders die ›Großen‹ wie Preußen und Baiern, aber auch noch manch anderer machte einen glänzenden Schnitt, da man für die territorialen Verluste oft das Drei- und Vierfache an »Kompensationen« einstrich – und zwar meist wohl gepflegte, reiche Kirchenterritorien wie z. B. Baiern im Falle der Hochstifte Würzburg und Bamberg.
3. Das Jahr 1803 bedeutete einen herben Verlust kultureller Substanz. Die Übernahme des Kirchenbesitzes durch die Fürstentümer und Städte, die sogenannte »Säkularisation«, vollzog sich oft unter überstürzten, ja chaotischen und leider nicht selten barbarischen Begleitumständen; so mancher arrogante, dabei aber bei allem Aufklärertum kleinkarierte Geist unter Ministern und Beamten konnte nun sein Mütchen an der ›mittelalterlichen‹ Kirche kühlen und zeigen, dass er seinen Voltaire gelesen, freilich wohl nicht immer ganz verstanden hatte. Wertvollste Kunstwerke und historische Bausubstanz verdarben, wurden als Ensemble oft auseinandergerissen und in alle Welt verschleudert, viele Kostbarkeiten aus Klosterbibliotheken verschwanden einfach als Makulatur oder fanden ihre Bestimmung beim Ausbessern der Schlaglöcher in den (erbärmlichen) Straßen. Bis heute bleibt dies eine Kulturschande erster Ordnung!
4. Ohne dass Frankreich und Russland dies freilich beabsichtigt hätten, brachten die »Säkularisation« und der »Reichsdeputationshauptschluss« doch zwei eindeutig positive Folgen:
a) Die Zahl der deutschen Klein- und Mittelstaaten wurde stark vermindert; die übriggebliebenen waren größer und ökonomisch leistungs- und lebensfähiger – ein an der Schwelle des Industriezeitalters nicht zu verachtender Aspekt und Voraussetzung einer späteren deutschen Einigung.
b) Die »Säkularisation« war für die katholische Kirche eine schmerzhafte, für den Eintritt ins 19. Jahrhundert jedoch notwendige Operation, die sie vom Ballast weltlicher Macht, adelig-feudaler Vorrechte und Denkweisen befreite; letzteres gilt vor allem für ihre Personalstruktur. Reichsdeputationshauptschluss 1803 Auflösung des Reiches 1806 Die Expansion Frankreichs machte inzwischen unaufhaltsame Fortschritte; in Deutschland wird Hannover französisch und in Italien der ganze reiche Norden des Landes. Im Dezember 1804 krönte sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen, Frankreich wurde Kaiserreich unter Napoleon I. Der Wiener Hof antwortete darauf mit der Proklamation des Römischen Kaisers Franz II. zum österreichischen Kaiser Franz I. Inzwischen hatte der scheinbar nicht aufzuhaltende französische Aufstieg England aus einer misstrauischen Reserve, die es seit dem trügerischen »Frieden von Amiens« (1802, Ende des »Zweiten Koalitionskrieges« zwischen England und Frankreich) gewahrt hatte, herausgeführt: 1805 kam es vor allem durch die Regierung in Westminster, die unbeirrbar an der traditionellen Gleichgewichtspolitik festhielt, zu einer neuen, dritten Koalition offensiven Charakters gegen Frankreich; wiederum gehört ihr neben Russland auch Österreich, aber diesmal auch Schweden an. Wiens Beitritt war in Österreich selbst nicht unumstritten, da einflussreiche Kreise um den Erzherzog Karl, Habsburgs besten Militär und den reformfreudigen Grafen Stadion die finanzielle Lage des Landes mit Recht als viel zu schwach erachteten, um jetzt schon wieder gegen Frankreich unter Napoleon, der dem Zenit seines militärischen Ruhms zustrebte, anzutreten. Hinzu kam, dass Preußen wiederum neutral blieb. Seit 1795 war dieser Staat zweifellos zumindest kurzfristig ein Nutznießer der weltpolitischen Entwicklung gewesen: sowohl im Osten als auch im Westen, in Westfalen und im späteren Industriegürtel an der Ruhr hatte Preußen große territoriale Zugewinne einstreichen können um den Preis allerdings einer weitgehenden politischen Isolation, welche es als nächstes französisches Opfer geradezu prädestinierte! »Dritter Koalitionskrieg« und »Dreikaiserschlacht«
Der »Dritte Koalitionskrieg« von 1805 endete schnell: Am 17. Oktober 1805 erlitt die österreichische Armee, wie eigentlich zu erwarten, bei Ulm eine totale Niederlage, ihre Generalität zeigte sich der napoleonischen Strategie und Taktik in keiner Weise gewachsen! 25000 Österreicher gerieten in Gefangenschaft, auch Wien wurde kurz darauf vom Feind besetzt, Napoleon nahm Residenz in Schönbrunn. Österreichs Armee hatte teilweise hoffnungslose Schwächen gezeigt; manche hohe Kommandoposten waren mit Offizieren besetzt, die aus bereits jahrelangem Ruhestand abkommandiert, alt und verkalkt waren. Eine dieser militärischen ›Mumien‹ war Generalleutnant Fürst Auersperg, der einen wichtigen Donau-Übergang bei Wien zu decken hatte. Seinen dort kommandierenden Offizieren gab er so lasche, schlampige Instruktionen und kümmerte sich selbst so wenig um seine Aufgabe, dass die französischen Marschälle Lannes und Murat am 13. November 1805 die österreichische Brückenwache buchstäblich durch einen listigen Wortschwall einwickeln konnten. So fiel dieser Übergang, der das Aufmarschgebiet der Russen unter Kutusov und der restlichen österreichischen Armee in Mähren beherrschte, praktisch nur unter Einsatz des Mundwerks! Am 2. Dezember 1805 stellte sich die alliierte Armee unter Zar Alexander und Franz I. von Österreich bei Austerlitz Kaiser Napoleon zur Entscheidungsschlacht, die als »Dreikaiserschlacht« in die Geschichte einging. Trotz numerischer Überlegenheit und großer Bravour der russischen Infanterie und der österreichischen Kavallerie errang das militärische Genie des Korsen den glänzendsten Sieg seiner Laufbahn. Am 12. Dezember 1805 schloss Preußen in verhängnisvoller Verkennung seiner Lage und Möglichkeiten mit Frankreich einen Vertrag, in dem Napoleon in weitblickender Berechnung Preußen das englische Hannover als ›Giftköder‹ vorwarf und Berlin so wirksam von einer möglichen englischen Unterstützung abschnitt. Reformansätze in Preußen
Preußen hatte die ›ruhige‹ Zeit zwischen 1795 und 1805 für seine innere Entwicklung nur unzureichend genutzt; zwar war der seit 1797 regierende Friedrich Wilhelm III. ein Mann guter Vorsätze und guten Willens, er war bereit, für sich als Monarchen aus der Französischen Revolution gewisse positive Schlüsse zu ziehen, war aber keineswegs in der Lage, seine vage schwankenden Erkenntnisse konsequent in die Tat umzusetzen. In der Armee sah es ähnlich aus: Hier arbeitete seit 1801 der preußische General Gerhard Johann David von Scharnhorst (* 1755, † 1813) unter dem Motto »Jeder Bürger ist der geborene Verteidiger des Staates« an Neuerungen in Strategie, Taktik und Offiziersausbildung, konnte aber gegen die verkrustete Generalshierarchie nicht viel bewegen. Trotz überragender Leistungen im Geistesleben -die Klassik stand auf ihrem Höhepunkt, die Romantik am Anfang -blieb Preußen als Staat einer rückwärtsgewandten Lethargie verhaftet, hatte an der Staatsspitze höchstens Mittelmäßigkeit zu bieten und geriet so in den Sturm des Jahres 1806. Schwaches Österreich Süddeutsche Könige von Napoleons Gnaden
Im »Frieden von Preßburg« (25. Dezember 1805) schied Österreich aus dem »Dritten Koalitionskrieg« aus, das Land war am Ende. Es verlor Venetien, Istrien, Dalmatien an Italien, trat Tirol und Voralberg an Baiern und seine restlichen Bodenseebesitzungen, ehemals Stammlande der Habsburger, an Württemberg ab. Als ›Ausgleich‹ gewann er Salzburg. Baiern und Württemberg sahen sich, nicht gerade gegen ihren Willen, zu Königreichen von Napoleons Gnaden befördert und durch Heiraten in den Familienclan des Empereurs miteinbezogen. Der Zank, welcher nun zwischen den süddeutschen Staaten um diverse Gebietsfetzen anhob, gab Frankreich immer wieder Gelegenheit als schlichtender »Patron« einzugreifen. Der nächste, logische Schritt der französischen Deutschlandpolitik bestand im Ausbau der »Konzeption von Lunéville«: Am 16. Juli 1806 unterzeichneten 16 süddeutsche Staaten in Paris den »Rhein-Bundvertrag« und traten offiziell aus dem Reichsverbund aus. Schwerpunkt dieses Sonderbundes, der sich ausdrücklich zu Frankreich als Schutzherrn bekannte, waren Württemberg und Baiern; bis 1811 stieg die Zahl der Mitglieder auf 36. Es war der »cordon sanitaire«, die »Sicherheitszone« Frankreichs nach Osten. Das alte »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« war schon damit nicht mehr existent, und Napoleon verweigerte ihm offiziell am 1. August 1806 die diplomatische Anerkennung; unverblümt verlangte der Kaiser der Franzosen von Kaiser Franz I. von Österreich die Abdankung als Reichsoberhaupt, das er als deutscher Kaiser ja bisher noch war. Franz schickte sich in die Situation und entsagte am 6. August 1806 der Krone Karls des Großen. Damit fand die mehr als tausendjährige Reichsgeschichte ein klägliches, aber konsequentes Ende. Die Niederlage Preußens
Ohne dass man das in Berlin zunächst realisierte, war nun auch das Schicksal Preußens besiegelt: Nahezu ohne Partner – es bestand nur mit Russland ein Defensivbündnis -, in Deutschland durch seine egoistische Politik unbeliebt und durch die Gründung des Rheinbundes auch politisch isoliert, ergingen sich viele naive preußische Militärs trotzdem in einer völlig unbegründeten Selbstüberschätzung. Voll trügerischer Siegeszuversicht erklärte Preußen, der wegen Verletzung seines ansbachischen Territoriums durch französische Truppen, Napoleon gegen Ende September 1806 den Krieg; in diesem sollte seine Generalität, welche die Situation nie überblickte, einige ganz neue und fatale Erfahrungen machen: Bereits am 8. Oktober 1806 begann der französische Vormarsch aus den oberfränkischen Bereitstellungsräumen in Richtung Berlin. In wenigen raschen Bewegungen und Operationen gelang es Napoleon, die preußischen Corps zu überflügeln bzw. voneinander zu isolieren; am 14. Oktober wurde in einer doppelten Aktion Preußens Armee bei Jena von Napoleon persönlich und bei Auerstedt von Marschall Davout vollkommen geschlagen. Am Abend dieses Tages verfügte Preußen über keine organisierten Streitkräfte mehr – für einen Staat, der in und mit seiner Armee lebte, eine existenzbedrohende Situation! Jena 1806Untergang der preußischen Armee in der Schlacht bei Jena am 14.10.1806. Farbdruck der Zeit. Leipzig, Völkerschlachtmuseum. Wieder hatte sich die Stärke Napoleons gezeigt: Eine klare Konzeption wurde ohne Verzögerung ausgeführt, wobei für Improvisation und Berücksichtigung der momentanen Situation durchaus Raum blieb. Auf der Gegenseite hatte man immer noch nach der Art der »mathematischen« Rokokokriegführung kunstvoll, aber schwerfällig herummanövriert, den Sieg am grünen Tisch berechnet und dann im Gelände bei ›unberechenbarem‹ Verhalten des Gegners verloren! Rasch besetzten die Franzosen Berlin, dessen Stadtkommandant den Einwohnern nichts anderes zu raten hatte als: »Der König hat eine Bataille verloren. Ruhe ist nun die erste Bürgerpflicht!« Napoleon in BerlinBerlin in der Hand Napoleons. Zwei Wochen nach seinem überragenden Sieg über die Preußen bei Jena und Auerstedt konnte Napoleon schon in Berlin einziehen. Zeichnung: L. Wolf. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Berlin - NapoleonDemütigung. Napoleon, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Königin Luise und Konstantin Pawlowitsch, Bruder Nikolaus I. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt musste der preußische Königshof nach Königsberg und Memel flüchten, in der Hoffnung den Krieg gegen Napoleon weiterführen zu können, um so »um Gottes Willen nur keinen schändlichen Frieden« annehmen zu müssen, wie Königin Luise dem König schrieb. Aber nach neun Monaten weiteren Krieges in Ostpreußen mit russischer Unterstützung zerrann auch die letzte Hoffnung. Das demütigende Treffen Königin Luises mit Napoleon in Tilsit 1807 brachte keine milderen Friedensbedingungen, verklärte aber das Bild der Königin, deren persönlicher Einsatz und Mut bis heute Bewunderung verdient. Inzwischen floh der preußische Hof nach Königsberg in Ostpreußen. Napoleon selbst zog am 27. Oktober 1806 in Berlin ein und befahl von dort aus die »Kontinentalsperre«, welche Europas Küsten dem englischen Handel verschloss bzw. dies tun sollte, die französischen, besonders aber die holländischen und deutschen Seestädte in große wirtschaftliche Not und Napoleon schließlich in das Verderben des russischen Abenteuers führte. Andererseits gab die nun fehlende Einfuhr von »Kolonialwaren« und industriellen Fertigprodukten aus England der französischen und der nun auch in Deutschland entstehenden Industrie einen kräftigen Impuls oder – wie man heute sagen würde – einen Innovationsstoß! Napoleons Kontinentalsperre gegen EnglandFolgen der Kontinentalsperre gegen England. Verbrennen importierter englischer Manufakturware in Frankfurt/M. im Jahr 1810. Zeitgenössische Darstellung. Endlich im Spätherbst 1806 war Russland zur Stelle und kam gegenüber dem geschlagenen Preußen seinen Bündnisverpflichtungen nach. Am 7./8. Februar 1807 prallte Napoleon mit dem russischen Heer, das wirkungsvoll von einem preußischen Kontingent unter Scharnhorst unterstützt wurde, bei Preußisch-Eylau zusammen. Nach einem der schlimmsten Gemetzel der ganzen napoleonischen Kriege trennte man sich unentschieden. In einem weiteren Treffen bei Friedland (14. Juni 1807) wetzte Napoleon die Scharte wieder aus, indem er die Russen vernichtend schlug. Anlass für Zar Alexander I., eilends in Friedensverhandlungen einzutreten. Am 25. Juni 1807 trafen sich beide Kaiser in spektakulärer Weise auf einem Floß, das mitten im preußisch-russischen Grenzfluss Njemen verankert war. Die Unterredung, in der man gegenseitig nicht mit Komplimenten sparte, verlief für beide Seiten auch in der Sache zufriedenstellend. Der Korse brauchte Russland als Verbündeten in seinem »Kontinentalsperrensystem« gegen England, der Zar fürchtete für seine Stellung als Herrscher, falls er weiter auf der Verliererseite blieb. Das Resultat dieses Treffens war der »Friede von Tilsit« (7. Juli 1807), ein für Russland günstiger, für Preußen, mit dem Napoleon in derselben Stadt am 9. Juli 1807 Frieden schloss, aber verheerender Abschluss des Krieges: Frankreich zwang dem Hohenzollernstaat einen Diktatfrieden auf, und nur die nachdrückliche Intervention des Zaren rettete Preußens staatliche Existenz. Mehr ließ sich Napoleon trotz der kniefälligen Bitten der preußischen Königin Luise nicht abringen: Preußen sah sich auf seine Kernprovinzen Brandenburg, Ostpreußen, Pommern und Schlesien reduziert, alle linkselbischen, niederrheinischen und westfälischen Gebiete sowie alle polnischen Teilungsgewinne musste es abtreten. Aus den westdeutschen Besitzungen schneiderte Napoleon seinem jüngsten Bruder Jérôme, dem »König Lustik«, ein Königreich Westfalen mit allerdings nur kurzer Lebensdauer. Im verbliebenen »Rumpfpreußen« blieben weiter französische Garnisonen stationiert, deren Abzug von der Entrichtung einer in der Höhe unbestimmter Kriegsentschädigung abhing; fast überflüssig zu erwähnen, dass Preußen natürlich der »Kontinentalsperre« beitreten musste. So schied Preußen, nun ein Staat ohne echte Souveränität, schneller aus der Reihe der Großmächte aus, als es einst in diese hineingekommen war! Neugliederung Süddeutschlands 1800-1806/1810/1815 Deutschland unter napoleonischer Herrschaft
Als Ergebnis der Entwicklung bis 1806/07 waren sämtliche linksrheinische Gebiete zu Teilen Frankreichs, zu Departements, geworden und wurden nach französischem Recht verwaltet: in Mainz, Koblenz, Aachen und Trier saßen nun französische Präfekten. Die alten Herrschaftsverhältnisse wurden völlig beseitigt, freilich nur für so kurze Zeit, dass eine regelrechte Französisierung nicht stattfinden konnte. Napoleon als KarikaturNapoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Napoleon ›verschaukelt‹ die europäischen Großmächte, in der Karikatur vertreten durch den russischen Zaren, Wellington, den Kaiser von Österreich, Friedrich Wilhelm III von Preußen und Ludwig XVIII. Zeitgenössische kolorierte Radierung. Paris, Bibliothèque Nationale. Differenzierter war die Lage im »Rheinbund«, dessen Dynasten durch oft sehr devot und eilfertig geschlossene Familienbindungen mit den Napoleoniden verschwägert waren. Wenn auch die Rhein-Bundstaaten der vollen staatlichen Souveränität entbehrten – Frankreich ließ hier besonders außenpolitisch nicht mit sich spaßen -, so kam es doch in diesen Ländern zu tiefgreifenden und keineswegs nur durch Frankreich erzwungenen Wandlungen: ein Paradebeispiel dafür ist Baiern, dessen Haltung gegenüber Frankreich von der deutsch-nationalen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hart als opportunistisch, ja würdelos gegeißelt wurde, jedoch, wie man heute die Sache sieht, nicht nur den politischen Sachzwängen, sondern auch dem Wunsch der gesamten Bevölkerung entsprach. Besonders die Bauern fürchteten nach wie vor die österreichischen Annexionsgelüste, mit denen sie das ganze 18. Jahrhundert über böse Erfahrungen gemacht hatten. Preußen bot schon vor 1806 keinen Rückhalt, sondern sah Baierns Anlehnung an Frankreich durchaus mit Verständnis: das Berliner Kabinett hatte nicht die Absicht, für die süddeutschen Staaten gegenüber Frankreich den Beschützer zu spielen. Baiern – Auf dem Weg zum modernen Staat
Die Arrondierung des baierischen Staatsgebietes, für Württemberg und Baden gilt dasselbe, brachte für den inneren Landesausbau große Chancen. Wie der Historiker Benno Hubensteiner bemerkt, ermöglichte die »große Flurbereinigung« von 1805/06 den Aufbau eines Staates mit modernen Strukturen, nämlich einer nun klar gegliederten Beamtenhierarchie mit eigenem, einheitlichem Dienstrecht und einer aus fünf Fachministerien bestehenden Regierung. Das Gewirr der vielen Klein- und Kleinstterritorien – alle, versteht sich, mit eigenen Gerechtsamen, Privilegien und voller kleinkarierter Kirchturminteressen – wurde durch Maximilian Joseph Graf von Montgelas (* 1759, † 1838), den konsequent denkenden Rationalisten und Premierminister des jungen Königreiches, in kürzester Zeit beseitigt; die Rechtspflege erhielt einen durchschaubaren Instanzenzug, und die Landesverwaltung wurde auf eine einheitliche, den heutigen Regierungsbezirken schon stark ähnelnde zentrale Grundlage gestellt. Ebenso wurde die Finanzverwaltung total reformiert; die Privatschatulle und auch die privaten Schulden des Monarchen wurden säuberlich vom staatlichen Fiskus getrennt. Der Staat wurde so zu einer unabhängigen, von der Person des jeweiligen Monarchen weitgehend unabhängigen Institution. Gleichzeitig änderte sich die Rechtsstellung der Untertanen: Wohl gab es noch keine verbriefte politische Mitsprache, wohl aber seit 1808 Gleichheit vor dem Gesetz, das unabhängige Richter und Gerichte auslegten und den Bürger so vor dem willkürlichen Zugriff der Staatsgewalt in den meisten Fällen schützte. Ein modernes, humanes Strafgericht hielt ebenfalls seinen Einzug, es war nach den Maximen des Strafrechtslehrers Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach (* 1775, † 1833) gestaltet. Die Steuerprivilegien und damit die einseitige Belastung der Bauern und Bürger fielen, der Staatsdienst öffnete sich für alle Geeigneten. Die Diskriminierung anderer Konfessionen, vor allem der Protestanten und der Juden, wurde zumindest in der Gesetzgebung beseitigt, es gab eine staatliche Brandversicherung und Pockenschutzimpfung als freilich noch sehr vage Vorläufer eines der fernen Zukunft vorbehaltenen Sozialstaatsprinzips. In die gleichen Jahre fällt auch die Begründung eines staatlichen, gegliederten Schulsystems. Diese ausgedehnte Reformtätigkeit hatte natürlich ihren Preis: Viel durch Jahrhunderte hindurch Gewachsenes wurde brutal und vernünftig-unvernünftig beseitigt, unter dem Strich aber blieb doch ein bleibender Gewinn. Reformen in Preußen
Die Katastrophe Preußens von 1806/07 war militärisch und politisch total, aber im Kern doch nicht vollkommen. Der Zusammenbruch des nachfriderizianischen Staates schuf nämlich freie, besser freiere Bahn für Männer, die schon lange wussten, dass es in den alten Geleisen nicht mehr weiterging, was nun freilich gar nicht hieß, dass die vielen eingefleischten Reaktionäre in Landadel und Armee ihre Ansichten geändert hätten; aber diese Leute mussten im Moment stille sein, da ihnen das Gesetz des Handelns entglitten war und sie nichts Konstruktives anzubieten hatten. An der Spitze der Reformer, die jetzt für eine kurze Spanne ans Ruder kamen, stehen die überragenden Gestalten des Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein (* 1757, † 1831), seit 1780 Jurist im höheren Verwaltungsdienst Preußens und des Generals Gerhard Johann David Scharnhorsts (* 1755, † 1813), wie Stein ein »deutscher Ausländer« und, was damals eine Ausnahme war, als Bürgerlicher von Jugend an zum Militärdienst erzogen; um ihn scharte sich eine Anzahl jüngerer Offiziere: August Graf Neidhardt von Gneisenau (* 1760, † 1831), Carl von Clausewitz (* 1770, † 1831), Hermann von Boyen (* 1771, † 1848). Stein wurde zum Motor der politisch-gesellschaftlichen, Scharnhorst der militärischen Reformbewegung. Beide wollten – und das hebt sie über einen Mann wie Montgelas weit hinaus – nicht nur den Apparat effizienter, kostengünstiger machen, vielmehr zielten sie auf eine Änderung des Bewusstseins in der Bevölkerung: Aus Untertanen sollten patriotische Bürger, aus dem in dumpfem Kadavergehorsam gehaltenen Berufssoldaten ein leistungs- und opferbereiter, von innen heraus motivierter »Bürger in Waffen« werden, der für mehr als seinen kärglichen Sold seine Haut zu Markte trug! Stein wie Scharnhorst hatten, wie unschwer zu erkennen, die guten und wertvollen Seiten der Französischen Revolution erkannt und versuchten ohne missionierenden, weltfremd-verstiegenen Idealismus für ihr Land das Beste herauszudestillieren. König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840), mitnichten ein Intellektueller, noch weniger aber ein Mann der Tat, stand den geistigen Motiven der Reformer instinktiv ablehnend gegenüber, berief diese aber dennoch in leitende Positionen, da sogar ihm bewusst war, dass etwas zu geschehen hatte. »Bauernbefreiung« und »Städteordnungen«
Die Ernennung Steins zum Ersten Minister datierte vom 30. September 1807, und seinem Temperament entsprechend verlor der Reichsritter als nun fast allmächtiger Minister keine Zeit: Am 9. Oktober 1807 trat ein Dekret in Kraft, welches die Erbuntertänigkeit der Bauern aufhob, sie zu Besitzern auf eigenem Grund und Boden machte sowie die freie Verkäuflichkeit des Grundbesitzes herstellte. Der Bauer musste von nun an seinen Grundherrn nicht mehr um Heiratserlaubnis bitten und eventuell für deren gnädige Gewährung noch zahlen oder seine Arbeitskraft unentgeltlich dem Gutsbesitzer zur Verfügung stellen; er konnte seine Hofstelle auch an einen Bürgerlichen verkaufen und anderswo sein Glück versuchen. Das bedeutete Selbstverantwortlichkeit und Freiheit, auch mit dem Risiko, ohne Gängelband und »Netz« zu scheitern. Am 19. November 1808 trat die neue Städteordnung in Kraft, welche den Städten die Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten und ihren Bürgern das vom Vermögen abhängende Kommunalwahlrecht bescherte. Beide Reformen hatten den gleichen Grundgedanken: Persönliche Freiheit, Selbstverwaltung und Vermögensbildung sollten den Bürger an den Staat binden, der ihm diese Rechte garantierte und schützte. Nicht erzwungener Minimalgehorsam, sondern aus Überzeugung gespeiste Loyalität und Vaterlandsliebe waren die Erziehungsziele! Mit seiner Städteordnung wurde Stein zum Vater der modernen kommunalen Selbstverwaltung in Deutschland, die bis heute im Gegensatz z. B. zu Frankreich ein lebenswichtiger Bestandteil unserer politischen Ordnung geblieben ist. Diese Maßnahmen wurden begleitet von einer großangelegten Verwaltungsreform. Noch 1807 hatte die offizielle preußische Staatsbezeichnung »Alle seiner königlichen Majestät Provinzen und Lande« gelautet, was nichts anderes bedeutete, als dass genau wie in den süddeutschen Staaten trotz allem Absolutismus große Unterschiede bei der Verwaltung und Behandlung der einzelnen Territorien bestanden. Damit räumte der gelernte Verwaltungsjurist nun auf; an die Stelle vieler konkurrierender Behörden trat das schon bekannte »klassische« Kabinett mit den fünf Fachressorts Äußeres, Inneres, Finanzen, Justiz und Krieg, denen ihrerseits einheitlich organisierte Bezirksregierungen unterstanden, in denen alle mittleren und unteren Verwaltungszweige von der Polizei bis zur Schule zusammenliefen. Diese Reform zielte in erster Linie auf Effizienz und Sparsamkeit, und so gab es auch eine große Pensionierungswelle, als die Steinsche ›Drohnensäuberung‹ anhub, welche die sowieso nicht allzu große Zahl der Freunde des Ministers keineswegs vergrößerte. Seine großen Lebensmotive »Selbstverwaltung« und »Bürgerbeteiligung« konnte er bei der Verwaltungsreform freilich nicht durchsetzen. Adelsopposition – Helfer Napoleons
Es ist verständlich, dass dieser alles umstülpende Minister z. T. auf schärfste Opposition vonseiten des Adels stieß: Man nannte ihn dort oft geradezu einen »Landesverderber«, einen Initiator ausländischer, für Preußen völlig ungeeigneter Modelle und einen Handlanger bürgerlicher Bodenspekulanten. So war es für diese Kreise ein ausgesprochener Freudentag, als der König den Reichsfreiherrn auf ultimatives Drängen Frankreichs hin am 24. November 1808 entließ; ein Brief Steins, der seine konspirative antifranzösische Tätigkeit belegte, war den französischen Abwehrbehörden in die Hände gefallen bzw. vielleicht sogar von innenpolitischen Gegnern Steins in die Hände gespielt worden. Schon vorher, am 8. Oktober 1808, hatte Friedrich Wilhelm III. gegen Steins härtesten Widerstand den preußisch-französischen Vertrag, der Preußen zum Verbündeten Napoleons gegen Österreich machte, besiegelt. Es geschah dies auf dem berühmt-berüchtigten Erfurter Fürstenkongress, wo Kaiser Napoleon im vollen Glanze seiner imperialen Macht nahezu alle deutschen Fürstlichkeiten zu seinem Thron zitierte, damit sie ihm dort willig als glänzende Staffage dienten, während ihre Minister und Kabinettsräte insbesondere beim französischen Außenminister und auch bei anderen Größen des napoleonischen Hofes sich die kaiserlichen Türklinken aus der Hand rissen und um kleiner Vorteile und Landfetzen willen die weiten Taschen der kaiserlichen Würdenträger, allen voran Talleyrand, mit Goldfüchsen füllten. So verwundert es nicht weiter, dass Stein zuerst von Napoleon, später auch von seinem eigenen König geächtet wurde und nach Österreich unter die Obhut Stadions und von dort an den Zarenhof fliehen musste. Steins Reformwerk in Preußen war damit nicht tot, doch hatte es viel von seinem Schwung eingebüßt; der Nachfolger im Amt, Karl August Reichsfreiherr von Hardenberg (* 1750, † 1822), und auch Scharnhorst arbeiteten zwar weiter, doch war Hardenberg in erster Linie Diplomat, und die Fortsetzung der Reformen war für ihn mehr Mittel zum Zweck, Preußens Machtstellung wiederherzustellen und Napoleon zu verjagen. Bürgerbewusstsein, Patriotismus, Selbstverwaltung betrachtete er als Schlagworte unter dem Gesichtspunkt einer momentanen Opportunität, persönlich schätzte er diese Maximen wohl nicht besonders. Immerhin kam es in den Jahren 1810/12 auch zu einer Reihe wichtiger Wirtschaftsreformen: Abschaffung des Zunftzwanges, Einführung der Gewerbefreiheit, mehr gleichmäßig greifende Steuern, wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Juden. Es ging – alles in allem betrachtet – um die Kombination von Rechtsgleichheit und marktwirtschaftlicher Konkurrenz, die jetzt allerdings auch die zwar befreiten, aber kapitalschwachen, ebenso den Unbilden des Marktes ungeschützt ausgesetzten Bauern traf. Text der Zeit: Edikt, den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner betreffend
Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen usw. usw. Tun kund und fügen hiermit zu wissen: Nach eingetretenem Frieden hat uns die Vorsorge für den gesunkenen Wohlstand Unserer getreuen Untertanen, dessen baldigste Wiederherstellung und möglichste Erhöhung vor allem beschäftigt. Wir haben hierbei erwogen, dass es bei der allgemeinen Not die uns zu Gebot stehenden Mittel übersteige, jedem Einzelnen Hilfe zu verschaffen, ohne den Zweck erfüllen zu können, und dass es eben sowohl den unerlässlichen Forderungen der Gerechtigkeit, als den Grundsätzen einer wohlgeordneten Staatswirtschaft gemäß sei, alles zu entfernen, was den Einzelnen bisher hinderte, den Wohlstand zu erlangen, den er nach dem Maß seiner Kräfte zu erreichen fähig war. Wir haben ferner erwogen, dass die vorhandenen Beschränkungen teils in Besitz und Genuss des Grundeigentums, teils in den persönlichen Verhältnissen des Landarbeiters unserer wohlwollenden Absicht vorzüglich entgegenwirken und der Wiederherstellung der Kultur eine große Kraft seiner Tätigkeit entziehen, jene, indem sie auf den Wert des Grundeigentums und den Kredit des Grundbesitzers einen höchst schädlichen Einfluss haben, diese, indem sie den Wert der Arbeit verringern. Wir wollen daher beides auf diejenigen Schranken zurückführen, welche das gemeinsame Wohl nötig macht, und verordnen daher folgendes:
§ 1. Jeder Einwohner Unserer Staaten ist, ohne alle Einschränkung in Beziehung auf den Staat, zum eigentümlichen und Pfandbesitz unbeweglicher Grundstücke aller Art berechtigt, der Edelmann also zum Besitz nicht bloß adeliger, sondern auch unadeliger, bürgerlicher und auch bäuerlicher Güter aller Art, und der Bürger und Bauer zum Besitz nicht bloß bürgerlicher, bäuerlicher und anderer unadeliger, sondern auch adeliger Grundstücke, ohne dass der eine oder der andere zu irgendeinem Gütererwerb einer besonderen Erlaubnis bedarf wenngleich, nach wie vor, jede Besitzveränderung den Behörden angezeigt werden muss. Alle Vorzüge, welche bei Gütererbschaften der adelige vor dem bürgerlichen Erben hatte, und die bisher durch den persönlichen Stand des Besitzers begründete Einschränkung und Suspension gewisser gutsherrlicher Rechte fallen gänzlich weg. [...]
§ 2. Jeder Edelmann ist ohne allen Nachteil seines Standes befugt, bürgerlich Gewerbe zu betreiben; und jeder Bürger oder Bauer ist berechtigt, aus dem Bauer- in den Bürger- und aus dem Bürger- in den Bauernstand zu treten.
§ 3. [...]
§ 4. [...]
§ 5. [...]
§ 6. Wenn ein Gutsbesitzer meint, die auf einem Gute vorhandenen einzeln Bauernhöfe oder ländlichen Besitzungen, welche nicht erblich, erbpacht- oder erbzinsweise ausgetan sind, nicht wieder herstellen oder erhalten zu können, so ist er verpflichtet, sich deshalb bei der Kammer der Provinz zu melden, mit deren Zustimmung die Zusammenziehung, sowohl mehrerer Höfe in Eine bäuerliche Besitzung, als mit Vorwerksgrundstücken gestattet werden soll, sobald auf dem Gute keine Erbuntertänigkeit mehr stattfindet. [...]
§ 7. Werden die Bauernhöfe aber erblich, erbpacht- oder erbzinsweise besessen, so muss, bevor von deren Einziehung oder einer Veränderung in Absicht der dazugehörigen Grundstücke die Rede sein kann, zuerst das Recht des bisherigen Besitzers, sei es durch Veräußerung desselben an die Gutsherrschaft, oder auf einem anderen gesetzlichen Wege, erloschen sein. [...]
§ 8. [...]
§ 9. [...]
§ 10. Nach dem Datum dieser Verordnung entsteht fernerhin kein Untertänigkeitsverhältnis, weder durch Geburt, noch durch Heirat, noch durch Übernehmung einer untertänigen Stelle, noch durch Vertrag.
§ 11. Mit der Publikation der gegenwärtigen Verordnung hört das bisherige Untertänigkeitsverhältnis derjenigen Untertanen und ihrer Weiber und Kinder, welche ihre Bauergüter erblich oder eigentümlich oder erbzinsweise oder erbrechtlich besitzen, wechselseitig gänzlich auf.
§ 12. Mit dem Martini-Tage Eintausendachthundertundzehn hört alle Gutsuntertänigkeit in Unserer sämtlichen Staaten auf. Nach dem Martinitag 1810 gibt es nur freie Leute – so wie solches auf den Domänen in allen unseren Provinzen schon der Fall ist – bei denen aber, wie sich von selbst versteht, alle Verbindlichkeiten, die ihnen als freien Leuten vermöge des Besitzes eines Grundstückes, oder vermöge eines besonderen Vertrages obliegen, in Kraft bleiben.

Edikt Friedrich Wilhelms III. zur »Bauernbefreiung« vom 9. Oktober 1807 Der »Bürger in Uniform«
Anders Scharnhorst: Obwohl er von ganz ähnlichen Denkmodellen wie Stein ausging, konnte er sich doch bis zu seinem Tode 1813 der Wertschätzung seines Monarchen erfreuen. Nach Jena wurde ihm die Leitung einer Militärkommission übertragen mit dem Auftrag, die Grundlagen einer neuen preußischen Armee zu erarbeiten; dabei zielte Scharnhorst von vornherein darauf ab, die strenge Trennung zwischen Staatsvolk und Heer, wie sie für den friderizianischen Staat so charakteristisch gewesen war, aufzuheben und der militärischen Macht Ziele zu stecken, die über das rein Professionelle hinausreichten – kurz, es ging um einen »Bürger in Uniform«, der sich als Mitinhaber des staatlichen Gewaltmonopols innerhalb der allgemeinen Wehrpflicht mit seinem Staat identifizierte! Scharnhorst und seinen Helfern war auch klar, dass ein so verhältnismäßig armes Land wie Preußen seine Stellung als Großmacht mit einer immer teurer werdenden Berufsarmee nie und nimmer werde behaupten können. Die aus solchen Überlegungen resultierende allgemeine Wehrpflicht, in ihrer modernen Ausprägung ein Kind der Französischen Revolution, war den preußischen Konservativen natürlich suspekt, war doch ein Grundpfeiler des absolutistischen Staates bedroht, der weder einen Bürger in Waffen und noch weniger einen Bürgerlichen als Offizier kannte bzw. zuließ. Beides setzte Scharnhorst nun durch: Am 3. August 1808 öffnete ein königlicher Erlass Nichtadeligen den Zugang zum Offiziersberuf, schaffte alle entwürdigenden und brutalen Körperstrafen wie Prügel und Spießrutenlaufen ab und verpflichtete »jeden Untertan des Staates ohne Rücksicht auf die Geburt, Militärdienst zu leisten«. Hohe militärische Führer wie der spätere Marschall Gebhard Leberecht von Blücher (* 1742, † 1819), selbst beileibe kein Intellektueller, aber mit Gespür für die Erfordernisse der Zeit begabt, begrüßten diesen Durchbruch, der die Möglichkeit eröffnete, die breite Masse der Bevölkerung zum Kampf gegen Frankreich heranzuziehen, und, wie Blücher meinte, eine »Nationalarmee« zu begründen, welche als moderne Massenarmee den Massenheeren Napoleons die Stirn bieten konnte und sollte. Diese »stehende Nationalarmee« war von Scharnhorst als die »Schule der Nation« gedacht, die jeder männliche Bürger einmal durchlaufen haben sollte (im 19. Jahrhundert wurde dies in Preußen verwirklicht, freilich nicht im Scharnhorstschen Geist!). Gebhard Leberecht von Blücher»Marschall Vorwärts« Gebhard Leberecht Blücher, Oberbefehlshaber der Schlesischen Armee, Sieger von Katzbach, Leipzig und Waterloo über Napoleon. Stich von F. W. Bollinger nach einem Gemälde von Frank d. J. Die Reaktion Napoleons, der zu diesem Zeitpunkt eine erneute Erhebung Österreichs und unabsehbare kriegerische Verwicklungen in Spanien befürchten musste, zeigte, wie sehr die Reformer auf dem rechten Weg waren: Noch im November wurde Preußen eine Heeresverminderung auf 42000 Mann aufgezwungen und jegliche Reservenbildung verboten. Scharnhorst, Gneisenau und Blücher wurden vom französischen Geheimdienst immer schärfer observiert, und 1809 musste Gneisenau, 1810 Scharnhorst seine offizielle Tätigkeit in und für Preußens Armee beenden; mit geheimer Deckung Friedrich Wilhelms III. blieben sie aber weiter tätig, wobei Gneisenau die etwas zwielichtige Rolle eines halbgeheimen und vierteloffiziellen preußischen Agenten an den Höfen von London, Stockholm und Petersburg spielen musste. Reformen in Österreich – Karl von Stadion
Auch in Österreich hatte 1805 die zivile und militärische Führung in peinlicher Weise versagt – und auch hier holte man in der Stunde der Not einen Nichtösterreicher ans Staatsruder, den deutschen Reichsritter Johann Philipp Graf Karl von Stadion (* 1763, † 1824), der 1794 voll Überdruss den Dienst unterm Doppeladler quittiert hatte. Die Situation, der sich Stadion gegenübersah, war jedoch anders als in Preußen: der Staat war zwar bankrott – nichts ganz Neues für Österreich -jedoch standen feindliche Besatzungstruppen nicht im Land, Reformen konnten so von Frankreich nicht direkt behindert werden. Andererseits war Österreich ein Nationalitätenstaat, allein zusammengehalten durch eine uralte Dynastie. »Selbstverwaltung und Bürgerbeteiligung« konnten hier gefährliche Kräfte der Auflösung entfesseln, sodass Stadion erheblich vorsichtiger taktieren musste. So strebte er zuerst einmal eine Verwaltungsreform und die Beseitigung der schlimmsten Korruption und Ineffizienz an, entfachte das Feuer des Patriotismus und Nationalbewusstseins und konzipierte eine Heeresreform, die erheblich weiter als die preußische ging: Hier wiederum konnte man in Österreich großzügiger sein, da Armee nicht gleich Staat war! Dieses neue Heer sollte das Kampfinstrument sein, um Österreich wieder zur Großmacht zu erheben. Erzherzog Karl war das Gegenstück zu Scharnhorst, wie dieser lange durch das höfische Intrigengestrüpp gehindert. Jetzt, nach den Katastrophen von Ulm und Austerlitz, konnte er sich, gedeckt von Stadion, durchsetzen. Der 9. Juni 1808 brachte die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Begründung einer als Miliz organisierten allgemeinen Landwehr. Diese übte am Sonntagvormittag nach dem Gottesdienst, war eine reine Territorialverteidigungsgruppe und sollte auch Reservistenreservoir für die aktive Linienarmee sein. Die Erhebung Österreichs
Die von Stadion selbst tatkräftig geförderte nationale Propaganda überzog nicht nur Österreich, sondern den ganzen deutschen Raum, wo sich das Nationalgefühl besonders unter Bürgern und Studenten kräftig regte. Die Geschehnisse in Spanien – seit 1808 erhoben sich die Spanier gegen die französischen Eindringlinge und brachten ihnen schwere Niederlagen bei, die schließlich, mit Unterstützung Englands 1813/14 sogar zum Sieg über Napoleon führen sollten – waren hier ein wirksames Argument, welches untermauern konnte, dass selbst ein militärischer Gigant wie Napoleon durch die Erhebung eines ganzen Volkes in erhebliche Schwierigkeiten gebracht werden konnte. Freilich musste Stadion nur allzu bald erfahren, dass nationale Begeisterung breiter Massen und dementsprechendes Handeln der Regierungen in Mittel- und Osteuropa noch immer durchaus zweierlei waren. Als Österreich 1809 in der Hoffnung, außer England auch noch Preußen und Russland als Verbündete zu haben, losschlug, wobei die Idee des Volkskrieges im Aufstand der Tiroler unter Andreas Hofer (* 1767, † 1810) in beispielhafter Weise verwirklicht wurde, stand es allein; außer lokalen Aufständen blieb der deutsche Hinterhof Frankreichs ruhig. Preußen wollte nur mit russischer Unterstützung und sozusagen garantiertem Erfolg mitmachen, obwohl seine patriotisch gesinnten Offiziere an den Rand der Meuterei gerieten, so wie Major Ferdinand von Schill (* 1776, † 1809) tatsächlich meuterten oder in größerer Zahl unter Protest ihren Abschied nahmen; Blücher, damals Generalleutnant, dachte ernsthaft daran, in englische Dienste zu treten, und verfiel in solche wahnhaften Depressionen, dass er sich einbildete, mit einem Elefanten schwanger zu sein! Russland jedoch rührte sich nicht, weil es 1808 in Erfurt mit Napoleon zu sehr vorteilhaften Abschlüssen gekommen war. So musste die Erhebung Österreichs mit einem erneuten Desaster enden: Napoleon eilte aus Spanien herbei, warf die Österreicher aus Baiern heraus und schlug sie dann am 5./6. Juni 1809 bei Wagram -ein Achtungserfolg des Erzherzogs Karl vorher bei Aspern (21./22. Mai 1809) änderte am Ergebnis nichts. 1809 - Erhebung Österreichs Alte Diplomatie in neuem Gewand: Metternich
Obwohl die neue österreichische Armee sich teilweise überraschend gut geschlagen hatte, musste Wien um Frieden nachsuchen, der am 14. Oktober 1809 in Schönbrunn abgeschlossen wurde: Das politische Schicksal Stadions war besiegelt, der neue Mann hieß Klemens Wenzel Lothar Graf von Metternich (* 1773, † 1859), wie Hardenberg von Einstellung und Ausbildung ein Berufsdiplomat. Seine Devise hieß zunächst einmal Zeitgewinn – und Zeit brauchte Österreich jetzt vor allem. Metternich kannte als vormaliger Botschafter in Paris die Stärken und besonders die Schwächen des napoleonischen Reiches genau – und er dachte über den Zeitpunkt hinaus, an dem Napoleon stürzte, ja nach Metternichs Berechnungen stürzen musste. Dann brauchte Europa Frieden, und diesen konnte in Metternichs Augen nur die altüberkommene Gleichgewichts- und Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts garantieren, nicht aber ein revolutionäres, nach politischer Mitbestimmung und nationaler Einheit strebendes Bürgertum. Mit anderen Worten: ein Sieg über Napoleon durch Wege und Mittel, wie sie Stadion und Stein zu gehen bereit waren, bedeutete für Metternich letzthin den Sieg der Französischen Revolution auf deutschem Boden, darin inbegriffen das Ende Österreichs. Den tragischen Schlusspunkt unter die österreichisch-deutsche Erhebung von 1809 setzten die Tiroler: ohne jegliche Unterstützung setzten sie auch nach dem »Frieden von Schönbrunn« den Aufstand gegen Frankreich und die in französischen Diensten stehende, verhasste baierische Besatzungsmacht fort. Nach schweren Kämpfen, in denen die Gebirgsbauern ihr heimatliches Gelände meisterlich nutzten, wurde der Aufstand niedergeworfen. Für Andreas Hofer fand sich ein einheimischer Verräter; so endete der Sandwirt aus dem Passeiertal am 20. Februar 1810 vor einem Erschießungspeloton in der Festung Mantua. Die »Befreiungskriege«
Nach dem Schönbrunner Frieden schien Napoleons Stellung unerschütterlich, ja gefestigter denn je – gehörte doch zum Friedenspreis die Hand einer echten österreichischen Erzherzogin, welche als Gemahlin des Empereurs auch alsbald den sehnlichst erwünschten Thronerben gebar und so die Dynastiegründung des ›Parvenus aus Ajaccio‹ sicherzustellen schien – aber auch Österreichs prekäre Existenz garantierte. Doch gab es in dieser glänzenden Fassade einige blinde Flecken: Frankreich genoss zwar nach wie vor die »Glorie«, welche ihm der Kaiser reichlich erwarb, schmückte sich mit Kriegsbeute aus ganz Europa und erfreute sich der erpressten Milliarden, war aber andererseits des beständigen Aderlasses an seiner Jugend auf den Schlachtfeldern zwischen dem Guadalquivir und den Seen Ostpreußens müde. Auch gelang es Napoleon nicht, das Feuer des spanischen Aufstandes auszutreten, vielmehr erwies sich die Iberische Halbinsel immer mehr als ein Divisionen und Millionen verschlingendes Fass ohne Boden, wozu die Engländer unter Wellington immer erfolgreicher beitrugen. Seit dieser bemerkenswerte Offizier von Portugal her auf spanischem Boden erschienen war, reichte es ihm nicht mehr aus, französische Marschälle auf diesen »Nebenkriegsschauplatz« zu entsenden, nur mehr Napoleon selbst konnte dort das Schlimmste verhindern. Drittens: England blieb nach wie vor unbesiegt und Napoleons einziges direktes Kampfmittel gegen die Insel, die »Kontinentalsperre«, ruinierte Frankreichs Verbündete mehr als England, zumal die Sperre lückenhaft blieb und nicht voll zum Tragen kam. Peinlicherweise klaffte das größte Loch in diesem eisernen, besser: gusseisernen Handelsvorhang in Russland, das Napoleon ja nicht ohne Grund recht pfleglich behandelte, obwohl es aus inneren Wirtschaftskrisen die »Kontinentalsperre« nicht mehr einhielt. Die Jahre 1810/11, in denen der spanische Aufstand mit englischer Unterstützung immer weiter um sich griff, zwang den Kaiser schließlich, Russland doch immer stärker unter Druck zu setzen, die »Kontinentalsperre« durchzuführen. Russland widersetzte sich, und im Frühjahr 1812 wurde sichtbar, dass der Bruch zwischen Paris und Petersburg unvermeidlich war. Der Krieg begann. Die Lage Preußens und Österreichs in dieser Situation war schwierig, die Preußens noch dazu demütigend: Zur »Großen Armee«, der bisher größten Armee in der Geschichte, die, über 400 000 Mann stark, gegen die russische Grenze vorrückte, musste es nicht nur die Hälfte seines regulären Heeres als Hilfscorps abstellen, sondern auch noch sein eigenes Territorium als Aufmarsch-, Durchmarsch- und Nachschubgebiet preisgeben (Österreich stellte nur ein verhältnismäßig selbstständig operierendes Heereskontingent). AschaffenburgVasallen Napoleons. Karl Theodor von Dalberg, Reichsfürst und Fürstprimas des Rheinbundes, begrüßt vor Aschaffenburg Napoleon. Tableau von Bourgeois und Debret, 1812. Paris Musée Nationale. Trotz oder gerade deshalb hörten Hardenberg wie Metternich, als abgebrühte Berufsdiplomaten verwandte Seelen, nicht auf, gegen Frankreich zu konspirieren, auch stand man in Verbindung mit England und dem Hof in Petersburg, wo seit 1811 Scharnhorst, Clausewitz und nicht zuletzt der Freiherr vom Stein in russischen Diensten für Preußen wirkten. Metternich wie Hardenberg waren entschlossen, zunächst mit Napoleon in einer Art von Erfüllungs-, ja Beschwichtigungspolitik zu paktieren und auf eine günstige Gelegenheit – geduldiger als Stein und Stadion – zu warten. Preußen erhebt sich – Die »Konvention von Tauroggen«
Diese Gelegenheit bot sich, nachdem die »Große Armee« im Juni 1812 den Njemen überschritten, bei Smolensk und Borodino russische Armeen vernichtend geschlagen hatte und Moskau schon bald erreichte. Ohne Quartier im niedergebrannten winterlichen Moskau, ohne Nachschub, blieb den Franzosen nur der überstürzte Rückzug, verfolgt von den beweglichen russischen Einheiten. Als die traurigen Reste der »Grande Armée« als halbverhungerte Schemen mit Kosaken auf den Fersen in Polen und Preußen auftauchten, gärte es im preußischen Heer nun allenthalben – Blücher saß in Breslau und bombardierte seinen Monarchen mit Briefen, in denen er in oft recht unbotmäßigem Ton zum Losschlagen aufforderte. Jedoch erfolgte der erste Schritt zu einer neuen Koalition gegen Frankreich im Baltikum; dort stand das preußische Hilfskontingent unter General Ludwig von Yorck, einem im Grunde jeder Reform abgeneigten Offizier alter, reaktionärer Schule, russischen Kontingenten unter General Diebitsch, bis 1801 in preußischen Diensten, gegenüber. In Diebitsch’ Hauptquartier befand sich Clausewitz, hinter dem wieder Stein zusammen mit dem russischen Kanzler Nesselrode in Petersburg stand. Diese Männer spannen bald über die in Winterskälte erstarrten Fronten hinweg feine, im Grunde hochverräterische Fäden zu Offizieren in Yorcks Stab mit dem Ergebnis, dass Yorck sich immer mehr unter Druck gesetzt sah, dem französischen Oberkommando und damit auch freilich seinem Monarchen, damals zweifelsfrei einem Alliierten Frankreichs, Valet zu sagen und nach der Schamfrist eines Waffenstillstandes seine Truppen auf die russische Seite zu führen. Yorck widersetzte sich diesen hochverräterischen Plänen zunächst entschieden, brüllte und tobte, unterschrieb aber dann doch am 30. Dezember 1812 in der Mühle von Poscherun jene berühmte »Konvention von Tauroggen«, nach deren Buchstaben das preußische Kontingent aus dem Krieg gegen Russland ausschied, de facto jedoch sich auf Russlands Seite schlug. Freikorps, Landsturm, Volksarmee.Erhebung des Volkes gegen Napoleon: Freikorps, Landsturm, Volksarmee. Lützower Jäger (Theodor Körner, Friesen, Hartmann) auf Vorposten. Gemälde von G. F. Kersting. Berlin, Nationalgalerie. Der preußische König geriet jetzt in einen schwierigen Zugzwang: auf der einen Seite drängten Offizierscorps, Armee und Volk in seltener, geradezu einmaliger Einmütigkeit, für Preußen Yorcks Schritt nachzuvollziehen – ein schwieriges Unterfangen, denn noch immer standen über 80000 Mann französischer Truppen im Land, und Napoleon war zwar schwer angeschlagen, aber noch lange nicht geschlagen. Auf der anderen Seite bot zwar Russland sofort und unverhohlen ein Bündnis gegen Frankreich an, Metternich in Wien jedoch lavierte undurchsichtig und raffiniert mit dem Ziel, das Gewicht Österreichs erst dann in die Waagschale zu werfen, wenn der dafür zu erzielende politische Preis am höchsten war. Friedrich Wilhelm III. blieb so nichts anderes übrig, als sich weiter im politischen Seiltanz zu üben, Yorcks Vorgehen zwar zu missbilligen, jedoch nichts Entscheidendes zu unternehmen. Am 13. Januar 1813 erklärte Yorck in einem Brief an seinen Monarchen, dass er nun entschlossen sei, im nationalen Interesse an Russlands Seite zu kämpfen; er wisse wohl, dass der König innerlich mit ihm übereinstimme, dies aber nicht zeigen könne. Nun begann auch der König vorsichtig die russische Karte zu spielen; am 12. Februar 1813 billigte er schriftlich, aber noch geheim Yorcks Handlungsweise. Text der Zeit
Die Verwundeten nach der Völkerschlacht 1813 Bericht Professor Reils

Ich kam am 25. Oktober früh in Halle an, fand diesen von allen Seiten gepressten Ort mit mehr als 7000 Kranken überladen, und noch strömten immer neue vom Schlachtfelde bei Leipzig zu. [...] Ich ordnete für die Verwundeten an, was in diesem Augenblick das Dringendste war, fand jeden Einwohner bereit, meine Vorschläge zur Hilfe der Unglücklichen ins Werk zu richten, und eilte dann Leipzig zu, um dessen Lazaretten, die wie ein Vulkan ihre Kranken nach allen Richtungen ausspieen, und alle guten Anordnungen in ihren Umgebungen wieder vernichteten, eine zweckmäßige Ableitung zu verschaffen. Auf dem Weg dahin begegnete mir ein ununterbrochener Zug von Verwundeten, die wie Kälber auf Schubkarren, ohne Strohpolster, zusammengeklumpt lagen und einzeln ihre zerschossenen Glieder, die nicht Raum genug auf diesem engen Fuhrwerk hatten, neben sich herschleppten. Noch an diesem Tage, also sieben Tage nach der ewig denkwürdigen Völkerschlacht, wurden Menschen vom Schlachtfelde eingebracht, deren unverwüstliches Leben nicht durch Verwundungen, noch durch Nachtfröste und Hunger zerstörbar gewesen war. In Leipzig fand ich ungefähr 20000 verwundete und kranke Krieger von allen Nationen. Die zügelloseste Fantasie ist nicht imstande, sich ein Bild des Jammers in so grellen Farben auszumalen, als ich es hier in der Wirklichkeit vor mir fand. Das Panorama würde selbst der kräftigste Mensch nicht anzuschauen vermögen; daher gebe ich Ihnen nur einzelne Züge dieses schauderhaften Gemäldes, von welchem ich selbst Augenzeuge war, und die ich daher verbürgen kann. Man hat unsere Verwundeten an Orte niedergelegt, die ich der Kaufmännin nicht für ihre kranken Möppel anbieten möchte. Sie liegen entweder in dumpfen Spelunken, in welchen selbst das Amphibienleben nicht Sauerstoffgas genug finden würde, oder in scheibenleeren Schulen oder wölbischen Kirchen, in welchen die Kälte der Atmosphäre in dem Maße wächst, als ihre Verderbnis abnimmt, bis endlich einzelne Franzosen noch ins Freie hinausgeschoben sind, wo der Himmel das Dach macht und Heulen und Zähneklappern herrscht. An dem einen Pol der Reihe tötet die Stickluft, an dem andern reibt die Kälte die Kranken auf. Bei dem Mangel öffentlicher Gebäude hat man dennoch nicht ein einziges Bürgerhaus den gemeinen Soldaten zum Spitale eingeräumt. An jenen Orten liegen sie geschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in den blutigen Gewändern, in welchen sie aus der heißen Schlacht hereingetragen sind. Unter 20000 Verwundeten hat auch nicht ein einziger ein Hemde, Bettuch, Decke, Strohsack oder Bettstelle erhalten. Nicht allen, aber doch einzelnen hätte man geben können. Keiner Nation ist ein Vorzug eingeräumt, alle sind gleich elend beraten, und dies ist das einzige, worüber die Soldaten sich nicht zu beklagen haben. Sie haben nicht einmal Lagerstroh, sondern die Stuben sind mit Häckerling aus den Biwaks ausgestreut, das nur für den Schein gelten kann. Alle Kranken mit zerbrochenen Armen und Beinen, und deren sind viele, deren man auf der nackten Erde keine Lage hat geben können, sind für die verbündeten Armeen verloren. Ein Teil derselben ist schon tot, der andere wird noch sterben. Ihre Glieder sind, wie nach Vergiftungen, furchtbar angelaufen, brandig, und liegen in allen Richtungen neben den Rümpfen. Daher der Kinnbackenkrampf in allen Ecken und Winkeln, der umso mehr wuchert, als Hunger und Kälte seiner Hauptursache zu Hilfe kommen. [...] Viele sind noch gar nicht, andere werden nicht alle Tage verbunden. Die Binden sind zum Teil von grauer Leinwand aus Dürrneberger Salzsäcken geschnitten, die die Haut mitnehmen, wo sie noch ganz ist. In einer Stube stand ein Korb mit rohen Dachschindeln zum Schienen der zerbrochenen Glieder. Viele Amputationen sind versäumt, andere werden von unberufenen Menschen gemacht, die kaum das Barbiermesser fuhren können und die Gelegenheit nützen, ihre ersten Ausflüge an den verwundeten Gliedern unserer Krieger zu versuchen. [...] An Wärtern fehlt es ganz. Verwundete, die nicht aufstehen können, faulen in ihrem eigenen Unrat an. [...] Ich schließe meinen Bericht mit dem grässlichsten Schauspiel, das mir kalt durch die Gliederfuhr und meine ganze Fassung lähmte. Nämlich auf dem offenen Hof der Bürgerschule fand ich einen Berg, der aus Kehricht und Leichen meiner Landsleute bestand, die nackend lagen und von Hunden und Raben angefressen wurden, als wenn sie Missetäter und Mordbrenner gewesen wären.
Aus einem amtlichen Bericht an den Freiherrn vom Stein. Der Verfasser, Professor Reil, war Direktor der preußischen Lazarette auf dem linken Eibufer. Er starb am 22. 11. 1813 als Opfer der Lazarettseuche. Mit Blücher nach Leipzig und Paris
Am 26. Februar 1813, nach einer wochenlangen »Bearbeitung« durch Blücher und durch Scharnhorst, unterschrieb Preußen mit Russland ein umfassendes Bündnis gegen Frankreich: beide Partner verpflichteten sich, 230000 Mann ins Feld zu führen. Am 28. Februar erhielt, wieder auf Scharnhorsts Drängen, Blücher den Oberbefehl über Preußens Armee, und der alte Husar brachte, obwohl bereits 70 Jahre alt, sofort Schwung in die Sache. Besonders schwierig war es, die zu Tausenden herbeiströmenden Freiwilligen auszurüsten, auszubilden und in kampffähige Formationen zu verwandeln. Trotz englischer Subsidien herrschte katastrophale Finanznot, und die aufbrechende Opferbereitschaft weiter Kreise war wirklich nötig; so wurden allein in Schlesien binnen kurzem über 120000 goldene Eheringe gegen eiserne mit der Aufschrift »Gold gab ich für Eisen« eingetauscht. Das Heer, welches hier zusammenkam, war ein Volksheer, in dem Studenten, Professoren, Handwerker, Bauernsöhne und Kaufleute neben Ungelernten dienten. In Blücher besaß das Heer einen Führer von hinreißendem Schwung, der nicht wie Clausewitz ein intellektueller Offizier war, auch kein akribischer Generalstäbler in der Detailarbeit, der wohl aber einen untrüglichen Blick für das Gelände und einen natürlichen Jägerinstinkt für sich ergebende taktische und strategische Situationen besaß. Ein wenig »preußischer« Offizierstyp also, den Freuden des Lebens wie Glücksspiel, Alkohol und Frauen zugetan. Siegesparade der TruppenDer Kampf ist zu Ende. Siegesparade der erfolgreichen alliierten Truppen auf dem Marktplatz von Leipzig und Treffen ihrer militärischen Führer und Monarchen, darunter der preußische König, der russische Zar, der Kronprinz von Schweden, Fürst von Schwarzenberg, der Prinz von Hessen-Homburg, die volksbekannten Truppenführer Blücher, York, Kleist, Wittgenstein, Klenau, Benningsen, Bülow u. a. Das freundliche Bild der paradierenden Truppen und feiernden Stadt freilich trügt. Kaum eine Schlacht zuvor hatte so viel Elend und Not hinterlassen. Abertausende von Verwundeten siechten in den Mauern Leipzigs und in den umliegenden Dörfern dahin, verstümmelt, krank, teilweise kaum versorgt, sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Dörfer und Felder hatten schweren Schaden erlitten, die Haushalte waren ausgeplündert. – Campe Bilderbogen. Der März 1813 brachte für Preußen viele wichtige Ereignisse: am 10. März stiftete der König den neuen Orden vom »Eisernen Kreuz«, den jeder, nicht nur wie bisher Adelige und Offiziere, erringen konnte; am 15. März erklärte Preußen Frankreich formell den Krieg und am 17. März erging vom König die wichtige Proklamation »An mein Volk«, in der ein absoluter Monarch zum ersten Mal um die Zuneigung und Opferbereitschaft seiner Untertanen warb. Der »Befreiungskrieg«, der nun entbrannte, wogte auf schlesisch-sächsischem Gebiet lange unentschieden hin und her, forderte hohe Opfer und ging erst erfolgreich voran, als sich Österreich unter Metternich am 12. August aus seiner Reserve herausbegab und sich der Koalition Russland, Preußen und England anschloss. Bis dahin hatte Metternich einen Verständigungs- bzw. Vernunftfrieden herbeizuführen versucht: Willigte Napoleon ein, so brauchte man Russland nicht in Mittel- und Westeuropa, tat er es nicht, traf ihn die alleinige Kriegsschuld! Nach langem Manövrieren wurde Napoleon von der Überzahl der Alliierten bei Leipzig zum Entscheidungskampf, zur »Völkerschlacht« gestellt. Napoleon verfügte über 160000 Mann gegenüber 255000 der Koalition, hatte aber den Vorteil des einheitlichen Kommandos und der inneren Linie. Der Kampf dauerte vom 16. bis 19. Oktober 1813, forderte hohe Opfer und endete mit einem vollständigen Sieg des Koalitionsheeres, in dem das preußische Kontingent unter Blücher die Hauptlast getragen hatte. Napoleon zog sich mit seiner geschlagenen Armee über den Rhein zurück, Ende Oktober löste sich der Rheinbund auf, und seit November 1813 stand kein französischer Soldat mehr auf dem rechten Rheinufer. Als Napoleon weitere Friedensangebote ablehnte, überschritt Blücher in der Nacht vom 31. Dezember 1813 zum 1. Januar 1814 den Rhein. Am 31. März 1814 zogen die Verbündeten in Paris ein, Napoleon ging nach Elba ins Exil. Der Weg zur nötigen Neuordnung Deutschlands und Europas war frei. Viele, die freiwillig gegen den französischen »Tyrannen« gekämpft hatten, knüpften an diese Neuordnung ganz bestimmte, freiheitliche Erwartungen, doch erfüllten sich ihre Träume größtenteils nicht. Stichworte
Die Französische Revolution 1789-1799: Die Krise des Absolutismus in Frankreich, verbunden mit Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit und Massenelend bei weiterbestehenden Privilegien des Adels und der Geistlichkeit führen zu einer für Europa folgenreichen Revolution, die gekennzeichnet ist durch den Protest des aufstrebenden Bürgertums (Dritter Stand), Reformversuche, konstitutionelle Monarchie, Verfassunggebende Nationalversammlung, Ausrufung der Menschenrechte (»Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit«), Abschaffung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Privilegien und des Erbadels, aber schließlich auch durch die Hinrichtung des Königs, die »Schreckensherrschaft der Radikalen« (Massenhinrichtungen mit dem Fallbeil – der Guillotine) und letztlich durch Übergang der Großbürgerherrschaft des »Direktoriums« in das napoleonische Kaisertum. Entsprechend ihrem Verlauf wurde die F.R. gleichermaßen zum Vorbild und zum Angsttraum auch für die gesellschaftlichen Schichten Deutschlands.
Jean-Jacques Rousseau (* 1712, † 1778): Der Philosoph, Schriftsteller und Komponist stammte aus einer calvinistischen Bürgerfamilie in Genf. Er sah die Ursache für die Ungleichheit der Menschen in der Entwicklung des Privateigentums. Die Menschen, von Natur aus frei, gleich und gut, seien erst durch das Prinzip der Arbeitsteilung voneinander abhängig. Die private Aneignung von gemeinsamem Gut erst schaffe soziale Ungleichheit. Besonders fruchtbar für spätere Staatstheorien war seine Lehre vom »Gesellschaftsvertrag« und von der »Volkssouveränität«, 1762 als »Der gesellschaftliche Vertrag« fixiert. Im gleichen Jahr veröffentlichte er im Roman »Emile« seine Erziehungstheorie, die auf die Harmonisierung individueller Bedürfnisse mit dem Gemeinwillen abzielt und Basedow, Pestalozzi und andere Pädagogen beeinflusste. Literarisch gestaltete er seine Idealvorstellungen menschlichen Zusammenlebens auch im Roman »Die neue Heloise« (1761-1764). Hier werden das natürliche und einfache Leben auf dem Land, familiäres Glück und bürgerliches Selbstverständnis als Gegenwelt zur höfischen Gesellschaft geschildert.
Der Gesellschaftsvertrag: Philosophen wie Sokrates, Plato, Aristoteles, Macchiavelli, Hobbes, Kant, Fichte, Hegel, Nietzsche und viele andere haben über Begriff, Wesen, Ursprung und Sinn des Staates nachgedacht. Besonders die Überlegungen des Schweizer Schriftstellers und Philosophen Rousseau zu diesem Thema gewannen großen Einfluss. Der »Contrat Social« (»Gesellschaftsvertrag«) ist nach Rousseau dadurch zustande gekommen, – dass die Menschen – ursprünglich in Anarchie, unbeschränkter Freiheit lebend – freiwillig und stillschweigend ihre individuellen Bedürfnisse und Freiheiten einem untergeordnet haben. Damit ist der Staat entstanden, in dem nicht mehr der individuelle Wille aller, sondern ein durchschnittliches Gesamtinteresse von Staats wegen garantiert wird. Nur hier werden die angeborenen, unveräußerlichen Rechte der Menschen, Freiheit und Gleichheit, garantiert, indem nach Rousseau der Widerspruch zwischen Freiheit und Gesamtinteresse aufgehoben wird.
Schwächung des Deutschen Reichs: Der deutsche »Dualismus« schwächt die politische Kraft Deutschlands und durch die vorangegangenen Kriege auch die Macht der Teilstaaten Preußen und Österreich infolge der schweren Opfer im menschlichen und wirtschaftlichen Bereich. Der Rückzug Englands nimmt Preußen den Rückhalt, die Französische Revolution macht die Politik Frankreichs unberechenbar. Zunehmende Instabilität.
Erwachendes Bürgertum: Die Impulse der Aufklärung und schließlich der Französischen Revolution stärken das Bürgertum in seinem Frei-heits- und Bildungswillen. Noch aber gelingt die politische Emanzipation nicht. Die ›bürgerliche‹ Kunst hingegen entfaltet sich in vollem Umfang und mündet in der Literatur schließlich in die Hochblüte der Klassik.
Rückständigkeit und Sozialspannungen: Erstarrung des absolutistischen Systems, mangelnde Bereitschaft zu Reformen und erwachendes Selbstbewusstsein des Bürgertums bereiten auch in Mitteleuropa den Boden für die Ideen der Französischen Revolution, zugleich Aufkommen patriotischer Strömungen. Überholte Militärtechnik und -struktur sind weitere Gefährdungen der auf ihren Streitkräften aufgebauten mitteleuropäischen Staaten. Der antinapoleonische Fürstenbund löst die Besetzung Mitteleuropas durch Napoleon aus.
Säkularisierung und Reichsdeputationshauptschluss: Unter Napoleons Herrschaft zerbricht das Deutsche Reich. Verweltlichung der geistlichen Territorien und Güter, Neugliederung der Fürstentümer, Niederlegung der deutschen Kaiserkrone durch Franz II. Der Umbruch führt zu neuen Staats- und Verwaltungsformen vor allem in Baiern, Österreich und Preußen und setzt weitreichende Reformen im Bereich der »Bauernbefreiung«, der bürgerlichen Selbstverwaltung und im Militärwesen in Gang.
Befreiungskriege: Der Kampf gegen Napoleon führt die unterschiedlichen deutschen Stände und Stämme in patriotischer Gesinnung zusammen, stärkt das Selbstbewusstsein der Bürger, führt aber im Endeffekt auch zur Restauration der europäischen Mächte und Stärkung der Fürstenmacht.
Wiener Kongress: Statt Reformen und neuen Freiheiten Bestätigung und Ausbau fürstlicher Macht und Erstarken der fünf europäischen Großmächte, andererseits relatives Gleichgewicht in Europa. Leidtragende: Bürger, Bauern, Intellektuelle und die in Abhängigkeit befindlichen Kleinstaaten und unterdrückten Nationen (wie Polen, Ungarn, Serbien und Italien).